Denkverbote: Wer guten Unterricht bestimmt

Der Titel dieses kurzen Artikels ist keine Frage. Es geht tatsächlich darum, wer guten Unterricht bestimmt. Wer diesen Blog lange verfolgt, der weiß, dass ich in Sachen „digitale Bildung“ (oder wie immer man diesen Komplex nennen mag) starke Höhen und Tiefen hatte, die ich mir teilweise nicht erklären konnte. Mittlerweile bin ich einen Schritt weiter und das hat viel mit dem zu tun, was ich von anderen zum Thema lese und höre und noch mehr damit, wie man mit mir und anderen spricht. 

Denkverbote I

Während ich diese Zeilen schreibe mache ich mir Gedanken über Konflikte, die mein eigenes Denken behindern. Zum Beispiel muss ich überlegen, ob ich jene Personen aus der digitalen Sphäre, denen einige dieser Überlegungen gelten, erwähne oder nicht. Tue ich es nicht, scheint es wie üble Nachrede. Tue ich es, kann es als direkter Angriff aufgefasst werden. Ist beides blöd. Die Entscheidung, keine Namen zu nennen, fälle ich aus dem einfachen Grund, dass ich nicht beanspruche, irgendeine Form von Wahrheit auszusprechen, sondern meine Wahrnehmung.

Guter Austausch

Die für mich fruchtbarste Zeit, was intellektuellen Austausch angeht, sind die Fahrten mit meinem Kollegen, in dessen Seminar ich noch vor Jahren saß und einen Schein erwarb. Seine universitäre Erfahrung im Exkurs und Diskurs lässt ihn durch die Inhalte fliegen. Seinerseits behauptet er, er profitiere vom Austausch, indem ich über fachspezifische Inhalte im Fach Deutsch oder eben die digitalen Medien Anknüpfungspunkte erzeuge. Vom Grund auf besteht also eine Hierarchie, die er mich jedoch nie merken lassen würde. Selten lerne ich auf professioneller Ebene so viel wie in diesen Gesprächen auf Augenhöhe.

Guter Unterricht

Darüber, was guter Unterricht ist, lässt sich sehr, sehr lange streiten. Seit der Hattie-Studie hat jeder ein Stückchen Beleg darüber, das das, was er denkt, richtig ist. Plötzlich kommt es doch „wieder auf den Lehrer an“ oder Klassengrößen spielen keine Rolle. Ein produktiver Streit ist wichtig, da hier doch die Impulse ausgehandelt werden, die ein Lehrer oder eine Lehrerin für die persönliche Weiterbildung nutzen kann. Trotzdem bleibt wohl vieles von dem, was theoretisch guter Unterricht ist, an Faktoren hängen, die sich unterscheiden, unterscheiden müssen, weil Menschen sich unterscheiden.

Axiome des digitalen Diskurses

Beginnen wir mit dem, was ich auf einer meiner ersten Berlin-Reisen als das „Böse“ kennenlernte. Anstatt sich über die Öffnung der Bildung zu freuen, die man mit Blogs, Twitter und anderen Social-Media-Plattformen erreichen kann, gab es tatsächlich Lehrer, die auf der Suche waren nach Musterlösungen. Mehr noch: Für sie war digitale Bildung dasselbe, was es schon gab, nur eben digital. Wie konnte ich mich darüber echauffieren! Wie konnte ich das belächeln! Gut war, was ich dachte, was gut ist.

Dennoch versuchte ich, mit langen Texten und Vorträgen den Graben zu schließen, der sich meiner Meinung nach zwischen den Enthusiasten und den Verweigerern aufgetan hatte. Meine These war: Wenn wir die Verweigerer nicht ernst nehmen, kommen wir zu noch weniger.

Mittlerweile kann ich, so meine ich, die Verweigerer verstehen. Denn die Axiome, die mittlerweile im „progressiven“ Diskurs herrschen, sind (das haben Axiome so an sich) nicht mehr zu diskutieren. Um einen kompletten Überblick zu erlangen, müsste man lange lesen, deshalb nur jene, die mir immer wieder auffallen.

  1. Transparenz ist gut. Immer.
  2. Kommunikation ist gut. Immer.
  3. Kollaboration ist gut. Immer.
  4. Normative Vorgaben sind schlecht. Immer.
  5. Kulturelle Unterscheidungen sind schlecht. Immer.
  6. Moderne Entwicklungen sind niemals schlecht. Niemals.
  7. Hierarchien sind niemals gut.

Wer diese Axiome anrührt, dem blüht böses. Gerade die Vertreter des Flipped Classroom können ein Lied davon singen, da sie ja die böse Hierarchie zwischen Lehrer und Schüler*innen vertiefen, anstatt sie in der luftigen Wattewelt der totalitären, kosmopolitischen Postmoderne zu nihilieren.

