Oftmals denke ich einige Wochen über ein Thema nach, das mir interessant vorkommt. Der Punkt, an dem ich die Gedanken dazu dann aufschreibe, ist meist der, bei dem eine Erkenntnis zum Vorschein kommt, die Anschlussfähig ist. Das ist hier leider (noch) nicht der Fall. Dennoch möchte ich meine Überlegungen offenlegen, um einen Anknüpfungspunkt zu haben, sobald ich weiterdenken kann – vielleicht auch mithilfe anderer. Es geht um Statik und Dynamik im Netz und deren Bedeutung für technische Systeme innerhalb und außerhalb des Netzes.

Dynamik und Statik

Um zu erklären, was ich mit Statik und Dynamik meine, bietet sich ein Beispiel an. Und zwar jenes, durch das ich zum ersten Mal verstand, was der Unterschied ist. Mein Blog wurde im Jahre 2012 ins Leben gerufen. Der Bruder eines guten Freundes erstellte eine für damalige Verhältnisse tolle Seite. Mit ein wenig zu viel Kreativität benannte ich die Kategorien: Ein B wie in meinem Namen für jede: B-Lesen, B-Logbuch usw. Kam man auf den Blog, konnte man suchen, was man brauchte. Was ich damals nicht verstand: Niemand kommt auf einen Blog und sucht etwas.

Es ist immer andersrum: Jemand sucht etwas und kommt auf den Blog. Was das für einen Unterschied macht, erkannte ich, als eben jener Webdesigner – Laurids Düllmann – meinem Blog ein Update unterzog. Der Blog wurde nicht nur generalüberholt, sondern hatte nun responsive Design – also eine Programmierung, die bei der Ausgabe „berücksichtigt“, von welchem Gerät der Blog abgerufen wird. Außerdem wurden zahlreiche mittlerweile standardmäßige Features integriert: Vorschläge, wo man weiterlesen kann, Anregungen, was einen noch interessieren könnte etc. Mit anderen Worten: Aus einem komplett statischen Blog wurde eine dynamische Seite, die dazu anregt(e), weiterzulesen.

In Zahlen bedeutete das einen sprunghaften Anstieg der Views (und später der Nutzerzahlen). Kein Wunder: Wer nun da war, konnte länger bleiben, sah Vorschläge und wurde „bei der Hand genommen“ und weitergeführt.

Auswirkungen von Technikdesign

Dieses Technikdesign ist mittlerweile nicht nur Standard, sondern die erste Stufe von vielen, wie Nutzer bei der Stange gehalten werden. Je mehr Metadaten eine Plattform sammelt, desto besser werden die Ergebnisse (keine Angst also, von meinem Blog werdet ihr nicht süchtig). Das hat zahlreiche Implikationen zur Folge, die dem oben verlinkten Artikel entnommen werden können, die sich, extrem verkürzt, aber so darstellen:

Grundsätzlich

  • Technik, die einen Inhalt darstellt, ist niemals neutral
  • Die dargestellten Inhalte sind nich nur strukturell aufbereitet, sondern auch technisch
  • Die Verbindung zwischen Inhalten hängt vom Nutzer ab

Potenziell negativ

  • Menüs bilden die Illusion, dass eine Entscheidung vom Nutzer abhängt. In Wirklichkeit bietet das Menü nur die Möglichkeiten ab, die derjenige bietet, der den Inhalt bereitstellt
  • Das, was technisch dargestellt wird, verheimlicht das, was technisch nicht dargestellt wird.
  • Der Einfluss des Nutzers auf die Darstellung ist nicht gegeben

Potenziell positiv

  • Der Nutzer erhält Vorschläge, die seiner Auswahl entsprechen
  • Die so erhaltenen Vorschläge haben das Potenzial für einen Mehrwert, der zuvor nicht gegeben war
  • Der Nutzer kann durch kritische Auswahl die Inhalte neu ordnen

Ein weiteres Beispiel dafür, was das bedeutet, kann ein Gespräch bieten, dass ich mit einer Datenanalystin von der BILD-Zeitung hatte (das Gespräch dauerte nicht lange, da meine kritischen Nachfragen sie dazu brachte, mir vorzuwerfen, es gehe mir nur um die Diskussion).

