Es gibt zahlreiche Gründe, weshalb Schulen bei der Schulentwicklung und damit auch bei der Digitalisierung nicht weiterkommen. Einer davon sind unwillige Lehrer*innen. Dem muss man sich stellen, weil man das Problem sonst nicht lösen kann. Ein Kommentar. 

Disclaimer

Ich habe verschiedene Rollen inne und möchte nicht, dass es zu Missverständnissen kommt. Die Erfahrungen, von denen ich hier berichte, beziehen sich auf meine Arbeit als Referent und als vernetzter Lehrer. Mein eigenes Kollegium spielt in diesen Ausführungen keine Rolle!

Anlass

Am Donnerstag, den 20.05.2022 ist in der ZEIT “Die Position” erschienen, in der ich die These vertrete, dass Entwicklungsprozesse an Schulen auch daran scheitern, dass es unwillige Kolleg*innen gibt. Um dies – im Grunde zu spät – nochmals zu prüfen, habe ich auf Twitter nachgefragt, wie es die Follower sehen.

Zunächst mal kann man also festhalten, dass 50% von 2000 Stimmen dieser zugegeben vagen Aussage zustimmen. Bevor es darum geht, warum das aus meiner Sicht thematisiert werden sollte, schauen wir uns aber an, welche weiteren Gründe für die Stagnation mancher Schulen sorgen können.

Hindernisse

Jeder, der meinen Account oder die Blogbeiträge, die ich schreibe, seit einiger Zeit verfolgt, weiß, dass ich mich über die fehlende Unterstützung der Schulen echauffiere. Und zwar laut und deutlich. Schon in dem Heise-Artikel zur Digitalisierung hatte ich sehr deutlich gemacht, was das Problem ist, wenn gefragt wird, warum Schulen eigentlich nicht durchstarten:

“W-Lan? Kommt drauf an. Aber meist Zufall. Eine Anbindung an Glasfaser? Kommt drauf an, aber eher nicht. Zufall. Systemadministration: Zufall. Didaktische Konzepte: Zufall. Eine Schulleitung, die voran geht: Zufall. Kolleginnen und Kollegen, die mitziehen. Zufall, zumindest dann, wenn basale Rahmenbedingungen nicht gegeben sind.”

Mit anderen Worten: Ob es weitergeht an den Schulen, war sehr stark abhängig von bestimmten Voraussetzungen, die zutreffen müssen. Und obwohl sich in vielen Schulen etwas getan hat muss man sagen: Das ist immer noch so! Manch eine Schule, mit der ich in Kontakt bin, bekommt W-Lan erst im Jahre 2024!

Insofern ist es nur logisch, dass viele der 100 Kommentatoren etwa schreiben, dass es doch ganz verständlich sei, wenn man die Lust verliere, wenn man keine Zeit und Ressourcen bekommt. Dass es nicht sein könne, dass immer mehr drauf gelegt wird. Dass die Rahmenbedingungen stimmen müssen. Dass endlich die Ausstattung seitens der Träger in Angriff genommen werden muss. Dass es auch Expertise bei der Instandhaltung brauche!

All dem Stimme ich mit einem dreifachen Halleluja zu!

Nun kommt von meiner Seite das Aber, das Antwort auf die Frage der hochgeschätzten Halbblutlehrerin geben soll, warum das relevant sei, denn unwillige gäbe es in jeder Branche. Das stimmt! Für mich ist es deshalb von Relevanz, weil es ein absolutes Dauerthema ist.

Eine ewige Frage

Um das etwas deutlicher zu machen, ein wenig anekdotische Evidenz. Als ich in in Berlin bei einem Barcamp zum Thema “pädagogischer Tag” eine Session hielt, bei der ich den Zusatz “kritische Kolleg*innen überzeugen” hinzufügte, kamen 50 Menschen. Die Diskussion war fruchtbar und gut, aber es zeigte sich: Jeder, derjenigen, der dabei war, kannte das Problem.

