Dieser Artikel richtet sich in erster Linie an Eltern und soll aus der Sicht eines Lehrers, der seit vielen Jahren digitale Medien im Unterricht einbezieht, erläutern, warum sich der „Videounterricht“ nicht als Maßstab für gelingendes Distanzlernen eignet. Dabei geht es nicht darum, jemanden zu beschuldigen oder einen Vorwurf zu formulieren, sondern eine für mich wichtige Perspektive zu erläutern. 

Als ich über den Artikel nachgedacht habe, überlegte ich zahlreiche Titel, die ich dann doch wieder verworfen habe. Einer davon war noch prägnanter: „Videounterricht gibt es nicht.“ Obwohl ich eigentlich genau dieser Meinung bin, zog ich den oberen Titel vor. Denn die Voraussetzungen, wie gerade technisch gelernt werden kann, sind zu unterschiedlich, um   pauschalisiert zu werden. Damit sind wir aber schon beim Hauptproblem. Völlig nachvollziehbarer Weise werden neue Formen von Lernen gerade aus einer Perspektive des vergangenen Lernens betrachtet. Begriffe spielen dabei eine wichtige Rolle.

Wer beispielsweise ständig von „Homeschooling“ anstelle von „digitalem Fernunterricht“ spricht, überträgt schon durch das Wording die Verantwortung auf die Eltern. Leider ist es in der Tat so, dass viele Eltern – gerade von jüngeren Schüler*innen – viele Aufgaben übernehmen müssen, die Lehrer*innen in der Schule übernehmen. Dennoch:

Es ist klar, dass, aus Sicht der Eltern, Videounterricht genau das ist, was mit dem Begriff digitales Fernlernen gemeint ist. Zumindest hört man das immer wieder. Schlimmer noch, wenn diese Beurteilung erlaubt ist, machen viele Eltern das Gelingen oder Nicht-Gelingen vom Fernunterricht daran fest, ob es „Videounterricht“ gibt.

Das grundsätzliche Problem daran ist, dass es unmöglich ist, ein normales Unterrichtssetting 1:1 auf ein Videoformat zu übertragen. Und das gilt sogar dann, wenn die Technik so gut funktioniert, dass jeder Schüler einen eigenen Computer mit Arbeitsplatz, ein stabiles W-Lan und eine funktionierende Kamera hat. Unterricht ist ein komplexes Gefüge von sozialen Interaktionen. Vor allem aber mit unterschiedlichen Sozialformen (also Gesprächen in der Gruppe, in Partnerarbeit, mit den Lehrpersonen, allein). Und vor allem ist Unterricht die Initiation von Lernprozessen – also sehr kurz gefasst die Erschaffung einer Möglichkeit für Lernende, ihre Fähigkeiten anzuwenden und sich einen Gegenstand anzueignen.

Das ist nicht einfach übersetzbar. Die gute Nachricht ist aber: Das muss es auch gar nicht sein.

Zunächst aber zu einer weiteren Realität. In der letzten Woche gab es massive technische Probleme, die vonseiten der Plattformen entstanden, aber eben auch deshalb regelmäßig entstehen, weil Schüler*innen kein stabiles W-Lan haben. Das sorgt dafür, dass die Kameras in vielen Gegenden von Deutschland ausgeschaltet werden müssen – einfach, damit die Konferenz nicht zusammenbricht. Für den Lehrer bedeutet dass, in eine schwarze Kachellandschaft zu sprechen. Man weiß nicht, wer aktiv zuhört, wer überhaupt zuhört – oder, treiben wir es auf die Spitze, ob überhaupt jemand da ist. Dabei geht es nicht darum, den Schüler*innen das zuzutrauen, sondern darum, dass das schlicht eine sehr merkwürdige Situation für alle Beteiligten ist.

Nun sind Klassen generell sehr unterschiedliche soziale Gebilde. Es gibt jene Klassen, die nicht zu stoppen sind, immer sprechen wollen. Und es gibt jene, die einen schon in Präsenz anschauen – anstarren – und die man nur mit sehr viel Mühe überhaupt zum Reden bringt. Eine Alternative kann aber nicht sein, dass man die ganze Zeit selbst spricht. Oder wie John Holt sagte: Der größte Feind des Lernens ist der redende Lehrer. Das bedeutet also, dass dort, wo schon neben den Schwierigkeiten einer „Übersetzung“ von Unterricht noch eine instabile Technik und somit eine völlig merkwürdige Situation erzeugt wird, nicht mehr von Videounterricht gesprochen werden kann.

