In den vielen Diskussionen auf Twitter, Linked In und allen anderen Netzwerken herrscht wunderbare Geschlossenheit bei Fragen rund um die Bildung: Selbstbestimmung muss erreicht, die Prüfungskultur verändert und überhaupt: Die Schule revolutioniert werden. Während ich vieler dieser Forderungen zustimme, wird es mir aber teilweise ein wenig zu einfach. Ein kurzer Kommentar. 

Wenn die Meinung vieler Menschen zu einhellig wird, dann bekomme ich ein merkwürdiges Gefühl. Nicht, weil ich zwangsläufig anderer Meinung sein muss, sondern weil ich an mir selbst merke, wie dadurch die Fähigkeit zur kritischen Reflexion verloren geht. In der letzten Zeit hatte ich dieses Gefühl immer wieder in Bezug auf Diskussionen rund um Schule und Bildung.

Es würde der ganzen Sache zuwiderlaufen, wenn ich nun aufzählte, bei welchen Themen ich überall zustimme. Und der eine oder andere wird öffentliche Meinungsäußerungen zu verschiedenen Themen von mir gehört haben. Aber damit keine Missverständnisse entstehen: Auch ich bin der Meinung, dass es nicht genügend Chancengerechtigkeit gibt. Dass die Prüfungskultur teilweise überarbeitet werden müsste (oder dass sogar Abschlüsse ganz verändert werden). Ich finde auch, dass Noten abgeschafft werden müssten – die Probleme der Notengebung habe ich in meinem ersten Post auf diesem Blog (!) angesprochen. Und auch was selbstständiges Arbeiten angeht, finde ich, dass viel mehr zu tun wäre, genauso wie bei der Partizipation von Schüler*innen.

Aber die Diskussion wird mir zu einseitig geführt. Und ohne genügend Kontext.

So frage ich mich beispielsweise immer wieder, ob alle, die die momentanen Bildungspläne so vehement ablehnen, diese auch en Detail kennen (auch hier: Sollten sie entschlackt werden, ja. Aber es gibt dort unfassbar viele Rahmenbedingungen, die einfach bisher nicht umgesetzt wurden und deren Umsetzung schon zu einer massiven Veränderung des Bildungswesens führen würden). Und ich frage mich, ob das selbstständige Arbeiten in der Tat schon zu einem Zeitpunkt beginnen muss, an dem Schüler*innen voller Neugierde die Welt entdecken und froh darüber sind, dass jemand ihnen dabei hilft, sie unterstützt und weiter fordert. Und so weiter: Ich habe das Gefühl, dass viele der vielfach geäußerten und scheinbar feststehenden Axiome seltsam befreit von jenem praktischen Kontext sind, den ich erlebe. So beispielsweise:

  • „Schüler*innen müssen selbst entscheiden können, was sie lernen.“

Ist das so? Also: Immer? Können sie sich dann auch gegen Geschichte entscheiden? Also gegen ein Grundverständnis der historischen Zusammenhänge? Gegen die Geschichte des Holocaust?

  • „Schüler*innen müssen mehr Zusammenhänge zwischen den Fächern lernen.“

Ja, aber bedeutet das, dass sie das dann auf jeden Fall gut finden? Gut finden müssen? Müssen sie „unsere“ Affinität für Digitalität übernehmen oder dürfen sie sich dagegen entscheiden?

  • „Schüler*innen müssen mehr abwählen können, was ihnen nicht liegt.“

Ja, aber wann ist der richtige Zeitpunkt? Wer hatte noch keine*n Schüler*in die erst nach harter Arbeit feststellte, dass sie oder er etwas sehr mochte? Ich hatte Schüler*innen, die erst in der Oberstufe ihre Liebe zu Deutsch entdeckten. Die nun Germanistik studieren. Verwehre ich ihnen dies nicht, wenn sie es in einem Anfall von jugendlichem Desinteresse in der 8. Klasse abwählen?

  • „Zwang ist schlecht.“

Ja, aber ist das immer so? Kennt keiner jene Schüler*innen oder sich selbst, wo Zwang dazu führte, dass eine Stufe überwunden wurde? (Zwang ist ein sehr blödes Wort, zugegeben. Aber wie viele Schüler*innen hatte ich, die sich im Nachhinein dafür bedankten, dass ich ihnen „in den Hintern getreten habe“?).