Es geht sogar so weit, dass ich sagen kann, dass die Frage danach “wie man unwillige Kolleg*innen” ins Boot holt, in nahezu jeder einzelnen Fortbildung gestellt wurde, die ich jemals gehalten habe. Sie steht und stand in jedem Chat, ist Thema bei jeder Diskussion nach einer Fortbildung. Es ist der absolute Dauerbrenner! (An dieser Stelle würden mich die Erfahrungen anderer Referenten interessieren. Einer schrieb mir schon, dass dem so sei, er möchte aber, was nicht überraschend ist, lieber anonym bleiben).

Auf Instagram schreiben mich regelmäßig Kolleg*innen an, die regelrecht verzweifelt sind, weil sie gerne machen möchten, aber nicht können, weil sie ausgebremst werden. Erst kürzlich sagte mir jemand (den ich hier natürlich wieder aus Gründen nicht nennen kann), dass ein Schulentwicklungsprozess komplett gescheitert ist.

Nicht, weil es keine Ressourcen gab. Nicht, weil es keine Verantwortlichen gab. Nicht, weil es kein W-Lan gab. Nicht, weil es keine engagierten Kolleg*innen gab.

Sondern weil sich die durchgesetzt haben, die nicht wollten.

Es geht um die Willigen

Aus meiner Sicht zeigt das, dass wir uns mit dem Problem auseinandersetzen können, dass ich in meinem Buch so beschreibe:

“Oftmals sind die Aufgaben sehr ungleich verteilt. Diejenigen, die sich engagieren, laden sich verstärkt welche auf. Und diejenigen, die sich entziehen, werden ausgespart.”

Und das ist vor allem deshalb ein Problem, weil es gerade diejenigen betrifft, die wollen. Die machen! Die sich aufopfern! Die versuchen, alles zu schaffen. Und die am Ende nicht mehr können, weil in so manchem Kollegium die Arbeitslast sehr ungleich verteilt ist. Natürlich ist das auch in anderen Berufen möglich. Aber aus meiner Sicht ist es nirgendwo so einfach, sich Entwicklungen zu entziehen wie im Lehrerberuf.

Um diesen Punkt nochmals sehr deutlich zu machen: Ich prangere unwillige Kolleg*innen nicht an, weil es mir so einen Spaß macht, möglicherweise als Netzbeschmutzer zu gelten. Sondern um derer Willen, die Schulen verändern wollen, aber nicht können. Dass dazu grundsätzliche Dinge verändert werden müssen, zum Beispiel bei der gerechteren Verteilung von Lasten, schreibt Dominik Schöneberg in einem lesenswerten Artikel.

Fazit

Das alles so kein pauschales Urteil sein. Ich meine beispielsweise einen sehr starken Unterschied zwischen Berufsschulen und anderen weiterführenden Schulen auszumachen. Erstere erlebe ich als sehr viel pragmatischer. Nach dem Motto: “Die Arbeitswelt ändert sich, also müssen wir auch. Los geht’s!” Aber das ist vielleicht auch nur ein positives Vorurteil. Viele werden sich erinnern, wie ich auf ein allzu pauschales Lehrerbashing reagiert habe.

Und zur Wahrheit gehört auch, dass es etliche Schulen gibt, die sich nicht nur auf den Weg gemacht haben, sondern die auch ein großartiges Vorbild dafür sind, was man in gemeinsamer Arbeit schaffen kann. Und ich wiederhole mich, wenn ich sage: Natürlich verstehe ich, dass es zahlreiche Gründe dafür gibt, nicht mehr zu können oder zu wollen, auch und gerade dann, wenn die Situation so ist wie momentan, dass nämlich immer mehr Aufgaben draufkommen, während nichts weggenommen wird.

Aber zur Wahrheit gehört auch, dass Veränderungen dann nicht möglich sind, wenn sich Lehrer*innen diesen Veränderungen versperren und sich damit durchsetzen können. Aus dem, was ich mitbekomme (ich erwähnte es), kann ich nur schließen, dass dies nicht nur Einzelfälle sind.

Gerade bei diesem Thema freue ich mich sehr über Erfahrungen und Ergänzungen, gerne hier oder auf Social-Media.

