Gerade für junge Lehrerinnen und Lehrer ist das Thema „Unterrichtsstörung“ relevant. Während hierzu wenig praktische und konkrete Handlungsanweisungen gegeben werden, kann es zu einem Problem werden, das es unmöglich macht, die gemeinsamen Ziele zu erreichen. In der Gruppe „Referendariat: Tipps, Tricks und Anregungen“ kam deshalb die Frage auf, wie man am besten mit Unterrichtsstörungen umgeht.

Eine Anmerkung

Es erscheint zunächst einmal wichtig anzumerken, dass der Umgang mit Unterrichtsstörungen eine sehr schwierige Angelegenheit ist, die von vielen Faktoren abhängt. Der individuelle Umgang lässt sich also sehr schwer zum Prinzip erklären, das sich als Maske auf alle Lehrertypen, Lerntypen und Klassen übertragen lässt. Insofern sind diejenigen Anmerkungen, die hier gemacht werden, auch immer subjektiv gefärbt. Es können allenfalls Denkanstöße für das eigene Handeln sein. Auch bei Unterrichtsstörungen gilt: Die eigene Lehrerpersönlichkeit zu finden, herauszufinden, wie man als Mensch und Lehrpersonal wahrgenommen wird und sich selbst wahrnimmt, ist die Basis für den Umgang mit Störungen.

Zunächst werden eigene Erfahrungen und Schlussfolgerungen geschildert, um dann auf einige auch durch Forschung und Lehre bestätigte Grundannahmen zu besprechen. Dabei soll hier der Grundsatz gelten, dass es soweit wie möglich an der Praxis orientiert wird. Die bestehende Forschung ist zwar (vom Standpunkt es Autors betrachtet) sehr gewinnbringend, aber dieser Gewinn ist oft erst nach einigen Jahren Praxis zu erkennen.

Eigene Erfahrungen

Wie in allen Teilbereichen des Unterrichts, ist auch der Umgang mit Unterrichtsstörungen ein breites Experimentierfeld. Im Referendariat brachte mich die Beschäftigung mit der Prävention einen riesigen Schritt weiter, da dies für mich eine Perspektive darstellte, die ich bis dahin noch nicht bedacht hatte. Hier geht es vor allem um die effiziente Klassenführung.

In den ersten Jahren, in denen ich sowohl in Gymnasium, Realschule und Werkrealschule unterrichtete, versuchte ich verschiedene Reaktionen und Vorgehensweisen aus. Darunter waren Systeme, um Störungen als solche kenntlich zu machen (Namen an die Tafel schreiben, wenn beispielsweise das „Fass“ voll ist, müssen alle eine Strafarbeit machen), vor die Tür schicken, Strafarbeiten (wobei immer die Frage war, ob es nun eine sinnvolle oder nicht sinnvolle Strafe sein sollte), Ermahnungen, „Standpauken“, Eintragungen ins Klassenbuch und vieles mehr. „Automatisierte“ Mittel wie Glocken oder Klingeln nutzte ich nie, weil ich mich damit nicht wohlfühlte.

Besonders wirkungsvoll fand ich keines der Systeme. Bis auf zwei: Zum einen habe ich nach einigen Jahren Gesangsunterricht und einer Ausbildung in der Theaterpädagogik eine Stimme, die es erlaubt, lauter zu werden, ohne zu schreien. In Maßen eingesetzt, ist dies für mich ein wirkungsvolles Mittel, eine starke Störung durch eine kurze, aber heftige Ermahung im Keim zu ersticken. Zum anderen setze ich auf Transparenz in der Kommunikation. In allen Klassen und bei allen Schülern, die ich bisher kennengelernt habe, war gleich, dass die Schülerinnen und Schüler selbst reflektiert haben, wenn sie gestört hatten. Ein transparenter Umgang mit Unterrichtsstörungen, der mittels einer Ich-Botschaft, freundlich, sachlich und bestimmt mitteilt, dass der Fortgang gestört wird, ist seither für mich das erste Mittel. In den letzten zwei Jahren habe ich weder nachsitzen lassen, noch jemanden vor die Tür geschickt. Klassenbucheinträge bleiben wichtig, aber nicht zur Sanktionierung, sondern zur Dokumentation. Aber:

Es bleibt wichtig zu sagen, dass diese Vorgehensweise, die auf Vetrauen zu den Schülern und Vertrauen der Schüler fußt, eine sehr eigene ist. Es bedeutet weder, dass dies der Königsweg ist, noch dass alle, die andere Umgangsformen haben, es schlechter machen.

