Noten und Zensuren sind so etwas wie der große pinke Elefant im Raum, über den keiner redet. Sie sollen Rückmeldungen über Lernleistung sein, aber dafür taugen sie nicht. Im Gegenteil: Noten sind demotivierend oder konditionieren im schlimmsten Fall auf eine Motivation, die sich nur durch externe Faktoren erzeugen lässt. Ein Kommentar. 

Da war sie wieder, eine dieser Diskussionen auf Twitter, von der keiner der Beteiligten etwas hatte. Es ging – mal wieder – um Noten. Diese leidige Diskussion. Bevor ich meine Meinung erkläre, drei kurze Anmerkungen.

  1. Dies ist ein Redebeitrag. Mir ist klar, dass ich dadurch weder im großen noch im kleinen etwas ändern kann.
  2. Ich gebe natürlich Noten, sie werden als streng, aber fair wahrgenommen. Mein Ziel ist es, eine Rückmeldung zu geben, die möglichst transparent zeigt, inwiefern jemand ein Thema durchdrungen hat. Deshalb arbeite ich auch mit langen Kommentaren.
  3. Ich selbst habe verschiedene Systeme erlebt. 13 Jahre Waldorfschule, davon 8 de facto ohne Noten und weitere 5 mit Punkten, eine amerikanische High School, in der es für jedes Aufräumen Punkte gab und natürlich das staatliche Schulsystem

Eine Anekdote

In der Waldorfschule muss man eine sogenannte Jahresarbeit machen. In der 12 Klasse hat man ein halbes (bzw. ein Jahr) Zeit, sich mit einem Thema, das einen interessiert, vollumfänglich zu befassen. Am Ende werden Präsentationen vor der ganzen Schule gehalten. Ich kann mich an einige wenige erinnern, darunter an den Schüler, der in dem Jahr einen Trabbi komplett entkernte und neu aufbaute, an Schüler, die sich komplexe Stücke von Musikern vornahmen und natürlich an mich, der sich mit dem Schreiben eines Theaterstücks übernahm. Ungemein Lehrreich war das, arbeitsreich und vor allem: Es hat unheimlich viel Spaß gemacht.

Mein damals bester Freund, der auf ein Gymnasium ging, fragte mich in dieser Zeit, welche Note wir für diese Arbeit bekämen. Als ich antwortete, dass wir keine Noten, sondern eine Rückmeldung bekommen, konnte er es schier nicht glauben. Nein, wir streichen das schier. Er konnte es nicht verstehen. Es war ihm unmöglich. Damals verstand er nicht, warum wir keine Noten bekommen und ich verstand ihn nicht. Ich verstand nicht, wie es ihm unmöglich schien, anzuerkennen, dass man etwas tut, weil man es bestmöglich annehmen, aneignen und sich damit beschäftigen möchte (ja, der Wille spielte bei den meisten eine Rolle, wenngleich natürlich die Aufgabe von der Schule gestellt wurde).

Kleine Schlussfolgerung

Mittlerweile verstehe ich ihn mehr. In den verschiedensten Gebieten sind wir alle konditioniert. Jeder Lehrer und jeder Schüler weiß, dass es eine Auszeichnung für den Unterricht ist, wenn die Schulglocke überhört wird. Warum? Weil es unglaubliche Spannung braucht, um seine eigene Konditionierung (es klingelt: Flucht) zu ignorieren. Mittlerweile habe ich das für mich auch auf Noten übertragen. Ein Projekt ist dann spannend und gelungen, wenn nicht direkt nach den Noten gefragt wird.

Was leisten Noten?

Kommen wir zurück auf die wenig gewinnbringende Diskussion auf Twitter. Die Argumente desjenigen, der für Noten plädierte, war vor allem: Noten seien präzise.

Worauf keine Antwort kam, war die fundamental wichtige Frage: Präzise in Bezug auf genau was?

In meiner App „Teacher Tool“ sind die verschiedene Notensysteme der Welt festgehalten. Diese unterschieden sich fundamental. Das eine geht von 1-6, dann von 20-1 und so weiter. Was bedeutet das in Bezug auf das Präzisionsargument? Was ist präziser?

Und da haben wir nur eine einzelne Komponente, denn: Nach den offiziellen Richtlinien sollen Noten objektiv, reliabel und valide sein. Auch hier: In Bezug auf was? Wenn Deutschlehrer strikt nach einem zuvor in einem Lehrerband gelesenen Erwartungshorizont bewertet, dann ist die Note 3 vielleicht reliabel in Bezug auf diesen Horizont, nicht aber in Bezug auf die tatsächliche Qualität der Argumentation.

Und was genau soll 3 dann aussagen? Befriedigend, klar. Aber das bedeutet genau was?

Kurz: Selbst wenn man Noten nur innerhalb einer bestimmten Dimension betrachtet, leisten sie wenig. Und da fangen die Probleme gerade erst an.