Teilweise erscheint es aber dennoch so, als sei dies für viele Eltern eineinhalb Stunden Anschweigen und redender Lehrer im Wechsel das, was erwartet wird. Das ist keine Schuldzuweisung, denn es ist nicht verwunderlich.  Viele von uns und vor allem von älteren Generationen haben ein Bild von genau diesem Unterricht. Aber es trägt (im besten Fall) nicht mehr.

Es gibt einen Grund, warum sich viele, die regelmäßig Netflix oder Youtube schauen, nicht mehr an die Zeiten halten, die in den Fernsehzeitungen angegeben sind. Digitalität hat ja eben den Vorteil, dass Ort, Zeit und Raum vom Individuum selbst bestimmt werden müssen. Aus dieser Perspektive ist auch die schulpolitische Vorgabe seinen Unterricht streng nach Stundenplan zu richten zwar nachvollziehbarNo, aber kontraproduktiv.

Aus diesen knappen Ausführungen ergibt für mich der Appell an die Eltern, den digitalen Fernunterricht nicht danach zu bewerten, wie lange Videokonferenzen stattfinden. Ja, es gibt sinnvolle Videokonferenzen. Ja, Videokonferenzen können den Unterricht bereichern, wenn sie an den richtigen Stellen eingesetzt werden. Ja, entsprechende Tools, die auch Gruppenvideochats erlauben und stabil gehen, kommen näher an das, was man selbst als Unterricht kennt. Und ja, es gibt flüssig laufende Programme großer amerikanischer Hersteller, die eine weitestgehend flüssige Übertragung aller Teilnehmenden erlauben.

Aber unter den momentanen Bedingungen sind aus meiner Sicht auch andere Formen völlig legitim. Beispielsweise die kurze und knackige Konferenz zu Beginn des Unterrichts, die beendet wird, sobald die Schüler*innen arbeiten. Oder eine Aufbereitung von selbstständigem Fernlernen, dessen Ergebnisse dann in einer Videokonferenz fokussiert thematisiert werden können. Nebenbei: Anders ist es für viele Lehrer*innen auch nicht möglich. Denn die Planung von Videokonferenzen, die „Videounterricht“ gleichen, ist so aufwändig, dass das gleichzeitige Korrigieren von hochgeladenen Aufgaben, die Administrationsaufgaben der Klasse, die Chats und die kollegialen Besprechungen dafür sorgen, dass sich eine Woche anfühlt wie drei.

Orientieren kann man sich beispielsweise an einer Leitlinie, die in den „Impulsen für das Lernen auf Distanz“ formuliert worden ist:

Am wichtigsten bleibt in der momentanen Situation: Wir müssen viel miteinander sprechen und nicht davon ausgehen, dass unsere Erwartungen umgesetzt werden müssen. Meistens finden sich für unterschiedliche Ansätze auch Erklärungen, die im Gespräch – auch per Mail – nachvollziehbar werden.

8 KOMMENTARE

  1. Sehr gut dargestellt. Ich brauche für meine Verbindung zu den SchülerInnen meiner Klasse Videokonferenzen, dann habe ich schon das Gefühl, dass ich sie zumindest hin und wieder sehe. In dieser Woche hatte ich aber zusätzlich soviele und auch lange Besprechungen und Konferenzen und keine einzige war störungsfrei. Meine Begeisterung für diese Arbeitsgorm ist im Keller und mir graust schon vor den nächsten.

  2. In ihrer argumentativen Stoßrichtung eine glänzende Darstellung. Mir fehlt ein Aspekt: Die Präsenz des Präsenzunterrichts scheint aus meiner Sicht eines Lehrers und Vaters eines beschulten Jugendlichen vor allem dies zu leisten: Die Herauslösung des oder der Jugendlichen aus anderen Kontexten (Kinderzimmer mit anderweitigem Personal und Mobiliar: Bett!!, Discord-Dauerschleife, Netflix, Whatsapp, … . ). In dieser Hinsicht funktioniert das klasssiche von der Lehrperson orchestrierte Klassenzimmer als Raum gelenkter Wahrnehmungsprozesse. (Präsenz der Lehrkraft als Ausdruck auratischer Fähigkeiten des Lehrers oder der Lehrerin wird dagegen vermutlich überschätzt.) Deswegen ist in in diesem Satz zur Digitalität, der aus diesem Text stammt, “ Digitalität hat ja eben den Vorteil, dass Ort, Zeit und Raum vom Individuum selbst bestimmt werden müssen.“ auch das Bedrohliche zu hören, nämlich der Imperativ: Du musst funktionieren, sonst setzt das Downgrade ein.

