In einem sehr gewinnbringenden Gespräch irgendwann und irgendwo in Berlin nach dem Ende des ersten Tages von #Excitingedu sagte Anne Lützelberger, die Programmmanagerin vom Stifterverband, einen sehr bemerkenswerten Satz. Wir sprachen über die „Kultur der Digitalität“ und die Veränderungsprozesse, die diese allgemein und in der Bildung katalysiert. 

Der Satz betraf gleichzeitig eine Haltung und eine Entwicklung. Er lautete (soweit ich mich hoffentlich richtig erinnere):

Wir müssen mit der unabgeschlossenheit umgehen lernen.

Das ist ein, wie ich finde, bemerkenswerter Satz – auf mehreren Ebenen. Zunächst einmal betrifft es den Umgang des Einzelnen innerhalb der Kultur der Digitalität.Eine Form des Umgangs zu erleben, ist allerdings normalerweise immer nur dann im Raum, wenn es um eine Form der physischen Anwendbarkeit geht. Hier aber geht es um den Umgang mit einem Prozess. Dieser ist per definitionem nicht fassbar. Die digitale Transformation bedeutet insofern den Umgang mit dem Unfassbaren.

Diese etwas abstrakte Analyse kann man auf die Schule und ihre Aufgaben beziehen. Das Stichwort „Prozessorientierung“ ist eines, dessen Implikation ich sehr viel später verstanden habe. Zunächst ging ich davon aus, dass es sich um eine Art punktuelle Goutierung einer Handlung handelt. Also „Toll, wie du schreibst“, anstatt: „Toll, dass du das geschrieben hast.“

Prozessorientierung ist aber mehr. Wenn man eine Arbeit vom Prozess her denkt, dann gibt es kein definiertes Ziel. Das Ziel steht aber auch nicht im Weg – ganz greifbar. Wenn, so ein sehr konkretes Beispiel, das Ziel einer Stunde die Erstellung eines Tafelbildes ist, suggeriert das Endprodukt nicht nur eine definitive Lösung (die auch bei einem in Stein gravierten Erwartungshorizont nicht gegeben ist), sondern der Prozess wird auch zu einer künstlichen Wegführung. Schulische Bildung ist voll davon. Das bedeutet nicht, dass die inhaltliche Auseinandersetzung redundant wäre; es bedeutet lediglich, dass die Orientierung am selbst gewählten Produkt den Prozess insofern ernst nimmt, als dass dieser sich auch verändern kann. Dass das wichtig ist, ja, über die Sinnhaftigkeit von Handlungen entscheidet, weiß jeder, der schon eigenständig gearbeitet hat.

Ein sehr konkretes Beispiel aus dem Unterricht: Die Schüler*innen sollten die Figurenkonstellation für den Steppenwolf erarbeiten. Einige orientierten sich dabei an einer Darstellung des Lehrers Klaus Schnenk. Sicherlich eine gute Darstellung. Aber erst in der Überarbeitung dieser Darstellung, das heißt im Prozess der kritischen Betrachtung möglicher Defizite wurden die Kompetenzen und Inhalte fruchtbar gemacht und endeten in einer neuen Darstellung. Diese hat den Nachteil, dass sie nicht wissenschaftlich begründet ist (d.h. im formal-wissenschaftlichen Sinn durch Sekundärtexte abgesichert). Aber das Produkt ist insofern nur ein Teil der gesamten Summe, als dass die Erarbeitung an sich erst die Kompetenzen aktivierte.

Und erst hier sind wir in der Ausgangspunkt dessen, was Felix Stalder als Referentialität beschreibt:

Referentielle verfahren spielen sowohl in der bedeutungs- als auch der formgebung in vielen bereichen eine wichtige rolle (kultur der digitalität, s.96)

Bei der Bedeutung geht es hier auch um kulturelle Aushandlungsprozesse, aber diese sind ja gerade im Bildungsbereich relevant. Bedeutung bedeutet hier aber auch Sinnhaftigkeit für denjenigen, der nicht etwas erarbeitet, das schon besteht (was wiederum die Arbeit redundant macht). Im Kapitel „Singularität und Gemeinschaftlichkeit“ erklärt Stalder:

Die neuen gemeinschaftlichen Formationen sind informelle Organisationsformen, die auf freiwilligkeit basieren. (…) im diesem prozess verschwimmen grenzen zwischen den kategorien information, kommunikation und handlung (Kultur der digitalität, s.139)

Ich habe an anderer Stelle geschrieben, dass für mich „zeitgemäßes Lernen“ die Synthese von informellen und formalen Strukturen ist. Was für mich hier besonders wichtig ist, ist die Verbindung zwischen Bedeutungsgebung – wie in dem Zitat oben – Information, Kommunikation und Gemeinschaftlichkeit. Nicht umsonst sind wir hier nah an dem, was die 4K des Lernens beschreiben.

Wenn wir zu dem Zitat von Anne zurückkommen, bedeutet der Umgang mit Unabgeschlossenheit also die Basis dafür, zeitgemäß zu lernen. Es bedeutet, den Kontrollverlust als Möglichkeit der eigenen Zugabe von Bedeutung zu begreifen. Erneut Stalder:

aufmerksamkeit der anderen [ist die wichtigste ressource] , deren feedback  und die daraus resultierende gegenseitige anerkennung. (…) in diesem prozess verschwimmen die grenzen zwischen den kategorien … (S.o.)

Wie aber bekommt man die schon bestehende Unabgeschlossenheit in Systeme, die nicht nur auf Abgeschlossenheit aufbauen, sondern sich durch diese definieren?

Dies zu beantworten ist wohl die Frage derer, die dafür kämpfen, dass die digitale Transformation ihren Weg in die Bildungssysteme findet.

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