Sobald wieder ein schreckliches Ereignis in der Welt passiert, drehen die Menschen durch. Das war womöglich schon immer so. Der Unterschied ist, dass jeder den großen Hit landen kann: Eine noch so krude Theorie, doppelte Hoaxes oder schlicht Lügen finden ihre Wege durch das Netz und kommen als Morddrohungen oder brennende Autos wieder an. Auf die Selbstermächtigung oder die Durchsetzung des bestehenden Gesetzes zu hoffen, bringt nichts. Ein Kommentar. 

Wer heutzutage als Journalist über aktuelle politische Entwicklungen schreibt, muss mit Morddrohungen rechnen. Oder mit Beleidigungen, die so drastisch sind, dass sie kaum auszuhalten sind:

Nach solchen Aussagen wie in diesem Thread (für jene, die nicht auf Twitter sind: Hier geht es um Mord- und Vergewaltigungsphantasien) sind die Reaktionen oftmals sehr ähnlich: Die einen schütteln mit dem Kopf, die anderen beklagen die Verrohung der Sitten. Einige Apologeten, wie man sie auch in der amerikanischen Alt-Right-Bewegung findet, spielen das alles als „freie Meinungsäußerung“ herunter. Darunter fällt in Amerika sogar das Publizieren von Adressen ohne konkrete Aufforderung zum Mord. So wird der Online-Mop zum Helfershelfer derjenigen, die die Tat dann ausführen.

Ob dieser Sprung zu gewagt ist, weiß ich nicht, jedoch: In seinem interessanten und gleichsam bedrückenden Buch „Wie Demokratien sterben“ schreiben die Autoren über das Versagen derjenigen Instanzen, die in einer Aufhebung demokratischer Strukturen führen. Die Komplexität, das Zusammenspiel und die Independenzen (dazu auch wieder ein kleiner Buchtipp:  „Die letzte Stunde der Wahrheit“) sorgen dafür, dass die Ermächtigung des Einzelnen nicht reicht. Sie ist ein wichtiger Bestandteil der Demokratie, damit diese nicht zu einer „Demokratie ohne Demokraten“ wird. Jedoch ist die Wehrhaftigkeit der Institution und deren Würdenträger genau so wichtig.

Nun sind Plattformen keine „Demokratien“, aber sie sind komplexe Systeme, die im besten Fall unter den Bedingungen einer Charta funktionieren sollten. Das tun sie aber nicht. Es spielt keine Rolle, ob und inwiefern die vielbeschworene „Anonymität im Netz“ oder eine vor allem von jenen, die sich nicht im Netz bewegen beobachtete Andersartigkeit der Netzkultur dazu führen, dass die Menschen basale moralische Perspektiven verlieren oder ignorieren. In diesem Fall ist schlicht die Folge wichtig: Menschen werden bedroht, weil sie auf die Menschenrechte pochen. Sie werden mit Mord und Todschlag bedroht, mit den übelsten vorstellbaren Worten beschimpft und ihre Familien in Mitleidenschaft gezogen. Warum tun die Angreifer das? Warum lecken Hunde ihre Eier? Weil sie können.

Weil diverse Netzgesetze nicht durchgesetzt werden können oder die Fülle der Informationen dazu führt, dass jene armen Tropfe, die die Plattformen durchforsten überfordert sind, bis sie der Burnout vom Gesetz befreit. Weil die (deutschen) Behörden das Problem entweder nicht erkennen oder verstehen. Weil der Austausch zwischen Gesetz und Anbieter nicht richtig funktioniert. Und ja, auch weil die Menschen nicht genau wissen, was sie da eigentlich tun. Und weil sie es in der Schule nicht lernen.

Auch wenn ein Fall wie Sigi Maurer wieder aufgerollt wird, zeigte die Farce um veröffentlichte Obszönitäten, wie schnell das Opfer zum Täter gemacht wird. Und wie ein Täter sich hinter hanebüchenen Aussagen verstecken kann. Im Zweifel hatte halt ein anderer das Telefon in der Tasche, als es wie von Geisterhand Bedrohungen in den Äther schickte. All das schützt die Täter. All das sorgt für eine zunehmende Atmosphäre der Angst.

Nicht besonders helfen jene liberale Stimmen, die mit einem entrüsteten „Ja, aber…“ auf die Probleme einer „Gesinnungsdiktatur“ hinweisen. Wenn Freiheit die Freiheit bedeutet, die Freiheit des anderen so einzugrenzen, dass dieser unfrei ist, ist es keine Freiheit mehr.

Die Moral der Geschichte: Was wir gerade tun, reicht nicht. Wenn die Social-Media und dessen zerstörerisches Potenzial (ja, das kreative gibt es auch; aber darum geht es gerade nicht) in die Schulen kommt – endlich! – ist das Grund zur Freude. Aber es reicht nicht. Es reicht alles nicht.

Die Schritte, die getan werden müssten, haben viel mit dem Eingeständnis jener Komplexität zu tun, die ich zuvor andeutete. Es geht nur, indem zunächst einmal das massive Problem in einer Form erkannt wird, die sich dem politischen Tagesgeschäft entzieht, und indem sich die Verantwortlichen aller Ebenen darum bemühen, nach Handlungsoptionen Ausschau zu halten.

Wie sollen wir das machen? Das weiß ich nicht. Vielleicht sollte man zunächst einmal darüber nachdenken, inwiefern Plattformen, die größer sind als die meisten Kontinente dieser Erde und eine Anziehungskraft haben wie alle Religionen dieser Erde, auch behandelt werden wie Staaten und Religionen. Nicht als Allegorie, sondern als konkrete Form des Nachdenkens. Und auch dann bleibt die Ausschau nach Optionen eine Herausforderung, die nur in konsequenter Zusammenarbeit aller erreicht werden kann.

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