In Kooperation mit
lieber-lehramt.de, einer Initiative des Ministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kunst, informiere ich regelmäßig auf meinem Instagram-Kanal über das Lehramtsstudium, dessen Voraussetzungen, Bedingungen und Bestandteile. Auf dem Blog ging es bisher eher um das Referendariat, digitales Lernen und den Unterricht. In diesem Beitrag soll das Themenfeld erweitert werden: Es geht darum, warum ich mich für das Lehramtsstudium entschieden und es nie bereut habe. Und darum, was man mitbringen sollte, wenn man im 21 Jahrhundert Lehrer*in wird. 

Ein besonderer Erfahrungsschatz

Vielleicht beginnen Artikel normalerweise damit, dass man beschreibt, wie wundervoll der Unterricht ist und wie sehr man es mag, mit jungen Menschen zu arbeiten. Vielleicht würde dort stehen, dass man mit Menschen umgehen können muss. Oder dass man schnell ein Fach aussuchen soll, dass man dann studieren wird. Dieser Artikel ist etwas anders. Ich stelle die Behauptung auf: Ob man Lehrer*in werden will, kann sich nicht innerhalb einiger Wochen entscheiden. Nach 12 Jahren Schule ist das eine sehr kurze Zeit. Natürlich gibt es ein paar Schnelle, die ihre schnelle Entscheidung vielleicht auch nicht bereut haben, aber ich plädiere dafür, wegzugehen. Ganz weg.

Das hat mehrere Gründe: Wenn man direkt aus der Schule kommt, nimmt man an, dass die Welt so ist, wie man sie kennengelernt hat. Das ist auch nicht wild. Aber Lehrer*innen brauchen später den Blick für die Unterschiede der Menschen. Für die Stillen, die Verrückten, die Besonderen, die Wilden. Wie aber soll man als junger Mensch zu einem Menschen werden, der diese Unterschiede nicht nur aushält, sondern auch wertschätzt? Deshalb sollte man weggehen. Irgendwohin, wo nicht die Heimat ist. Irgendwo hin, wo man die Geschichten erlebt, die man hinterher in den ganz besonderen Stunden in der Klasse erzählen kann. Irgendwo hin, wo man die Geschichten erlebt, die man selbst in besonderen Stunden in der Klasse nicht erzählen kann.

Jeder, der Lehramt studiert, sollte einen ganz besonderen Erfahrungsschatz haben. Das bedeutet übrigens nicht, dass man weit reisen und viel Geld ausgeben muss. Ein/e Baden-Württemberger*in wird auch schon im Ruhrgebiet heilsame Kulturschocks bekommen, die sie oder ihn oder ihr für die Jahre als Lehrer*in helfen werden.

Mein Weg: Anfänge

Ich wusste nicht, dass ich Lehrer werden würde. Und vor allem kein Netzlehrer. Als ich mein Abitur machte war das Internet ein Ort voller Foren und man suchte mit Alta Vista über Netscape nach seinen Lieblingsbands und freute sich, wenn tatsächlich jemand zu finden war.

Aber ich wollte weg und ich kam auch weg. Australien. Viele Geschichten, die ich in besonderen Stunden erzählen kann. Und solche, die ich nicht erzählen kann. Und auch das Studium war in den ersten drei Semestern eher geprägt von Lagerfeuern, Kneipen und Plätzen in der Stadt, an denen man sich traf, trank, sprach und sang. Erst im zweiten Semester wechselte ich  zu Germanistik, und erst kurz nach meiner Zwischenprüfung (die ungefähr gleichbedeutend mit dem Bachelor ist) wechselte ich ins Lehramt. Wo wir gerade dabei sind: Damals gab es ein Klischee: Die Master waren die guten Studenten, die Bachelors die schlechten und die Lehrämtler dazwischen. Ich habe gehört, dass das nun anders sei. Nicht nur, dass es natürlich nur noch Bachelor-Student*innen gibt. Die Lehrämtler seien die, die belächelt würden. Ist das so? Falls dem so ist, dann sorgt dafür, dass dieses Klischee wieder verschwindet.

