Wer diesen Blog kennt, weiß, dass ich immer wieder Expertinnen und Experten Raum gebe, wenn Sie zu Themen schreiben können, in denen ich mich nicht vollends auskenne. Insofern freue ich mich, dass Peggy Kaminski hier einen Beitrag verfasst hat, der sich mit zwei Themenfeldern beschäftigt, die mich auch immer wieder umtreiben: Stress und Zeitmangel. Am Ende des Artikels könnt ihr weitere Informationen zur Autorin nachlesen, ihren Blog könnt ihr hier besuchen. 

Praktische Tipps und konkrete Strategien gegen Zeitmangel im Lehrerleben

 

 

 

“Lehrer haben vormittags Recht und nachmittags frei!” 

Wer kennt ihn nicht, diesen schnell dahergesagten Satz über den Lehrerberuf. Wer selbst Lehrer/in ist oder Lehrer/innen in seinem Freundes- oder Familienkreis hat, weiß genau, dass solche Sätze absolut nicht der Realität entsprechen. Ganz im Gegenteil: Lehrer/innen haben tagsüber Unterricht und abends „Backoffice“. Genau diese Tatsache stellt Lehrer/innen vor die Herausforderung, ihr Leben wegen der vielen Aufgaben, Anforderungen und Erwartungen nicht völlig dem Lehrberuf unterzuordnen. Wie oft ist eine Arbeitswoche vorbei und man hat nur wenig von dem geschafft, was man neben Unterricht, Konferenzen, Korrekturen oder Unterrichtsvorbereitungen erledigen wollte? Die Frage nach dem “Wie soll ich das alles nur schaffen?” wird immer lauter. Mitunter holt man sich Ratschläge von Kolleg/innen, sucht nach Tipps im Internet oder besucht Fortbildungsveranstaltungen und Seminare zum Thema Zeit- und Stressmanagement, und verspricht sich davon etwas Linderung – weniger Stress im Lehrerleben! Danach weiß man oft, was man theoretisch tun könnte, um den Stress zu reduzieren. Zu dieser Zeit ist die Motivation meist hoch, endlich etwas zu ändern. Dann beginnt der nächste Arbeitstag und am Ende des Schuljahres stellt man ernüchternd fest, dass man doch noch immer im gleichen Hamsterrad mit Stress und Zeitmangel ist wie vorher. Denn der Lehreralltag lässt einem einfach keinen Raum, weiter über allgemeine Zeit- und Stressmanagement-Tipps nachzudenken; lässt keinen Raum, um nebenher noch eben mal schnell alles anders machen zu können. Also bleibt die Frage: Doch: Wo anfangen?

Damit man etwas für sich verändern kann, um weniger Stress und Zeitmangel zu haben, sind zu Beginn u.a. drei Schritte sehr bedeutend, um am Ende dank der passenden Strategie auch wirklich weniger Stress und Zeitmangel zu haben.

Schritt 1: Analysieren

Wer etwas gegen Stress und Zeitmangel tun will, muss seinen Blick als erstes intensiv auf seine eigene Situation richten, die sich deutlich von der Situation anderer Kolleg/innen unterscheidet, denn jeder hat andere Lebensumstände, Verhaltensweisen und Vorlieben, wie z.B. verragliche Arbeitszeit, Unterrichtsfächer, weitere schulische Funktionen, eine andere familiäre Situation u.ä. Dabei ist es wichtig, herauszufinden, was man aus eigenen Kräften ändern kann, wie man sich verhält und wie die eigenen Umstände sind, um schließlich für sich festzulegen, wie es stattdessen sein soll.

  • Wie sieht das Lehrerleben aus, das ich mir wünsche?
  • Welche Punkte stressen mich am meisten?
  • Welche Punkte kann/muss ich hinnehmen?
  • An welchen Punkten kann ich etwas verändern? 

Um diese vier kurzen Fragen für sich zu beantworten, bedarf es Ruhe und etwas Zeit, um seinen eigenen Lehreralltag einmal intensiv über einen längeren Zeitraum in den Fokus zu nehmen.

Zugegeben: An dieser Stelle zeigt sich immer die Henne-Ei-Problematik: Wie soll ich Zeit aufbringen, die ich nicht habe? Wie soll ich Zeit bekommen, wenn ich eine weitere Baustelle aufmache, die mich wiederum Zeit kostet? Eine mögliche Lösung könnte sein, sich zu fragen, was einem wichtig ist: Zeit für das eigene Kind zu haben, wieder regelmäßig zum Sport zu gehen oder den Stapel Klausuren zu korrigieren, 30 Minuten lang E-Mails zu lesen und zu schreiben…? 