  3. Ich bin zwar kein Lehrer, dafür aber momentan Schüler an einer Berufsschule. Wir sind alle 18+ und selbst hier haben die Lehrer oft Schwierigkeiten, manche Schüler über den Videochat unter Kontrolle zu halten. Da will ich mir nicht vorstellen, wie das bei jüngeren Klassen aussehen muss.

    Wie oft bei uns schon die Videokonferenzen abgebrochen sind, davon will ich erst gar nicht anfangen. Und dabei soll unsere Schule technisch ja auf einem top Stand sein.

  4. Ein großer Vorteil in synchroner Arbeit liegt für mich darin, gemeinsam zeitgleich über einen Sachverhalt zu sprechen und zu diskutieren. Gerade bei meinen Oberstufen-SuS ist das sehr wertvoll und ich finde tatsächlich, dass das auch über Video (aus eigener Erfahrung) recht gut funktioniert. Zumindest mit meinem Englisch-LK konnte ich schon etliche spannende Sicherungs-, Diskussions- und Vertiefungs-/Transferphasen mit reger Beteiligung erleben. Wir haben nach Stundenplan Unterricht (Vorgabe der Schule) und nach einer Weile setzt ein gewisser Gewöhnungseffekt ein, der bei einigen (nicht allen) Lerngruppen auch zu mehr Rede- und Arbeitsbereitschaft in Konferenzen führt.
    Vielleicht bin ich da auch etwas pathetisch veranlagt, aber ein synchroner Austausch ist einfach mehr „Erlebnis“ als eine bloße asynchrone Schreibdiskussion, auch wenn letztere vielleicht mehr Substanz und Präzision aufweist.

  5. […] Videokonferenzen können sehr sinnvoll eingesetzt werden. Allerdings ist Online-Unterricht nicht gleich Online-Unterricht. Auch Phasen der selbstständigen Erarbeitung können gewinnbringend sein. Wenn gar kein Video-Unterricht stattfindet, sollte man sich dennoch an die Schule wenden, da über Ton und Bild wichtige Funktionen der gemeinsamen Arbeit besprochen werden können.  Hier kann man mehr dazu lesen.  […]

  6. Sehr geehrter Herr Blume,
    Ihr Artikel ist vom 16. Januar 2021. Wir schreiben heute den 22. Mai 2021. Meine Kinder waren in dieser Zeit ganze 3 Wochen zur Schule. Während meine Tochter (6. Klasse am Gymnasium) Fernunterricht hatte (jeden Tag und fast in jedem Fach), lernt mein Sohn (3. Klasse Grundschule) seit Wochen „mit Material“ (so ist das vom Kultusministerium BW für Grundschulen vorgesehen). D. h. er bekommt einen Wochenplan mit Arbeitsblättern, Aufgaben aus dem Lehrbuch, Erklärvideos und interaktiven Übungen. Zweimal pro Woche findet eine Webkonferenz statt, die aber eher spielerisch angelegt ist und dem Kontakthalten dient. Unsere Lehrerin gibt sich da wirklich schon Mühe. Den Wochenplan mit ihm durcharbeiten, das muss ich tun, neben meinem Job.
    Auch wenn ich Ihnen zustimme, dass Videounterricht nicht die Allzweckwaffe sein kann, kann ich als betroffene Mutter sagen, dass „Lernen mit Material“ für Grundschüler auch nicht funktioniert, vor allem nicht über solch einen langen Zeitraum. Gerade Grundschüler brauchen die pädagogische Begleitung. Diese fehlt beim „Lernen mit Material“ durch die LuL fast komplett und wurde einfach auf die Eltern abgewälzt.
    Aus diesem Grund mache ich mich auch stark für ein altersgerechtes Fernlernkonzept an Grundschulen, auch mit Videokonferenzen, denn das würde die Lernsituation daheim deutlich entspannen. Denn auch wenn es nicht „Homeschooling“ genannt wird, wird es von betroffenen Eltern als genau das empfunden, denn „Lernen mit Material“ ist kein digitaler Fernunterricht.

    Viele Grüße
    Antje Wiedmer

    • Hallo, danke für diese Ergänzungen. Dass es oft auch so läuft, ist mir bewusst. Und dass es zu Frust und Stress führt, ist. auch klar. Die Einseitigkeit dieses Artikels ergab sich aus meinem Wunsch zu erklären, dass man auch andere Formen von Unterricht wertschätzen kann. Aber Sie haben Recht: Wenn Sie sich verlorene fühlen und wenig unterstützt werden, dann kann das nicht richtig sein. Ich hoffe für uns alle, dass sich die Situation verbessern wird.

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