Diskussionen auf Social-Media sind eine hohe Kunst, die ich nicht (mehr) beherrsche. Ich versuche es ab und an einmal, aber habe für mich festgestellt, dass es mich mehr frustriert als weiterbringt. Die Frage, warum das so ist, beschäftigt mit immer mal wieder. Nach einem erkenntnisreichen Artikel von Dejan Mihajlovic habe ich mir die Frage erneut gestellt und eine Antwort in einem älteren Studienbuch gefunden.[1]

Zunächst einmal muss ich Dejan zustimmen.

Die Bewertung, soziale Netzwerke würden sich für Diskussionen nicht eignen, lädt aber auch ein, sich dem Diskurs zu entziehen oder sich von der Verantwortung (bezüglich einer Beteiligung oder dem Verlauf einer Debatte) freizusprechen.

(Diskutieren auf sozialen Netzwerken – Aufgaben und Missverständnisse)

Sich völlig aus einem Diskurs herauszuziehen, den die Gesellschaft mehr denn je braucht, kann nicht die Antwort sein. Wie Dejan richtig sagt, verändert sich die Kommunikation und in der Tat muss sich auch derjenige, der spricht, diesen veränderten Gegebenheiten anpassen.

Auch wenn ich das Fehlen von, wie es bei Dejan heißt, „Mimik Gestik oder dem Ton“ in vielen Gesprächen über Twitter auch ab und zu vermisse, kann dies kein Grund sein, Diskussionen auf Netzwerken generell abzulehnen. Dennoch gibt es eine Vielzahl von weiteren Dimensionen, die im Gespräch eine Rolle spielen, und die auf Social-Media nicht vorkommen (können).

Gerade dadurch, dass Social-Media oftmals auf der Grenze zwischen gesprochensprachlicher und schriftlicher Kommunikation liegt, ergibt sich ein Graubereich dessen, was die Gesprächspartner als Regel anerkennen.

Schema Koch/ Oesterreicher: Sprache der Nähe – Sprache der Distanz. Berlin 1986.

Das zeigt sich beispielsweise an den sogenannten „gesichtswahrenden Reparaturmechanismen“, die bei der face-to-face-Kommunikation grundlegend sind, um den Gesprächspartner nicht zu verletzen.

Es gibt unzählige solcher Mechanismen, deren Präsenz im Gespräch nicht auffallen mag, die aber für eine gelingende Kommunikation unerlässlich sind. Für meine eigenen Schwierigkeiten, auf Social-Media so zu diskutieren, dass ich das Gefühl habe, ein für beiden Seiten erkenntnisreiches Gespräch geführt zu haben, gibt es aber andere Gründe. Diese finden sich in einem einfachem Schema, das ich hier schrecklicher Weise Thema-Rhema-Schema nenne.

In der Linguistik ist das Thema die bekannte, während das Rhema die neue Information darstellt. Ein Gespräch über komplexe Sachverhalte kann also eine Vielzahl von beiden haben.

In einem face-to-face-Gespräch gelingt die Wiederaufnahme dessen, was wir gemeinhin als „roten Faden“ bezeichnen sehr schnell, da es keine temporären Unterbrechungen gibt und diese, wenn sie auftauchen, schnell gekittet oder überbrückt werden können. Das ist beispielsweise auf Twitter nicht der Fall. Zu welch komplexen Strukturen dies führen kann, zeigt die Visualisierung dieses Twitter-Threads.

 

Hier ist jedes Thema und jedes Rhema potenziell ein neuer Tweet. Und während der einen noch über das eine spricht, redet der andere schon vom nächsten. So lösen sich Kontexte und verästeln sich bis hinein ins nicht mehr Nachvollziehbare.

Insofern ist die Schlussfolgerung, die Dejan zieht, zumindest für mich nicht die richtige.

Wenn Diskussionen über soziale Netzwerke nicht funktionieren, kann das auch bedeuten, dass bereits vorher bestehende kommunikative Defizite vorhanden waren und nun nur sichtbar werden oder dass schlicht die Vorstellungen, wie eine erfolgreiche Kommunikation zu verlaufen hat, voneinander abweichen.

(Diskutieren auf sozialen Netzwerken – Aufgaben und Missverständnisse)

Für mich hängt die Vorstellung, was erfolgreiche Kommunikation ist, in entscheidendem Maße davon ab, dass die Gesprächspartner im selben „Ring“ stehen. Das zu gewährleisten, fällt mir schwer und beim „Lurken“ in Diskussionen, in die ich aufgrund meiner Probleme nicht mehr einsteige, fällt mir genau dies auch immer wieder auf.

Bei der Konsequenz daraus bin ich dann wieder bei Dejan: „Neues Wissen und weitere Kompetenzen sind gefragt. Es handelt sich hierbei auch um keine (rein) schulische, sondern eine gesellschaftliche Herausforderung.“ Das ist so.

Für mich bedeutet dies jedoch in zunehmendem Maße, zunächst darüber nachzudenken, was der eigentliche Kern dessen ist, was ich sagen möchte, und dies dann in einem längeren Beitrag zu tun, den ich dann auf Social-Media teile. Natürlich gepaart mit der Hoffnung, irgendwann wieder erfolgreicher im Netzwerk diskutieren zu können.

Linke, Angelika et al. Studienbuch Linguistik. 5., erweiterte Auflage. Tübingen 2004.

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