Eine Referendarin erklärte vor ein paar Wochen, dass sich das gesamte Verhältnis zu der Klasse (und damit war auch störendes Verhalten gemeint) schlagartig geändert hat, nachdem sie ein Lehrerfeedback eingeholt hatte. Dieses Mittel, das zunächst nichts mit den akuten Störungen zu tun haben scheint, ist sehr wirkungsmächtig: Der Lehrer oder die Lehrerin bekommt nicht nur Dinge mit, die sie ansonsten nicht wahrnimmt, sondern die Schüler werden als Träger eines gelingenden Unterrichts erst genommen. Wenn man es schafft, dass man das, was einem mitgeteilt wird, nicht persönlich nimmt, sondern es als wertvolles Feedback zur Verbesserung des eigenen Umgangs und Unterrichts wertschätzt, ist dies eine ungeheuer wirkungsvolle Ressource. Kurz: Der Schlüssel liegt in der Beziehung.

Forschung und Lehre

Um auf aktuelle (und weniger aktuelle, aber immer noch relevante) Aspekte zum Thema Unterrichtsstörungen einzugehen, nutze ich die Folien der ehemaligen wissenschaftlichen Mitarbeiterin der PH Freiburg, Karla Trimborn. Hierbei nehme ich mir die Freiheit, auf aus meiner Perspektive besonders relevante Aspekte einzugehen, andere zu kürzen oder wegzulassen.

WebPage

Klar sollte außerdem sein, dass Aussagen, die als Prinzipien deklariert werden (im Sinne von: Man sollte transparent sein) immer sowohl mit der eigenen Lehrerpersönlichkeit, der Klasse, der Schule, der Schulart usw. zusammenhängen.

Worauf in diesem Artikel nicht eingegangen wird, sind die Auswirkungen von Störungen auf Lehrer (Studien belegen eine starke Beeinträchtigung), die Selbstreflexion als Basis für Residenz und die Schulangst als spezifischer Teilbereich der Unterrichtsstörung.

Wer vieles, was in diesem Artikel beschrieben wird, nochmals in zusammengefasster Form anschauen will, kann dies hier auf den Slides bei Björn Nolte, einem Seminarfachleiter, nachschauen.

Prävention

Beginnen möchte ich mit ein paar Worten über die Prävention. Die Wirksamkeit einer gelingenden Beziehung zwischen Lehrer und Schüler, bei der eine Störung erkannt (bei Bedarf besprochen) und angegangen werden kann, ist die Reflexion über das eigene Verhalten.

Ein Beispiel aus der Praxis: Wenn man als Klassenlehrer, wie man es so häufig macht, Listen einträgt oder Rücklaufzettel einsammelt, ist das eine Situation, in der weder gearbeitet werden kann noch aufgepasst werden muss. In so einer Situation wird es lauter. Natürlich, möchte man sagen, denn die Schüler haben nichts, auf das sie sich konzentrieren können. Würde ein Donnerwetter folgen, wäre dies kontraproduktiv. Insofern kann bestimmt darauf aufmerksam gemacht werden, dass sie sich gerne in einer angemessenen lautstarke unterhalten können, bis die Organisation (also die Störung des eigentlichen Unterrichts durch den Lehrer) vorbei ist.

Dieses kleine Beispiel verdeutlicht auch, dass es immer wichtig ist, zu ergründen, woher eine Störung kommt. Das macht sie nicht „besser“, aber es versetzt den Verantwortlichen in die Lage, wirkungsvollere Maßnahmen ergreifen zu können.

Zu den präventiven Strukturen, die unterschätzt werden, gehört der gute, bzw. reibungslose Unterricht. Damit ist gemeint, dass, wenn jeder Schüler zu jeder Zeit weiß, was und warum er wie machen soll, kann oder will, gibt es keine Leerstellen, die mit „Quatsch“ gefüllt werden können. Der Umkehrschluss bedeutet natürlich nicht, dass jemand, bei dem gestört wird, nicht auch guten Unterricht vorbereitet hat, den er gerne durchführen würde. Es bedeutet lediglich, dass die Übertragung von Theorie (der Planung) und Praxis (der Umsetzung) noch nicht so weit ist.

Die von Hilbert Meyer, dem „Papst des guten Unterrichts“ herausgearbeiteten Merkmale guten Unterrichts, haben einen entscheidenden Anteil daran, dass Störungen vermieden (nicht sanktioniert) werden. Dazu gehören positive Grundstimmung und ein konstruktives Klassenklima genau so wie ein verbindliches Regelwerk. Das hört sich vielleicht etwas vage an.

