Es ist ja auch schwierig, mit dieser ewigen Differenzierung und den verschiedenen Meinungen und deshalb muss man den Journalismus in Schutz nehmen: Sich über Lehrerinnen und Lehrer aufzuregen, gibt einfach die bessere Klickzahlen. Und weil jeder weiß, was ein Lehrer macht, weil er mal Schüler war, hat auch jeder das Recht, in den Reigen einzustimmen. Weil ich aber als Zeitungsleser auch weiß, was ein Journalist macht, schreibe ich nun eine Kolumne, die keine Zeitung drucken möchte (ich hab’s probiert).  In dieser möchte ich mit ein paar Details langweilen, ein wenig aus der Innensicht eines Lehrers berichten und dafür plädieren, dass wir nicht auch ab und an diejenigen in den Blick nehmen, die ihr Bestes geben. 

Vor zwei Wochen schrieb mich eine Person an, die ich hier Almut nennen möchte. Sie wollte mir drei Dinge mitteilen. Erstens hatte ich in einem Post einen Rechtschreibfehler gemacht, was als Deutschlehrer, als der ich mich auf Instagram stilisiere (kann man das überhaupt?) nicht gehe. Irgendwie hat sie da ja Recht, zumal das bei keiner anderen Profession so sehr eingefordert wird wie bei den Lehrern. Als mediale Bestrafung, so sagte sie, sei sie mir entfolgt, was, so kann man sich vorstellen, mein Herz natürlich sofort bluten ließ. Und dann, so fügte sie hinzu, solle ich mich nicht so anstellen, denn ich hätte ja seit 7 Wochen nichts zu tun. Das wisse sie von ihrem Mann, der auch Gymnasiallehrer sei und nur einmal die Woche bei einem Kaffee seine Homeschooling-Aufgaben verteile. Ich verzichtete auf Zurechtweisungen oder Fragen, ob sie schon einmal über das Arbeitsverhalten ihres Mannes nachgedacht hatte und dachte: Irgendwie hat die Almut ja einen Punkt. Sie zeigt ganz deutlich, was passiert, wenn man nur einen Lehrer kennt. Oder wenn man nur ganz bestimmte Geschichten über Lehrer hört. Oder Lehrerinnen, obwohl ich vor allem die männliche Form höre und nicht sicher bin, ob Lehrerinnen mit gemeint sind.

Nichts ist so schön für einen emotionalen Wutausbruch, wie sich einen Lehrer (oder eine Lehrerin, aber sicher bin ich mir auch nicht) auf einem ergonomischen Sitzsessel vorzustellen, wie er seinen Chianti schlürft, den nächsten Toskana-Urlaub plant und hin und wieder eine E-Mail schickt, deren PDF-Anhänge für die nächsten 6 Wochen reichen. Mit faulen Säcken kann man einfach wunderbar Klicks generieren. Gut, wir haben natürlich auch von den digitalen Superlehrerinnen (Männer sind mit gemeint) und der digitalen Avantgarde gehört, aber die wurde von den Journalisten lieber mal so symbolisch überhöht, dass keiner auf die Idee kommen könnte, dass sich lebende Pädagogen dahinter verbergen könnten. So hieß es dann auch einem Titel: „Lehrer, nun habt ihr keine Ausreden mehr.“ Gerade für mich als Autor dieser Zeilen war es wunderbar, mit diesem Frame zum Pin-Up-Boy der digitalen Elite auserkoren zu werden. So ist das nun mal mit den Lehrerinnen und Lehrern. Entweder arbeiten sie unter Bedingungen von Raumschiff Enterprise oder sie sind Komplettversager auf Dauerurlaub.

Gleichzeitig hören aus den Ländern Wörter wie aus einem Nena-Lied: Irgendwie, irgendwo, irgendwann würde es schon gehen. Und beim Pflegen des Hochbeets fragt sich der Cocktail schlürfende Teilzeitpädagoge, was genau dieses Irgendwie bedeutet. Denn vielleicht hätte sowohl Politik und Journalismus ein wenig mehr auf den Rest des wundervollen Pop-Schlagers hören sollen, wo es heißt: „Gib mir die Hand.“ Leider blieb es beim „Schloss aus Sand“, zumindest was die Konzepte angeht.

