Am heutigen Tag ergab eine Fortbildung zu den neuen Lektüren im Leistungskurs Deutsch, dass es wenige Außentexte zu Corpus Delicti von Juli Zeh gibt. Um hier ein wenig Abhilfe zu verschaffen, möchte ich in diesem Beitrag einige Texte zur Verfügung stellen, die sich – so meine Hoffnung – als solche eigenen. 

Zum Inhalt des Romans

Anmerkung

Die Außentexte entsprechen meist nicht der Länge, mit der im Abitur zu den Einzelwerken gerechnet werden kann. Sie sind schlicht kürzer. Dennoch gehe ich davon aus, dass die meinungsstarke Formulierung dazu führt, dass die Außentexte sowohl für Übungen als auch für Klausuren genutzt werden können.

Einer solchen Nutzung stimme ich ausdrücklich unter den Bedingungen der CC BY-SA 4.0 Lizenz zu (Namensnennung, Hinweis auf mögliche Veränderungen, Weitergabe unter den gleichen Bedingungen.

Es sei darauf hingewiesen, dass nicht jede der Ausführung der Meinung des Autors entsprechen, sondern aufgrund von emotionaler und/ oder intellektueller Ansprechbarkeit formuliert worden sind, gegen die sich ein erörternder Text selbstverständlich wenden kann, darf und sogar sollte. Die einzelnen Außentexte haben sprechende Namen, so dass auf Anhieb deutlich werden sollte, um welchen Aspekt es (vor allem) geht.

Aktualitätsbezug

Der Roman ist nicht aktuell, er ist Realität. Der einzige Unterschied zwischen unserer hochmodernen Gesellschaft und der Hygienediktatur des Romans ist, dass wir uns die Fesseln selbst anlegen. Wir durchleuchten unser Leben jetzt schon, indem wir jedes bisschen präsentieren, mit anderen teilen und darauf hoffen, dass wir im Kollektiv aufgenommen werden. Wir messen mit Fitness-Uhren unsere Werte, die schon bald den Krankenkassen zugeschickt werden. Wir haben Chat-Days, in denen wir es uns ausnahmsweise gestatten zu essen, als würden wir dafür kontrolliert wie Mia Holl in dem Roman. Dieser ist kein Vorausgriff, sondern an vielen Stellen Zustandsbeschreibung. Wenn wir den Roman Corpus Delicti beschreiben, dann beschreiben wir unsere Gesellschaft. Nur dass es noch nicht alle bemerkt haben.

Figuren

Die Figuren des Romans sind keine lebenden Figuren, deren Handeln aus einer inneren Motivation verstehbar wird. Sie erscheinen als Träger bestimmter Prinzipien. Damit werden sie mehr Programm als Figur. Die “Philosophie” von Mias Bruder, die sich als eine Art Neo-Pantheismus liest, bei der die (in der Dystopie abzulehnende) dreckige Natur und die körperliche Nähe zu dieser als Ausdruck der “Liebe” gesehen wird, erscheint dabei geradezu darauf angelegt, den fundamentalen Prinzipien der Methode zu widersprechen. Das ist banal. Jedoch wirken einige Passagen eher essayistisch, die Figuren werden so zu Trägern eines Diskurses, den die Autorin mit sich selbst führt. Das ist interessant, anregend, aber wenig spannungsreich.

In dieser Perspektive ist Mia Holl die einzige Protagonistin, die komplex in dem Sinne ist, dass sie um ihre eigene Veränderung weiß. Diese Veränderung wird als Wechsel von der rationalen Biologin, deren Beruf die Übereinstimmung mit der Methode umso mehr verdeutlicht, zur emotionalen Individualistin beschrieben. Wenngleich dieser Übergang schon angedeutet wird, indem sie die dogmatischen Ausführungen ihres Bruders über den Widerstand gegenüber der Methode und entsprechenden Handlungen (z.B. rauchen) nur teilweise ablehnt, aber versucht, sie zu verstehen, ist der vollzogene Wechsel dann fundamental.

Moritz Holl ist und bleibt einem Dogma verpflichtet, dass man als radikal liberalsehen kann. Seine Ablehnung der Methode (so sehr diese für den Lesenden nachvollziehbar erscheint) ist holzschnittartig, weil sie sich auf ihr Gegenteil zurückzieht. Es bleibt kein Raum für Nuancen – eine Tatsache, die gleichsam auf ein Problem des gesamten Romans verweist. Moritz Holl ist damit gleichzeitig Märtyrer und Kronzeuge für das Versagen eines Systems, dessen Unfehlbarkeit durch den fehlerhaften DNA-Test quasi bewiesen wird.

Innerhalb dieses einstürzenden Systems bleibt Kramer gleichsam als Reporter und Repräsentant des Systems treu, indem er darauf hinweist, dass jedes System fehlbar ist und so sehr direkt die Diktatur der Gesunderhaltung immer wieder rechtfertigt. Sehr konsequent ist die (durchaus als gewollt zu sehende) künstliche Art und Weise, wie Kramer Mias Privatsphäre ignoriert, indem er auf ihre privaten und persönlichen Dinge zugreift, diese anschaut und durchgeht. Auch hier ist das Prinzip, nach dem die Figur handelt, wichtiger als die Figur. Hier ist auch der Grund für Mias fehlende Reaktion zu sehen: Kramer greift nicht als Person auf ihre Privatsphäre zu, sondern als staatliches Prinzip, dem man sich nicht – oder nur unter sehr erschwerten Bedingungen – erwehren kann.

