Die Zusammensetzung „digitale Unterrichtsstörung“ ist ein Hilfskonstrukt. Denn letztlich geht es nicht um eine Form der Störung, wie sie in einem physischen Setting bekannt ist, sondern um eine Störung unter den Bedingungen der Digitalität. Oder um es noch komplizierter, aber eben präziser zu sagen: Nicht-konformes Verhalten in einem digitalen Unterrichtssetting. An dieser Stelle sollen hierzu einige Gedanken und Empfehlungen gesammelt werden. 

Zum „Leitfaden Homeschooling/ digitaler Fernunterricht“

Wichtige Anmerkung

Egal, mit wem man über „digitale Unterrichtsstörungen“ spricht, eine wichtige Erkenntnis erscheint immer als Nebenprodukt, sie sollte aber den Hauptfokus haben: Ein nicht-regelkonformes Verhalten innerhalb eines digitalen Unterrichtsettings ist kann (und sollte) auf drei unterschiedliche Weise beobachtet werden:

a) Als möglicherweise den neuen Bedingungen geschuldetes Ausprobieren

b) Als das, was auch eine physische Störung sein kann: Der Versuch, Aufmerksamkeit zu erlangen

c) Als schon „bewährte“ Praxis innerhalb einer Kultur der Digitalität, die nur innerhalb eines unterrichtlichen Rahmens bisher nicht beachtet worden ist.

All diese Fälle verdeutlichen aber vor allem eines: Nicht-konformes Verhalten kann nicht „einfach“ als bloße Störung abqualifiziert werden, weil sich dahinter Probleme verbergen können, die auf mehr hindeuten als darauf, dass „jemand nicht will“. Es ist sogar schon im Präsenzunterricht so, dass die Arbeit mit digitalen Medien die Herausforderung von Stoff und Form heraufbeschwört. In kurz: Wenn etwas neu ist, dann braucht es Geduld, die Veränderungen auszuprobieren. Das heißt, dass die Lehrpersonen generell kulant sein müssen.

Formen der Störung

Transparentes Scheitern

Die häufigste Form der „Störung“ ist wohl ein misslingen dessen, was getan werden soll. So löscht jemand eine Aufgabe, schreibt in das falsche Etherpad, stört die Struktur. Eine solche Störung kann zwar als nicht-konformes Verhalten wahrgenommen werden, erfordert aber sehr viel Fingerspitzengefühl und verdeutlicht meist vor allem, dass das Wie in der momentanen Lage eine genauso große Rolle einnehmen muss wie das Was. Das heißt: Wenn Schüler*innen etwas Bestimmtes mit bestimmten Medien durchführen müssen, dann muss es Teil der Aufgabe sein, das Vorgehen kennenzulernen, anzuschauen oder nachvollziehen zu können.

Trolling

Kolleg*innen berichten von Fällen, in denen in Padlets Aufgaben gelöscht, „lustige“ Namen in Videokonferenzen gegeben worden sind oder andere, bewusste Störprozesse eingeleitet werden. Im Prinzip handelt es sich hier um eine Form von Trolling, also in kurz dem „Angeln nach Reaktion“. Lehrer*innen sind mit diesem Prinzip meist noch nicht so bewandert. Online heißt es „Don’t feed the troll“, was aber unter Umständen auch nicht immer möglich ist.

Das Prinzip des Trollings, das oftmals (aber nicht immer) auf der Anonymität basiert, die dem Störer die Freiheit gibt, unerkannt zu bleiben, bricht mit der Normalität eines physischen Klassenzimmers und ist deshalb möglicherweise eine starke Störung, mit der aktiv umgegangen werden muss.

Cybermobbing

Cybermobbing ist eine weitere Eskalationsstufe innerhalb eines Rahmens, den man hier nur noch schwerlich Störung nennen kann. Aber in der Tat kann beispielsweise eine schriftliche Störung mit der Beleidigung eines Klassenkameraden einhergehen.

Auch wenn so etwas für Lehrer*innen schwer zu ertragen ist, weil die Mobbenden dies im Prinzip in einem Raum durchführen, der von den Lehrerinnen selbst zur Verfügung gestellt wurde, muss das Ganze auch unter dem Aspekt der Transparenz gesehen werden. Als Frage formuliert: Mobben die Schüler*innen, weil sie über ein Etherpad (oder eine sonstige Plattform) arbeiten oder zeigt sich hier nur ein Verhalten, dass ansonsten eben über nicht einsichtige Plattformen geschehen wäre? Meist ist es wohl der zweite Punkt, was verdeutlicht, dass diese Art der „Störung“ auch eine wichtige Erkenntnis bringt und überhaupt erst Möglichkeiten der Intervention zulässt.

