SOZIALSTUDIE: Ein Drittel der Jugendlichen in Deutschland fühlt sich von Lehrkräften nicht beachtet

Bob Blume
I
5. Juli 2024
3 Kommentare

Eine neue Sozialstudie beleuchtet, wie Kinder und Jugendliche in Deutschland ihre Lebenssituation wahrnehmen. Dabei gaben knapp 90 Prozent der Jugendlichen an, sich normalerweise gerecht behandelt zu fühlen. Für 73 Prozent von ihnen sind Ungerechtigkeiten die Ausnahme. Allerdings erfahren Jugendliche aus Familien mit niedrigem sozioökonomischen Status häufiger Ungerechtigkeiten als jene aus wohlhabenderen Verhältnissen. Auch Kinder haben überwiegend eine positive Sicht auf ihr Leben, wobei über 90 Prozent berichten, mehr positive als negative Erfahrungen zu machen. Anders sieht es jedoch aus, wenn sie die Welt betrachten: Nur 37 Prozent glauben, dass auf der Welt mehr gute als schlechte Dinge geschehen. Diese Ergebnisse stammen aus einer aktuellen Sozialstudie.

Die Studie zeigt, dass der soziale Hintergrund der Eltern einen erheblichen Einfluss auf das Empfinden von Ungerechtigkeit bei Schülerinnen und Schülern hat. Drei von vier Jugendlichen glauben, keinen Einfluss auf die Politik zu haben. Viele Jugendliche sorgen sich besonders um ältere Menschen. Es gibt erhebliche Unterschiede in der Wahrnehmung von Gerechtigkeit unter Kindern und Jugendlichen in Deutschland, wobei der sozioökonomische Status der Eltern eine entscheidende Rolle spielt. Dies ergab die Sozialstudie 2023/24 zum Thema Gerechtigkeit, die im Auftrag der Bepanthen-Kinderförderung von der Universität Bielefeld durchgeführt wurde. An der Studie nahmen insgesamt 1.230 Kinder (6 bis 11 Jahre) und Jugendliche (12 bis 16 Jahre) teil, wodurch ein repräsentatives Stimmungsbild entstanden ist. Auch die Erfahrungen im Bildungssystem wurden untersucht.

Etwa ein Drittel hat jedoch den Eindruck, dass es den Lehrkräften egal ist, wie es ihnen geht, und fühlt sich gegenüber anderen Mitschülern benachteiligt.

Etwa ein Drittel hat jedoch den Eindruck, dass es den Lehrkräften egal ist, wie es ihnen geht, und fühlt sich gegenüber anderen Mitschülern benachteiligt.

Etwa ein Drittel fühlt sich von den Lehrkräften benachteiligt

Die Mehrheit der Kinder und Jugendlichen – 78 Prozent – empfindet die Schule als gerecht. Neun von zehn Schülerinnen und Schülern kommen gut mit Lehrkräften und Mitschülern aus. Der Umgang unter den Schülerinnen und Schülern ist meist fair und die Mehrheit fühlt sich von Lehrern respektiert. Insgesamt empfinden etwa 22 Prozent der Kinder Ungerechtigkeit in der Schule. 76 Prozent der Jugendlichen fühlen sich in ihrer Meinung von Lehrkräften respektiert. Etwa ein Drittel hat jedoch den Eindruck, dass es den Lehrkräften egal ist, wie es ihnen geht, und fühlt sich gegenüber anderen Mitschülern benachteiligt.

Der sozioökonomische Status der Familien spielt hierbei eine große Rolle: Ein niedriger SOES geht häufiger mit negativen und als ungerecht empfundenen schulischen Erfahrungen einher – sowohl hinsichtlich der Meinungsfreiheit als auch der Klassengemeinschaft und der Beziehung zu Lehrkräften und Mitschülern. Jugendliche aus Familien mit niedrigem sozioökonomischen Status haben seltener einen positiven Eindruck von ihrer Klassengemeinschaft: Nur 67 Prozent glauben, dass die Mitschüler fair miteinander umgehen, während bei Jugendlichen aus Haushalten mit höherem SOES 84 Prozent diesen fairen Umgang wahrnehmen. Auch das Gefühl, in der Schule die Meinung frei äußern zu können, ist bei Jugendlichen aus niedrigen SOES-Familien seltener (55 Prozent) als bei Jugendlichen aus höheren SOES-Familien (80 Prozent).