Die nun zu hörenden Stimmen aus der Politik verweisen darauf, dass man sich doch an den Linklisten orientieren solle, die schon im Netz kursieren. Das ist total prima, denn in der Tat haben hunderte Lehrerinnen und Lehrer in den letzten Monaten ihre Praktiken ins Netz geschrieben. Entschuldigung, die digitale Avantgarde war das natürlich. Denn es gibt nur A und B, Hü oder Hott.

Die entscheidenden Fragen werden nicht gestellt, aber die sind natürlich auch total uninteressant. Wen interessieren schon Dinge wie

Aber wie gesagt. Kleinigkeiten. In Momenten, in denen ich Ruhepausen mache (und das sind gerade natürlich viele, ausgedehnte Momente des tiefen Friedens), denke ich mir Berufsgruppen in der Lage einiger Schulen aus.

Ich überlege mir, wie es wohl wäre, wenn die SPIEGEL-Redakteure sich in 50er-Jahre-Schulbauten treffen würden und dort auf 4/86ern mit Windows 95 versuchen würden, ihren Internet-Explorer zu starten, um die nächste Geschichte der gescheiterten Lehrer in dieses Internet zu stellen. Ich stelle mir vor, wie man Formel-1-Fahrer auf ein Rollbrett setzen und ihnen beim Start zurufen würde, dass das jetzt natürlich nicht die neuesten Rennwagen seien, aber dass sie einfach ganz fest an sich glauben sollen und vielleicht andere dazu kommen, so dass am Ende sogar eine Seifenkiste draus wird. Oh, da war schon der Startschuss. Schade, zu spät.

Aber man muss die Journalisten auch in Schutz nehmen. Denn erstens hat Rezo sie gerade zerstört (wobei: Das war eher die FAZ, aber hier stehen wahrscheinlich auch nur gute Geschichten über Lehrer). Und zweitens geht es ja, sein wir ehrlich, um Klickzahlen. Und wer will diese langweiligen Geschichten schon hören?

Wer will hören, dass manche Kollegen seit Monaten dafür sorgen wollen, dass kein Kind zurück bleibt? Dass die Eltern und Schüler*innen angerufen werden? Dass vorbeigefahren wird, um Material zu gewährleisten? Dass ganze Kollegien zusammen, ohne Hilfe der Politik Konzepte entwickelt haben? Dass Lehrerinnen und Lehrer versucht haben, das in ihrer Macht stehende zu tun, sich technisch weiterzuentwickeln, ihren Schüler*innen Audio-,Video- und schriftliches Feedback zu geben? Wer will hören, dass es dennoch nicht weiterging, weil technische Lösungen verboten wurden oder keiner wusste, ob man etwas nutzen darf oder nicht, weil der Bildungsförderalismus geradezu willkürliche Maßstäbe ansetzt? Wer möchte über die Kolleginnen und Kollegen hören, die nicht mehr können, weil sie das, was sie wollen, nicht dürfen und das, was sie dürfen, nicht funktioniert?

Möglicherweise wird es einige verwundern, die in den großen Zeitungen nur von digitalen Helden und analogen Komplettversagern hören: Es gibt sie. Die vielen, vielen engagierten Lehrerinnen und Lehrer, die alles dafür tun, dass der Unterricht gewährleistet wird und keine Schülerin und kein Schüler zurückbleibt. Und die nicht einmal Dankbarkeit erwarten, sondern einfach ein wenig Verständnis, dass man nicht in drei Monaten all das aufholen kann, was seit Jahren versäumt worden ist. Seit Jahren!

Und natürlich gibt es auch diejenigen, die zu wenig machen. Das wissen wir anderen. Und die ärgern uns auch. Aber könnten wir bitte dafür sorgen, dass auch über jene berichtet wird, die sich bis zur Erschöpfung bemühen? Und könnten wir ein bisschen weniger „Irgendwie“ haben und ein wenig mehr Unterstützung, ja? Würde das gehen?

