FEMINISMUS: Mann oder Bär?

Bob Blume
I
9. März 2026
0 Kommentare
I
48 views

Vor fast genau 5 Jahren schrieb eine damalige Kursstufenschülerin von mir einen Text zum Gendern, den ich hier auf diesem Blog veröffentlichte. 5 Jahre später schrieb mir diese  - nun ehemalige -  Schülerin, dass sie einen weiteren Text verfasst hatte. Diesen möchte ich mit Ausschnitten ihrer Nachricht an mich hier veröffentlichen. Ich werde ihn auch als Text auf Instagram einsprechen, denke aber, dass er auf diese Weise einfacher geteilt werden kann. Alles natürlich mit ihrer ausdrücklichen Erlaubnis. Danke dir, Nina!  Für den Mut, fürs Bewusstmachen, fürs Hinschauen!

Das Anschreiben

Lieber Bob, ich hoffe es ist okay, dass ich dir einfach so schreibe.

Eine gute Freundin von mir hat neulich durch Zufall den Kommentar gefunden, den ich in der 12. Klasse über die Notwendigkeit geschlechtersensibler Sprache in deinem Kurs geschrieben hatte und wir haben lange darüber gesprochen, was das Schreiben dieses Textes damals mit mir gemacht hat und wie es dazu beigetragen hat, mich zu der Person zu machen, die ich heute bin.

Ich hab neulich in einem Buch von Mareike Fallwickl etwas gelesen, das dazu glaube ich sehr gut passt; nämlich, dass eine, die die Ungerechtigkeit einmal gesehen hat, sie niemals wieder ignorieren kann.

Die Wut, die ich gefühlt habe, als ich den Text geschrieben habe, in dem es um viel mehr ging als ein Binnen - I oder ein Gendersternchen, hat mich seitdem niemals wieder wegschauen lassen, sie hat mich zu jemandem gemacht, der diskutiert und widerspricht, der unbequem sein kann und sich traut, den Mund aufzumachen.

Vor kurzem hatte ich eine intensive Diskussion (...) und eigentlich war der Text nur als Antwort an (...) gedacht, aber weil ich glaube, dass ich ihn nicht hätte schreiben können, wenn ich den Kommentar damals nicht geschrieben hätte, hatte ich irgendwie das Bedürfnis, ihn dir zu schicken. Und das Bedürfnis, Danke zu sagen.

Der Text: Mann oder Bär

33 Grad sind es heute in Budapest.

Die Sonne, die auch obwohl es schon langsam Abend wird noch unerbittlich auf die schmutzigen Pflastersteine des Bahnhofsplatzes scheint, treibt mir den Schweiß den Rücken hinunter, aber für die Röte in meinen Wangen, das Schwindelgefühl, das sich langsam in meinem ganzen Körper ausbreitet und meinen erhöhten Puls kann die Hitze dieses Sommertags nichts.

Daran sind sie schuld, die drei Männer, die da an der Ecke vor dem McDonalds stehen, rauchen, und dabei zu uns herübergaffan, so als wären wir Tiere im Zoo und sie die Besucher, die ihre Augen kaum abwenden können vor den atmenden Attraktionen hinter den Glasscheiben und den Gitterstäben.

Alles gut, alles gut, alles gut.

Ich sage es mir immer wieder selbst, dass alles gut ist, dass alles gut gehen wird, dass wir an ihnen vorbeigehen können, dass wir sicher sind, dass wir das Recht haben, hier zu sein und hier langzugehen, sie werden nichts sagen, du bildest dir das ein, stell dich nicht so an.

Und als wir auf ihrer Höhe sind, es schon fast geschafft haben in das Gebäude, von dem wir uns Schutz vor ihren Blicken versprechen, höre ich es.

„Hey, hey“ rufen die Männer - okay, einfach weitergehen, ignorieren, dann hört das sicher gleich auf, vielleicht meinen sie gar nicht uns - „hey hey, chicas!“.