  • „Es geht nicht um Leistung.“

Ja, aber nicht jeder, der sagt, dass man mit Ehrgeiz, Arbeit und Geduld besser wird, ist gleich ein neoliberaler Kapitalist. Ich vermute ja bei nicht wenigen, die sich im Zuge einer durchaus gelungenen Sozialisation als Lehrer*in in dieser Ablehnung gemütlich machen, dass sie selbst im Studium der noch so kleinen falschen Notentendenz nachgeweint haben. Aber klar: Es geht nicht um Leistung. Es geht aber auch nicht darum, jede Verweigerung einfach so hinzunehmen.

Ich könnte ewig so weitermachen.

Schulen haben einen Bildungsauftrag- und Erziehungsauftrag. Ersterer bedeutet auch (ja, natürlich, positive) Einwirkungen in jenen Situationen, in denen die kindliche oder jugendliche Motivation mal nicht auf 1000% ist. Könnte man das mit Freiräumen, mit zeitgemäßen Methoden, mit besserer Betreuung, mit mehr Chancengleichheit und mit mehr technischem Verständnis verbessern? Absolut. Sicher.

Aber aus meiner Sicht ist Bildung auch all das, gegen das man sich entscheiden kann.

Es bedeutet, Dinge kennenzulernen und dann substanzielle Entscheidungen treffen zu können. Und es bedeutet übrigens auch, die Sichtweisen von anderen zunächst mal einsinken zu lassen und sich dann konstruktiv mit ihnen auseinanderzusetzen.

Und nicht, wie ich es immer mehr sehe, Aussagen (beispielsweise von Leuten auf Instagram) aus dem Kontext zu reißen und sich in wohligem Einverständnis darüber auszulassen, welch schlechter Lehrer, Schulleiter oder Mensch jemand ist, der zum Beispiel findet, dass Noten angebracht sind. Diese Verurteilungen von Menschen, die bei gesellschaftlich so wichtigen Fragen einer anderen Auffassung sind, in dem wohligen Mantel der kollektiven moralischen Überlegenheit ist mir zuwider.

 

 

10 KOMMENTARE

  1. Ich möchte an dieser Stelle gerne bezüglich des Lernens ohne Zwang, insbesondere der Abschaffung von Noten einen kleinen Einblick in Schulart geben, in der es zumindest erst ab der 8. Klasse Noten gibt.

    Ich unterrichte im Land Bremen an einer Gesamtschule – hier Oberschule genannt – (mein Referendariat habe ich an einem Gymnasium in einem anderen Bundesland gemacht und habe also auch den ganz „normalen“ Wahnsinn mit Noten in allen Jahrgängen erlebt).

    Bei uns werden alle Niveaus in einer Klasse unterrichtet, zumindest bis einschließlich der 6. Klasse komplett, danach werden einzelne Fächer in Grund- und Erweiterungskurse aufgeteilt. Das Prinzip dahinter ist vollkommen verständlich. Die Umsetzung funktioniert aber nicht. Ich kann nicht alle Bedürfnisse vollständig abdecken, irgendwer fällt immer hinten runter. Ich habe wirklich vom Förderkind bis zum Gymnasiasten Schüler mit unterschiedlichem Lernbedarf in einem Raum, ich selbst kann mich aber nicht zerreißen, selbst wenn ich unterschiedliches Material zur Verfügung stelle, brauchen doch alle irgendwie Hilfe. (Wegen Corona sind derzeit übrigens keine getrennten Kurse möglich, sondern es wird wieder alles klassenweise unterrichtet – sofern Unterricht stattfindet)

    Nun bekommen die Kinder lange auch keine Noten. Dies führt in einem Bundesland wie Bremen – und da brauchen wir uns nichts vormachen – mit sehr hohem Migrationsanteil und einer hohen Zahl an arbeitslosen Eltern, die häufig selbst keinen oder einen schlechten Schulabschluss haben, dazu, dass die Kinder nicht unbedingt viel Sinn in „Schule“ allgemein sehen und die Eltern häufig nicht helfen können oder wollen!