16 Kommentare

  1. „ dass nämlich immer mehr Aufgaben draufkommen, während nichts weggenommen wird.“ Dem kann ich nur zustimmen. Immer mehr Aufgaben, besonders auch als KL, immer mehr SuS, verschärfte Bildungspläne, die noch mehr Druck auslösen und zu wenig pädagogische Mittel und Ressourcen. Ich habe sehr engagierte und willige KuK, aber wir sind alle erschöpft.

    • Du hast Recht. Aber es gibt ja dennoch viele, viele, die trotz Erschöpfung weitermachen und dann nicht selten daran scheitern, dass andere nicht wollen. Oder siehst du das anders?

      • Sicher gibt es die, die trotz Erschöpfung weitermachen. Aber das kann ja nicht erstrebenswert für alle sein.
        Diese Erschöpften würde ich jedenfalls nicht der Gruppe der Unwilligen zuordnen.
        Die Unwilligen sind immer unwillig, egal wie belastet. Sehe da eher Schnittmengen mit denen, die sehr gut auf machbare Belastung für sich selbst achten.

    • Hier lesen auch Nicht-LehrerINNEN mit. KL verstehe ich noch, aber SuS und KuK nicht. Wenn Sie außerhalb der Lehrerblase verstanden werden wollen, wäre ein Ausschreiben von Abkürzungen sinnvoll.

  2. Letztendlich sind Schulen auch – zumindest in eingeschränkten Systemteilen – demokratische Institutionen. Auf der institutionellen Ebene dadurch, dass die GLK zu sehr vielen Themen ein Anhörungs- und auch Empfehlungsrecht hat. Auf informeller Ebene: In einem System der strukturellen Ressourcenverknappung geht ohne einen breiten Konsens von Helfer*Innen, die über ihre Verpflichtung hinaus ihre persönliche Ressource hineinbuttern, gar nichts. Jedes Projekt kann am “Unwillen” – oder der anderen Haltung, der Gegenmeinung – der Kolleg*Innen scheitern, zumindest in der Praxis. Selbst ministeriale Prestigeprojekte von ganz oben.

    Ich musste das selbst schmerzhaft im Rahmen einer Kooperation mit der Würrtembergischen Landesbühne Esslingen feststellen, als eine Mehrheit der LuL, mein Projekt einfach nicht mehr unterstützen wollte. Das war ein harter Moment.

    Ist es schlimm, dass alles von externer Unterstützung für mich abhängt? Manchmal schon. Aber der Fakt, dass in der momentanen Lage ohne einen breiten und willigen Rücken für eine Sache im Kollegium nichts mehr geht, darf aus meiner Sicht weder in Lehrer*Innen- noch in Demokratie-Schelte (was du nicht tust, aber die Diskussion bietet es schnell an) abgleiten. Eine Truppe, die nicht nach Jahren der Ausbeutung völlig abgekämpft und schwer zu motivieren ist, ist an ihrem eigenen Zustand nur begrenzt schuld. Man müsste sie schonen und entlasten, statt immer weiter zu kritisieren.

    • Danke dir! Ich bin ja bei dir. Ich kritisiere ja eben auch nicht jene, die sowieso schon kämpfen, sondern jene, die es sich zu leicht machen. Ich finde schon, dass man das auch anprangern muss.

  3. Die Aussagen scheinen mir in die Richtung zu weisen, dass Erfüllung der Dienstpflichten und Sicherstellung der Unterrichtsversorgung die großen kategorischen Imperative des staatlichen Schulsystems sind und dass etliche diese Ausrichtung als nicht zweckdienlich empfinden. Woran zeigt sich denn überhaupt dieses “Engagement”, das in Gesprächen unter Lehrer und Lehrerinnen eine eminente Rolle als Markierung zwischen “gut” und “schlecht” erfüllt? Einfach an unbezahlte Mehrarbeit, an besonderer Sorgfalt bei der Erfüllung von Dienstpflichten, an besonderer Wertschätzung durch Schüler und Schülerinnen oder Lehrer und Lehrerinnen? Vielleicht könnte man, wenn der Prozess der symbolischen Gratifikation besser verstanden wird, an dessen Ende man als engagierte Lehrkraft gelten kann, diese Vorgänge bewusster steuern. Denn wenn Engagement nur als moralisch motivierte Spende der Lehrkräfte an den Schulbetrieb zu verstehen ist, die institutionell nicht oder nur zufällig honoriert wird, dann wird sie als Haltung unwahrscheinlich bleiben. (Auch hier, wie so oft in der Schule, kann womöglich eine vergleichende Betrachtung der DDR-Planwirtschaft Anregungen zur Analyse geben.)