Ich verzichte an dieser Stelle darauf, Situationen, Orte und Menschen zu erklären, für die die obigen Annahmen nicht zutreffen. Das kann sich jeder selbst überlegen.

Paradoxien des digitalen Diskurses

Selbstreflexion ist schwierig, da Objekt und Subjekt der Reflexion übereinstimmen. Ein erkenntnistheoretisches Problem, fürwahr. Die Vertreter des progressiven digitalen Diskurses fallen (in meiner Wahrnehmung) oftmals in ein Schema, dass geradezu paradox ist.

 

Sie fordern

ständige Kommunikation zum Wohle des Lernens aller Beteiligten auf Augenhöhe

und realisieren dies,

indem sie dem Gesprächspartner die intellektuelle Fähigkeit der Beteiligung absprechen.

Sie fordern

einen offenen Austausch über Bildung und alle Beteiligten

und realisieren dies,

indem sie alles tun, um ihre eigenen Ansichten über die Sache in ausufernden Exkursen zu „beweisen“.

Denkverbote II

Auf dieser Grundlage kann man nicht diskutieren. Mehr als einmal musste ich schon darüber nachdenken, ob ich überhaupt teilnehmen kann an einer Diskussion. Ist die Meinung gewünscht? Wird sie als konstruktiv empfunden?

Wer die Deutungshoheit über guten Unterricht hat, macht alle Diskursteilnehmer zu Verlierern.

Jemand hat etwas von der Tafel abschreiben lassen? Ein Arbeitsblatt ausgeteilt??? EINEN LERNGEGENSTAND VORGEGEBEN? Macht nichts, aber dann: Schlechter Lehrer.

Diese Art der Ausgrenzung ist radikal. Sie ist naiv, sie ist totalitär und sie verhindert durch ihre hermetische Abriegelung jedes Gespräch.

Wer guten Unterricht bestimmt? Derjenige, der am besten so tun kann, dass er didaktische, moralische und politische Ansichten – warum nicht: die eine Wahrheit – für sich gepachtet hat.

P.S. Bitte lesen Sie den letzten Satz nicht, da ich nicht sicher bin, ob ich ihn schreiben kann, ohne dafür sanktioniert zu werden.

P.P.S. Ich werde mich aus dem theoretischen Diskurs wieder zurückziehen. Er bekommt meinem Wesen nicht. Stattdessen werde ich weiter Inhalte für Schülerinnen und Schüler erklären. Auch wenn das hierarchisch eigentlich nicht zu verantworten ist.

Weiterführender Diskurs

Es ist bezeichnend, dass sich mit Philippe Wampfler jemand zu Wort meldet, der für seine (meist) objektive, nüchterne und sachliche Art bekannt und geschätzt wird.  Jeder einzelne Punkt, den ich aufführe, kann kritisiert werden. Im besten Fall sind diese Art von Artikeln dafür da, sich zu positionieren.

Bevor ich deshalb nur kurz auf konkrete Beispiele eingehe, möchte ich betonen, dass ich auf allen Social Media Kanälen sowohl öffentlich als auch über private Mitteilungen ungewöhnlich viel Zuspruch bekomme. Dieser hat den Tenor: „Ich möchte diskutieren, kritisieren und debattieren, aber da, wo man mich und meine Arbeit ungerecht oder heuabwertend behandelt, schweige ich.“ Das prangere ich an.

(Nebenbei: Falls jemand nun meint, dass der respektvolle Umgang etwas für Weicheier ist, es also schlicht nach dem Motto geht: Heul nicht rum, wenn du mitdiskutieren willst, kann ich dem Argument nichts entgegen bringen. Ich erwarte schlicht gegenseitigen Respekt, der für mich beispielsweise beinhaltet, nachzufragen und auf den anderen einzugehen.)

Ich bitte zu beachten, dass ich hier weder repräsentativ antworten noch empirisch belegen kann, was ich als bestehende Axiome auch in ihrer Konkretisierung wahrnehme. Deshalb schreibe ich eben auch von Wahrnehmung und nicht von einem Zustand.

Zunächst zu den beiden (angeblichen) „Strohmännern“:

(5) Das kulturelle Bedingtheit schlecht ist, dass ich persönlich quasi ein Vertreter eines identitären Deutschtums bin, wenn ich eine kulturell distinktive Perspektive auf die Kompetenzen werfe, durfte ich erst in der langen Diskussion zu den 4K erfahren. Meine Position wurde hier als „eklig reaktionär“ beschrieben. Ich finde solche Diskussionen anregend, aber auch erschreckend in der Totalität und Tonalität der Beteiligten.

