Der Einsatz digitaler Tools und Plattformen in meinem Unterricht hat mittlerweile in bestimmten Bereichen einen Status der Normalität erlangt. Zu dieser Art der Normalität zu gelangen ist aber weniger leicht, als man denken könnte. Dies ist meines Erachtens etwas, das berücksichtigt werden muss, wenn Kolleginnen und Kollegen sich aufmachen, ihre Kollegien an zeitgemäßes Arbeiten heranzuführen. 

Ganz grundsätzlich fallen mir immer wieder zwei grundsätzliche Dinge auf, wenn ich in Klassen anfange – und das ist der Punkt – digitale Medien zu nutzen. 

Ausgangslage 

  1. Die Motivation ist hoch 
  2. Der Ertrag ist gering 

Um erklären zu können, was aus meiner Sicht das Problem zu sein scheint, zunächst eine Erwiderung an jene, die sich am Wort Ertrag stören. Natürlich führt der Leitmedienwechsel dazu, dass man nicht einfach Inhalte vergleichen kann. Ob ich einen Text in mein Heft schreibe oder auf einen Blog – es muss nicht der gleiche Text sein. Die Vergleichbarkeit bleibt auf der Strecke, denn beide Formen der Texterstellung sind grundsätzlich innerhalb eines anderen Paradigmas erstellt. 

Als Lehrperson, die mit einem Padlet arbeitet, um eine Lektüre zu strukturieren, kann ich mich also immer hinter die Position zurückziehen, dass zwar die inhaltliche Struktur nicht besonders gelungen ist, die Schüler aber immerhin wissen, wie man Padlet nutzt. Das finde ich gefährlich. Denn es verhindert, dass Stoff und Form zusammengedacht werden. 

Mit Stoff meine ich hier nicht ausschließlich den „Schulstoff“, sondern das Gewebe aus Haltung, Fähigkeit und Wissen, das Lernen (im 21. Jahrhundert) ausmacht. 

Problem 

Ich verfolge mit dem Einsatz von digitalen Medien grundsätzlich drei Ziele, die sich immer nur zusammen denken lassen: 

  1. Einen reflektierten und reflexiven (d.h. auf den Tuenden gerichteten) Prozess der Aneignung 
  2. Eine daraus resultierende Eigenständigkeit in der Wahl der Mittel 
  3. Das Wissen um die funktionale Einbindung digitaler Medien 

Der dritte Punkt ist oftmals der Problem. Dazu eine kurze Erklärung: Eine funktionale Einbindung der Medien bedeutet nicht, dass diese digital sein müssen. Wenn die Stimme lauter oder leiser wird, um einen Aspekt der Erzählung zu betonen, ist dies auch die funktionale Nutzung der (körperlichen) Mittel. 

Im Falle digitaler Medien ist damit gemeint, dass – im Sinne eines technisch-gesellschaftlichen Blicks auf die Medien – nichts zufällig bleibt. Das kann die Schrift betreffen, die Formvorlagen, die eingefügten Bilder etc. Kurz: Die Frage ist immer, inwiefern Form und Inhalt zusammen gedacht werden können. 

Herausforderung 

Machen wir es konkret. Mit der Plattform Canva lassen sich wunderbare Übersichten erstellen, es gibt zahlreiche Vorlagen. Grundsätzlich muss ein geübter Lerner sich also darüber Gedanken machen, inwiefern der Inhalt, den er erarbeitet hat oder den er erarbeiten will mit Hilfe oder durch diese Vorlagen verständlich gemacht werden kann (oder was auch immer das Ziel der Erarbeitung ist). 

Im Klassenzimmer passiert meist eine einseitige Herangehensweise. Die einen beschäftigen sich zuerst mit dem Inhalt. Die anderen zuerst mit der Form. Die Resultate der Arbeit sind immer gleich: Diejenigen, die den Inhalt zuerst betrachtet und erarbeitet, ihn also herausgeschrieben, über ihn nachgedacht und weiter recherchiert haben, erstellen deutlich überzeugendere Ergebnisse. 

Dabei könnte man sagen, dass auch jene, die nur den Inhalt betrachten, noch nicht vollumfänglich – also quasi dialektisch arbeiten (Mit der Frage: Wie verändert der Inhalt die Form, wie die Form den Inhalt?). 