  4. Ich stimme dir in der Sache absolut zu, finde es aber unklug, das Thema “unwillige Kolleg:innen” so präsent in die Öffentlichkeit außerhalb der Schulbubble zu tragen, denn wir wissen alle, dass das letztendlich von zu vielen Leser:innen nicht differenziert betrachtet werden wird, sondern nur als Bestätigung: “Ha, wenn sogar der Netzlehrer sagt, das Problem liegt an seinen unwilligen Kolleg:innen, dann hatte ich ja die ganze Zeit recht, dass das alles faule Säcke sind!”

    Das Thema, das man in der Öffentlichkeit setzen muss, ist das der Ressourcen, denn durch genug Ressourcen kann man selbst den unwilligsten Kollegen in vielerlei Hinsicht zu Modernisierung / Digitalisierung zwingen. Bei uns an der Schule ging es z.B. mal darum, dass wir digitale Klassenbücher einführen wollen. Die Unwilligen-Fraktion meinte dann aber: “Ich mach das nicht. Ich hab ja kein Dienstgerät und mein privates will ich dazu nicht verwenden. Keiner kann mich zwingen.” Und sie haben leider recht. Und genau da liegt das Problem: Wären die Ressourcen (Dienstgeräte) da, könnten die Verweigerer vor vollendete Tatsachen gestellt werden: Papier-Klassenbuch ist weg, digitales Klassenbuch wird eingeführt, jeder hat ein Dienstgerät und deine dienstliche Verpflichtung ist es jetzt, das digitale Klassenbuch zu nutzen. Wir haben übrigens immer noch kein digitales Klassenbuch, weil es sich zieht, bis alle endlich ein Dienstgerät haben.

    Nur aus den Gründen mangelnder Verfügbarkeit von Ressourcen (Geräten) konnten übrigens auch 2020 sich so viele aus der Affäre ziehen und im Lockdown nicht einmal eine Videokonferenz machen. Hätten da schon alle Geräte gehabt, hätte man Mindeststandards setzen können, wie oft man mindestens eine Konferenz machen muss. Mit den Ressourcen kommt also erst die Möglichkeit, die Unwilligen auch zu deren Nutzung zu verpflichten.

    • Danke für den Kommentar. Ich verstehe deinen Punkt, aber selbst wenn es “unklug” ist: Man kann aus meiner Sicht die Dinge nicht nur vom Publikum aus denken. Denn alles, was du noch sagst, prangere ich ja auch schon seit Jahren an. Da könnte man ja auch hin und sagen: “Wenn es schon der Netzlehrer sagt”. Nochmal: Ich habe gar nicht zwangsläufig jene im Blick, die sich versperren, sondern jene, die nicht weiterkommen. Und zwar deswegen. Das ist ein offenes Geheimnis und ich finde, man muss es ansprechen, ohne sich dem Vorwurf ausgesetzt zu wissen, dass man quasi der Verräter ist. Aber das wird kommen, auch und gerade durch den ZEIT-Artikel. Es wird hier noch kuschelig. Nun ja. Danke jedenfalls für deinen differenzierenden Kommentar.

  5. Ich kann nach meinem Ausstieg aus dem Lehramt sagen, dass in meinem neuen Job (Blended Learning Trainer und Berater) „Unwillige“ keine Rolle spielen. Das liegt mMn an zwei einfachen Dingen:

    – alle wollen das Gleiche, nämlich passende wirksame Blended Learning Konzepte erstellen
    – die Unterstützung ist grandios von erstklassiger Technik bis Teamunterstützung von hochprofessionellen und motivierten Menschen

    Da wollen alle. In Schule nicht. You do the Math!