Was Noten auslösen

Auch wenn viele das nach und nach ausblenden: Noten erfüllen Zwecke, die meist nicht beabsichtigt sind. Denn dadurch, dass eine Ziffer eine Kompetenz nicht erfassen kann, zwingt sie eine mehrdimensionale Tätigkeit in eine unverrückbare Zahl.

Ein Schüler, der den Inhalt von etwas erfasst, es aber nicht ausdrücken kann: 3

Ein Schüler, der wunderbar formuliert, aber den Inhalt nicht erfasst: 3

Ein Schüler, der alles ein bisschen kann: 3

Die pure Willkür.

Und die soziale Dimension haben wir noch gar nicht betrachtet. Jemand, der nach einer langen Durststrecke viel arbeitet und sich reinhängt und dennoch eine 5 bekommt, weil er den Ansprüchen nicht genügt – was soll der von den Ziffern halten?

Noten zeigen, dass es nicht darauf ankommt, was du machst. Noch nicht einmal, wie du es machst. Sondern nur, was am Ende herauskommt.

Operandes Konditionieren als Neugierkiller

Kommen wir auf die Anekdote von oben zurück und bringen es auf einen einfachen Satz, den, so meine ich, viele Lehrer bestätigen können: Wer nur etwas tut, wenn er dafür etwas bekommt, sieht nicht ein, warum er etwas tun soll, wenn er dafür nichts bekommt.

Die Frage geht also über die Schule hinaus: Wollen wir in einer Welt leben, in der jeder die Dinge nur dann tut, wenn er eine Entlohnung erhält? Was bedeutet das für das Ehrenamt, für die gegenseitige Hilfe, für die Demokratie?

Wer das dick aufgetragen findet, sollte nur mal in die Zeitung schauen, oder besser: Schüler fragen, was sie später arbeiten wollen. In vielen Fällen geht es ums Geld. Und natürlich ist das ein Faktor, aber es unterliegt einem Denkfehler, dem hinterher zu rennen.

Eine Gleichung

Ich mache es mir mal einfach und ignoriere soziale Faktoren und Ausgangsvoraussetzungen, die natürlich eine große Rolle spielen. Dann wird es folgendermaßen laufen: Die, die etwas mit Freude machen, machen viel davon, weil sie es nicht müssen, sondern wollen. Die die mehr machen, werden besser in dem was sie machen. Und die, die mehr machen und besser werden, bekommen die Jobs. Ich weiß, ich weiß – vereinfacht.

Aber der Punkt sollte klar sein: Wer etwas nur aufgrund eines (angezogenen) Drängens nach einem Gegenwert tut, hat nicht dieselbe Möglichkeit, Freude, Erfüllung und Spaß an dem zu finden, was er tut. Und jeder der schon ein paar Jahre gearbeitet hat, weiß, wie wichtig das ist.

Kompetenzen für das 21. Jahrhundert

Jeder, der sich ein wenig mit den Kompetenzen beschäftigt, die im 21. Jahrhundert eine Rolle spielen, wird mit Begriffen wie „Gruppenarbeit“, „Kommunikation“ und „Kreativität“ konfrontiert. Alles Felder, die nicht nur schwer mit Noten beziffert werden können, sondern bei Prüfungen schlicht keine Rolle spielen.

Das heißt, wir bewerten nicht nur falsch, sondern wir bewerten auch das Falsche.

Alternativen

Oftmals wird dem Kritiker ja der Vorwurf gemacht, dass er keine Alternative zur Kritik bietet. Das ist hier auch so. Denn zweifellos machen Noten es demjenigen, der sie verteilt, einfacher, seine Schüler zu klassifizieren. Die Frage ist nur, ob das erstrebenswert ist.

Mit Sicherheit ist es keine Alternative, „Bausteine“ für die Rückmeldung zusammen zu fügen. Aber es muss in eine Richtung gehen, wo Schülern aufgezeigt wird, was sie verbessern können, was sie gut machen und wo sie schon gut sind, anstatt ihnen zu zeigen, dass alles, was sie gemacht haben, auf eine Ziffer hinausläuft.

Das Wie bleibt die große Frage. Keine Frage aber ist die Grundforderung: Schafft die Noten ab!

Was meint ihr zu dem Thema? Wie beurteilt ihr Noten? Welche Alternativen seht ihr?

 

6 KOMMENTARE

  1. Lieber Bob,
    ein mutmachender Text. Ich unterrichte in Paraguay. Obwohl das Notensystem ein ganz anderes ist, beobachte ich die gleichen Tendenzen, die oben beschriebenen werden.
    Ich bin ein junger Lehrer, habe gerade erst einmal drei Jahre unterrichtet.
    Aus diesem Grund wünsche ich mir oft noch viel mehr Input und Umsetzungsvorschläge, wie man die „Frage nach dem Wie“ hilfreich beantworten kann.
    Vielen Dank für diese Anregungen am Sonntagmorgen ?

