DEBATTE: 4K-Kompetenzen auf dem Prüfstand

Bob Blume
I
10. Juli 2026
0 Kommentare
I
11 views

In vielen bildungsbezogenen Diskussionen werden die sogenannten 4K immer wieder als wünschenswerte Kompetenzen besprochen. Kommunikation, Kollaboration, kritisches Denken und Kreativität gelten als wichtigste Kompetenzen des 21. Jahrhunderts. Nun wurde eine Studie im Rahmen eines von der Bertelsmann Stiftung ausgezeichneten Projekts veröffentlicht, die beansprucht zu zeigen, dass sich diese Kompetenzen messen und fördern lassen. Wisniewski sowie Tanja Fritz und Martin Daumiller widersprechen diesem Anspruch in einer ausführlichen Replik. An dieser Stelle folgt zunächst eine Zusammenfassung der wichtigsten Erkenntnisse. 

Was ist das 4K-Modell?

Die vier sogenannten 4K gelten seit Jahren als zentrale Zukunftskompetenzen. Ursprünglich gehen sie jedoch nicht auf eine pädagogische Theorie zurück, sondern auf internationale Debatten um '21st Century Skills', die unter anderem von Arbeitgeberbefragungen sowie später von Organisationen wie der OECD aufgegriffen wurden. Inzwischen finden sie sich in zahlreichen Lehrplänen und bildungspolitischen Strategien wieder.

Die zentrale Kritik

Nach Auffassung der Autoren der Replik gelingt der Studie weder der Nachweis, dass die vier Kompetenzen empirisch voneinander unterscheidbar sind, noch, dass sie durch die untersuchte Intervention tatsächlich gefördert wurden. Stattdessen seien statistische Verfahren eingesetzt und nachträglich angepasst worden, um das gewünschte Modell aufrechtzuerhalten. Das ist insofern spannend, als dass die Studie selbst Teil einer hoch dotierten Auszeichnung ist.

Die wichtigsten Erkenntnisse

  • Die erhobenen Daten erlauben keine saubere Trennung der vier Kompetenzen.
  • Auch Wissen, Können und Haltungen ließen sich empirisch nicht unterscheiden.
  • Das theoretische Modell wurde nachträglich an die Daten angepasst (Post-hoc-Model-Fitting).
  • Die Stichprobe war für die verwendeten Verfahren sehr klein.
  • Wichtige Fit-Indizes wurden nach Aussage der Replik nicht berichtet.
  • Eine explorative Faktorenanalyse ergab eine völlig andere Struktur.
  • Die Intervention arbeitete ohne Kontrollgruppe.
  • Gemessen wurden überwiegend Selbsteinschätzungen statt tatsächlicher Kompetenzen.
  • Die gefundenen Effekte waren äußerst gering und lagen nahe Null.

Warum das problematisch ist

Im Gespräch wird betont, dass Wissenschaft grundsätzlich falsifizierbar sein muss. Wer ein Modell empirisch überprüft, müsse akzeptieren, dass die Daten dieses Modell möglicherweise nicht bestätigen. Werden Modelle dagegen so lange verändert, bis sie zu den Daten passen, verschwimmt nach Ansicht der Gesprächspartner die Grenze zwischen wissenschaftlicher Prüfung und bloßer Bestätigung bereits bestehender Überzeugungen.

Mehr als eine Einzelstudie

Wisniewski sieht in der Studie ein Symptom eines größeren Problems der Bildungsforschung. Normativ gewünschte Konzepte würden häufig empirisch abgesichert werden sollen, anstatt sie tatsächlich ergebnisoffen zu prüfen. Gerade beim kritischen Denken, einem der vier K, sei dies paradox: Das Modell fordere kritisches Denken ein, werde aber selbst nur selten kritisch hinterfragt.

Was wäre wissenschaftlich überzeugender?

  • größere Stichproben
  • saubere Analysen ohne nachträgliche Modellanpassungen
  • Kontrollgruppen bei Interventionsstudien
  • objektive Leistungstests statt reiner Selbstberichte
  • eine von Beginn an ergebnisoffene Forschungslogik

Fazit

Das Gespräch stellt nicht die pädagogische Bedeutung von Kreativität, Kommunikation, Kollaboration oder kritischem Denken infrage. Hinterfragt wird vielmehr der Anspruch, dass das gegenwärtige 4K-Modell bereits wissenschaftlich überzeugend begründet und empirisch bestätigt sei. Nach der vorgestellten Replik sprechen die vorliegenden Daten eher gegen diesen Anspruch. Daraus folgt nicht, dass die vier Kompetenzen unwichtig wären – wohl aber, dass ihre theoretische Fundierung, ihre Messbarkeit und ihre Förderung sorgfältiger untersucht werden müssen.

Weiterführende Informationen

Quellen

Wisniewski, Fritz & Daumiller (2025): Replik als OSF-Preprint.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Newsletter
warum lernen?
Kategorien
Bildung
Unterricht
Referendariat
Vermischtes
Literatur
Material
chevron-down