Die Richterin Sophie ist ein schwacher Charakter, naiv in der Auslegung eines Systems, mit dem sie untergeht. Der Mangel an Reflexionsfähigkeit erscheint vor dem Hintergrund ihrer Rolle als junge, smarte Richterin teilweise unglaubwürdig, ist aber – sofern man die Figuren eben mehr als Prinzipien ansieht, konsequent.

Themen

Individuelle Freiheit gegen staatliches Handeln

Es liegt (zunächst) auf der Hand, den Roman als Verhandlung zwischen individueller Freiheit und staatlichem Eingriff zu lesen. Dabei sind die Sympathien klar verteilt: Auf der einen Seite ist der Roman auf das Scheitern der Methode hin konstruiert. Mit dem Fehlurteil und der Erkenntnis, dass Moritz Holl zu Unrecht verurteilt worden ist und so als unschuldig Angeklagter stirbt, wird suggeriert, dass die Fehlbarkeit eines Teils eines Systems für dessen Totalversagen steht. Innerhalb des Romans ist das nachvollziehbar, da die Methode mit ihren Denunzianten, dem kompletten Ausleuchten alles Körperlichen, dem ständigen Eingriff des Staates in persönliche Entscheidungen und einem an den Nationalsozialismus erinnernden Polizeiapparats keine Alternative eines Staates darstellt, der auch nur annähernd Attraktivität auf die Lesenden ausüben könnte, selbst wenn die Figuren, die das System stützen, dauernd seine Vorzüge preisen. Das ist aber gleichzeitig die Schwäche dieser vorgegebenen Einseitigkeit. Nicht, dass man eine Hygienediktatur attraktiv gestalten müsste, aber indem die Sympathien sehr klar verteilt sind, sind die Lesenden gezwungen die Seite der Opfer dieses Systems zu übernehmen. Diese Opfer steigern ihre Ablehnung aber ins Absolute.

So versteigt sich Mia Holl im Gespräch mit Kramer zu der Aussage, dass Demokratie und Methode in gleichem Maße fehlbar seien. Nicht, dass die Demokratie nicht fehlbar sei, aber die Gleichsetzung zwischen Demokratie und Diktatur in diesem fiktiven Szenario macht es unmöglich, sich der Kritik anzuschließen (unabhängig davon, ob dies gewollt ist oder nicht). Kramer wird in Mias Augen zum bloßen “Bewahrer” – also zu einem Konservativen – eine weitere problematische Gleichsetzung, insofern man den Roman als Gedankenanstoß lesen wollen würde, der auch gutgemeintes staatliches Handeln kritisch hinterfragt.

Vor diesem Hintergrund ist dieser Themenkomplex also eigentlich nicht der Kern des Romans. Positiv formuliert erscheint der Roman eher als Rechtfertigung der menschlichen Schwäche und damit der Überhöhung des Menschlichen über den Staat. Negativ formuliert wird dies aber zu einer Ablehnung alles Kollektiven.

Individualismus

In dem Kapitel “Wie die Frage lautet” findet sich (im Übrigen ohne die Einführung des fiktiven Charakters, und damit für die Lesenden ohne Distanz und unmittelbar erfahrbar) die Ablehnung all jener Merkmale einer Gesellschaft, der Mia Holl in rhythmischer Wiederholung das Vertrauen entzieht. Ein Großteil dieser Ablehnung ist insofern nachvollziehbar, als dass ein ums andere Mal die fehlende Ambivalenz angeprangert wird, die dem sich als absolut generierenden Staat die Erlaubnis erteilt, sich in alle Lebensbereiche einzumischen. In einem der letzten Sätze, zeigt sich jedoch (wie im Roman durchgängig) auch hier das Problem der Einseitigkeit: “Ich entziehe einem Staat das Vertrauen, der besser weiß, was gut für mich ist, als ich selbst.” Über Aktualität hinsichtlich der Impfdiskussion muss man sich nicht unterhalten. Der Punkt ist: Indem eben eine höchst problematische, dem Individuum jegliche Freiheit nehmende staatliche Gesundheitsdiktatur mit anderen staatlichen Systemen gleichgesetzt wird, deren Rechte auf Eingriff in das Leben der Individuen ja durchaus aus rechtlichen (und moralischen) Gründe erfolgen kann, erscheint der Roman als Legitimation eines totalen und unerschütterlichen Individualismus – ohne Nuancen.

Widerstand

Es fällt nicht schwer, in dem fiktiven Vorwort Kramers zu dem Buch “Gesundheit als Prinzip staatlicher Legitimation” eine bellende Stimme eines Nationalsozialisten wie Joseph Goebbels widerhallen zu hören. Das ist der gewollte Rahmen des Romans: Gesundheit und dessen Aufrechterhalten durch den Staat wird ex negativo beschrieben: Als Eingriff in die Entscheidungsfreiheit der Menschen. Damit wird Widerstand, so kann man nach Brecht sagen, zur Pflicht.

Der Kollateralschaden sind dabei die Zwischentöne. Denn wenn Gesundheit zum Prinzip erhoben wird, das auch Grundlage von Rechtsprechung wird, ist damit kein gesundheitserhaltender Eingriff mehr möglich. Das ist aber das Prinzip, auf dem auch demokratische Sozialstaaten beruhen: Der Schutz wird durch Rechte und Pflichten gewährleistet. Im Roman hingegen wird Widerstand zur leeren Pose, die sich selbst in der unsinnigen Selbstzerstörung durch Zigaretten oder dem Suizid offenbart. Es geht nicht um Reformation, sondern um Revolution. Damit werden zentrale Botschaften des Romans problematisch, ja, man möchte sagen: gefährlich.

Fortsetzung folgt.

Weitere Ideen können gerne als Kommentare gepostet werden. Sie werden, sofern passend, zum Beitrag hinzugeführt.

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