Wenn Twitter mich nervt

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Darf man oder darf man nicht urteilen, diskutieren, vermuten im Angesicht einer schrecklichen Katastrophe? Falsche Frage. Andere auszuhalten ist eine Frage der Toleranz. Oder man lässt das Internet aus.

Tage, in denen es um Katastrophen wie dem Attentat auf Charlie Hebdo oder den gerade aktuellen Anschlägen in Paris geht, sind für Vieltwitterer (wie ich es einer bin) eine Qual. Vor allem deshalb, weil sich die Menschen nicht entscheiden können, ob sie es sich in ihrer selbst erwählten Filterblase gemütlich machen (dann müssen sie sich nicht aufregen, oder sich von denen trennen, die sie aufregen lassen) oder eben nicht (was bedeutet, dass man auch andere Meinungen mitbekommt, mit denen man sich auseinandersetzen muss).

Das Muster, der vor allem die Schnelllebigkeit von Twitter immer wieder aufflackern lässt, ist fast immer das gleiche:

  1. Ereignis
  2. Betroffenheit
  3. Humor

+++Eilmeldungen+++

  1. Betroffenheit über den Humor
  2. Betroffenheit über die Betroffenheit

+++Eilmeldungen+++

  1. Betroffenheit darüber, wie man betroffen sein kann
  2. Betroffenheit darüber, wie man nicht betroffen sein kann

+++Eilmeldungen+++

  1. Moralaposteltweets
  • Du sollst heute nicht twittern
  • Du sollst heute nur seriös twittern
  • Du sollst heute so twittern wie immer, denn schlimme Dinge passieren immer

Weit in der Überzahl (zumindest nach dem zu urteilen, was in meine Timeline gespült wird) sind diejenigen, die sich darüber aufregen, dass man jeden noch so kleinen Informationsfetzen weiterleitet. Diejenigen gefallen sich darin, Anweisungen zu geben, was doch bitte nicht weitergeleitet werden soll.

Das Problem ist, dass sich Twitter nicht seiner immanenten Logik entziehen kann. Das Weiterleiten und die Goutierung mittels Herzchen ist Teil des Gefüges. Deshalb lohnt es sich genauso wenig über die aufzuregen, die ihr Beileid bekunden, weil sie damit angeblich Lob holen wollen, wie es sich lohnt, sich darüber aufzuregen, dass jemand damit Lob holt, weil er die verurteilt, die ihr Beileid bekunden.

Klar soweit?

Twitter als Informationsdienst UND Mikro-Blogging- Seite dient vielen Menschen als Ort, an dem der schnell geäußerte Gedanke mit anderen geteilt wird, die ihn dann gut finden, weiterleiten UND ignorieren können. Das ist das gute Recht eines jeden Nutzers.

Man kann es auch anders formulieren: Wir leben auch dort!

Seine Normen oder seinen Normen-Rahmen kann sich jeder selber basteln, indem er den Leuten folgt, denen er folgen will oder es lässt.

Wenn er oder sie es lässt, dann muss er oder sie aushalten, wenn jemand eine andere Einstellung gegenüber dem Tod hat, genauso wie er aushalten muss, wenn er eine andere Einstellung gegenüber dem Leben, Würde, Moral und Humor hat.

Dazu gehört Toleranz (ja, genau, diese Toleranz die nicht Akzeptanz, sondern nur Hinnahme bedeutet). Alles andere wäre nämlich der Versuch, die eigenen Moralvorstellungen auf alle anderen zu übertragen. Und das geht nur in repressiven Regierungssystemen.

Klar soweit?

Also: Nervt nicht rum. Lasst die Leute faven, die faven wollen und schreiben, wenn sie schreiben wollen und wenn nicht, dann entfolgt und hört auf rumzuweinen.

P.S. Natürlich gibt es auch ein Ende der Moral. Der ist aber eben nicht anders als außerhalb unseres Lebens. Wenn jemand andere Leute verunglimpft oder beschimpft, wie es ja heutzutage an der Tagesordnung ist, dann ist das zu verurteilen. Aber solchen Leuten folgt man eben auch nicht. Oder man blockt und meldet sie. Dann ist Ruhe.

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4 Kommentare zu Wenn Twitter mich nervt

  1. Pingback: Katastrophe! Ausnahmezustand in sozialen Netzwerken | juna im netz

  2. Pingback: “Ausnahmejournalismus” und Trauer im Netz | juna im netz

  3. Da bin ich ja richtig froh, dass ich nicht zwitschere.

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