  6. Nur mal so zum Nachdenken: Der Kommentar unterstellt denjenigen, die “etwas verändern” wollen, dass das durch die Bank tolle Projekte sind. Entwicklungsprozesse sind nicht immer gut und positiv und wenn die Mehrheit “unwillig” sein sollte, sollten sich die “Willigen” fragen, ob ihr Projekt auch für andere sinnvoll und zukunftsfördernd ist. Es ist doch selbstverständlich, dass diejenigen, die etwas ändern wollen, eine rosarote Brille bezüglich ihres Projektes aufhaben und dann genervt sind, wenn andere ihr Projekt nicht unterstützen wollen. Ich habe schon so viel Projekte und Innovationen vorgestellt bekommen, die von weltfremden Traumtänzern im Elfenbeiturm ersonnen worden sind oder von hyperventilierenden KuK, die nicht verstehen können, dass man nicht 24/7 für die Schule brennt und nicht noch mal eben privat jede freie Minute für Didaktik und Sozialarbeit aufbringen möchte, da ist es aus meiner Sicht klar, dass es Probelme gibt, wenn diese Leute von sich auf andere schließen und meinen dieses tolle Projekt müsse aber unbedingt noch vom gesamten Kollegium gemacht werden.
    Auch der Betreiber der Website scheint ja vor Engagement zu brennen und scheint mir in seinem Kommentar wenig Empathie für diejenigen aufzubringen, die sich mit weniger Einsatz in der Schule bewegen, weil sie eben bis zur Pensionierung im Beruf bleiben und sich nicht wie viele andere ausbrennen lassen wollen. Auch nicht von gut gemeinten Schulentwicklungsprozessen.

  7. “Unwillig” hat mich gerade ein bisschen getriggert, weil ich damit immer eine gewisse Bocklosigkeit oder Faulheit verknüpfe. Aber ich denke diese Erstkonnotation ist von dir gewollt 😉 Warum sich Lehrkräfte manchmal so verhalten, kann allerdings verschiedene Gründe haben: Die einen ducken sich tatsächlich weg, andere sind erschöpft von jahrelangen Belastungen, die auch gesellschaftlich nicht gesehen werde, wieder andere haben Angst. Und manch einer ist einfach mit so vielen Zusatzaufgaben zugekleistert, dass mehr einfach nicht mehr möglich ist (Der Beitrag von Dominik Schöneberg bringt das imo sehr gut auf den Punkt).
    Als Systembetreuer habe ich an sich irre Möglichkeiten der Schulentwicklung. Aber wir haben zwei Jahre Pandemie hinter uns, die Leute sind einfach nur noch müde. Von daher beschränke ich mich gerade auf die Initiierung von Prozessen, die der Schule als solches gut tun. Ihr Arbeit abnehmen. Aber auch hier gab es zu Beginn die üblichen Muster der Ablehnung. Als ich Anfang des Schuljahres begann, in jeder Klasse Medienwarte auszubilden, folgte erstmal wieder Unmut: Schon wieder ein Amt, das die Schüler übernehmen müssen, schon wieder Unterrichtszeit, die für die Wahl drauf geht, schon wieder Stunden, in denen die Kinder im Unterricht fehlen, wenn ich sie im PC-Raum für ihre Aufgaben ausbilde, schon wieder mal moderne Medien, die durch die Medienwarte NOCH präsenter im Unterricht werden und traditionelle Lernmethoden angeblich gefährden. Seit sich aber langsam herausschält, dass die Medienwarte den Leuten an der Schule zunehmend Arbeit abnehmen können (gut, natürlich auch mir), hat sich die Diskussion gedreht: Wenn es im Unterricht technisch mal schiefläuft, muss man mich nicht mehr aus dem Unterricht oder Lehrerzimmer holen, damit ich ein Kabel austausche. Das machen die Medienwarte in der Klasse vor Ort. Sie helfen bei der Verkabelung und dem technischen Setup bei Abendterminen – und der Musiklehrer, der das früher immer alleine übernommen hat, kann sich jetzt etwas zurücknehmen. Die Medienwarte führen die Kleinsten in die Arbeit mit unserer Lernplattform ein – und die anwesende Lehrkraft muss lediglich Aufsicht führen. Sie erstellen für unser Schulhaus für unsere Kleinsten eine digitale Schnitzeljagd – und schwupps haben die Klassleiter der künftigen fünften Klasse eine Aufgabe weniger zu erledigen. Sie müssen die Kiddies nicht mehr stundenlang durch das Schulhaus führen. Die Kinder orientieren sich einfach selbst.
    Solche Erleichterungen herauszuarbeiten und in den Vordergrund zu stellen, finde ich aktuell am Wichtigsten. Schulentwicklung soll nicht vorrangig Arbeit machen, sondern langfristig einsparen. Dazu gehört es, sich zunächst des vorhandenen Potenzials bewusst zu werden. Oft läuft an den Schulen schon sehr viel an Prozessen und Entwicklung, aber oftmals einfach ungebündelt nebeneinander. Wenn man hier beginnt, Symbioseeffekte rauszuarbeiten, nimmt man den Leuten das Gefühl, dass das einfach noch ein zusätzlicher unschaffbarer Berg an Arbeit ist. Sondern uns tatsächlich als Schule weiterbringt.