Durch die getönten, schmutzigen McDonalds - Scheiben sehe ich ihre Gesichter, sie starren uns an, einer wirft uns Luftküsse zu, die anderen Zwei lachen und rufen immer noch. Sie werden noch lauter, als sie merken, dass wir uns umgedreht haben.

Ich schaue zu Romy, wir werfen uns einen genervten Blick zu. Mehr kommt da nicht, obwohl wir beide so viel zu sagen hätten, obwohl wir so gerne die richtigen Worte finden würden für das Unwohlsein, das sich in unseren Bäuchen ausbreitet und uns langsam die Wirbelsäule hochkriecht.

Das sich in unseren Köpfen festsetzt, in der Ecke, die wir freigehalten haben für solche Erlebnisse, für Momente, in denen wir den Blick senken und unser Schritttempo kaum merklich erhöhen, in denen wir die Schlüssel in unserer Hand zwischen unseren Fingern hindurchschieben und mit der anderen Hand nach unseren Handys in der Jackentasche greifen.

Wir verlassen das Gebäude erst wieder, als die Sonne schon tiefer steht, die Männer sind weg. Sie haben nichts hinterlassen, außer Bierflaschen auf dem Fensterbrett, Zigarettenstummel auf den abkühlenden Pflastersteinen und ein ekliges Gefühl in meinem Magen, ein „Du warst schon wieder zu schwach, du hättest was sagen müssen, wieso hast du dich so einschüchtern lassen?“.

Ich wünsche mir so sehr, ich könnte jetzt einen Punkt setzen hinter diese Erinnerung, einen Punkt, der sagt „Ja mein Gott, was für ein blödes Ereignis - aber auch nichts dramatisches, uns ist ja nichts passiert, wir hatten danach noch ein paar wundervolle Tage, es war ja weiter nichts.“

Das wäre aber gelogen.

Es war nicht weiter nichts.

Stattdessen waren da heruntergekurbelte Autoscheiben und gebrüllt Wortfetzen, schrille Pfiffe und Blicke, die uns fühlen lassen, als wären unsere Körper nichts als stille Exponate in einem Museum und die Männer die Besucher, die sich vor die Glaskästen stellen und sich unser Innenleben genau anschauen, die mit ihren Augen über die Konturen unserer Hüllen fahren und den Blick kaum lösen können.

Besucher, die niemand eingeladen hat und Exponate, die keine sind, die nicht angesehen werden wollen, schon gar nicht so.

Da waren gewechselte Straßenseiten und Schreck, der uns taumeln ließ, warum läuft er so lange hinter uns her, wenn wir uns doch selbst nicht auskennen hier, gar kein festes Ziel haben?

Da waren junge Männer vor der Ferienwohnung und der alte Mann, der uns so lange angestarrt hat, bis Romy ihn darauf angesprochen hat, der aufgestanden und uns noch ein paar Schritte nachgelaufen ist, bis sich die Türen der U - Bahn zwischen ihm und uns geschlossen haben.

Da war mein Herz, das mir vor Angst fast aus der Brust gesprungen ist und die Panik in ihren Augen, da war die Wut in meinem Bauch, warum hat sie was gesagt, wie kann sie uns so in Gefahr bringen und noch schlimmer, warum musste sie was sagen, warum hab ich mich nicht getraut?

Wie leicht es wäre, das auf den Urlaub zu schieben, auf das fremde Land, ich kann die Augen schließen und hören, wie du das tun würdest, die Männer dort, ja dort, die haben eben eine andere Haltung, ein anderes Bild von Frauen, die gelten da nichts, aber hier ist das anders.

Ist es das?

Mit zitternden Händen öffne ich die Nachricht, ein Bild? Warum schickt er mir ein Bild, ich kenn ihn doch gar nicht, wer ist das überhaupt und warum folgt er mir auf Instagram?

Mein Daumen tippt auf „Bild ansehen“, und als meine Pupillen scharf stellen, lasse ich vor Schreck fast mein Handy fallen.

Ich kriege Tränen in den Augen und der Ekel treibt mir Säure die Speiseröhre hoch, ich muss würgen und glaube für einen Moment, mein Körper hätte in seinem Schock vergessen, wie man atmet.

