In den zahlreichen Diskussionen zu den Folgen digitaler Netzwerke werden die Ränder gefüttert, während die Mitte oftmals seltsam leer bleibt. Konkret wird im Positiven darüber geredet, welche Effekte für das eigene Lernen ein Netzwerk haben kann, während auf der anderen Seite darüber aufgeklärt wird, wie gefährlich Cybermobbing ist. Beide Seite sind wichtig und bedürfen der Thematisierung. Dazwischen spielt sich jedoch noch viel mehr ab, das an dieser Stelle mit den beiden Begriffen Machtvorstellung und Vormachtstellung beschrieben werden soll.

Es ist nicht so, dass Facebook oder Twitter die Freundeslisten erfunden hat. In seinem präzisen Jugendstudie, dem Roman „Tschick“, lamentiert einer der Protagonisten, Maik, darüber, dass seine Telefonliste nicht so lang sei. 90er Kids kennen das. Die populären Kids hatten die langen Telefonisten. Sie riefen nicht an, sie wurden angerufen. Der Unterschied war: Man hatte die Telefonlisten nicht um den Hals hängen.

Cybermobbing beschreibt in seiner engen Form die Handlungen mehrer Personen, die eine andere Person über digitale Plattformen bis ins eigene Heim verfolgen können, sie beleidigen und so weiter. Die Perspektive ist auf dem Opfer, das sich schwer wehren kann. Während die Apologeten einer rein positiv gesehenen digitalen Betrachtung meinen, dass dieses Problem auch nicht-digital besteht, ist die Qualität der Online-Gehässigkeit gerade die Sichtbarkeit. Das, was im Positiven die Transparenz eines gesellschaftlichen Diskurses ist, ist im Negativen die Ausübung von Macht.

Die Machtvorstellung in digitalen Medien gründet sich auf der Annahme, dass jemand, dem viele Menschen folgen, gleichsam Einfluss hat. Manchmal stimmt das in der Tat. Eine große Followerschaft kann (aber muss nicht) bedeuten, dass die An- und Einsichten von jemandem wert sind, von vielen gesehen zu werden. Dieser Einfluss kann sich aber auch aus ganz anderen Aspekten speisen. Aussehen, Wut, verbale Entgleisungen etc.

Jugendliche berichten mir immer wieder davon, welchen exorbitanten Stellenwert Popularität heutzutage bei vielen hat. Diese geht oftmals nicht nur mit einer großen medialen Präsenz einher, sondern impliziert diese Machtvorstellung. Die Vorstellung davon, dass jemand, der populär ist, Macht hat, bringt ihm eine ganz konkrete Vormachtstellung.

Und diese ist es, die nicht unterschätzt werden darf. Sie impliziert nämlich die potenzielle Macht, Gewalt, auch verbal, auszuüben. Die Followerschaft wird als transparente Telefonliste so zu einer abschreckenden Androhung von gesellschaftlicher Isolation, nach dem Motto: „Tue nicht, was ich sage, und ich schicke dich in die Arena.“

In Gesprächen, die ich über das Thema mitbekomme, spielen solche Gedanken oftmals eine Rolle. Nicht als konkrete Gefahr, sondern als eine Art resignatives Wissen darüber, auf welchem sozialen Rang man verweilt. Das Ganze trägt dann erschreckende Züge der dystopischen Folge „Nosedive“ der Serie „Black Mirror“. Und zwar auch mit dem aufgesetzten Glücklichsein, dass es braucht, um seine eigene „Telefonliste“ zu verlängern.

Dies zeigt sich in besonderem Maße an unterschiedlichen Netzwerken. Durch Zufall stieß ich auf einen Account eines Jugendlichen, der oder die (an dieser Stelle ist Anonymität natürlich nicht nur geboten, sondern obligatorisch) ein Doppelleben zu leben schien. Während auf Instagram schöne Bilder, lächelnd, mit einem schönen Zitat geschrieben wurden, waren die Texte auf Twitter düster. Es ist klar, dass auch Düsterkeit konstruiert sein kann, aber beide Teile passten nicht zusammen.

Inwiefern ist dies relevant? Wenn das innerliche Veräußert wird und die Äußerlichkeit verinnerlicht, dann kann sich jemand, der innerhalb dieses Systems bleibt, nicht erlauben, nicht mitzumachen oder die Regeln des dauergrinsenden Püppchen zu brechen. Er oder sie kann nur unterschiedliche Netzwerke suchen, in denen das jeweilige Rollenverständnis akzeptiert wird. Depressiv auf Tumblr, manisch auf Instagram. Dass die Technik dabei zur Einseitigkeit animiert, muss Teil des Wissens über Medien sein.

Diese Entwicklung ist vor allem deshalb zu beobachten, weil die Machtvorstellungen bis hinein in die Klassen und Kinderzimmer getragen werden. Und weil die Vormachtstellung darauf begründet und Handlungen fordert, die sie erhalten. Ob man diese Art der sozialen Interaktion nun als Gefahr sieht, sie innerhalb einer „normalen“ Entwicklung ansiedelt oder sogar als unproblematisch klassifiziert – sie sollte Teil der Reflexion digitaler Prozesse sein, die für den Einzelnen und die Gruppe, gerade in Zeiten der Persönlichkeitsentwicklung eine maßgebliche Rolle spielen.

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