  8. Ein Beispiel aus grauer Vorzeit, dass es auch anders geht: mein Schulleiter bat einen Kollegen und mich in den 2000er Jahren, an einem professionell geplanten schulbezogenen Projekt von Microsoft teilzunehmen und als Multiplikator für das Kollegium zu fungieren, um eine grundlegende Einführung in die Computernutzung im Unterricht und um den Unterricht herum zu erreichen. Als Bonbon gab es für jeden erfolgreichen Teilnehmer die Lizenz für das damals aktuelle Office-Paket, eine brauchbare Handreichung und eine kleine Handvoll Software.
    Ausnahmslos alle KollegInnen haben auf freiwilliger Basis in unbezahlter Wochenend-Mehrarbeit (ca.12 Stunden) an dieser Maßnahme in Präsenz engagiert und von ihrem jeweiligen Niveau aus auch erfolgreich teilgenommen. Und das ist ein Beispiel von vielen, dass die Kollegien oft besser sind als ihr Ruf. Allerdings müssen die meisten ihre Belastungen sehr bewusst steuern und ihre Kräfte auf das konzentrieren, wofür es sich für sie zu lohnen scheint. Und das ist nicht, jedes Mal wieder neu an jeder einzelnen Schule das jeweils geforderte Rad (Lehrpläne, schülerInnenaktivierende Methoden, IT,…) neu zu erfinden, neben der Arbeit.

  9. Man kann Schule ändern wollen, wie man will, ob zum reinen digitalen Unterricht übergehen, alles nur noch in der Welt der Steve Jobs und Bill Gates erklären und abarbeiten. Jeder kann als Traumziel: Blogger oder Influencer werden, dazu bedarf es keiner besonderen Fachkenntnisse, nur das Wissen für die richtigen ‘Clicks’! Wir können alle nur noch studieren, am Besten Fächer, wie: Den Namen rückwärts tanzen/ Esotherik ganz vorne oder die Zubereitung von gewaltfreiem Erdbeertee, in sanfter Methode, es ändert aber nichts an den Tatsachen, dass Lernen, genau wie vor Hundert Jahren, am eigenen Willen und einer gewissen ‘Chuzpe’, einem keiner abnehmen kann! Denn, genau wie vor hundert Jahren sind die Matheformeln noch dieselben, die Deutsch-Grammatik-Regeln immer noch zu viele, die Chemie-Formeln nur durch Auswendiglernen zu begreifen (einige wenige Hochbegabte können sie sogar erklären!), wichtig ist doch, dass den Schülern überhaupt die Grundbegriffe des Lebens und sozialen Miteinanders begreiflich gemacht werden! Übrigens, ich gebe zwei Schülern Nachhilfe in Deutsch/ Erdkunde und Englisch, weil die Schule das nicht mehr verständlich vermitteln will (kann). Dabei sind die Deutsch-Regeln immer noch die gleichen (oder dieselben?!), die Länder, mit ihren Hauptstädten liegen nach der Erdverschiebung immer noch an den gleichen Stellen und das ‘The’ wird immer noch von den meisten Schülern falsch ausgesprochen! Und wenn mir Jemand das verständliche Lesen von Gedichten beibringen wollte, dann waren das Menschen aus der älteren Generation, die es wirklich noch verstanden haben! Und vor Allem: Die noch Gedichte auswendig lernen mussten! ‘Nicht für die Schule, sondern für das Leben lernen wir’! Immer noch! Daran wird sich auch nichts ändern, da können wir die Schule auf eine Wiese oder in den Wald verlagern: Lernen bleibt lernen! Und wer den Spruch mit dem lernen für das Leben gemacht hat, kann ja jeder gern googlen!