Ich sperre mein Handy, schließe die Augen aber ich werde das Bild nicht los. Es wird mich verfolgen, in dieser Nacht in meinem Traum und auch noch heute, Jahre später, denn es wird nicht das Einzige bleiben.

Ich war 16 Jahre alt, als mir zum ersten Mal ein Mann unaufgefordert ein Bild von seinem Schwanz geschickt hat, aber ich war auch 17, ich war 20, 21 und 22, als ich Dickpics von Männern geschickt bekommen habe, deren Gesicht ich noch nicht einmal kannte.

Die sich mein Instagramprofil angesehen haben oder meine Fotos auf Dating - Apps.

Ich werde tun, was ich jedes Mal getan habe, meinen Ekel hinunterschlucken, in einem bitter schmeckenden Klos zusammen mit der Wut und der Scham, die sich in feinen Fäden durch den dickflüssigen Brei zieht, den ich angestrengt versuchen werde, meine Speiseröhre hinunterzuschieben.

Vielleicht hat er was falsch verstanden, vielleicht hat er es als Kompliment gemeint, vielleicht war es ein Versehen, stell dich nicht so an.

Fremde Männer im Internet, könnte man jetzt sagen, ja die sind so, die suchen sich ein Ventil. Blöd, dass das gerade bei dir gelandet ist, aber so ist das eben mit diesen sozialen Netzwerken und den Dating - Apps, muss das sein, dass du da angemeldet bist?

Die Männer, die wir in unserem Umfeld haben, die machen sowas nicht, die haben das nicht nötig, wir kennen die, wir wissen, wie respektvoll und anständig die sind.

Sind sie das?

Ich liege neben ihm im Bett, lese seine Nachrichten und versuche, leise zu sein. Ich schäme mich dafür, mir seine Chats durchzulesen, weiß nichtmal, warum ich das mache, vielleicht aus Eifersucht?

„Ja man, sie will doch, das ist normal, dass man die n bisschen überreden muss“ aber „du kriegst das schon hin und dann voll rein in ihr Spaßloch!“.

„Die Weiber sind so, die tun als wollten sie nicht, aber glaub mir, am Ende wollen die alle, du wirst schon sehen.“.

Ich schließe den Chat, sperre sein Handy und lege es neben ihn, stehe langsam auf, ganz leise, er soll weiterschlafen, soll nicht wissen, dass ich das gelesen habe, er hat doch nichts Falsches gemacht, es ist nicht seine Schuld, dass seine Freunde so sind.

Dass auch er Nachrichten geschrieben hat, welche, in denen er seinen Freunden von meinem Körper erzählt und wie viel Druck er hat, daran erinnere ich mich erst jetzt, erst beim Schreiben wieder scharf.

Vorher waren seine Nachrichten eine Leerstelle in meinem Kopf, ganz verpixelt und verschwommen vor lauter Scham über meinen Körper, über die Worte, die er dafür findet, über das, was er in ihm auslöst und wie er ihn für seine Freunde beschreibt, für Fremde, die nun Dinge wissen, die sie nichts angehen, die sie nicht wissen sollten über meinen Körper, der doch nur mir gehört und sich jetzt kurz anfühlt, als würden ihm Teile fehlen.

Der sich anfühlt, als wären da Stellen, die nicht mehr meine sind, weil sie sich jemand anderes genommen hat.

Darüber, dass da mehr war, nicht nur diese Nachrichten, nicht nur das bisschen Gerede unter Jungs, sondern auch der Druck, den sie auslösen. Der Druck, den sein Druck ausgelöst hat, die stille Aufforderung, etwas zu wollen, das ich nicht wollte und meinen Körper zu verändern, sodass er mich will, über all das kann ich erst viel später sprechen und wenn ich ehrlich bin, dann auch heute noch nicht richtig.

Nur leise, nur mit stockender Stimme und einem Grummeln im Bauch und immer ist da die Angst, etwas Falsches zu sagen, die Situationen zu sehr aufzublasen.

