Mit der App „Liquid Text“ bearbeitet man Texte auf eine fundamental andere Weise, als man es in der analogen Zeit gewohnt war. Vielleicht deutet sich hier eine tatsächliche Veränderung/ Erweiterung der Textarbeit an. Einige Ausführungen. 

Vorrede

Obwohl mir McLuhans berühmte These „The medium is the message“ durchaus in seiner Tragweite klar ist, habe ich immer mehr das Gefühl, bei digitalen Arbeitsprozessen auf der Stelle zu treten. Online kommen immer mehr interessiere und engagierte Lehrkräfte hinzu, die wissen wollen, wie man loslegen kann. Aber oftmals bedeutet die digitale Erweiterung nichts weiter als eben eine Umformung des Gegenstandes. Das ist gut und dagegen ist nichts einzuwenden. Während aber alle den Spruch „Wer einen Scheiß-Prozess digitalisiert hat danach einen scheiß digitalen Prozess“ auswendig können und ihn auf sämtliche Folien stellen, bleibt die große Frage des Wie bestehen (meistens übrigens auch die des Warum. Nur das Was kennen alle und werden Experten mit etwas, das neu und innovativ ist oder klingt, wobei der Unterschied oftmals nicht klar ist).

Mit anderen Worten: Wenn ich ein Poster nicht mit Stift, Papier und Karton mache, sondern mit Adobe Spark, habe ich ein Poster ohne Stift, Papier und Karton. Natürlich: Es lässt sich nun einfacher überarbeiten. Es lässt sich vervielfachen und archivieren. Aber das allein hört sich nicht nach Revolution an. Alleine das Abwägen erscheint auch wenig sinnvoll, denn Kreativität, kritisches Denken und Kollaboration sind auch mit dem Uhu in der Hand möglich. Es ist, so scheint es, dieses Mehr (ohne bzw. mit Mehrwert), dass die Menschen umtreibt und nach alternativen Lernformen suchen lässt, die das Digitale gleichsam als Ausgangsvoraussetzung als auch als Gegenstand der Produktion und Reflexion wahrnehmen.

Aber es gibt natürlich auch genuin „digitale Bildung“, wenn man darunter jene Prozesse versteht, die schlicht ohne digitale Infrastruktur, Plattformen oder Applikationen nicht möglich sind: Man denke an Mentimeter, überregionale Blogprojekte oder Social-Media-Vernetzung.

Veränderter Arbeitsprozess

Die App „Liquid Text“ nun erlaubt genuin anderes arbeiten. Dabei ist es gar nicht so einfach zu beschreiben, was sie leistet. Zunächst einmal lässt sich mit ihr arbeiten wie mit PDF-Expert oder Notability: Man kann also – selbstverständlich bei einer App, mit der Texte bearbeitet werden können – Sätze und Passagen markieren oder unterstreichen und (in der Pro-Version) Anmerkungen vornehmen.

Der Clou an dem System ist nun aber, dass man den Text nicht nur markieren, sondern ihn auch aus dem Text „herausnehmen“ und neu anordnen kann. Neu anordnen bedeutet dabei aber nicht nur, dass man die Textschnipsel herauszieht, sondern es bedeutet, dass man sie miteinander verbindet.

Wenn nun jene Stelle, die automatisch in dem Haupttext markiert wird, wenn man den Text entnimmt, angeklickt wird, sieht man sofort, woher der Textschnipsel stammt. Es handelt sich also um eine völlig neue Form der Reorganisiation, die Überblick über die gesamte Bearbeitung erlaubt.

In der Neubearbeitung kann man dann nicht nur verschiedene Textstücke miteinander verschmelzen, sondern sie auch aneinander ketten. Auf diese Weise arbeitet man man schon während des Lesens eine Struktur heraus. Man kann sagen, dass dies eine neue Form des digitalen Exzerpts ist.

Wenn der gesamte Text, der aus Webseiten importiert, fotografiert oder eingefügt werden kann, durchgearbeitet worden ist, kann man ihn mit Fingergesten zusammenfalten wie einen Fächer. Übrig bleiben die als wichtig markierten Stellen (oben) und die neu herausgearbeiteten Passagen (unten).

Fazit

Es dauert, bis man sich an diese Art des Arbeitens gewöhnt. Die Handhabung ist zunächst gewöhnungsbedürftig. Dennoch meine ich eine ungemeine Lernchance zu erkennen. Nicht nur, weil man durch die Überlagerung von kontinuierlichem und diskontinuierlichem Text neue Verbindungen erstellen und somit tatsächlich produktiv am Text arbeiten kann. Sondern weil diese produktive Arbeit auch gleichsam das genaue Lesen, das kritische Überprüfen und das Neuorganisieren erfordert. Es scheint zumindest so, dass hier eine wirklich innovative Form gefunden worden ist, eine Veränderung der Textarbeit herbeizuführen, die nicht nur von der einen in die andere Form digitalisiert, sondern innerhalb der Digitalität neue Möglichkeiten erlaubt. Inwiefern dies für den schulischen oder außerschulischen Gebrauch nachhaltig trägt, kann ich nicht beantworten. Ich werde weiter experimentieren.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

2 KOMMENTARE

  1. Das Importieren, Hervorheben und Umwandeln von fremden Texten innerhalb der vielen Möglichkeiten dieses Programms ist für mich auch eine Frage des Urheberrechts, denn woher weiß ich, ob der von mir im Liquid-Text zitierte Autor mit der Nutzung seiner „Texte“ auch einverstanden ist?

    • Solange das nicht veröffentlicht wird, ist das nicht von Belang. Sonst müsste ich auch jedes Mal den Autor fragen, wenn ich in einem Buch etwas anstreiche, hervorhebe oder sonst wie bearbeite.

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