DIGITAL: Wie Technologie unsere Aufmerksamkeit lenkt: Neue Herausforderungen im Zeitalter von TikTok und automatisierten Videos

Bob Blume
I
29. Juni 2024
1 Kommentar

Vor acht Jahren veröffentlichte Tristan Harris einen wegweisenden Artikel darüber, wie Technologie unsere Gedanken und Aufmerksamkeit manipuliert. In seinem Artikel "How Technology is Hijacking your Mind" beschrieb er, wie Apps und Plattformen geschickt darauf ausgelegt sind, uns süchtig zu machen und unsere Aufmerksamkeit zu monopolisieren. Der Beitrag selbst ist als Reihe in der deutschen Übersetzung auf diesem Blog zu finden und immer noch sehr lesenswert. Heute, im Jahr 2024, stehen wir vor neuen Herausforderungen und Entwicklungen, die über das hinausgehen, was Harris damals beschrieb.

Persönliche Anmerkung

In einem Gespräch, dass ich vor kurzem online mit einer geschätzten Netz-Kollegin hielt, fiel ein Wort, das mir nicht gefiel. Sie bezeichnete mich, in aller Wertschätzung, als "Digital-Guru". Als "Netzlehrer" habe ich in der Tat viel mit der "Kultur der Digitalität" zu tun und nutze die Plattformen selbst für Aufmerksamkeit, Reichweite und Austausch zu den den Themen der Bildung. Aber, und das ist mir wichtig, es gibt keine Keynote, kein Podium und keinen weiteren Text, in dem ich das Lernen im 21. Jahrhundert nicht als Lernen "mit, über und trotz" Medien beschreibe.

Das ist mir deshalb wichtig, weil ich auf diesem Blog schon vor etlichen Jahren auf die Gefahren von Apps und Social Media hingewiesen habe - gerade in Bezug auf die Kinder. Dies führte dazu, dass ich als Reaktion auf eine komplett eskalierende Diskussion auf Twitter damals meinen Account löschte. Dabei ging es mir damals im Gespräch mit einem sogenannten Experten nur darum, dass dieser zugab, dass digitale Applikationen und insbesondere Social-Media eine Sogwirkung haben. Dies gab er nach eineinhalb Tagen Gespräch dann auch zu, aber zu dem Zeitpunkt war die Diskussion schon so toxisch geworden, dass ich für einige Wochen aufgab.

Dies sage ich deshalb, um zu markieren, dass es Menschen gab und gibt, die der Journalist Christian Füller damals als digitale "Jubelperser" bezeichnet hat. Leute also, die die realen Gefahren von Social-Media und Co. so lange relativieren, bis sie nicht mehr zu existieren scheinen. Dazu zähle ich mich nicht.

Ich bin großer Verfechter von Medienbildung, und zwar einer, die in Schulen Priorität hat, weil es bei ihr nicht darum geht, wie man Buttons bedient, sondern um Themen wie Algorithmen, Fake-News, Grooming und vieles mehr.

Aber das bedeutet nicht, dass ich meine, jede Form der Arbeit mit digitalen Medien sei zu jeder Zeit begrüßenswert. Im Gegenteil: Die verschiedenen Gesprächen mit Experten wie Clemens Beisel haben mich darin bestärkt, dass gerade Smartphones mit großer Vorsicht zu genießen sind. Sie sind Wurmlöcher dorthin, wohin auch immer man möchte. Man muss über sie sprechen, das, was sie beinhalten reflektieren, aber eben stark darauf aufpassen, dass man als Lehrkraft, pädagogische Begleitung oder Sozialarbeiter nicht erst jenen Sog initiiert, der als Folge der Nutzung entstehen kann und der selbst für Erwachsene so überwältigend sein kann.

Es geht explizit nicht darum, Smartphone oder Social-Media zu verteufeln

Eben weil dies so ist, möchte ich an dieser Stelle einige weitere Anmerkungen zu der Art und Weise geben, wie Smartphones, oder spezifischer, ihre in ihnen enthaltenen Inhalte den "Geist manipulieren", wie Tristan Harris sagen würde. Mir ist klar, dass es nicht einer gewissen Ironie entbehrt, dass jene, die diesen Beitrag lesen, mit hoher Wahrscheinlichkeit über eine App auf ihn gestoßen sind und ihn auch hier lesen. Dieser Widerspruch lässt sich jedoch auflösen. Es geht explizit nicht darum, Smartphone oder Social-Media zu verteufeln. Es geht darum, dass gerade jene jungen Menschen, die sich in der Entwicklung ihrer kognitiven, physischen, sozialen und emotionalen Fähigkeiten befinden, einen gesunden Umgang erlernen und mit genügend Resistenz, Widerstandskraft und Reflexionsfähigkeit ausgestattet werden, sich tausender der besten Ingenieure, Psychologen und Techniker zu erwehren, deren einziges Ziel es ist, sie für so lange wie möglich am Bildschirm zu halten.

Die Evolution der Ablenkung: Von Apps zu Plattformen

Als Harris seinen Artikel veröffentlichte, dominierten Apps wie Facebook und Instagram die Landschaft der digitalen Ablenkung. Sie lockten uns mit endlosen News Feeds und Benachrichtigungen, die unsere Aufmerksamkeit festhielten. Heute jedoch sind Plattformen wie TikTok an der Spitze des Aufmerksamkeitsspiels. TikTok, bekannt für seine kurzen, automatisierten Videos und Reels, hat eine neue Ära der Unterhaltung und Ablenkung eingeläutet. Die Algorithmen, die hinter diesen Plattformen stehen, sind so raffiniert, dass sie unsere Vorlieben und Gewohnheiten verstehen und uns ständig neuen Content bieten, der unsere Aufmerksamkeit fesselt.