Mein Weg: Brüche

Ich weiß nicht, ob es spät oder früh war, als mein Weg im Lehramt sich fundamental veränderte. Ein entscheidender Impuls war eine Hausarbeit über eine Erzählung Kafkas („Die Sorge des Hausvaters“). Ich liebte es, darüber zu schreiben. Generell liebte ich es, in Hausarbeiten meine eigenen Fragen zu verfolgen und beantworten zu können. Das war oft viel Arbeit. Und manchmal nervte es auch. Aber später bemerkte ich, wie wichtig es für diesen Beruf ist, seine eigenen Fragen zu haben. Und ermöglichen zu können, dass auch die Schüler*innen ihre Fragen entwickeln. Denn schon lange sind wir nicht mehr in einer Zeit, in der wir so tun könnten, als gäbe es einfache Antworten auf Lösungsblättern.

Diese Hausarbeit sorgte dafür, dass ich in das Büro meiner Dozentin geladen wurde. Ich war geehrt. Und mir wurde mitgeteilt, dass ich doch einem Grüppchen beitreten solle. Eine Art studentische Arbeitsgruppe, in der unter anderem Sebastian Treyz war, jener Studienfreund, mit dem ich heute Videos über den Faust drehe. Diese Menschen kennenzulernen, gab mit ganz neuen Schwung. Das Studium war für mich sowieso die meiste Zeit eine Freude, weil ich so viel wählen konnte, was mich interessierte. Aber einen so regen Austausch wie in der Gruppe rund um Sebastian kannte ich davor nicht. Die Gruppe traf sich am Abend zu Käse und Wein und philosophierte weiter über jene Seminare, in denen wir saßen. Es war eine Freude an der Sache, die mich beeindruckte. Deshalb war es ok, dass ich in der ersten Zeit wohl das kleinste Lichtlein da war. Ich wollte lernen.

Ein weiterer Bruch war mein erstes Praktikum. Ich war energisch, begeistert und ziemlich wahrscheinlich nervig. Ich wollte alles machen, alles können und zwar sofort. Alles aufsaugen. Und als mein Praktikum zu Ende war, wollte ich direkt Lehrer sein. Auch eine Form der Selbstüberschätzung.

Mein Weg: Zielsetzungen

Aber nun wusste ich, warum ich überhaupt ins Lehramt gewechselt war. Und das trug mich über die Examensphase, die mir in den drei Fächern Englisch, Deutsch und Geschichte alles abverlangte. Auf der Leseliste für Deutsch (nur Neuere Deutsche Literatur) waren damals 60 Primärwerke, die Sekundärliteratur nicht mitgerechnet. Und ich hatte mich dazu bequatschen lassen, bei einem bei einigen gefürchteten Germanisten die Prüfung abzulegen. Es gelang.

Natürlich täuschte die lang anhaltende Freude über die bestandenen Prüfungen darüber hinweg, dass mit dem Referendariat noch eine weitere Hürde auf mich wartete, die nicht einfach zu bewältigen war. Aber diese Freude: Das Aufwachen in purer Glückseligkeit! Welch eine Zeit!

Retrospektiven

Nein, ich habe es niemals bereut, Lehramt studiert zu haben. Aber die Perspektiven darauf haben sich verändert, geschärft. Das führte zu jener These der Wichtigkeit des Erfahrungsschatzes. Und zu anderen, an denen sich der eine oder andere reiben kann und wird. Aber auch hier: Die Zeit der Gewissheiten ist vorbei. Wir leben nicht mehr in einer Zeit, in der alle behaupten könnten, so ist der Lehrer, so die Lehrerin. Bevor ich also ein paar Thesen zum Lehramtsberuf zum Besten gebe, hier der wichtigste Hinweis: Zukünftige Lehrer*innen sollten Widersprüche aushalten. Nicht davon ausgehen, dass es dazu kommt, dass Ihr Wort ein durch Zwang erwirktes Gesetz ist. Sondern sich bemühen, Meinungen auszuhalten und stattdessen daran arbeiten, die guten Argumente zu haben.

Übrigens: Zu den guten Argumenten gehört an erster Stelle, dass man die Frage beantworten kann, warum das Fach, welches man gewählt hat, so wichtig, so relevant, so grundlegend dafür ist, die Welt zu verstehen und in ihr teilzuhaben. Wer das nicht kann, der weiß es vielleicht selbst nicht. Und wer es nicht weiß, der kann nicht erwarten, dass seine Schüler*innen es lernen. Wenn die Antwort auf die Frage, warum man Lehramt studiert, ist, dass man einen sicheren Job will oder dass einem nichts anderes eingefallen ist, dann sollte man seine Studiengangwahl überdenken. Schüler*innen brauchen in dieser schwierigen Zeit, und damit ist nicht Corona gemeint, sondern das 21. Jahrhundert, Menschen, die Lust haben am Lernen und am Weiterlernen und die zumindest persönliche Antworten haben auf das Warum.