(6) Vielleicht sollten wir den Medienpädagogen Günter Steppich berichten lassen, was passiert, wenn er zu den Gefahren der „Neuen Medien“ schreibt. Die Perspektive auf kulturelle Gleichheit zwischen Medien und deren Inhalten führt immer wieder dazu (meine Beobachtung, meine Wahrnehmung), dass beispielsweise in großen Facebook-Gruppen diejenigen niedergeschrien werden, die nur den leisesten Zweifel formulieren. Der Reaktion ist ähnlich dem, was man wohl den „Spitzer-Reflex“ nennen könnte. Weil Spitzer ein Populist ist (durchaus zutreffend) darf man ihn nicht mehr in den Mund nehmen. Nichts, was er je sagte, ist wahr, weil es nicht wahr sein kann, weil er Spitzer ist.

(1) Eine Demokratie besteht nicht nur aus basisdemokratischen Prozessen. Die Wahl ist nicht nur frei, allgemein, gleich, offen und unmittelbar, sondern auch geheim. Transparenz, gerade in Zeiten, in denen eine vermeintliche Offenlegung aus Fakes und falschen Informationen bestehen kann, ist schlicht und einfach nicht immer gut. Menschen, Politiker, Schülerinnen und Schüler – schlicht, jeder, sollte das Recht haben, etwas zu sagen, dass nicht zu jeder Zeit offen gelegt wird. Nebenbei: Auf Twitter schreibe ich nicht mehr alles, was ich denke. Ich zensiere mich selbst. Die Denkverbote wirken bei mir.

Nebenbei: Ich hoffe, es sollte trotzdem klar sein, dass ich jedes einzelne Axiom in Teilen oder als Ganzes unterstütze. Ich unterstütze aber weder die Totalität der Annahmen, noch diejenigen, die keine anderen Gedanken zulassen.

(2) Die Welt besteht aus Kommunikation. Vielleicht gibt es Menschen, die immer und zu jeder Zeit kommunizieren wollen und können. Aber was ist mit den anderen? Was ist mit den feinen Geistern, den ruhigen, die eine stille, in sich gekehrte Phase brauchen, die überlegen wollen und im besten Falle dem Müßiggang fröhnen, um frisch ans Werk zu gehen? Wer sind wir, dass wir die ständige, ununterbrochene Kommunikation auf alle übertragen?

(3) Wäre interessant zu wissen, was Kafka gedacht hätte, hätte man ihn gezwungen, dauernd mit anderen zusammenzuarbeiten. Natürlich ist das gut, natürlich ergeben sich daraus neue Gedanken. Aber nochmals: Wer sind wir, dies als angenommen hinzunehmen. Ich will nicht allen die Chance nehmen, allein, auf sich gestellt, nachdenkend über eine Sache zu reflektieren.

Nun, könnte man sagen, so ist das ja auch gar nicht gemeint. Kann sein. Aber sehr häufig, wenn etwas im Netz gesagt wird, was jemand probiert, ist die erste Frage: Und wurde kollaboriert? Wenn nicht, folgt die Sanktionierung durch insistierendes Reden darüber, warum der andere falsch liegt.

(4) Das ist der wohl streitbarste Punkt, deshalb führe ich ihn, so paradox es klingen mag, am wenigsten aus. Vielleicht werde ich irgendwann einmal etwas längeres dazu schreiben. Nur so viel: Ich finde nicht nur, dass ein Literaturkanon gut ist, weil ich an die tiefe Kraft glaube, die dem Verständnis von Literatur für jeden einzelnen inne liegt, sondern ich bin der Überzeugung,

dass ich besser auswählen kann, was man wissen soll (!) und was nicht. Weil ich über Jahre diese Themen studiert, über sie geschrieben, geredet und gestritten habe.

Damit hätte sich (7) dann erledigt.

 

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19 Kommentare zu Denkverbote: Wer guten Unterricht bestimmt

  1. Fontanefan sagt:

    Ein Artikel, den ich sehr gern gelesen habe!
    Freilich, eine gewisse Einseitigkeit – man könnte es auch Beschränktheit oder aber Beschränkung und Konzentration nennen – gehört dazu, wenn man Dinge vorantreiben will.
    Die Schärfe des Dialogs kommt vielleicht daher, dass viele (wie auch Philippe) ständig von der Gegenseite angegriffen werden, deshalb dünnhäutig werden und daher das Bedürfnis haben, wenigstens im digitalen Bereich alle an einem Strang ziehen zu sehen.
    Es gibt aber auch die Typen, die vom Charakter her streitlustig sind – wie z.B. Luther – und es brauchen, Widerspruch zu erfahren, um sich für die großen Kämpfe warm zu halten, die sie auszufechten haben. Von denen, die sich an solche Streiter dranhängen und ihnen nachplappern, ganz zu schweigen.
    Damit muss man leben. Aber es ist auch richtig, darauf hinzuweisen, dass dadurch Diskussionen beschränkt werden, weil viele, die etwas zu sagen hätten, sich daraus heraushalten.
    Aber wenn man an die rüde Streitkultur in der Wikipedia denkt, muss man zugeben, dass auch unter solchen Umständen etwas ganz Solides entstehen kann.