Als Beispiel könnte man nehmen, dass man zunächst mit der Grundhaltung agiert, dass kein Schüler einem schaden möchte, wenn er die Materialien nicht dabei hat. Es wird besprochen, der Schüler verspricht, das nächste Mal die Materialien dabei zu haben und beim nächsten Mal wird es überprüft und positiv angemerkt. Vor allem die positive Verstärkung kommt oft zu kurz – ohne dass die Lehrer es merken.

Neben diesen präventiven Strukturen, gehört auch die eigene, positive Grundstimmung dazu, also ein wertschätzender Umgang, selbstbewusstes Auftreten etc. Dies kann gerade in Zeiten hoher Belastung schwierig sein, weshalb ich persönlich die Transparenz so wichtig finde. Teil meines persönlichen Umgangs ist es, Klassen zu erklären, wenn ich gerade etwas gestresst bin, damit sie wissen, dass der „böse Blick“ nichts mit ihnen zu tun hat. Weitere diesbezügliche Punkte für die „positive Autorität“ und die gelingende „Beziehung zwischen Lehrer und Schüler“ können in den Folien nachgeschaut werden.

All diese bisherigen Punkte können beim Leser ein Gefühl bewirken, dass durchaus verständlich ist: Ich will wissen, wie ich mit Störungen umgehe, nicht wie ich auftreten soll. Das ist eine nachvollziehbare Perspektive. Dennoch: Die Sanktionierung einer Störung ist schon eine Reaktion auf einen Konflikt, der verhindert werden kann. Deshalb ist die Prävention das erste Mittel.

Unterrichtsstörungen

Ignorieren wir an dieser Stelle die verschiedenen Definitionen von Unterrichtsstörung und konzentrieren uns auf eine, die meistens gemeint wird, wenn von diesem (zunächst schwammigen) Begriff gesprochen wird.

 

 

 

Interessant an allen Definitionen ist, dass es nicht darum geht, was die Lehrperson will. Denn das führt zu einer Beobachtung, die wichtig ist: Wenn man privat zu Hause fernsieht und die Sendung langweilig, uninteressant oder thematisch schlecht aufbereitet ist, dann schalten wir weg. Wären wir zu zweit und hätten wegen eines Ausfalls aller anderen Sender nicht die Möglichkeit, dies zu tun, dann würden wir entweder den Fernseher ausmachen oder die Sendung durch unsere Kommentierung erträglich machen. Der Fernseher kann nicht gestört werden, aber diese Perspektive hilft zu verstehen, warum die Lehrperson mit bloßem Zwang nichts erreicht. Wenn weder die Aufbereitung gut, noch die Einsicht darin, warum das, was die Schüler tun, gegeben ist, warum sollten sie nicht stören?

Auf Grundlage vieler Gespräche mit Referendarinnen und Referendaren und Lehrern, erscheint es nötig, dennoch anzumerken, dass solche (nachgewiesene) Probleme, die vom Lehrer ausgehen, keine Anklage, sondern ein Impuls zur veränderten Wahrnehmung darstellen. Beim Thema Unterrichtsstörung geht es eben nicht darum, einen Schuldigen festzustellen (was sowieso schwierig ist), sondern darum, zu erkennen, welche Anteile entscheidend für das Gelingen sind.

Insofern ist es nicht verwunderlich, dass auch die Redeanteile des Lehrers einen Anteil daran haben, wenn im Unterricht gestört wird. Wird der (junge) Schüler nämlich in die Passivität gedrängt, kann er weniger teilhaben. Dieses Teilnehmen wird dann (unter Umständen) mittels anderer Gespräche eingefordert – die wiederum den Unterricht stören können.

Wenn wir von Unterrichtsstörungen sprechen, meinen wir oft verschiedenste Dinge: Akustische Störungen, motorische Störungen, Abwesenheit oder – schlimmer – Verweigerung oder Aggression. Während die letzten beiden Probleme nach §90 geahndet werden können, sind die „normalen“ Störungen das, was nur durch eine gelingende Beziehung geahndet werden können.

Die Charakterisierung eines Unterrichts mit hohem Störungspegel verdeutlicht wirkungslose Maßnahmen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Das dauernde Drohen so wie lange disziplinarische Handlungen können so das Gegenteil bewirken. Anstatt eine Störung zu verhindern, verlängert sie sie. Auch das Ermahnen ohne Konsequenz ist verheerend. Sie bedeutet im schlimmsten Fall, dass die Maßnahmen selbst wirkungslos gemacht werden. Insofern können Drohungen nur das letzte Mittel sein. Und dies auch nur dann, wenn zuvor konsequent und transparent erklärt wurde, was passiert.

