
Wir leben in einer Zeit, in der auf unterschiedlichste Weise Meinungen verhandelt werden. Podcasts haben sich längst als Meinungsmedium durchgesetzt und wie in Amerika bildet sich eine Szene alternativer Medien, die auch Meinungen zulässt, die außerhalb des demokratischen Spektrums liegen. Wenn es um Bildung geht, erscheint es einfacher. Aber nur auf den ersten Blick. Denn auch hier kann eine gute Moderation darüber entscheiden, ob Aussagen eingeordnet, weitergeführt oder einfach nur stehengelassen werden. Ein Erfahrungsbericht.
Es gibt Veranstaltungen, bei denen man moderiert. Und es gibt Veranstaltungen, bei denen man irgendwann merkt, dass die eigentliche Herausforderung nicht im Ablauf liegt, sondern in der Kommunikation zwischen Menschen, die täglich gemeinsam Schule gestalten sollen. In den vergangenen Monaten durfte ich zwei sehr unterschiedliche Bildungsveranstaltungen moderieren. Die eine führte mich an die Otfried-Preußler-Schule, die 2020 mit dem Deutscher Schulpreis ausgezeichnet wurde. Dort ging es um einen ungewöhnlichen Perspektivwechsel innerhalb eines multiprofessionellen Teams. Lehrkräfte wurden zu Schulbegleitungen, Mitarbeitende aus anderen Bereichen übernahmen Unterricht oder wechselten in ungewohnte Rollen. Anschließend wurden die Erfahrungen in pädagogischen Tagen reflektiert.
Die zweite Veranstaltung war eine landesweite Fachtagung des saarländischen Bildungsministeriums gemeinsam mit der Montag Stiftung Jugend und Gesellschaft und dem Bildungscampus Saarland zur Frage, wie Inklusion zehn Jahre nach der Inklusionsverordnung im Alltag von Schulen gelebt wird. Dort diskutierten Wissenschaft, Politik, Schulpraxis und Schülervertretungen miteinander über inklusive Bildung, multiprofessionelle Zusammenarbeit und Schulentwicklung.
Beide Veranstaltungen hatten auf den ersten Blick wenig gemeinsam. Und doch kreisten sie um dieselbe Frage: Wie gelingt Verständigung in einem System, das immer komplexer wird?
Wenn über Schulentwicklung gesprochen wird, geht es schnell um Ressourcen, Lehrkräftemangel, Digitalisierung oder Reformen. All das spielt selbstverständlich eine Rolle. Gleichzeitig zeigt sich in Gesprächen mit Kollegien, Schulleitungen und multiprofessionellen Teams immer wieder etwas anderes: Viele Konflikte entstehen nicht nur durch fehlende Mittel, sondern durch fehlende Verständigung. Wer trägt Verantwortung? Welche Informationen erreichen wen? Warum erleben unterschiedliche Berufsgruppen denselben Schulalltag völlig unterschiedlich? Und weshalb entstehen gerade dort Spannungen, wo eigentlich alle das Gleiche wollen?
Gerade in multiprofessionellen Teams prallen unterschiedliche Perspektiven aufeinander. Lehrkräfte, Schulbegleitungen, Sozialarbeit, Therapie oder Schulleitung arbeiten zwar im selben Gebäude, aber oft mit unterschiedlichen Arbeitslogiken, Belastungen und Kommunikationswegen. Das wurde bei den moderierten Gesprächen besonders deutlich. Viele Beteiligte verstanden bestimmte Herausforderungen erst dann wirklich, als sie selbst in andere Rollen wechselten. Der Perspektivwechsel war deshalb nicht einfach eine kreative Fortbildungsmethode, sondern eine Form von Erfahrungslernen.
Gerade bei pädagogischen Tagen oder Bildungskongressen zeigt sich häufig ein Missverständnis: Moderation wird oft mit reiner Veranstaltungsorganisation verwechselt. Tatsächlich geht es in solchen Kontexten aber häufig darum, Gesprächsräume zu strukturieren, Spannungen auszuhalten und unterschiedliche Perspektiven sichtbar zu machen. Das gilt besonders für Themen wie Inklusion, Schulentwicklung oder Bildungsgerechtigkeit. Denn dort treffen nicht nur unterschiedliche Meinungen aufeinander, sondern oft auch sehr unterschiedliche Erfahrungen.
Nun mag der eine oder andere einwenden, dass dies doch natürlicher Bestandteil von Moderation sein sollte. Meine Erfahrung im Bildungssektor zeigt, dass Moderation von Panels oder Podiumsdiskussionen oft unterschätzt wird. Da werden zwar dann Fragen gestellt, die auf eine gute Vorbereitung schließen lassen, aber nach den Antworten folgt oft ein merkwürdiger Cut. Es fehlt eine Einordnung, eine Weiterführung und manchmal auch schlicht eine Nachfrage.
Bei der saarländischen Fachtagung zur Inklusion wurde das an vielen Stellen sichtbar. Wissenschaftliche Perspektiven, politische Verantwortung, Erfahrungen aus Grundschulen und die Sicht von Schülerinnen und Schülern mussten miteinander verbunden werden, ohne Unterschiede künstlich zu glätten. Gute Gesprächsführung bedeutet dabei nicht, Konflikte verschwinden zu lassen. Sie bedeutet vielmehr, produktive Verständigung trotz unterschiedlicher Perspektiven zu ermöglichen. Man könnte auch frei nach Hartmut Rosa sagen, dass gute Gespräche da beginnen, wo es im Raum knistert.
Viele der Erfahrungen aus solchen Veranstaltungen erinnern mich inzwischen an meinen Podcast "Die Schule brennt". Dort spreche ich seit Jahren mit Lehrkräften, Wissenschaftlerinnen, Autoren, Politikerinnen oder Menschen aus der Praxis über Schule, Lernen und Bildungspolitik. Ich möchte sie verstehen, will aber nicht einfach alles ausgesprochene stehenlassen. Manchmal verlasse ich dabei die vorbereiteten Fragen, um zusammen mit dem Gast in eine ganz andere Richtung zu gehen. Und genau dabei zeigt sich immer wieder: Gute Gespräche entstehen selten durch perfekte Fragen und noch seltener durch perfekte Antworten (die eher langweilig sind). Sie entstehen dort, wo Menschen bereit sind, Unsicherheiten, Widersprüche und unterschiedliche Perspektiven auszuhalten.
Gerade im Bildungsbereich wird Kommunikation häufig unterschätzt, weil sie selbstverständlich wirkt. Tatsächlich entscheidet sie aber oft darüber, ob Botschaften ankommen, die Beteiligten abgeholt und letztlich für den Verlauf des Tages oder sogar der anschließenden Wochen motiviert sind. Insofern freue ich mich über jedes gute Gespräch, dem ich lauschen, dem ich beiwohnen oder das ich führen kann. Denn ich glaube fest daran, dass dies einen Unterschied machen kann.
Falls Sie interessiert an Anfragen sind, schicken Sie gerne eine Mail an bob@manelly-mgmt.com oder lucia@manelly-mgmt.com