  2. Pingback: Brauchen wir einen literarischen Kanon? (Und: Schullektüren, Lesebücher.) – Lehrerzimmer

  3. Danke für deine Ergänzungen und deine Bemühungen, das auszuformulieren. Gleichwohl hat mich diese Ergänzung aus mehreren Gründen etwas verärgert und so breche ich vielleicht aus meiner Sachlichkeit aus, auch wenn ich mir Mühe gebe, das nicht zu tun.
    Der Ärger hat drei wesentliche Gründe.
    Erstens verweist du wieder auf Vorfälle, ohne Akteur*innen, Texte etc. zu nennen. Ich kann so natürlich nachvollziehen, dass es bei dir und anderen diese Frustration darüber gibt – nun folgt meine Einschätzung -, dass es in der Auseinandersetzung um die Unterrichtsqualität ein gewisses Ungleichgewicht gibt und Positionen abgewertet werden. Aber ob diese Frustration gerechtfertigt ist, kann ich nicht nachvollziehen, weil ich nicht weiß, wen oder was du genau meinst.
    Zweitens weichst du argumentativ aus. Die Aussage zu den Axiomen ist: Wer diese Grundsätze nicht umfassend teilt, erfährt deswegen Abwertung. Das Steppich-Beispiel belegt das überhaupt nicht, sondern es sagt nur: Hier gibt es jemand, der eine bestimmte Position vertritt, und dafür kritisiert wird. Damit das in diesen Axiom-Kontext passen würde, müsstest du zuerst zeigen, dass es Positionen gibt, die nur moderne Kommunikation akzeptieren und alles andere verachten. (Es könnte ja sein, dass einfach einige Leute eine andere Meinung haben als Steppich oder seine Argumente nicht besonders gut sind. Ich bin zum Beispiel davon überzeugt, dass beides der Fall ist.)
    Drittens ärgert mich dieses Gerede von Denkverboten. Du bist ein erwachsener Mann, wahrscheinlich verbeamtet, stehst mitten im beruflichen, kreativen und familiären Leben. Sag doch einfach deine Meinung und lass dir das von niemandem madig machen. Wie kommst du dazu, anderen die Macht zu geben, deine Gedanken zu zensieren? Warum traust du dich nicht, Ross und Reiter zu nennen? Egal welche Position du vertrittst – ich diskutiere mit dir und ringe um die besseren Argumente. Und wenn andere das nicht tun, sich nicht konstruktiv verhalten, dann kann man sie entweder ausblenden oder sich damit abfinden. Aber selbst dann geht es doch nicht um Denkverbote?
    * * *
    Und zum Schluss ohne Ärger zu deinem Schlussargument: Denkst du nicht, Literatur die man sich selbst aussucht, die mit der aktuellen Situation verbunden und zur eigenen Sinnsuche beiträgt, hat mehr Kraft als ein Kanon? Und woher kommt der Kanon? Leistet er wirklich etwas für die Kraft von Literatur für jeden einzelnen? Ganz subjektiv: Meine stärksten Leseerfahrungen gehen von Texten am Rand oder außerhalb des Kanons aus. Franzos‘ Pojaz ist zum Beispiel ein fantastischer Bildungsroman.

    • Bob Blume sagt:

      Lieber Philippe, du bist der einzige, den ich erwähne, weil ich deine Art des Austausches schätze. Ich versuche, darauf einzugehen: Zu dem letzten Punkt ohne Ärger: Natürlich kann man aus dem Rand aussuchen, absolut (wenn man neben Familie, Job, Abitur und drei Fächern etc. genug Zeit dafür findet). Das stelle ich nicht in Abrede. Aber dann suchst du auch du aus, oder? Ich bin mir sehr sicher, dass dies schon für einige als zu hierarchisch empfunden würde, aber da vermute ich nur.
      Dann zu deinen oberen Punkten: Ich führe schon in den Artikel ein, indem ich sage, dass ich keine Akteure nennen werde. Das tue ich aus genau diesen Gründen. Letztlich geht es mir aber auch nicht darum, jemanden anzuprangern. Ich habe eine Wahrnehmung geäußert, die viele Leute anscheinend teilen. Mir geht es nicht um Schuldzuweisungen.
      Zu Steppich: Ja, bei dem Punkt magst du Recht haben. Weißt du, ich sitze auch nicht den ganzen Tag vor dem Computer und zähle Abwertungen auf. Ich sehe nur, dass, wenn jemand etwas postet, dass für das Gros nicht progressiv genug ist, die Kritik so lange und in solch einer Vehemenz auf ihn einnagelt, dass man nicht von jener Kommunikation sprechen kann, die von den Beteiligten eigentlich immer als der Heilige Gral der Bildung beschrieben wird.
      Drittens: Dass dich das ärgert, verstehe ich. Und zwar nicht, weil ich denke, dass du Teil dessen bist, sondern weil ich denke, dass du das gar nicht so erfährst. Du bist mit deiner Programmatik ja genau in dem Schema, was (zu Recht!) von der Community gefeiert wird. Andere haben genau diesen Eindruck! „Wie kommst du dazu, anderen die Macht zu geben…“ Wie du siehst, tue ich das nicht. Jene, die mir über Direktnachrichten schreiben, dass es „endlich mal einer sagt“, aber sich nicht beteiligen wollen, weil sie schon zu oft schlechte Erfahrungen gemacht haben, tun das nicht. Natürlich, Philippe, kann man diese nun anprangern, oder mich. Das macht es mir aber zu einfach.
      Ja, du ringst mit mir, ja du tauscht die Argumente aus. Es geht hier aber nicht um dich. Und wie dieser Artikel zeigt, geht es auch nicht darum, ob ich persönlich zensiert werden. Es geht, und das wiederhole ich nocheinmal, um eine Wahrnehmung, die viele Leute in der Community, die sich beteiligen wollen, hegen. Die fühlen sich eingeschränkt. Und ich tue das mittlerweile in bestimmten Situationen auch. Wenn dein Schluss ist, dass ich als, wie du oben schreibst, Beamter etc. mich nicht einschränken lassen sollte, was ist der Schluss? Das ich oder jene, die sich eingeschränkt fühlen, vielleicht charakterlich nicht stark genug sind, um diese Art der Kommunikation auszuhalten? Das mag sein. Aber darauf hinzuweisen, dass dies ein Problem ist, ging es mir.

      • Hier kommen wir nicht mehr weiter, weil du auf Menschen verweist, die das gleich erleben – und auf Abwertungen. Beides kann ich nicht beurteilen, weil du aus für mich nicht nachvollziehbaren Gründen darauf nicht verweisen willst. Geheimbelege sind das Ende einer argumentativen Auseinandersetzung. Daher – wie gestern geschrieben – bleibt für mich: Du fühlst etwas, was ich nicht nachvollziehen kann. Wie du dir einreden kannst, ich würde keine Kritik erleben, ist mir rätselhaft. Ich werde on- und offline täglich massiv kritisiert und wechsle unter anderem deshalb die Schule. Wenn du denkst, es sei so einfach, eine progressive Position zu vertreten, solltest du das an deiner Schule mal ein Semester versuchen.

        Zum Kanon: Ich wähle Werle aus, lasse die Klassen aber immer mitentscheiden. Biete also mehr eine Auswahl in einem bestimmen Kontext an. Bei Referaten/mündlichen Abiturprüfubgen sind die Schüler*innen komplett frei – so lange sie etwas lesen, woraus sich eine Auseinandersetzung ergibt.

        • Bob Blume sagt:

          Denkst du die vielen Abers mit, die ich in meinen Text schreibe? Die vielen Verweise, in denen ich nicht nur sage, dass du Impulse gibst, die ich nutze, sondern auch sage, dass ich viele als „zeitgemäß“ erscheinende Entwicklungen befürworte? Ich bitte dich, dies zu tun.
          Was die Kritik angeht: Chapeau, da hast du natürlich Recht. Und ja, du tust das in einer Weise, die mich in dem Umfang und in der Länge wahrscheinlich an den Rande des mach- und fassbaren bringen würde. Kurz: Ich habe nicht diese Ausdauer im konstruktiven Streit.
          Dass es nicht einfach ist, das zu vertreten, dass wir beide „progressiv“ nennen, das kann ich sehr wohl nachvollziehen. Und dafür muss ich nicht an deine Schule, glaube mir. Wenn ich mich richtig erinnere, dann haben wir persönlich schon über diese Problematik gesprochen, nicht?

          Ich verstehe deinen Abbruch, aber wie sollen wir dann verbleiben? Soll ich nun jedes Mal, wenn ich oder jemand anderes eine Abwertung erfahren, den Finger heben und schreien: „Hier, wieder ein Beispiel!“? Darum geht es mir nicht.

