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Es ist erstaunlich, wie weit die gesellschaftliche, kulturelle und politische Realität und die Verweigerung, sich dieser zu stellen, auseinander gehen. Rezo und die Folgen verdeutlichen einmal mehr, dass an einer politischen Medienbildung kein Weg vorbei führt.

Zunächst einmal zu Begrifflichkeit: Politische Medienbildung bedeutet in dem hier gemeinten Zusammenhang, dass die Akteure der Gesellschaft verstehen und reflektieren lernen, wie digitale Entwicklungen sich auf das Leben auswirken. Die Gegenüberstellung von analog und digital sollte dabei gar nicht mehr genutzt werden.

Zum einen sind die Begriffe unscharf (man kann auch physisch digitale Mechanismen bauen, „analoges“ Radio funktioniert auch über digitale Kanäle). Zum anderen führen sie in ihrer Unschärfe ein um das andere Mal dazu, dass das Verständnis für unsere heutige politische Kultur fehlt.

Was genau soll es bedeuten, wenn Annegret Kramp-Karrenbauer meint, dass „analoge Regeln auch für das digitale“ gelten sollen? Was genau sind analoge Regeln? Und wie rechtfertigt sich überhaupt diese Aufteilung? Artikel 5 des Grundgesetzes garantiert Meinungsfreiheit und zwar unabhängig davon, ob man nun eine Millionen Follower auf Youtube hat oder auf einem Marktplatz steht. Gerade in Zeiten von Wahlen wird seit jeher um politische Zustimmung oder eben Ablehnung geworben. Dass sich das Kräfteverhältnis verschiebt, in dem die Kultur der Digitalität jenen Stimmen verleiht, die außerhalb des Machstrukturen sind, ist eine Entwicklung, die dabei seit Jahren ignoriert worden ist.

Zumindest da, wo man sich hätte fragen können, wie es dazu kommen kann, dass sich mit PEGIDA quasi eine Facebookgruppe materialisiert. Die Demokratisierung der kollektiven Meinungsäußerung (und deren Wahrnehmung), aber auch Meinungsmache, die sich vom digitalen ausgehend auch auf der Straße bahnbricht, ist vor allem von jenen, die das Leben der Menschen grundlegend mitbestimmen noch gar nicht erfasst worden.

Vor dem Aufschreiben von Konzepten müsste aber zunächst ein grundlegendes Verständnis von digitaler Kultur stehen. Als Beispiele sollten folgende Fragen von jedem einzelnen, aber insbesondere von der Politik beantwortet werden können:

-Was sind Internetforen und welche Bedeutung haben sie?

-Was sind Memes und welche Bedeutung haben sie?

-Was bedeuten spezifische Begriffe wie „Zerstörung“ etc.

-Was bedeuten Abkürzungen?

-Was bedeuten orthografische Besonderheiten?

-Welche Auswirkung haben personalisierte Videovorschläge?

-Etc.

Es ist ja nicht so, dass Abgeordnete, die keine Zeit oder keine Lust haben, sich diesen fundamental wichtigen Fragen anzunehmen, keine 10.000€ zur Verfügung haben, um Mitarbeiter zu beschäftigen, die ein Dossier anfertigen könnten. Die Relevanz muss nur langsam verstanden werden, da ansonsten entweder jene die Oberhand gewinnen, die die Prinzipien der digitalen Kultur und ihrer Prozesse verstehen (was gerade schon passiert, indem die Big 5 ihre Marktmacht auf der Grundlage technische Systeme ausnutzen, die gesellschaftliche Spaltung weiter fördert oder rechte Gruppierungen ihre Narrative global teilen und „verbessern“). Oder aber es geschehen im besten Falle peinliche Auftritte wie eben jener von AKK, die mit ihrem Fabeln über Reglementierung nicht nur totalitäre Wunschvorstellungen, sondern eben auch sehr wenig Ahnung offenbart.

Nun mag der eine oder andere sich fragen, was genau die Relevanz der oben genannten Beispiele ist. Das auszuführen würde sicherlich den Rahmen eines Artikels sprengen, aber auch hier Beispiele in der Reihenfolge der oben gestellten Fragen.

-In Foren wie 4Chan oder 8Chan werden Pläne geschmiedet, die zu tätlichen Auseinandersetzungen auf der Straße führen (auch der Mörder von Christ Church prostete hier sein Vorhaben)

-Aus Memes werden Flyer, beides transportiert Haltungen, die die Grenzen des Sagbaren verschieben

-Wer nicht versteht, dass „Zerstörung“ eine Metapher für „Entzauberung“ oder Desavouierung ist, der macht den eklatanten Fehler, einem Youtuber antidemokratische Haltungen vorzuwerfen

-Abkürzungen und orthografische Besonderheiten sind Teil eines kulturellen Codes, dessen Relevanz dort wichtig wird, wo man Teil dieser Kultur werden möchte. Die Ignoranz solcher Codes isoliert die eigene politische oder individuelle Botschaft

-Es gibt Studien darüber, dass ein Großteil der Flat-Earthler-Bewegung ihr gefährliches Unwissen über Youtube erworben haben. Um die Menschen am Schirm zu halten, werden die Vorschläge für die nächsten Videos nachweislich radikaler

Gerade der letzte Punkt wurde zwar von der Politik entdeckt. Die Perspektive darauf ist aber jene gefährliche Überheblichkeit, die einen Graben zwischen aufgeklärten analogen Bürgern und unaufgeklärten digitalen Bewohnern macht.

Politische Medienbildung bedeutet nicht zuletzt Medienbildung für Politiker, aber auch für Lehrerinnen und Lehrer, damit diese in der Lage sind, mit ihren Schülerinnen und Schülern die Kultur der Digitalität zu verstehen. Das ist eine immense Herausforderung, weil dies nicht mit einem Dossier oder einem Arbeitsblatt getan wird. Und auch eine Tabletklasse wird nicht automatisch digital mündig. Der Begriff selbst ist zu eng.

Mündigkeit im bürgerlichen Sinne, Aufklärung nach Kant, wenn man so will, umschließt eben alle Bereiche, die heutzutage relevant sind, um Entscheidungen treffen zu können. Und diese Bereiche sind sowohl physisch greifbar als auch digital.

Es wird Zeit, dass die institutionellen Eliten begreifen, dass ein umfassender Wandel nötig ist, um den digital gap – den Graben zwischen den Bewohnern der digitalen Spähre und jenen, die höchstens Mal ein GPS benutzen – nicht auf eine Größe anwachsen zu lassen, die jegliche Kommunikation verhindert. Anfangen müsste man in der Schule. Und hier auch nicht damit, Smartboards zu kaufen, vor denen man sich dann in der Lokalzeitung ablichten lässt.

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