Die Oberstufe verlangt Schüler*innen viel ab, da dort teilweise neue schriftliche Formate erlernt und komplexe Inhalte verstanden werden müssen. Dafür braucht es eine sehr gute Grundlage. Das Problem: Dies ist nicht nur in einigen Fällen nicht vorhanden, sondern wird oftmals gar nicht als solche erkannt. Denn der Schlüssel für ein gutes Abitur liegt in der Mittelstufe. An dieser Stelle möchte ich dazu einige Erläuterungen bieten und erklären, wie man fit für die Oberstufe im Fach Deutsch wird. 

Ziel dieses Artikels

Das Ziel dieses Artikels ist es, sowohl Schüler*innen, die die 10.Klasse beenden als auch ihren Eltern (und möglicherweise Lehrer*innen) eine Einsicht darin zu geben, welche Fähigkeiten und welches Wissen im besten Fall vorhanden sein sollten, wenn die gymnasiale Oberstufe beginnt. Es ist klar, dass sich die spezifischen Anforderungen unterscheiden können (z.B. aufgrund unterschiedlicher Inhalte in den Ländern), aber der Autor nimmt an, dass die hier beschriebenen Grundfertigkeiten eine wichtige Basis für die spätere Oberstufe darstellen. Je eher sich die späteren Oberstufenschüler*innen darüber klar werden, woran es ihnen mangelt, desto eher können sie nacharbeiten. Auf diese Weise vermeiden alle böse Überraschungen.

Exkurs: Die Frage nach dem Warum

Zunächst aus Schüler*innenperspektive: Wenn man sich nicht sicher ist, was bestimmte Inhalte überhaupt sollen, ist es immer wichtig, nachzufragen. Klar, man sollte dies auf eine Weise tun, die der Lehrperson keine Rechtfertigung abnötigt. Aber wenn man versteht, warum man etwas macht, dann fällt es einem leichter. Dieses Warum kann oftmals dreifach beantworten und deshalb ist es an dieser Stelle auch relevant.

Einer der Gründe, warum man im Fach Deutsch bestimmte Fähigkeiten erlernt und Wissen erwirbt, ist, dass man Grundlagen für das Verständnis der Gesellschaft kennenlernt. Die Inhalte haben also mit unserer Umwelt zu tun, mit der Vergangenheit, der Zukunft, mit Medien, Meinungen und Möglichkeiten, sich auszudrücken. Das ist die allgemeine Perspektive.

Ein weiterer Grund, warum man im Fach Deutsch bestimmte Fähigkeiten erlernt und Wissen erwirbt hat damit zu tun, dass die Kenntnis und die Methode der Erarbeitung einem erlaubt, in der Gesellschaft teilzunehmen. Als einfaches Beispiel: Wenn man lernt, worauf man bei einer Bewerbung achten sollte, dann kann einem das beim Erlangen eines Jobs helfen.

Der dritte Grund hat mit unserem Thema zu tun: Einige der Inhalte und Zugangsweisen, die man in der Schule erlernt (die Beispiele entstammen nun dem allgemeinbildenden Gymnasium, sind aber so oder so ähnlich auch übertragbar) bilden die Grundlage für die spätere Oberstufe und das Abitur. Wenn ich also über die Struktur von Aufsätzen Bescheid weiß, verschiedene Textsorten und Methoden kenne, diese zu verstehen, dann ist dies eine Grundlage, auf der ich dann später arbeiten kann. Das bedeutet meines Erachtens für die Lehrer*innen, dass diese die Frage nach dem Warum auch immer wieder thematisieren sollten oder zumindest zulassen sollten, dass sie gestellt wird.

Allgemeine Fähigkeiten

Für die spätere Arbeit in Deutsch braucht es drei grundlegende Fähigkeiten, die schon zuvor geübt werden können.

Zitieren

Richtig und variabel zitieren zu können, ist absolute Grundlage für die Arbeit in der Oberstufe. Es sollte schon in der späten Unterstufe angebahnt und in der Mittelstufe gelernt werden. Denn erst das richtige Einbinden von Zitaten erlaubt es überhaupt, sich Texten so nähern zu können, dass andere die eigenen Überlegungen verstehen.

Dreischritt

Ein weiterer Schritt ist die Beherrschung des interpretatorischen Dreischritt, in dem das Zitieren selbst auch eine wichtige Rolle einnimmt. Es geht grundsätzlich darum, einen Deutungsansatz zu formulieren, ein Zitat anzuschließen und dann zu erläutern. Gerade der letzte Punkt wird oft ausgelassen, was dazu führt, dass zentrale Deutungsaspekte ignoriert werden (hier kann man schauen, wie genau der Dreischritt ausgeführt wird).

Rechtschreibung und Grammatik

Eigentlich sollte hier etwas anders stehen: Nämlich dass der Wille für längerfristige Arbeit vorhanden sein sollte. Das schließt Rechtschreibung und Grammatik natürlich ein. Aber prinzipiell ist es eben eine fundamental wichtige Grundlage für das Fach Deutsch. Wenn man nicht in der Lage ist, die eigenen Gedanken strukturiert zu formulieren, dann kann die Deutung noch so gut sein – es nützt nichts.