          Mir geht und ging es in dem Artikel darum zu sagen, dass ich mir eine Debatte wünsche, die Offenheit auf allen Seiten voraussetzt, eine Offenheit, die du repräsentierst, auch wenn du natürlich eine bestimmte Haltung dabei einnimmst; eine Offenheit, die eben bei vielen Diskussionsteilnehmern nicht vorhanden ist, weil sie – und das ist mein Punkt – nicht nur davon überzeugt sind, dass etwas richtig ist, sondern sowohl die Ohren vor den Argumenten der Gegenseite geschlossen haben, als auch sich selbst als Eigner der einen Wahrheit sehen. An diesem Punkt erlebe ich mich und andere Menschen die sagen: Das ist kein Austausch mehr, das ist Belehrung. Und belehrt werden wollen wir nicht, vor allem nicht von jenen, die Belehrung im Rahmen der Schule ablehnen.

          Zu deinem Punkt zum Kanon: Das mache ich oft auch so, vor allem in Englisch. Ich habe auch schon völlig unbekannte Werke selbst didaktisiert. Eine Schweinearbeit, die sich aber lohnte. Bei den Abiturprüfungen geht es mir genauso wie dir. Ehrlich gesagt denke ich nicht, dass du der Richtige für diese Position bist, da ich dir Boll zustimme. Aber auch hier gilt: Ich hatte dieselbe Diskussion schon und wurde als Person, nicht als jemand mit einer Perspektive, in die Ecke getrieben. Das mag ich nicht.

      • Herr Rau sagt:

        Kanon: War gestern eines der Abiturthemen in Deutsch, wie wohl alle fünfzehn Jahre wieder. Im Lehrplan gibt es in Bayern keinen Kanon (nur Faust ist Pflicht), de facto schon. Ich bin für einen Kanon, außerhalb dessen man natürlich auch lesen soll: Identitätsstiftung. Ich weiß noch, wie ich erleichtert war, als nach den ersten Jahren als Junglehrer endlich ein anderer Lehrer meiner Generation an die Schule kam, der die gleichen Bücher und Filme kannte wie ich, mit dem ich mich darüber verständigen konnte. – Wortspiele in Zeitungen (in England mehr als in Deutschland), bewusste Querverweise in Literatur funktionieren nur mit Kanon. Klar heißt Kanon dann auch Gruppenbildung und damit Abgrenzung gegen andere Gruppen.

        • Hokey sagt:

          Gerade wegen Letzterem kann man einem Kanon nicht entkommen: Es wird sich immer ein Kanon bilden (und dann verändern, angepasst werden, sich wandeln).

        • Bob Blume sagt:

          Ich stimme dir in allem uneingeschränkt zu. Hatten wir das nicht schon einmal? Ich bin herrrauisiert. Mit dieser Meinung bist du aber nicht anschlussfähig, wie ich fürchte. Dein Vorteil ist (so wie ich es erlebe) deine Sachlichkeit, auch beim Hinnehmen der Dinge. Ich lasse mich zu sehr von den leidenschaftlichen Emotionen leiten.

  4. Philip Stade sagt:

    Vielen Dank für deine Gedanken. Auch echt lesenswert, wie du schon vor 3 Jahren über den digitalen Dogmatismus geschrieben hast. In vielem finde ich mich wieder, über einiges werde ich noch nachdenken.
    Ich frage mich unter dem bleibendem Eindruck von zwei sehenswerten Vorträgen auf der gestrigen Re-publica (von Elisabeth Wehling zu politischem Framing und von Sascha Lobo zu Online-Diskussionen mit Rechten/Rechtsextremen), welche Rolle Sprache und die Diskussionskultur in sozialen Medien bei den Axiomen spielen. Du selbst beschreibst ja, wie guter Austausch auf analogen Fahrten aussehen kann. Das kann ich nur bestätigen. Bei Äußerungen auf Twitter & Co. wird der digitale Austausch halt immer um die Aspekt der Bühne, der Selbstdarstellung angereichert. Auch die psychologischen Aspekte, die Marcus angesprochen hat, spielen da mit rein. Im direkten Gespräch, egal ob digital oder face-to-face, laufen Gespräche ganz anders ab. Lobo meinte jedenfalls, dass viele öffentliche Äußerungen in sozialen Medien zwar als Gespräch zwischen ein paar Leuten fungieren, aber gleichzeitig stellt jede Äußerung eher ein Versuch dar, die Mitlesenden zu Likes zu bewegen und damit zur Akzeptanz in der eigenen, hier „progressiven“, Community beizutragen. Totalitäre Aussagen funktionieren in diesem Sinne deutlich besser als abwägende. Da ist bestimmt viel dran und es stellt die Frage, wie man den digitalen Austausch selbst verbessern kann und wie man die Gesprächspartner von dieser Bühne herunter locken könnte (z.B. mit echten öffentlichen oder privaten Nachfragen). Das ist natürlich anstrengend, aber es gehört vielleicht zu einer Form politischer Beteiligung dazu?
    Hinzu kommt das Diskurs-Framing, das unser Denken und Handeln bestimmt. Viele von den Begriffen in deinen Axiomen sind bereits so belegt, dass sie zum Lernen im 21. Jahrhundert gehören „müssen“. Anderer Unterricht sei nicht mehr zeitgemäß. Diese mächtigen Wirkungsmechanismen muss man sich meiner Meinung nach immer wieder deutlich machen.