Und das geht nur, wenn man sich intensiv mit dem Was befasst. Aber dazu mehr in einigen Thesen, die, wie gesagt, nicht alle jubeln lassen werden.

Wer sollte Lehrer*in werden

  1. Die Liebe zur Theorie und zum Fach

Man hört immer wieder, dass es dem Lehramtstudium an Praxis mangelt. Es ist ein Allgemeinplatz, den ich verstehe. Viele wollen direkt loslegen, man kann es ihnen nicht verübeln. Die Theorie und das Fachliche beurteilen sie darüber, ob man es in der Schule gebrauchen kann. Aber das ist ein Fehler: Die Relevanz vieler Theorien wird einem erst viel später klar (und das ist, wenn man jung ist, schwer zu akzeptieren). Aber vielmehr noch: Es geht viel weniger darum, ob man die Inhalte braucht, sondern darum, was man bei deren Erarbeitung lernt: Systematisieren, Abstrahieren, Kategorisieren, Reduzieren. All das braucht man täglich als Lehrer*in, wenn man keiner von denen sein will, die einfach nur vorgefertigtes Material in die Klasse schmeißen. Also: Wählt ein Fach, an dem ihr Interesse habt. Pures, reines, freudiges Interesse. Denn ihr werdet euch lange damit befassen.

2. Das Interesse am Weiterlernen

Früher mag es so gewesen sein, dass Lehrer*innen ausgebildet waren, wenn sie ausgebildet waren. Das ist nicht mehr so. Der beschleunigte Wandel der Digitalisierung führt dazu, dass alle, die nicht weiterlernen, abgehängt werden. Das gilt nicht nur für Lehrer. Und abgehängt sein führt zu Wut. Und Wut führt zur dunklen Seite der Macht, also zu einer Haltung der Verweigerung. Das können wir uns nicht mehr leisten. Wer Lehramt studiert, sollte weiterlernen wollen und Interesse haben für die Welt, die ihn oder sie umgibt.

3. Die Freude am Netzwerken

Und weil wir nicht alles lernen können, brauchen wir Netzwerke. Die Zeit, in der Lehrer*innen Ihre Türen schließen, geht langsam dem Ende zu. Wir brauchen nicht nur weltoffene Lehrer*innen, sondern Lehrer*innen, die sich der Welt öffnen. Wenn ich heute nochmals Lehramt studieren würde, dann würde ich mich viel eher vernetzen. Bildet Banden!

4. Hauptsache was mit Menschen

Und natürlich kommt nun, da wir fast am Ende sind, das Offensichtliche. Lehrer*innen brauchen auch Talent. Und dieses Talent ist ein ausgeprägtes Maß an sozialer Authentizität. Wir müssen nicht alle dieselben sein, im Gegenteil. Wie schlimm wäre eine Schule voller sneakertragender junger Wilder mit Start-Up-Mentalität. Aber egal wie: Das Interesse an den Menschen und ihrer Entwicklung ist und bleibt ein Grundpfeiler des Berufs. Wie man das überprüfen kann, ob dies ein Talent ist? Weg gehen! Wie gesagt: Die Geschichten und der Erfahrungsschatz sind es, die einen darauf kommen lassen, ob man weiter mit Menschen arbeiten möchte.

Fazit

Und falls irgendein junger Mensch, der Lehrer*in werden möchte, all dem hier widersprechen möchte, weil seine Perspektive auf Bildung eine andere ist, dann ist das auch ein gutes Zeichen. Denn egal, welche Überzeugungen man als Lehrer hat: Hauptsache man hat eine. Und Indifferenz ist das letzte, was hilft. Wir brauchen Lehrer*innen, die sich für Lernen, Bildung und all seine Veränderungen interessieren.

Es ist ein fantastischer Beruf. Eine Berufung. Aber eine, die man sich gut überlegen sollte.

