
Die Klausuren sind geschrieben, die Noten stehen fest, und trotzdem sind es noch zwei, drei Wochen bis zu den Ferien. Die übliche Antwort darauf ist gemeinsames Dahinsiechen: irgendein Film, der niemanden interessiert, Freiarbeit, die keine ist, ansonsten gemeinsam erlebte Trägheit. Dabei ist genau diese Zeit, in der nichts mehr auf dem Spiel steht, die seltene Gelegenheit für Unterricht, der sonst keinen Platz hat.
Ihr kennt es wahrscheinlich auch: Die letzte Klassenarbeit ist zurückgegeben, die Zeugniskonferenz naht, und im Klassenzimmer macht sich dieser besondere Zustand breit, der weder Ferien noch Unterricht ist: Handys unter dem Tisch, ein DVD-Player, der noch nie so oft im Einsatz war wie in diesen zwei Wochen, und eine Lehrkraft, die sich insgeheim fragt, wofür das Ganze noch gut sein soll. Dahinsiechen eben. Gemeinsam, aber ohne gemeinsames Ziel.
Dabei ist der Notendruck weg – nicht der Unterricht. Und ausgerechnet die Abwesenheit von Druck ist die beste Voraussetzung für die Dinge, die im regulären Schulalltag zwischen Klausurvorbereitung und Bildungsplan-Abarbeitung meistens hintenrunterfallen: Projekte, bei denen die Klasse selbst das Steuer übernimmt. Hier sind fünf Ideen, die mehr sind als Zeit totschlagen.
Der eigentliche Luxus dieser Wochen ist nicht die fehlende Note, sondern die fehlende Kontrolle durch die Lehrkraft. Das ist herausfordernd, kann aber produktiv genutzt werden. Statt eines weiteren angeleiteten Arbeitsblatts: Projekte, bei denen die Schülerinnen und Schüler von der Idee bis zum fertigen Produkt selbst verantwortlich sind.
Drei Formate, die sich in einer Doppelstunde anleiten und dann laufen lassen:
Der gemeinsame Nenner: Die Lehrkraft moderiert, aber die Klasse entscheidet. Das ist anstrengender zu organisieren als ein Film – und genau deshalb lohnt es sich in einer Zeit, in der sonst nichts mehr organisiert wird.
Kaum ein Thema eignet sich so gut für diese Wochen wie die kritische Reflexion der eigenen Mediennutzung – nicht als graue Theorie, sondern als eigenes Erleben. „Medienbildung muss Pflicht werden" habe ich vor einiger Zeit im SPIEGEL geschrieben, nach einem Experiment, bei dem meine Klasse TikTok-Accounts in fiktiven Rollen bespielt hat, um zu verstehen, wie Algorithmen wirklich funktionieren. Die Kritik kam prompt: Medienbildung sei doch längst Pflicht. Auf dem Papier stimmt das. Nur fehlt darin fast immer genau das, was Jugendliche täglich tatsächlich beschäftigt: der eigene Feed.
Zwei Materialien, die ich dafür selbst entwickelt und mittlerweile ausgearbeitet habe:
Das TikTok-Algorithmus-Experiment. Schülerinnen und Schüler übernehmen in Kleingruppen fiktive Rollen – vom traktorbegeisterten Rentner bis zur Klimaaktivistin – und beobachten protokollierend, wie sich ihre For-You-Page innerhalb weniger Tage verändert. Bei der Erstdurchführung zeigte der Feed einer Rolle schon nach drei Interaktionen erste politische Zuspitzung, nach zehn Minuten Inhalte aus dem extremistischen Spektrum. Kein Vortrag über Algorithmen erzeugt diesen Aha-Moment – nur das eigene Erleben. → [Link zum vollständigen Material: Leitfaden, Rollenkarten, rechtlicher Rahmen und mehr]
Netzwelten – Kreative Medienkompetenz. Neun Netzphänomene – von Handysucht bis Digital Burn-out – als Rechercheimpulse: Die Klasse geht mit dem eigenen Smartphone auf Spurensuche und erarbeitet daraus ein eigenes kreatives Produkt, wahlweise als Reel, Umfrage oder Kommentar. Ideal für Projekttage, Vertretungsstunden mit Anspruch oder eben: die Wochen vor den Ferien. → [Link zum vollständigen Material: Arbeitsblätter, Texte und Lösungshinweise]
Beide Materialien sind komplett ausgearbeitet und direkt einsetzbar – für alle, die nicht bei null anfangen wollen.
Ein Schuljahr endet in den meisten Klassenzimmern kommentarlos – die letzte Stunde unterscheidet sich formal in nichts von der ersten. Dabei lohnt sich ein bewusster Abschluss:
Die Ferien-Wochen sind auch die einzige Zeit, in der ein mehrtägiges Projekt außerhalb des Klassenzimmers realistisch machbar ist, ohne dass irgendwo ein Stoffplan darunter leidet: eine Kooperation mit der Grundschule nebenan (Lesepatenschaften, ein gemeinsames Vorlesefest), eine kleine Verschönerungsaktion auf dem Schulgelände, eine Spendenaktion für ein selbst gewähltes Ziel. Der Lerneffekt liegt nicht im Fachwissen, sondern in der Erfahrung, dass die eigene Klasse etwas bewirken kann, das über die eigene Note hinausgeht.
Manchmal darf es am Ende auch tatsächlich ein Film sein – nur eben einer, der etwas mit dem restlichen Jahr zu tun hat, statt ihm auszuweichen. In meiner Instagram-Reihe „Filme, die im Unterricht besprochen werden sollten" ging es zuletzt um das Thema Klimawandel – sieben Werke, quer durch die Formate:
→ [Link zum Instagram-Reel]
Auch das ist am Ende eine Frage der Haltung: nicht der Film als Lückenfüller, sondern als letzter, bewusst gesetzter Impuls vor der Pause. Die Wochen vor den Ferien sind kein Loch, das irgendwie überstanden werden muss. Sie sind die Zeit im Schuljahr, in der am wenigsten auf dem Spiel steht – und deshalb die Zeit, in der am meisten möglich ist. Man muss sie nur nutzen wollen.
Allerdings ist auch klar: Das ist nicht immer einfach, gerade wenn es draußen so heiß ist. Aber es liegt Potenzial in dieser Zeit, die letztlich für alle besser ist, als wenn man nur vor sich hin döst.