  10. Der Unwille so mancher Lehrkräfte betrifft wohl nicht nur den digitalen Unterricht. Es geht generell um die Bereitschaft, einen zeitgemäßen und an der Lebenswirklichkeit der Kinder und Jugendlichen orientierten Unterricht anzubieten. Das verlangt von uns, dem Lehrkörper, die geschützte Komfortzone der althergebrachten Methoden und Inhalte zu verlassen. Aber: Solange das anachronistische Schulsystem in Deutschland nicht die Leistung, sondern vor allem die Treue seiner bitte schön passiven Staatsdiener belohnt, bleibt zum Beispiel der handlungsorientierte Unterricht, bleiben Projekte an den weiterführenden Schulen die Ausnahme. Deren Vorbereitung und Umsetzung erfordern, wie hier in der Diskussion bereits mehrfach betont, ein zusätzliches Engagement, zu dem nur die einigen wenigen „Willigen“ bereit sind. Dabei sind es gerade die innovativen Projekte, in denen die jungen Menschen sich selbst besser kennenlernen und auf die Herausforderungen des Erwachsenenlebens vorbereiten können.
    Das alles beobachte ich in meiner zweifachen Rolle als Lehrerin und als Mutter und ich leide auch zweifach. Nur, als Lehrerin mag ich einige Kolleginnen und Kollegen sympathisch finden, auch wenn sie sich einfach mit den Gegebenheiten an der Schule arrangieren und nicht klagen, aber innerlich längst gekündigt haben. Vielleicht schätze ich sie noch für ihren Humor, die Gemütlichkeit, die Geselligkeit oder den Gleichmut, den sie in der „eingeschlossenen Gesellschaft“ des Lehrerzimmers zeigen.
    Als Mutter gehen mir aber solche Lehrkräfte kräftig auf den Senkel, weil ich merke, wie meine Kinder unter ihrem altertümlich wirkenden Frontalunterricht leiden. Sprich: Einigen meiner Kolleginnen und Kollegen würde ich meine Kinder nie im Leben anvertrauen, wenn ich nur die Wahl hätte. Aber weder ich noch meine Kinder haben die Wahl. Eine Wahlfreiheit setzt voraus, dass sich der Unterricht einer Qualitätsprüfung unterzieht und danach messen lässt. Doch davon sind wir ganz weit entfernt.

    Dabei bringen wir den Kindern im Politikunterricht bei, dass der demokratische Staat den Willen seiner Bürgerinnen und Bürger auf verschiedenen Politischen Ebenen umsetzt. Im System Schule können wir aber immer noch nicht vom Demokratieprinzip, sondern vielmehr vom Demokratiedefizit sprechen. Das intransparente Schulsystem, das vor allem sich selbst bedient und aufrechterhält, und zwar mithilfe von Privilegien, die es an seine Dienstknechte verteilt, ist bekanntenweise nicht reformfähig. Diejenigen Lehrkräfte, die sich dennoch in der eigenen Schule engagieren, tun es auf eigene Kosten. Wenn sie nicht erfolgreich ausgebremst werden, dann werden sie zu Einzelkämpfern und leisten Mehrarbeit, ohne dass sie an anderen Stellen entlastet werden. Die meisten werden dann aus Selbstschutz früher oder später aufgeben.

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