  2. Mich erinnert dies System wie Du es beschreiben hast, an die „Animal School“ von George H. Reavis. Denn so läuft das System ja leider.
    Sehe es gerade bei meiner Tochteer in Latein. Sie arbeitet wirklich hart und hat eine 5 auf dem Zeugnis. Auf unsere Frage an den Lehrer, was genau das Problem ist, meine dieser „Sie braucht Nachhilfe“. Als ich nachbohrte, woran es denn genau liegt erhalte ich die erschöpfende Auskunft „An ihren letzen Klassenarbeiten“. Noch genau nachgefragt, ob es 1. ein Scherz war, 2. ob es an Grammatik, Vokabeln, … lag kristallierte sich heraus, das er das eigentlich gar nicht so genau wußte und dann aus der letzten Arbeit zwei „Beispiele“ zeigte.
    Und da ist das Problem mit Noten. Es geht hier nicht um Motivation, sondern um Demotivation. Es geht um Bewertung und nicht um Förderung. Es geht um statistische Vergleichbarkeit, aber nicht um Leistungssteigerung.
    Schade.

  3. Hallo Bob, wir kennen uns von der Berlinfahrt. Ich lese, da ich dir auf Twitter folge, schon lange fast alles von Dir. Dieser Blogeintrag trifft Mal wieder voll meine Beobachtung; 10 Jahre Abiturkorrektur ernüchtern. Leider hast du auch keine Lösung. Wahrscheinlich müssten wir wirklich in der Grundschule anfangen und der Waldorfidee nachfolgen. Aber du wirst nicht leugnen können, dass diese Idee auch nicht für alle der richtige Weg ist. Ganz wichtig sind für mich die von dir beschriebenen Stunden, in denen der Gong überhört wird. Wie kommen wir zu möglichst vielen solchen Stunden?
    Danke – Mal wieder – für deine Anregungen! Schönen Sonntag noch!

  4. Den Punkt mit der Benotung einer mehrdimensionalen Tätigkeit kann ich voll und ganz nachvollziehen. Mir als Englischlehrer fällt es auch schwer – manche SuS haben einen grauenhaften Ausdruck, treffen aber regelmäßig die wichtigsten Punkte im Erwartungshorizont und erhalten somit oft noch eine 3. Andere haben einen ganz wunderbaren Ausdruck, aber schreiben nicht so ausführlich und übersehen einige Aspekte. Auch sie bekommen eine 3. Es fühlt sich für mich als Lehrer unbefriedigend an, solche Fälle einfach gleichzusetzen.

    Dennoch kann ich die Grundforderung, Noten abzuschaffen, nicht vollen Herzens unterschreiben. In meiner noch kurzen Unterrichtserfahrung habe ich beobachtet, wie Noten durchaus auch leistungsmotivierend sein können. Dabei kommt es auf die Tätigkeit an.
    Bei einem spannenden Projekt vergessen selbst die notengeilsten SuS im Prozess die Note und gehen im Flow auf. Was aber ist mit Vokabellernen? Ich bin dazu übergegangen, selbst in der Oberstufe Vokabelteste schreiben zu lassen, weil SuS tendenziell einfach keine Vokabeln lernen, wenn sie nicht abgefragt werden. Es ist eine mühselige Tätigkeit, Vokabeln zu lernen, ich weiß; schöner wäre es, sie würden Wortschatz durch Bücher, Serien etc. aufsaugen, tun viele aber nicht. Ich halte es aber für essentiell, einen möglichst breiten Wortschatz zu haben und merke auch, dass sich da oft die Spreu vom Weizen trennt.

  5. Dieser Kommentar spricht mir aus der Seele!

    Als das deutsche Schulsystem entstand, wusste man viel weniger als heute über das Lernen – und noch weniger über kindliches Lernen. Hauptziel waren funktionierende preußische Untertanen, die möglichst produktiv für die Arbeitswelt sein sollten. Das ganze Schulsystem war darauf ausgerichtet – und so sieht es auch heute noch aus. Daher rühren die zeitliche Einteilung in 45-Minuten-Stunde, die Zersplitterung des Wissens in unzusammenhängende Schulfächer, die Zensuren um Normieren und Vergleichen zu können.
    Deshalb kann es aus meiner Sicht in dieser Diskussion nicht allein um Noten gehen.
    Seit Ende des 19 Jahrhunderts pocht die Reformpädagigik auf eine didaktischen Ausrichtung des Unterrichts anhand der Lebenswelten und Erfahrungen der Kinder statt einer Orientierung an Unterrichtsstoffen oder organisatorischen Gesichtspunkten.
    Wir brauchen nicht nur die Abschaffung der herkömmlichen Noten, wir brauchen eine Bildungsrevolution! Lehrkäfte als beratende Wegbegleiter, ganzheitliches Lernen, gemeinsame Projektarbeit, individuelles Lernen, individualisiertes Lernen im eigenen Lerntempo! Lernmotivation statt -konditionierung! Und in der Tat: statt Noten eine Beurteilung über vielschichtigere, kommentierende Feedbacksysteme.

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