    Spannend finde ich noch, dass der digitale Diskurs aber zu einigen deiner Axiome durchaus auch Gegenbegriffe bereithält, die nicht unbedingt weniger häufig/vehement auftreten:
    1. Transparenz – Schutz der Privatsphäre
    2. Kommunikation – Kritisches Denken
    3. Kollaboration – Individualisierung / individuelles Lernen
    Wie würdest du diese Gegenbegriffe in dein Diskursverständnis einordnen?

    • Bob Blume sagt:

      So, nun doch noch einige Gedanken zu dem, was ich heute morgen nur überfliegen konnte.

      „(Es ist) die Frage, wie man den digitalen Austausch selbst verbessern kann und wie man die Gesprächspartner von dieser Bühne herunter locken könnte (z.B. mit echten öffentlichen oder privaten Nachfragen). Das ist natürlich anstrengend, aber es gehört vielleicht zu einer Form politischer Beteiligung dazu?“

      Das ist eine wichtige und gute Frage, die ich nicht beantworten kann, weil ja die Transparenz des Gesprächs, zumindest unter zunächst angenommenen gleichen im angenommenen gleichen Kontext etwas anderes ist als jene des Gesprächs unter unterschiedlichen Menschen anderer politischer Couleur. Heißt: Von der Bühne locken impliziert ja die Annahme, dass es auf der Bühne nicht geht, was wiederum ein Schlag für uns alle wäre, die Transparenz im Umgang untereinander und mit den Gegenständen der Bildung fordern. Ich vermag das gerade nicht zu beantworten.

      „Viele von den Begriffen in deinen Axiomen sind bereits so belegt, dass sie zum Lernen im 21. Jahrhundert gehören „müssen“. Anderer Unterricht sei nicht mehr zeitgemäß. Diese mächtigen Wirkungsmechanismen muss man sich meiner Meinung nach immer wieder deutlich machen.“

      Diesen Teil verstehe ich nicht ganz. Die Frage ist ja, wer das bestimmt. Mit anderen Worten: Wenn wir sagen, dass etwas zeitgemäß ist, dann sagen wir nicht nur, was darunter fällt, sondern auch und insbesondere, wer nicht darunter fällt. Die Hashtagisierung riegelt einen grenzenlosen Diskurs doch aus. „Deine Argumente höre ich nicht mehr an, denn du forderst etwas Unzeitgemäßes“, so etwa. Das sehe ich als Problem.

      „Spannend finde ich noch, dass der digitale Diskurs aber zu einigen deiner Axiome durchaus auch Gegenbegriffe bereithält, die nicht unbedingt weniger häufig/vehement auftreten:
      1. Transparenz – Schutz der Privatsphäre
      2. Kommunikation – Kritisches Denken
      3. Kollaboration – Individualisierung / individuelles Lernen
      Wie würdest du diese Gegenbegriffe in dein Diskursverständnis einordnen?“

      Das ist in der Tat spannend. Wie kommst du auf die Begriffsgegensätze? (1) und (3) verstehe ich noch, aber wieso (2). So wie ich die (übrigens auch von vornherein als wahr angenommenen 4Ks gehen doch davon aus, dass es Interdependenzen zwischen den Begriffen geht, was auch nötig ist, da wir zum Beispiel ohne kritisches Denken kommunizieren könnten, ohne eine abstrakte Ebene zu berühren.

      Für mich stellt das Gegenteil der Kommunikation eher die Kontemplation da, das Gegenteil von kritischem Denken die Reproduktion.