Diese längere Betrachtung führt bei jemandem, der wenig bis nicht mit digitalen Medien arbeitet, zu folgender (verkürzter) Erkenntnis: Die Arbeit mit digitalen Medien führt zu oberflächlichen Ergebnissen. 

Da kann der Medienpädagoge noch so sehr darauf pochen, dass ja die Art und Weise des Prozesses eine wichtige Kompetenz fördert. Das Ergebnis ist oftmals die immunisierte Abkehr der Verweigerer: Ich habe es versucht, es hat nicht geklappt, ich hab‘s ja gesagt, ich mache es nicht wieder. 

Und seien wir ehrlich: Auch unter den Arbeiten der Schüler der Medienpädagogen, die voller Enthusiasmus und mit viel Freude digitale Medien einsetzen finden sich stolz geteilte Ergebnisse, die, nähme man die meist automatisierte Vorlage weg, wenig Substanz zeigen. Ja, es wurde mit Adobe Spark gemacht, aber was ist der Inhalt? 

Lösung 

Für den lange Aufbau dieses Artikels mag die Lösung trivial erscheinen: Zeit und Geduld. Allerdings sind diese beiden Begriffe wichtig für all jene, die der zu schnellen Abkehr vorbeugen wollen. Stellt man die digitalen Medien in jene Reihe derjenigen Medien, die schon seit ein paar hundert Jahren genutzt werden, wird es noch banaler, aber eben auch deutlicher: Keiner kann Bücher lesen, nur weil man es in einer 45-minütigen Stunde probiert. 

Es ist also, zumindest wenn man jene oder ähnliche Ziele mit der medialen Gestaltung des Lernprozesses verfolgt wie ich, essentiell die Kolleginnen und Kollegen darauf hinzuweisen, dass es Zeit, Gewöhnung und Handeln braucht, bis die Schüler an einem Punkt sind, an dem die Form den Stoff nicht mehr überlagert. 

In meiner Medien-AG ist das der Fall: Ich sage ihnen nicht, dass sie dieses oder jenes Tool verwenden sollen, sollten oder müssen. Sondern sie arbeiten zusammen an unterschiedlichen Dingen, die mit unterschiedlichen Mitteln erarbeitet werden können. Gibt es ein Problem, wird es zusammen gelöst. 

Das ist die Form des reflektierten Umgangs, der die 4K einschließt. Das ist es, was ich versuche, bei möglichst vielen zu erreichen. 

2 KOMMENTARE

  1. Hi Bob, auch wenn das Problem – für diejenigen, die neue Medien im Unterricht nutzen, – bekannt und die Lösung trivial zu sein scheint, ist es trotzdem ein wiederkehrendes Phänomen, welches nicht so einfach zu lösen ist, weil man ja auch selber teilweise in dieses Verhaltensmuster fällt: Wie oft ertappe ich mich dabei bei Universitäten Hausarbeiten mich sehr ausgiebig mit der Form zu befassen, bevor ich mich dann mit dem Rest der Zeit mit dem Inhalte abmühe. Hier ist eine gute Struktur für die Lernenden gefragt. Dein Herangehen hierbei echt gut: Erst ein mal zu planen und den Inhalt zu erstellen und dann die Form zu wählen und das Tool dabei aber nicht vorzugeben. Darin verstecken sich auf den ersten Blick auch wieder Probleme, die von den SuS gelöst werden müssen, aus denen sich aber wieder eine neue Kompetenz entpuppt, welche die SuS dann im weiteren Prozess der Gruppenarbeit lernen:
    Zu wissen, welches Tool wofür gut geeignet ist.

    Vermutlich wird man diese Kompetenz („Ressourcennutzungskompetenz“) zukünftig nötiger denn je haben. Das Angebot an Apps nimmt ja auch eher zu als ab. Eventuell lässt sich eine Art einfache Dokumentation mit Leitfragen für die Gruppenphase erstellen, mit der die SuS bewerten, wie gut das genutzte Tool für die Aufgabe geeignet war? Gleichzeitig sind die SuS gezwungen sich mehr Gedanken darüber zu machen, was die eigentliche Aufgabenstellung ist.

    • Sehr gewinnbringende Gedanken, in der Tat. Besonders die Idee mit der Reflexion über das Tool finde ich bereichernd. Liebe Grüße

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