Selbst wenn aber diese Grundlagen nicht vorhanden sind: Auch in der Oberstufe kann man methodisch nacharbeiten. Allerdings darf man, wenn die wichtigsten Grundlagen fehlen, nicht von einer allzu guten Ausbeute ausgehen.

Spezifische Fähigkeiten

Mit spezifischen Fähigkeiten sind jene Fähigkeiten gemeint, die abhängig von den jeweiligen Textsorten sind, die im Fach Deutsch eine Rolle spielen. Wenn ich in der Oberstufe Rückmeldungen zu Klassenarbeiten schreibe, fächere ich normalerweise meine Bewertung in vier Bereiche auf. Die Beurteilung fußt also darauf, inwiefern die Arbeit formal, fachsprachlich, methodisch und inhaltlich den Anforderungen entspricht (oder diese übertrifft). Dabei bezieht sich der Begriff „formal“ auf die schon besprochene Rechtschreibung und Grammatik sowie Ausdruck und Stil. Fachsprache bedeutet, dass man textsortenspezifisch in der Lage ist, Besonderheiten korrekt zu erkennen und zu benennen (also beispielsweise zu wissen, ob es sich in einem Gedicht um ein lyrisches Ich oder einen Erzähler handelt). Die inhaltliche Dimension befasst sich mit der genauen Kenntnis des Inhalts, also nachvollziehbaren Deutungen, die auf die Textgrundlage zurückgeführt werden können. Und mit den methodischen Anforderungen sind eben jene Aspekte gemeint, die man unter die Begriffe Zitation und Dreischritt fassen kann.

Spezifische Kompetenzen für Kurzprosa

Um meinen Klassen dies noch genauer zu verdeutlichen, habe ich die verschiedenen Kompetenzbereiche für alle Textsorten herausgearbeitet. An dieser Stelle möchte ich nur jene anführen, die für Kurzprosa (also Kurztexte wie Erzählungen, Parabeln oder Kurzgeschichten) gelten. Die Beschreibung der Kompetenzen soll zeigen, welche Fähigkeiten für eine sehr gute Note in der Oberstufe gebraucht werden. Dies hat also nur insofern mit diesen Ausführungen zu tun, als dass so gesehen werden kann, was die Zielvorgabe ist. Die Kenntnisse aus den anderen Bereichen können in dem Artikel „Vorbereitung auf das Deutschabitur“ nachgelesen werden.

Besondere Kenntnis von Kurzprosaformen (Parabel, Kurzgeschichte, etc.)

o   Besondere Kenntnis der Fachsprache zur Kurzprosa

o   Besondere Kenntnis der Wirkung von Satzstrukturen

o   Besondere Kenntnis der Personen, Personenkonstellationen, Handlungsmotiven

o   Besondere Kenntnis der übergeordneten Symbole, Motive und Themen

o   Besondere Kenntnis rhetorischer Figuren und deren Wirkung im Kontext von Kurzprosa

o   Kenntnis über relevante Aspekte der Autorenbiographie

o   Besondere Fähigkeit des schriftlichen Vergleichs

All diese Punkte, die an dieser Stelle nochmals in die wichtigsten Aspekte aufgeteilt werden, bilden in einer ersten Annäherung der Grundlage dafür, was in der Oberstufe beherrscht werden sollte. Das ist besonders im Hinblick auf die zuvor genannten methodischen Fähigkeiten wichtig. Mit anderen Worten: Wenn ich zwar nur die grundlegenden rhetorischen Figuren oder Aspekte der Analyse von Kurzprosa kenne, aber in der Lage bin, diese präzise und fehlerfrei zu formulieren, dann wird der weitere Aufbau von Wissen oder das Kennenlernen von weiteren Strukturen keine allzu große Herausforderung darstellen.

Fehlen mir aber nicht nur fachspezifische Grundlagen, sondern auch methodische Grundkompetenzen, dann habe ich ein Problem, weil ich diese gleichzeitig zu den vielen neuen Inhalten erlernen muss.

Fazit

In Deutsch fit für die Oberstufe zu sein, bedeutet, sich darüber klar zu werden, was man vielleicht schon beherrscht, aber bisher noch nicht als Grundlagenkompetenz reflektiert hat (so zum Beispiel das Wissen über die Struktur von Interpretationen oder die Fähigkeit, Zitate korrekt und variabel einzubauen).

Es bedeutet aber genauso, sich darüber klar zu werden, wo die Defizite liegen. Wer also grob gesagt, einen Text zur Bearbeitung bekommt, und nicht weiß, was die nächsten Schritt sind, sollte ich Gedanken machen, wie er oder sie an den Grundlagen arbeiten kann.

Wie immer freue ich mich über Ergänzungen, Anmerkungen und Rückmeldungen.

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