Eine liebe Instagram-Kollegin sprach mich darauf an, ob es auf diesem Blog Erkenntnisse darüber gäbe, wie man sich vor einer neuen Klasse vorstelle. Da dies bisher nicht so ist, dies jedoch ein spannendes Thema ist, hier ein paar Zeilen zu dieser Fragestellung. 

Zunächst einmal kann ich ganz grundsätzlich sagen, dass sich meine Sicht auf das Thema Vorstellung geändert hat. Früher hätte ich wahrscheinlich gesagt, dass man, nachdem man in die Klasse gekommen ist, etwas über sich erzählt, nur: Es interessiert erstmal niemanden außer einen selbst. Die Schüler wollen nicht wissen, wo man herkommt, was man hier will (das ergibt sich aus der Tatsache, dass man da steht) oder welche Hobbys man hat. Das kommt zu einem viel späteren Zeitpunkt. Die Schüler wollen wissen, was man mit(!) ihnen macht und ob das Spaß machen und Erkenntnis bringen wird. Ganz schön viel auf einmal. Dennoch: Wenn dieser Fokus klar ist, dann bedeutet das: Erstmal muss man so wenig über sich sagen, wie man nur kann und direkt loslegen.

Aber von vorne.

Über die Türschwelle

Der Moment, in dem man über die Türschwelle tritt, ist entscheidend. Ich aber würde sagen, er ist es auch dann, wenn man sich vornimmt, dass erstmal nichts passiert. Denn: Man muss vier Dinge auf einmal machen. Zeigen, dass man richtig ist. Die Klasse im Blick haben, zum Pult gehen, Sachen auspacken etc. Das ist ganz schön schwierig. Was ich tue? Ich kümmere mich zunächst gar nicht um die Klasse. Ich betrete die Klasse, gehe an den Pult und mache mich komplett fertig. Dann lasse ich den Blick schweifen und fordere mit einer Handbewegung von unten nach oben auf, aufzustehen.

Der erste Eindruck

Jetzt stehen alle blöd da. Aber es ist ja meine erste Stunde (nehmen wir an). Ich müsste also kurz sagen, wer ich bin, aber, wie oben angemerkt, finden die das nicht so spannend. Was tun? Ich überbrücke das, indem ich den Schülern meinen Takt erkläre. Denn ich hasse das langsame „GU-TEN MORG-EN, HERR…“ zutiefst. Ich habe mir einen dynamischen Einstieg angewöhnt. Meistens klappt das nicht, dann lassen wir uns Zeit, das zu üben.

Was kindisch klingt, hat mehrere Funktionen. Erstens, da steht jemand, der etwas anders macht. Das ist spannend. Zweitens, und das ist der Punkt der Begrüßung, ich werde aus dem Trott geholt. Jetzt beginnt der Unterricht bei Herrn Blume. Drittens: Nun habe ich die Aufmerksamkeit und kann loslegen.

Nachdem einige Menschen gefragt haben, wie sich das Ganze nun anhört, hier die Videoversion.

 

Loslegen

Und loslegen heißt loslegen. Falls man tausend organisatorische Sachen besprechen muss (und das muss man meistens) sollte man das definitiv später machen. Zu einem Zeitpunkt nämlich, in dem die Schüler nicht mehr in der Schwebe darüber sind, ob man zu den langweiligen Lehrern gehört, denen man nicht zuhören muss. Wenn sie wissen, dass der Unterricht bei einem Spaß machen kann, dann nehmen sie die fällige Organisation als Unterbrechung des eigentlichen Flusses. Wenn man langweilig beginnt, besteht aus der Schülerperspektive die Gefahr, dass man immer so ist. Und woher sollten sie wissen, dass das nicht so ist.

Authentizität

Sowohl der Schritt über die Schwelle als auch der von mir geschilderte erste Eindruck sind nicht nur subjektiv, sondern sehr individuell. Das bedeutet: Natürlich würde ich keinem raten, sofort mit einer ganz lustigen Begrüßung einzusteigen, zumindest dann nicht, wenn man nicht der Typ dafür ist. Da wird es natürlich schwierig. Denn gerade im Referendariat ist man ja dabei, herauszufinden, welcher Typ man ist.

Ist man der oder derjenige, die mit freundlichem Lächeln in die Klasse schaut und eine interessante Frage stellt, die alle schon zum Mitmachen anregt? Ist man jemand, der zunächst einmal die Lage checken muss? Oder ist man jemand, der erstmal streng nach Plan vorgeht, um nach und nach die Zügel zu lockern?

Ganz egal, wie es ist: Die Schüler sollten merken, dass der Grund, warum man das tut, was man tut, sie selbst sind. Die Schüler sind weder Erfüllungsgehilfen eines eigenen Karriereplans noch Humankapital, in das der Bildungsplan gestopft werden muss. Der Scherz ist: Ist die Bindung aufgebaut, werden sie sich für einen zerreißen. Besteht sie nicht, besteht aus ihrer Sicht auch kein Grund.

Abschluss

Dieser eher aus dem Impuls der Frage geschriebene Artikel ist, so meine ich, gleichsam vage und auch nicht. Denn natürlich wäre es einfach zu sagen: Sei authentisch. Der springende Punkt ist aber eher: Die Schüler werden einen nach dem beurteilen, wie man etwas tut. Wer man ist, ergibt sich daraus. Insofern: Loslegen! Und dann erst darüber sprechen, warum man ausgerechnet ein unterbezahlter Superheld oder eine unterbezahlte Superheldin werden will.

Nachtrag

Nachdem der Beitrag (ehrlich gesagt verwunderlicher Weise) einen starken Anklang fand, äußerte jemand auf Facebook Widerspruch. Das finde ich nich nur gut, sondern auch wichtig, da so noch klarer wird, dass es verschiedene Perspektiven auf das Thema gibt. Nachdem mir Mina Güna ihr Einverständnis gegeben hat, hier also eine andere Perspektive auf das Thema:

Ich würde dir fast ein bisschen widersprechen. Ich habe bisher immer zum Anfang das „zwei Wahrheiten, eine Lüge“ Spiel gespielt und die Schüler waren immer interessiert und wollten etwas über mich erfahren. Nur zwei kleine, interessante Sachen, aber das war immer spannend. Und sie haben natürlich auch selbst Lügen erfunden und Wahrheiten über sich erzählt. So habe ich gleich noch was über die klasse erfahren,ohne dass alle vor Langeweile vom Stuhl fallen. Also ich bin nicht 100% auf deiner Seite 🙂

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