Denn er hat dir ja nichts getan, mein Gott, ihr wart beide noch so jung, du hast ihm ja auch nie gesagt, was dich stört, er war doch nur ein unsicherer jugendlicher Typ, und er war immer so lieb und anständig, so respektvoll zu dir, stell dich nicht so an.

Das war einfach ein dummes Missverständnis, mehrere vielleicht, aber deswegen sind das doch nicht alle Männer, mein Gott, du bist sensibel, viel zu sensibel.

Bin ich das?

Letztes gab es auf Tik Tok diesen Trend, bei dem Frauen die Frage danach, wem sie nachts im Wald lieber begegnen würden, „einem Mann oder einem Bären?“, damit beantworteten, dass ihnen der Bär um einiges lieber wäre.

Die Inhalte der Kommentarspalten lassen sich in zwei Kategorien einsortieren: es gibt da Zustimmung von Frauen und Empörung von Männern, die den Vergleich viel zu dramatisch fanden, die sich wehrten, es sind doch nie alle Männer, es ist so unfair, das so zu verallgemeinern, nur wegen ein paar wenigen, die wirklich scheiße sind.

Das sind Männer aus anderen Kulturen, aus anderen Ländern, das sind vielleicht ein paar Fremde, eben komische Typen nachts auf der Straße oder in euren Posteingängen, aber meine Freunde und ich, wir würden nie.

Wie kommt man denn auch auf so einen beschissenen Vergleich, natürlich sind Bären viel gefährlicher als wir Männer, wisst ihr überhaupt, dass die euch umbringen könnten?! Stellt euch nicht so an.

Braunbären sind die zweitgrößten Bären der Welt. Sie werden bis zu 600 Kilogramm schwer und haben normalerweise 42 Zähne.

Sie töten ihre Beute durch gezielte Bisse in den Nacken oder, indem sie ihr den Bauch aufschlitzen, sie angeln Fische mit ihren Pranken aus dem Wasser und fressen sie, noch bevor den Fischen ihr eigenes Ende überhaupt bewusst werden kann.

Die Zahl der Todesfälle in Deutschland, an denen Bären beteiligt waren, belief sich im letzten Jahr auf Null.

Im gleichen Zeitraum gab es in Deutschland 308 Femizide, Morde, die an Frauen aufgrund ihres Geschlechts verübt wurden.

Unter diesen Fällen sind Frauen, die schon vorher von ihren Partnern oder Ex - Partnern, von fremden Männern und den eigenen Bekannten geschlagen, bedroht, vergewaltigt und gestalkt wurden und auch solche, die den Mann, der sie tötete, noch nicht einmal besonders gut kannten.

Wenn ein Braunbär einen Menschen töten würde, würden die Angst und der Schmerz dieses Menschen wohl nur wenige Sekunden dauern, danach wäre alles vorbei.

Der Braunbär würde den Menschen vielleicht töten, aber er würde ihn nicht vorher misshandeln und stalken, er würde ihm keine K.O. - Tropfen ins Glas mischen, keine Fotos und Videos der Tat an seine Freunde schicken oder die Leiche des Menschen vergewaltigen.
Alle Angst des Menschen vor diesem Bär wäre im Augenblick des Todes vorbei.

Jede Frau, die ich kenne, hat Geschichten wie meine und jede Frau, die ich kenne, muss in der ständigen Angst leben, eines Tages an einen Mann zu geraten, der sie zu einem Teil der Statistik zu Femiziden macht, die das Bundeskriminalamt seit einigen Jahren veröffentlicht.

Du könntest sagen, das wäre so unwahrscheinlich, warum seid ihr nur alle so sensibel?

Würden wir  eine Person als zu sensibel bezeichnen, die jeden Tag durch die dunkelsten Wälder streift, ohne Pistole, ohne Messer, völlig ungeschützt in einem von Bären bewohnten Gebiet, und die uns sagt, dass sie sich ab und zu fürchtet, einem von ihnen zu begegnen?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Newsletter
warum lernen?
Kategorien
Bildung
Unterricht
Referendariat
Vermischtes
Literatur
Material
chevron-down