    Da diese Kinder nun keinerlei Konsequenzen in der Schule davon tragen, wenn sie nicht lernen (Durchfallen können sie ja auch nicht), tun sie auch häufig nichts. Natürlich sollen wir intrinsisch motivieren, aber welcher Jugendliche besitzt die ganz große Motivation zu lernen, wenn zu Hause alle vor dem TV sitzen? (Klar, das ist das Extrembeispiel und verallgemeinert – wir haben auch andere Schüler)

    Ich kann nachvollziehen, warum viel an Noten gemeckert wird, aber hier hat die Abschaffung dazu geführt, dass meine Klasse, die dieses Halbjahr zum ersten Mal Noten bekommen hat, zu 61% mit der Prognose nach Hause geht, in zwei Jahren keinen Abschluss zu bekommen. Faktisch würden diese Schüler mit den gleichen Ergebnissen nächstes Halbjahr sitzen bleiben, wenn das ginge. Dies wäre für viele ein Grund, doch etwas mehr Energie in die Schule zu investieren, will man doch bei den Freunden in der Klasse bleiben.

    Ich habe die Schüler oft gefragt, ob sie lernen würden, wenn sie sitzen bleiben könnten – die klare Antwort: zumindest eher!

    Ich wollte damit nur mal aufzeigen, wie es an Schulen läuft, die keine Noten haben. Ich dachte anfangs auch: voll toll, dann haben die weniger Druck, aber nach ein paar Jahren hat sich einfach Ernüchterung eingestellt. Das mag natürlich auch an anderen Schulen oder in anderen Bundesländern besser laufen, aber ich sehe jedes Jahr viele Schüler ohne Abschluss die 10. Klasse beenden und das obwohl viele doch so schöne Träume für die Zukunft hätten.

    Ich bin einfach der Meinung, intrinsische Motivation ist wünschenswert, aber ohne extrinsische Motivation wird es gerade in Pubertät schwer. Und ein Jahr zu viel verpasst, wird es eben auch schwer, das alles wieder aufzuholen.

    Ich wüsche mir auch ein Schulsystem, in dem die Schüler viel mehr im Mittelpunkt stehen, aber wir dürfen nicht vergessen, dass Kinder und Jugendliche auch oft noch nicht wissen, was das Beste für sie ist und selbst wenn sie es wissen, häufig bei der Umsetzung Schwierigkeiten haben. Auch das ist ein Lernprozess.

    • Hallo Anonym – komme aus einer ganz anderen >Ecke< und liefere Ihnen gute Gründe: (a) aus entwicklungs- und (b) aus lernpsychologischer Sicht. Unser gemeinsamer Blick geht auf SuS als PERSONEN – die sich höchst individuell bilden als immer neue Punkte im Netzwerk von AUSSEN und INNEN -als offenes Zwischenergebnis im fortdauernden Prozess. Bereits im Mutterleib beginnen die Funktionen Wahrnehmen/Orientieren und Gestalten/Entwicklen – und wer aus welchen Gründen auch immer die Orientierungschancen, sprich das AUSSEN vernachlässigt oder gar verweigert, irrt in elementarer – und tragischer Weise.
      All die gesellschaftlichen Verwertungsinteressen sind als solche hoch kritisch – aber DASS sie wahrnehmbar sind, gehört zum PERSON-SEIN. Umgekehrt ergibt sich daraus, dass Gesellschaft darauf angewiesen ist, dass lebenstüchtige Individuen aus ihrer Schullaufbahn entlassen werden.
      "Lebenstüchtig" weiß ich einzuschätzen – nach mehr als 7 Jahrzehnten mit allem, was Otto Narmalo so zu meistern hatte. Und für meine 4 Enkel wünsche ich mir solche LuL, wie Sie eine/r sind.

      Übrigens gibts noch eine treffliche Rückfrage an all die Diskutierer*innen hier: haben Sie sich mal mit wenigstens einem Kleinprojekt mit empirischer Schul-/ Unterrichtsforschung befasst? Da lernt man eine ganz andere Sicht – und Diskussionswese kennen….