      Gerade der letztgenannte Begriff übrigens, meiner Meinung nach, wieder ein Beispiel für einen „Kampfbegriff“. Reproduktion gleich Auswendiglernen, Auswendiglernen gleich stupides Aufnehmen, stupides Aufnehmen gleich schlecht. Das ist aber ein falscher Schluss. Wenn ich, was im Bildungsplan in jedem Fach angelegt ist, kritisches Denken (oder nehmen wir die Fachtermini „Beurteilungskompetenz“, „Problemorientierung“ etc.) fordere, dann erfordert das doch eine Bühne, hinter deren Kulisse ich schauen kann. Es erfordert ein Bild, das ich nachempfinden, ein Modell, dass ich dekonstruktiieren kann. Aber sprich mal über „auswendiglernen“. Dafür wirst du im Äther gehangen. 😉

      Also: Ich würde gerne wieder mehr die Tür öffnen für Grundlagen, die auch wichtig sind, gleichsam aber den Blick auf jene progressiven Kompetenzen richten, die mit Recht gefordert werden.

    • Bob Blume sagt:

      Nur kurz: Die Begriffe und Axiome sind in UNSEREM Bubble so belegt. In den Lehrerzimmern der Republik wissen wohl die meisten noch nichts davon. Die Begriffe und Gegenbegriffe finde ich wichtig, sage aber gerade, dass jeder, der sie bemüht, Schwierigkeiten bekommt. Ich habe in diesem Fall noch keine Antwort auf deine Frage, aber in der Tat lohnt es sich, darüber nachzudenken.

  5. Hokey sagt:

    Das passt für mich nicht zusammen und lässt mich in Diskussionen stiller werden.

    Geht mir auch so. Halte mich aus Diskussionen mittlerweile möglichst heraus, denke mir meinen Teil im Stillen, fertig. Meide Twitter, das ist gut für die Gefühlsbalance, und lese wieder Blogs, das ist gut für die Gefühlsbalance.

    • Bob Blume sagt:

      Eben. Und das kann doch einfach nicht sein, dass das so ist (nicht nur bezogen auf Twitter). Und ich verstehe jeden, der so fühlt. Mir wird gerade auf anderen Kanälen mitgeteilt, dass ich dies nicht weiß, dass ich das nicht weiß, kurz: Diejenigen, die totalitäre Gleichmachung aller wollen (bezogen auf Schüler oder Lehrer) werten jeden, der nicht so denkt, ab. Paradox.

      • Marcus von Amsberg sagt:

        Ich würde sogar von Doppelmoral sprechen. Viele Follower, Klicks usw. könnten dazu führen, dass man von seinen Ideen/Überlegungen immer überzeugter und immuner gegenüber Kritik wird. Wäre aus psychologischer Sicht alles andere als ungewöhnlich.

        • Bob Blume sagt:

          Das kann sein, aber auch hier fällt es mir schwer, das zu beurteilen, da mir in regelmäßigen Abständen genau das vorgeworfen wird.

          • Marcus von Amsberg sagt:

            Ich habe dich in Diskursen, die ich auf Facebook/Twitter verfolgt habe, bisher anders erlebt. Du warst an Argumenten der „Gegenseite“ sehr interessiert, nicht dogmatisch oder abwertend.

  6. Marcus von Amsberg sagt:

    Ich habe im letzten Jahr unheimlich von verschiedenen Sichtweisen profitiert, neue Ideen entwickelt und immer wieder Dinge über den Haufen geworfen. Besonders hilfreich waren dabei Ansichten, die ich ich nicht teile. In der Unterrichtspraxis stelle ich jeden Tag fest, wie unglaublich komplex das Lernen ist, wie oft ich neue Wege probieren muss, um Lernen möglich zu machen.
    Leider teile ich den Eindruck von Bob Blume. Gerade bei den Personen, die Kommunikation, Kollaboration und kritischen Denken fordern, stelle ich fest, wie andere Sichtweisen abgewertet werden. Dabei wirken Aussagen belehrend und moralisierend. Das passt für mich nicht zusammen und lässt mich in Diskussionen stiller werden. Ich wünsche mir einen Diskurs, in dem wertschätzend miteinander umgegangen wird und es nicht darum geht, die Gegenposition argumentativ „platt“ zu machen. Lehrer*innen, die ihren Unterricht hinterfragen und Dinge ausprobieren, werden sonst aus meiner Sicht nur entmutigt und kehren, dann zu alten Mustern zurück.

    • Bob Blume sagt:

      Mir geht es auch so. Allerdings muss ich auch sagen, dass mir dasselbe auch schon vorgeworfen wurde, als ich nachfragte, was für einen Nutzen eine App habe. Es ist immer ein schwieriges Feld, weil wir auf der einen Seite öffentlich diskutieren, Unterricht und dessen Beurteilung auf der anderen Seite aber mit vielen Punkten zusammenhängt, bei denen nicht alle übereinstimmen…

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