Dann ist gut. Und nun lege ich mich wieder auf meinen weißen Diwan, der angeordnet auf meinem groben Langflor-Teppich liegt und auf dem ich Chianti saufend meinen nächsten Toscana-Urlaub plane.

 

15 KOMMENTARE

  1. Danke für dein unermüdliches Engagement und die deutlichen Worte. Schade, dass die, die eindeutig mehr tun könnten, hier mit ziemlicher Sicherheit nicht mitlesen. Der/Die Eine oder Andere könnte versehentlich aufwachen. 😉

  2. Danke Danke Danke. „Wer möchte über die Kolleginnen und Kollegen hören, die nicht mehr können, weil sie das, was sie wollen nicht dürfen und das, was sie dürfen nicht funktioniert?“ Es spricht mir aus der Seele. Und es zerreißt mich innerlich.

  3. Danke für diesen Kommentar. Ich bin selbst Lehrerin unter anderem für Darstellendes Spiel und Philosophie, zwei Fächer, die sehr von der intensiven Arbeit der Schüler*innen untereinander und miteinander lebt – Das alles war in den letzten Monaten nicht möglich und ich habe trotzdem mein Bestes versucht, den Kindern kreative Denkanstöße und sinnvolle Aufgaben zu geben.
    Und wenn ich dann lese, dass wir Lehrer*innen nur faul wären und jetzt seit Wochen frei hätten und uns darüber hinaus nun auch noch kreative Ideen für Sommerferien-Projekte überlegen sollen, obwohl der größte Anteil von längst am Limit arbeitet und dringend eine Pause braucht, dann macht mich das mittlerweile nicht mehr nur traurig, sondern auch wirklich wütend. #dankefürihreaufmerksamkeit

  4. […] LehrerInnen auf Ruhemöbeln. Heute beginnen hier die Sommerferien, da sind die die Söhne in den nächsten sechs Wochen endlich mal zuhause, und das war auch schon die Pointe. Der Hamburger Schulsenator verkündet derweil Normalität im nächsten Schuljahr und glaubt fest an den Regelbetrieb mit Sport, Theater und allem – ich glaube nichts, ich verkünde nichts. Et kütt wie et kütt. Ich bin ja halber Rheinländer, das muss sich auch einmal irgendwie ausdrücken.  […]

  5. Stimnt!
    Interessant ist doch irgendwie auch, dass ein Beruf, der viel Geld fürs Nichtstun liefert von einem großen und seit langem andauernden Mangel befallen ist: dem Lehrermangel.
    Sind alle diese edlen Menschen nicht Lehrer geworden, weil sie aus Anstand niemals soviel Geld bei gleichzeitigem Nichtstun annehmen würden? Komisch, warum wollen nur so wenige Lehrer werden? Ob das wohl Gründe hat, die auch jedem langsamen oder eingeengt denkenden Journalisten ein- oder auffallen könnten?

  6. Lieber Bob, ich habe deinen Text kopfnickend gelesen. Die Anerkennung war in Schleswig-Holstein nach 10 Schultagen zuhause verflogen. Statt applaudierender Nachbarn nur die eine Klatsche nach der nächsten. Die Bildungsexperten, die ihrerseits Homeoffice machten und die Umgestaltung von Garten und die Renovierung der eigenen vier Wände immer nur kurz unterbrachen, um sich über die Lehrer auszulassen. Was mich ärgerte war, dass die GEW in der zurückliegenden Zeit komplett unsichtbar war. Vielen Dank für deinen Text! Viele Grüße Dirk

  7. ‪Das schöne ist, wenn man dann als Schüler/in seine Lehrer in Schutz nimmt, weil man aus der Familie weiß, dass der Beruf stressig ist, wird man verständnislos angemeckert, wie man als Schüler diese faulen Unmenschen nur verteidigen kann.‬ Und auch der Vergleich „Ich war mal Schüler, ich weiß, was Lehrer machen!“ ist so als würde ich sagen: „Ich weiß, wie die Leute auf dem Bau arbeiten, ich lebe in einem Haus!“ Aber ja, ich sehe an meiner Mutter, die Lehrerin ist, ja ständig wie unglaublich einfach und überhaupt nicht zeitintensiv der Beruf ist. Natürlich.

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