Es wird deutlich, dass das Demokratieverständnis von Jugendlichen – ob sie mit der Demokratie in Deutschland zufrieden oder unzufrieden sind – mit der empfundenen Meinungsfreiheit zusammenhängt. Unzufriedene Jugendliche fühlen sich in ihrer Meinungsfreiheit eher eingeschränkt: 42 Prozent haben das Gefühl, in der Schule ihre Meinung nicht frei äußern zu können, und 28 Prozent können Fragen nicht offen stellen. Bei Jugendlichen, die zufrieden mit der Demokratie sind, liegen die Anteile bei 23 bzw. 12 Prozent.

Viele Jugendliche fühlen sich machtlos und von der Politik unbeachtet

Viele Jugendliche fühlen sich machtlos und von der Politik unbeachtet. Ein weiteres wichtiges Ergebnis der Befragung ist, dass die Mehrheit der Jugendlichen (78 Prozent) keinen Einfluss auf die Regierung sieht, trotz Bewegungen wie „Fridays for Future“. 72 Prozent sind überzeugt, dass Politiker sich wenig für die Meinungen der Jugendlichen interessieren. Mehr als die Hälfte (57 Prozent) glaubt nicht, dass Politiker die wichtigsten gesellschaftlichen Probleme lösen wollen.

„Besonders überraschend ist, dass die Kinder und Jugendlichen eine klare Vorstellung davon haben, wie eine gerechte Gesellschaft aussieht, diese aber in ihrer Lebensrealität oft nicht wahrnehmen“, sagt Studienleiter Prof. Dr. Holger Ziegler von der Universität Bielefeld. „Obwohl sie sich von der Gesellschaft und der Politik nicht genügend beachtet fühlen, sorgen sie sich trotzdem um andere Bevölkerungsgruppen, wie Rentner.“

Ziegler erklärt, dass die wichtigsten Ergebnisse mit den Themen Bildung, Inklusion, Chancengleichheit, und Unterstützung für alte und arme Menschen verbunden sind. „Erschreckend ist, dass die Jugendlichen diese Aspekte in der Praxis wenig repräsentiert sehen. In ihrer Wahrnehmung fühlen sie sich von der Politik ungesehen und ungehört“, so Ziegler, Professor für Soziale Arbeit.

Jugendliche aus Familien mit niedrigem sozioökonomischem Status (SOES) erleben deutlich mehr Ungerechtigkeit als jene mit höherem SOES. 37 Prozent der Jugendlichen aus Haushalten mit niedrigem SOES empfinden Ungerechtigkeit als normal, während dieser Anteil bei Jugendlichen aus wohlhabenden Familien bei 18 Prozent liegt. Diese Unterschiede zeigen sich bereits bei Kindern im Alter von sechs bis elf Jahren: 14 Prozent der Kinder aus Familien mit hohem SOES empfinden Deutschland als ungerecht, bei Kindern aus niedrigem SOES-Haushalten sind es 59 Prozent.

Die Studie zeigt auch, dass 65 Prozent der Jugendlichen der Meinung sind, dass zu wenig für Rentner getan wird. „Das Vorurteil, dass die junge Generation nur an sich selbst denkt, bestätigt sich in unserer Studie nicht“, so Ziegler. Weitere wichtige Anliegen der Jugendlichen sind gleiche Lebensbedingungen und Bildung (jeweils 62 Prozent) sowie Unterstützung für Arme und eine gerechte Verteilung von Vermögen und Einkommen (jeweils 61 Prozent). Umwelt und Klima sind für 50 Prozent wichtig. Diese Ergebnisse spiegeln sich auch bei den befragten Kindern wider, die bereits ein starkes Gerechtigkeitsempfinden zeigen: 83 Prozent geben an, wütend zu werden, wenn andere ungerecht behandelt werden.