Umgang mit Störungen

An dieser Stelle sei angemerkt, dass es hier nicht um Formen der Bestrafung geht. Natürlich: Ein beleidigendes Verhalten oder eines, das anderen schadet, muss innerhalb der Rahmengebung der schulischen Möglichkeiten sanktioniert werden. Meist ist dies aber schon ein Indiz, dass die Eskalationsstufe weit fortgeschritten ist. Hier soll es darum gehen, wie weitgehend reibungsloses digitales Arbeiten ermöglicht werden kann.

Prävention

Wie schon in dem Grundlagenartikel zu Unterrichtsstörungen angemerkt, geht es bei Störungen oft nicht um die Störung an sich, sondern darum, was davor passiert ist. In der Präsenzzeit ist eine Störung so oft erst das Resultat fehlender Struktur, wenig interessanten Inhalten oder sogar Störungen der Lehrperson. Im digitalen Rahmen bedeutet das übersetzt, dass die Aufgabenstellung interessant sein sollte (siehe KAKAO-Aufgaben) und dass, wie oben angemerkt, die Vorgehensweise sehr genau beschrieben worden ist.

Transparenz

Man könnte es auf die Formel bringen: Wenn ich weiß, warum ich wie was mache, dann fällt es mir einfacher, den Sinn zu verstehen, den ich dann weniger (zer-)stören muss. Schüler*innen sollten keine Befehlsempfänger sein, sondern die Sinnhaftigkeit von Methoden (eben auch digitaler) verstehen können.

Präsenz

Eine zugewandte „Präsenz“ der Lehrperson, via Video oder Audio verdeutlicht, dass die Schüler*innen nicht nur die Empfänger*innen von einem Haufen Material sind (selbst wenn dieses digital bearbeitet werden kann). Das heißt, dass auch die Aufrechterhaltung von Beziehung dazu führen kann, dass Störungen minimiert werden.

Augenhöhe

Wenn der Störer nicht ermittelt werden kann, bietet es sich an, die Klassensprecher*innen mit ins Boot zu holen. Nicht nur, weil sie mit überlegen können, wie man den oder die Störer wieder mit ins Boot des gemeinsamen Lernens bringt, sondern weil sie so auch eine Aufwertung ihrer Rolle erfahren, die enorm wichtig ist. Sie werden gehört und sie können über die vielen Wege, die ihnen möglich sind mit dafür sorgen, dass es weitergehen kann.

Dies gilt im Übrigen auch für eine Zusammenarbeit mit Eltern, allerdings nur, wenn die Störung nicht in eine Anklage gewandelt wird, sondern indem konstruktive Zusammenarbeit angeboten wird.

Emotion

In Bezug auf die Kommunikation mit Klasse und Eltern ist auch der Verweis darauf, dass eine solche Arbeit erhebliche Mühe einfordert eine Möglichkeit. Es ist, zugegeben, ein wenig die Tränendrüse. Es soll dafür sorgen, dass, im besten Fall, jemand aus der Klasse, der weiß, wer stört, selbst aktiv wird, nach dem Motto: „Jetzt strengt sie sich so an und du machst es kaputt.“

Abbruch

Zusammen mit dem gemeinsamen Gespräch kann auch der Abbruch des digitalen Arbeitens als letzte mögliche Sanktion ins Spiel gebracht werden. Nach dem Motto also: Wenn es nicht aufhört, werden wir wieder ausschließlich mit Buch und Mail arbeiten. Das ist wirklich die letzte Möglichkeit und diese sollte auch mit allen Beteiligten besprochen werden. Aber auch sie läuft auf einen sanften sozialen Druck hinaus, denn die meisten in der Klasse finden wohl kreative digitale Arbeit besser als E-Mails mit Buchaufgaben zugeschickt zu bekommen.

Fazit

Alles in allem sollte dies gezeigt haben, dass es, wir müssen die Kanzlerin bemühen, alles Neuland für die meisten ist. Und wie immer in einer fremden Umgebung muss man sich vortasten, ruhig und gelassen bleiben, experimentieren und allen, die mit dabei sind, eine faire Chance geben. Unter den digitalen Bedienungen, das muss hervorgehoben werden, ist dies immer mit ganz viel Kommunikation verbunden, die vor jeder Sanktion stehen sollte.

Ich hoffe, dieser Artikel gibt einige Impulse und ich freue mich auf Ergänzungen.

 

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