Hier noch einige Anekdoten und Schülerinnen, die über den Unterricht bei mir berichten:

11 KOMMENTARE

  1. Toller Artikel und man spürt den Idealismus, aber hier ein Hinweis, wie es in der Realität aussieht. Man handelt sich von einem befristeten Vertrag zum nächsten.
    Nach einer gewissen Zeit (meistens 3 Jahre) muss man die Schule zwangsweise wechseln, nur damit man ja nicht entfristet werden kann.
    Jede neue Schule ist eine außergewöhnliche Erfahrung, die aber leider sehr viel Kraft kostet. Niemand kennt den neuen Lehrer wirklich und man muss sich seinen Standpunkt bzw. seinen Ruf bei den Kollegen, Eltern und Schülern erarbeiten.
    Das dauert immer ein paar Jahre – aber hey nach drei Jahren kann man wieder woanders von vorne anfangen.
    Leider gibt es immer Eltern, die einen nicht als echten Lehrer sehen, da man ja nur ein zeitlich begrenzter Aushilfslehrer ist. Mit diesen Eltern hat man immer besonders viel Spaß.
    Kommen wir nun zur Bezahlung in den Sommerferien. Zum Halbjahr an einer neuen Schule angefangen? Pech gehabt. Dafür gibt es halt kein Geld in den sechs Wochen. Es helfen nur Jahresverträge und die bekommt man nicht immer.
    Tipp: Ohne Jahresvertrag gar nicht erst anfangen…
    Nächster Punkt: Fortbildungen und Zusatzausbildung!
    Jedes Bundesland sucht dringend Informatiklehrer. Es werden Fortbildungen für Lehrer angeboten, damit man die Fakultas für das Fach bekommen kann. Es soll sich jeder melden, außer junge Lehrer, die motiviert sind und ratet mal – befristete Arbeitsverträge haben.
    Ihr könnt euch denken, wie bei manchen zwangsverpflichteten Lehrern der Unterricht in IT aussehen wird…
    Und nun ein Blick in die Zukunft:
    Da man mal wieder den Lehrerberuf so unattraktiv gemacht hat, fehlt es überall an Lehrern. Eine Lösung wird sein, dass man wieder irgendwelche unqualifizierten Möchtegernlehrern eine dreiwöchigen Fortbildung gibt und sie dann als vollwertige zw. angestellte Lehrer arbeiten lässt. Leider nehmen diese dann den Studenten, die ein paar Jahre später fertig werden und top qualifiziert sind, die Stellen weg.

    Und wenn ihr euch fragt, wo das alles möglich ist, dann schaut mal nach Bayern…

    • „Toller Artikel und man spürt den Idealismus, aber hier ein Hinweis, wie es in der Realität aussieht.“ Das ist, wenn ich das sagen darf, ein Missverständnis, dem ich häufig begegne: Dass jemand seine Realität als DIE Realität sieht. Das, was hier steht, ist tatsächlich meine Realität. Deine ist vielleicht eine andere. Man kann anekdotische Evidenz nicht gegeneinander ausspielen. Insofern: Danke für deine Ergänzung, aber das, was ich schreibe, ist zwar von Idealismus getrieben, aber eben meine eigene Erfahrung.

  2. Wie kann man denn auf diese wichtigen Ergänzungen von PhilChrisAug in der Form reagieren, nur weil der Autor von „der“ und nicht „meiner“ Realität schreibt. Kann ich null nachvollziehen.

    Und dass die von PhilChrisAug beschriebene Realität sicher mehr als anekdotisch zu beschreiben ist, sollte jedem, der sich in so exaltierter Position zum Thema Lehren äußert, bewusst und bekannt sein.

    • Wie reagiere ich denn? Meine Erfahrung in den letzten 10 Jahren des öffentlichen Schreibens ist, dass „sollte jedem klar sein“ keine Kategorie ist, mit der man arbeiten kann. Wollen Sie mich in der Sache kritisieren? Dann tun Sie das. Was genau Sie aber mit dieser rhetorischen Frage bezwecken, bleibt mir, zumindest in dieser Form, ein Rätsel. Herzliche Grüße

      • Sie haben ihre Kommentare ja verändert. Das zeigt mir, dass sie wohl doch erkannt haben, was das Ansinnen meiner Kritik war.

        • Ja, ich lasse mich manchmal hinreißen, zu emotional zu reagieren. Deshalb habe ich sie in der Tat verändert, weil mir Kritik wichtig ist und ich vorleben möchte, dass man ins Gespräch kommen kann. Meist gelingt mir das, manchmal nicht.

          • Dann sollten die Änderungen das nächste Mal aber kenntlich gemacht werden wie das zum Beispiel bei Medien auch üblich ist. Das als Hinweis. Alles Gute!

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here