3 comments on “SOZIALSTUDIE: Ein Drittel der Jugendlichen in Deutschland fühlt sich von Lehrkräften nicht beachtet”

  1. Diese Studie deckt unter anderem auf, become eigentlich schon längst klar ist (ich fokussiere mich hierauf, obwohl die Studie selbstverständlich noch viel mehr zeigt, als guy in einem verkürzten Diskurs in einer Komentarspalte erörtern kann):
    Jugendliche aus einkommensschwachen Familien haben es in unserem Bildungssystem deutlich schwerer. Es ist empörend, dass der soziale Hintergrund so stark darüber entscheidet, wie gerecht Jugendliche ihre Schulzeit empfinden. Das ist nichts anderes als eine himmelschreiende Ungerechtigkeit! Gleichzeitig erweist sie ein Zeugnis der politischen Tendenzen die auch nicht zuletzt durch das Ergebnis der Europawahl Eingang in den politischen und medialen Diskurs geführt haben.
    Sich davor zu verschließen und fiskalbedingte Investitionslücken hinzunehmen halte ich für die ökonomische Beständigkeit unserer Volkswirtschaft sowie der noch viel wichtigeren Bildung von Heranwachsenden als äußerst gefährlich und mit fatalen Folgen behaftet.

  2. Ja ... so ist das und so war das immer in Gymnasien.
    Der Grund ist klar .... allle Lehrkraefte sind immer wieder voll ueberfordert und muessen sich schuetzen .... wovor?
    Vor den Anspruechen, die Jahr fuer Jahr mehr werden.
    Und die Kinder immer schwieriger, weil

    sie immer juenger werden, oder schlicht gesagt, die Lehrkraefte immer aelter werden.
    Was fehlt ist
    Supervision
    Beratungsarbeit in der Schule.
    Ich war seit 1983 Beratungslehrer in Nds bei LG und spaeter DAN / Elbe.
    Habe dann mal aufgegeben - 4 Std Entlastung pro Woche, und alle Probleme der gesamten Schule auf den Schultern.
    Sehr viel gelernt, in der Tat.
    Supervisionsgruppe dann begonnen mit 15 TN 1 x im Monat.
    Bis dann der neue Chef kam, ca 5 jahre juenger als ich.
    In meinem Gym arbeiten Sie bitte mit den Schuelern und nicht den Lehrkraeften.
    Das ist eine Anordnung und keine Meinung.
    Also Bewerbung ins Ausland.
    Aus die Maus, sagte die Katze (Kafka).
    Kindly yours from OZ
    P H Bloecker, Director Of Studies and Retired since Aug 2015.

  3. Ja ... so ist das und so war das immer in Gymnasien.
    Der Grund ist klar .... allle Lehrkraefte sind immer wieder voll ueberfordert und muessen sich schuetzen .... wovor?
    Vor den Anspruechen, die Jahr fuer Jahr mehr werden.
    Und die Kinder immer schwieriger, weil

    sie immer juenger werden, oder schlicht gesagt, die Lehrkraefte immer aelter werden.
    Was fehlt ist
    Supervision
    Beratungsarbeit in der Schule.
    Ich war seit 1983 Beratungslehrer in Nds bei LG und spaeter DAN / Elbe.
    Habe dann mal aufgegeben - 4 Std Entlastung pro Woche, und alle Probleme der gesamten Schule auf den Schultern.
    Sehr viel gelernt, in der Tat.
    Supervisionsgruppe dann begonnen mit 15 TN 1 x im Monat.
    Bis dann der neue Chef kam, ca 5 jahre juenger als ich.
    In meinem Gym arbeiten Sie bitte mit den Schuelern und nicht den Lehrkraeften.
    Das ist eine Anordnung und keine Meinung.
    Also Bewerbung ins Ausland.
    Aus die Maus, sagte die Katze (Kafka).
    Kindly yours from OZ
    P H Bloecker, Director Of Studies and Retired since Aug 2015.

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