Maßnahmen

Es sollte klar geworden sein, dass eine Sichtweise auf das eigene Handeln, das den Unterricht, die Schule und seine Quellen für Störungen und den Unterricht als Rahmen zeigt, innerhalb dessen man die Störung einordnen muss. Transparentes, einsichtiges und verstehendes Handeln sind die Schritte, die bei und vor allen Dingen vor Störungen erfolgen. Die Beziehungsebene ist dabei wichtig.

Wenn all dies jedoch dennoch nicht zum erwünschten Verhalten führt (und nur dann), kann eine Intervention, eine (Straf-)Maßnahme folgen. Maßnahmen, die nicht funktionieren, wurden schon angesprochen.

Wichtig ist, dass alle Maßnahmen, die nach einer Störung erfolgen, direkt erfolgen müssen. Nachträgliches Sanktionieren ist deshalb schlecht, weil sie die Einsicht in das „verkehrte“ Handeln nicht voraussetzen kann. Maßnahmen müssen weder aus Drohungen noch aus direktem Schreien bestehen. Auf den Unruheherd zugehen, leiser werden, während eine Aufgabe gestellt wird, positives Umdeuten der Störung und Interventionen, die auf das gewünschte Verhalten positiv hindeuten, sind Maßnahmen, die die Beziehung aufrechterhalten und dennoch deutlich machen, dass das Verhalten gerade unerwünscht ist.

Wichtig ist, dass eine Maßnahme nicht sofort erfolgt, sondern angedroht wird. Nach der ersten und zweiten Ermahnung (die unterschiedlich hergeleitet werden kann) erfolgt dann die Intervention (oder die Sanktion).

Dabei ist wichtig, dass die Maßnahme oder die Intervention dem Fehlverhalten angemessen ist, die Strafe begründet wird (also für den Schüler ersichtlich ist, warum er sanktioniert wird) und dass sie „durchgezogen“ wird (klare Regelverletzungen müssen nicht diskutiert werden.

Falls es sich beim Störverhalten um schwerwiegende Konflikte handelt, können Gespräche mit den Schülern (und den Klassensprechern), den Eltern oder weiteren Lehrern geführt werden. Aber auch hier gilt: Man sollte nicht mit Kanonen auf Spatzen Schiepen.

Schlussbetrachtung

Der Umgang mit Störung, Maßnahmen und Folgen sind, das sollte klar geworden sein, nicht einfach und nicht nach einem einseitigen Schema abzuhandeln. Sie sind in hohem Maße von Personen und Personenkonstellationen abhängig. Dennoch erscheint die Perspektive auf das gemeinsame, einsichtige und verbindliche Handeln als eine der wichtigsten. Und auch der Blick auf die Prävention durch zahlreiche veränderbare Strukturen ist extrem wichtig. Man kann hier wirklich festhalten: Prävention durch guten Unterricht ist besser als jede Form der nachträglichen Intervention.

Literaturauswahl

Störungen in der Schulklasse 

Mit Schülern klarkommen 

Was ist guter Unterricht?

Was ist eure Meinung zum Thema? Habt ihr gute Erfahrungen mit einer bestimmten „Technik“ gemacht? Wie sorgt ihr für Ruhe? Ich freue mich über eure Kommentare.

4 KOMMENTARE

  1. Sehr unterschiedlich.
    Ich arbeite in einem sozialen Brennpunkt. In manchen Kursen läuft es gut, je nach Uhrzeit, in anderen flogen auch schon die Stühle durch die Gegend wenn ich gerade ankomme. Da geht viel Zeit verloren, um Angelegenheiten zu klären, die mit dem Unterricht selbst nichts zu tun haben. Wenn dann alles weitestgehend geklärt ist, alle ausgepackt haben, usw. habe ich wenn nichts anderes funktioniert (ich bin sehr gut vorbereitet und auch konsequent) einen Trainingsraum zur Verfügung, in den ich einzelne Schüler schicken kann. Wirkungsvoll ist eher die Ansage, bestimmt Äußerungen der Schüler mal den Eltern persönlich vorzulegen. Nur ein Beispiel: „Ich f*** ganz Nordafrika!“ in der Pause zu einer Mitschülerin. Das mag niemand vor der eigenen Mama wiederholen 😉

    • Ja, das ist so. Ich habe versucht, klarzumachen, dass es auf sehr unterschiedliche Aspekte ankommt. Man kann einfach keine Schablone anlegen, die überall gleich funktioniert. Also danke für den Kommentar!

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