  2. Natürlich hast du Recht. Aber hinter all diesen Äußerungen steckt ja nur die Empörung darüber, welche Überbelastung dem Lehrpersonal gegenwärtig zugemutet wird. In dieser Situation gilt halt die Aufforderung von Stéphane Hessel: „Empört euch!“ – Die differenzierte Diskussion kann einsetzen, wenn die Überbelastung zu Ende ist. Bis dahin gilt: Seid mutig und wählt den besten für euch gangbaren Weg, unabhängig davon, ob es bessere gäbe; auch wenn sie im Netz in großer Zahl angeboten werden.
    Und trotzdem gilt: Natürlich hast du Recht.

    • Fontanefan – als jemand,der in den 1980er-Jahren direkt beteiligt war, 12.0000 Erzieher*innen und Eltern aus Kitas in die Landeshauptstadt zu bringen, verstehe ich was von >empört euch<. Und genau deshalb sage ich ganz klar – ohne KONKRETE und wohlbegründete Forderungen funktioniert das nicht = es kommt niemand mit, und die zuhören sollen, bleiben auch weg.
      Wir hatten – neben vielen anderen verbundenen Forderungen- EINE Zentralforderung. Und sie wurde gehört = umgesetzt. Differenzierung ja – und dann fokussieren…

      Der Aufruf zum eigenen Weg in Fachpraxis und Leben stimmt allemal – und in diesen Zeiten leider nur zu begründet.

      Aber ich rufe auch immer wieder auf: "Studiert SOLINGEN", die NRW-Großstadt, der es gelungen ist, eine stadtweite Gemeinschaftsposition zur Schule in Pandemiezeiten zu gewinnen – mit ALLEN Akteuren, inkl. Gesundheitsamt. Jede engagierte Lehrperson braucht eine solche Basis – die Netzempörung trägt nicht weit, und die Massendemos sind derzeit eher "pseudoquer" gepolt…

      • Hey – lustiger Schreibfehler = 1 Null zuviel! Bitte wegstreichen – es waren 12.000 Leute – und die Innenstadt war dicht!

  3. Hallo Anonym – komme aus zwei ganz anderen >EckenVerwertung< geradezu darauf angewiesen ist, dass lebenstüchtige Individuen aus ihrer Schullaufbahn entlassen werden.
    "Lebenstüchtig" weiß ich einzuschätzen – nach mehr als 7 Jahrzehnten mit allem, was Otto Narmalo so zu meistern hatte. Und für meine 4 Enkel wünsche ich mir solche LuL, wie Sie eine/r sind.

    Übrigens gibts noch eine treffliche Rückfrage an all die Diskutierer*innen hier: haben Sie sich mal mit wenigstens einem Kleinprojekt mit empirischer Schul-/ Unterrichtsforschung befasst? Da lernt man eine ganz andere Sicht – und Diskussionswese kennen….

  4. Ich denke eher nicht, dass die Benotung der springende Punkt ist, sondern die Inhalte. Weil, was bedeutet denn dass ein Abschluss aufgrund des Nichterreichens einer Note oder, wenn keine Note, eines wie auch immer definierten Ziels nicht zu erwarten ist? Wenn es an der Fähigkeit zu lesen oder zu schreiben mangelt bedeutet das ein Problem. Wenn es an der Fähigkeit mangelt mit Logarithmen zu jonglieren bedeutet das kein Problem, weil das ein nicht benötigter Inhalt ist. Und wird das Ziel des abschlusses nicht erreicht, weil Sie sich nicht mit Hauptschülern und Gymnasiasten gleichzeitg befassen können oder weil die Schüler nicht können oder nicht wollen oder wiel die Inhalte einfach nicht sinnvoll sind. Meiner Erfahrung nach, sowohl als Schüler als auch als Elternteil, liegt es an den Inhalten, die niemand will und niemand braucht, was locker um die 90 % des Schulstoffs ausmacht.

    Für zielführender als die Frage ob Notenvergabe oder nicht halte ich die abhandlung des Bildungsthemas bei https://www.oqgc.com/veroeffentlichungen/download/Wir_Menschen-OQGC.pdf mit einer deftigen Schulkritik, vor allem an den Inhalten und Inspiration zur besseren Gestaltung.

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