Dies ist einer der Gründe, warum jeder ein oder zwei Wochen auf diese App kommen sollte. Ob nun als Person oder anonym ist egal. Es geht um ein erlebtes Verstehen. Denn das, was man liest, ist eben nur eine Idee. Erst wenn man über eine Stunde dort war und plötzlich merkt, wie süchtig es macht, nur noch das zu sehen, was man mag; erst dann versteht man, wie es sein muss, wenn man noch nicht in der Lage ist, sich dagegen zu wehren.

Automatisierte Videos und die Manipulation der Aufmerksamkeit

Eine der neuesten Entwicklungen sind automatisierte Videos und Reels, die auf Plattformen wie TikTok weit verbreitet sind. Diese Funktionen nutzen künstliche Intelligenz, um Videos basierend auf dem Nutzerverhalten zu erstellen und zu empfehlen. Dadurch werden die Benutzer in einen endlosen Strom von Inhalten gezogen, der speziell darauf abzielt, sie so lange wie möglich auf der Plattform zu halten. Die Automatisierung verstärkt die Fähigkeit der Plattformen, unsere Aufmerksamkeit zu binden, indem sie kontinuierlich neuen, anpassungsfähigen Content liefert.

Es ist die Umkehrung des eigenen Wollens bezüglich Technologie. 

Für mich war dies, so trivial dieser Absatz für einige sein muss, vor den acht Jahren, als der Harris-Artikel erschien, ein absolute Augenöffner. Technologie muss nicht so sein, wie sie ist. Sie ist, wie sie ist, weil Menschen entscheiden, wie sie zu sein hat. Und die Menschen, die dies entscheiden, wissen, dass durch ihre Entscheidungen die Entscheidungen von jenen, die die Applikationen nutzen, massiv eingeschränkt werden.

Während man in den frühen Zeiten des Web 2.0 entscheiden musste, wohin man geht und wie lange, muss man sich in diesen Zeiten, sobald man sich für einen Kaninchenbau entschieden hat, aktiv dagegen entscheiden, weiter dort zu sein. Es ist die Umkehrung des eigenen Wollens bezüglich Technologie.

Die neurologischen Mechanismen hinter der Aufmerksamkeitslenkung

Neurowissenschaftliche Forschungen zeigen, dass unser Gehirn auf visuelle und auditive Reize besonders empfindlich reagiert, insbesondere wenn diese Reize unerwartet oder neu sind. Plattformen wie TikTok nutzen dieses Wissen gezielt aus, indem sie kurzweilige, automatisierte Videos präsentieren, die visuell ansprechend und schnell konsumierbar sind. Diese Inhalte aktivieren die Belohnungszentren unseres Gehirns und verstärken das Verlangen, mehr zu sehen und zu interagieren.

Nebenbei sind mir nicht wenige Erwachsene bekannt, die davon sprechen, dass sie es nicht mehr schaffen, über einen längeren Zeitraum zu lesen. Und das, obwohl sie es wollen. Diese kognitive Dissonanz zu erfahren könnte ein Schritt sein, das Verhalten zu ändern. Problematisch wird es hingegen, wenn Menschen davon sprechen, sie hätten keine Zeit mehr für eine längere Beschäftigung. Und zwar dann, wenn sie gleichzeitig über Stunden Kurzinhalte konsumieren.

Darüber hinaus zeigen Studien, dass die ständige Verfügbarkeit von neuem Content und die personalisierte Anpassung der Inhalte dazu führen können, dass wir uns schwerer von der Nutzung lösen können. Dieses Phänomen wird als "FOMO" (Fear of Missing Out) bezeichnet, das durch die Angst verstärkt wird, etwas Interessantes oder Relevantes zu verpassen, wenn wir die Plattform verlassen.

Fazit

Während Tristan Harris vor acht Jahren auf die subtile Manipulation durch Technologie hinwies, stehen wir heute vor einer noch komplexeren Landschaft. Plattformen wie TikTok haben die Art und Weise, wie wir uns unterhalten und informieren, grundlegend verändert, indem sie automatisierte Videos und Reels einführen, die unsere Aufmerksamkeit kontinuierlich fesseln. Die Herausforderung besteht darin, bewusster mit unserer Zeit und Aufmerksamkeit umzugehen und gleichzeitig die ethischen Implikationen dieser Technologien zu hinterfragen.

Die Diskussion darüber, wie wir eine gesunde Balance zwischen Nutzung und Übernutzung finden können, bleibt von entscheidender Bedeutung. Dies gilt insbesondere für die Erziehung zuhause, aber eben auch in Bezug auf die Schulen. Für die Entscheidung, ob mit den Smartphones "gearbeitet" wird, wie mit ihnen gearbeitet wird oder ob sie verboten sein/ werden sollten. Dies alles aber immer vor dem Hintergrund, Orte des Austausches zu schaffen. Ob es eine Social-Media-Sprechstunde oder die konstante Beschäftigung mit den Konsequenzen und Herausforderungen der Online Nutzung in Klassenlehrerstunden oder im regulären Unterricht. Alleine die Paradoxien der Nutzung, die sich darin zeigen, wie jemand auf diesen Artikel gestoßen ist, zeigen aus meiner Sicht, dass es kein Entweder-Oder geben kann. Wir leben in einer Welt, die von der Digitalität geprägt ist, was bedeutet, dass wir uns aktiv damit befassen müssen, was dies für uns selbst, für unser Lernen, unsere sozialen Interaktionen und damit für unser Leben bedeutet. Auch und insbesondere für Kinder und Jugendliche.

 

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