Sie sagte, dass es ihre Aufgabe sei, aus den 5 Millionen (!) täglichen Zugriffen bei Bild und Welt ein Nutzerverhalten herauszuarbeiten, das dazu führt, dass mehr Menschen die monetisierten Inhalte nutzen. In einer Art Live-Experiment, von dem der Nutzer nichts weiß, wird dann beispielsweise die „Landing Page“, also die Seite, auf die man nach einer bestimmten Aktion als erstes klickt, verändert. So sieht man, wann die Wahrscheinlichkeit höher ist, dass der Nutzer ein bezahltes Abo eingeht: Bei Brüsten, Katzen oder Unfällen beispielsweise. Der Einzelne spielt bei einer solchen Umstellung natürlich keine Rolle. Das Ganze ist Big-Data-Analyse.

Neue Erschließungsgebiete

Jeder, der heutzutage Angebote herstellt, weiß, dass diese Form der Dynamik obligatorisch ist, um „erfolgreich“ zu sein. Heutzutage würde eine Seite wie MySpace genauso wenig erfolgreich sein wie StudiVZ, weil die Statik die Gewohnheiten der Nutzer völlig ignorieren würde.

Das heißt aber auch, das Dynamik mehr umfasst als anpassbares Technikdesign. Es bedeutet, dass der Nutzer zum aktiven Part des Inhalts wird.

Es gibt natürlich immer noch Teile der Gesellschaft, die sich dem verschließen. Und das ist problematisch: Solange Geschäfte Seiten haben, die dem Nutzerverhalten diametral entgegenstehen, hat dieser keinen Anreiz, nicht bei Amazon zu kaufen. Das ist natürlich ein Problem, da ein kleines Ladengeschäft viel weniger Möglichkeiten hat, sein Geschäftsmodell digital abzubilden.

Der zweite riesige Teil der Gesellschaft, in der die Dynamik der vernetzten Welt, der Kultur der Digitalität, noch nicht angekommen ist, ist die Bildung. Halten wir uns nochmals die positiven Aspekte einer „dynamischen Umgebung“ vor Augen:

  • Der Nutzer erhält Vorschläge, die seiner Auswahl entsprechen
  • Die so erhaltenen Vorschläge haben das Potenzial für einen Mehrwert, der zuvor nicht gegeben war
  • Der Nutzer kann durch kritische Auswahl die Inhalte neu ordnen

Das alles gilt für eine frontal ausgerichtete Bildung nicht. Die Vorschläge sind vorgegeben, statisch und haben nur dann das Potenzial für einen inhaltlichen Mehrwert, wenn jemand zufällig dort sucht, was er braucht, wo er sowieso schon ist. Die Bildung ist also ein wenig wie mein Blog vor der Umstellung.

Und nun?

Wie schon oben angedeutet, sind das Gedanken, die sich zwischen Beschreibung und lautem Denken bewegen. Was bedeutet das alles nun? Was ich schon vor einiger Zeit festhielt, bleibt ein wichtiges Thema: Dynamik in dem hier vorgestellten Sinn hat wahnsinnige Vorteile, sollte aber insofern reflektiert werden, als dass der Einzelne darüber Bescheid weiß. Das gilt für Menüführung genauso wie für personalisierte Vorschläge auf Amazon und Youtube (wo wissenschaftlich belegt worden ist, dass die Vorschläge zur Radikalisierung beitragen können).

Auf der anderen Seite bedeutet das vielleicht, dass für den Bereich Bildung das Gegensatzpaar Dynamik und Statik erwähnenswert ist, sei es in einem Kontext von agilem Arbeiten oder eben ganz im Sinne einer zeitgemäßen Bildung.

Das Thema selbst treibt mich so um, dass ich mich mehr als sonst freuen würde, wenn der eine oder andere Leser seine Erfahrungen mit Technikdesign und dynamischen Systemen darlegen würde. Wo, so könnte man die Frage formulieren, sorgen technische Verfahren und Algorithmen für eine wie auch immer zu bewertende Personalisierung für den einzelnen Nutzer? Und was macht das aus uns?Ich denke, das Thema wird uns noch weiter beschäftigen.

 

 

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