Schritt 2: Strategien speziell für den Lehrberuf haben

Die Suche nach geeigneten Strategien nimmt ebenfalls Zeit in Anspruch. Umso wichtiger ist es, für sich klar zu haben, an welchem konkreten Punkt man etwas verändern kann und will, der einen Zeit einbringt. Dies schränkt die Suche gezielt ein und man kommt schneller zu einem Ergebnis. Typische Schwerpunkte, die im Lehrberuf Stress und Zeitmangel hervorrufen, sind dabei u.a.

  • Kommunikation mit Eltern / SuS / LuL
  • Organisation der eigenen Arbeitsabläufe
  • Unterrichtsplanung
  • Material-Archivierung
  • Zuständigkeit
  • Perfektionismus.

Im Zusammenspiel mit dem individuellen Lehrerleben und dem gewählten Schwerpunkt lässt sich schließlich eine konkrete Strategie ableiten, die gezielt an der Zeitschraube dreht und eine Strategie hervorbringt, die sich in den eigenen Lehreralltag integrieren lässt, wie etwa

  • das effektive Führen von To-Do-Listen
  • ein gezieltes Archivierungssystem
  • das Setzen und Einhalten (zeitlicher) Grenzen
  • die zeitsparendere Vorbereitung von Unterricht, wie etwa der „Unterrichtsspicker“, der nachfolgend genauer beschrieben wird.

Schritt 3: Erproben und anwenden

Dieser Schritt bleibt oft aus bzw. wird nur in einem kurzen Zeitrahmen ausgeführt. Dabei ist genau dieser Schritt wichtig, um zu erfahren, ob die Strategie zu einem passt oder ob die Methode eventuell etwas angepasst werden muss, damit sie einem auch dauerhaft Stress und Zeitmangel nimmt. Denn allein das Wissen über Strategien reicht nicht aus, um am Ende mehr Zeit für die Dinge zu haben, die einem wichtig sind. Hier muss der nächste Schritt folgen: der Schritt des Anwendens und Ausprobierens. Je nachdem, für welche Strategie man sich entscheidet, sollte die Dauer und auch der Zeitpunkt der Erprobungsphase im eigenen Lehreralltag so gewählt werden, dass die Strategie zum Tragen kommen kann. Geht es einem darum, für eine bestimmte Phase im Schuljahr Entlastung zu schaffen, sollte man die Strategie auch in dieser Zeit erproben. Anders verhält es sich, wenn man durchweg den Stress reduzieren will. Wendet man die Methode also das ganze Schuljahr über an oder hilft sie einem „lediglich“ in bestimmten Abschnitten im Schuljahr?

a) Einmalig

Geht es darum, etwas Grundlegendes zu schaffen, dass einen anschließend permanent zur Verfügung steht, erprobt man die Strategie ein Mal und behält sie bei oder verwirft sie wieder. Wenn man sich z.B. ein anderes Archivierungssystem anlegt, wird eine Strategie einmal von A bis Z angewendet. Fertig!

b) Für einen bestimmten Zeitraum

Oft probiert man eine Strategie für ein paar Wochen aus, um sie weiter auszuschärfen und sie anschließend als Selbstläufer in seinen Lehreralltag zu integrieren. Hierbei ist es wichtig, die Strategie immer wieder bewusst in dem Erprobungszeitraum anzuwenden, wie z.B. seine E-Mails in einem bestimmten Zeitfenster in der Arbeitswoche über mehrere Wochen hinweg zu bearbeiten (sog. E-Mail-Zeiten). Wie lange diese Erprobungsphase dauert, sollte man anhand der eigenen Erfahrungen entscheiden, um zu einer sinnvollen und realistischen Dauer zu kommen.

c) Zu einem bestimmten Zeitpunkt

Manche Strategien machen nur Sinn, wenn bestimmte Umstände gegeben sind. Wenn es z.B. darum geht, aufkommende Freistunden aufgrund von Konferenzen am Nachmittag zu füllen, ist es vorteilhaft, die entsprechende Strategie dann bewusst anzuwenden, wenn es den größten Nutzen verspricht, weil – wie in diesem Beispiel – gerade viele Konferenzen stattfinden. 

Eine derartige Erprobungsphase führt dazu, die Strategie hinsichtlich der eigenen Anforderungen und Gegebenheiten weiter zu optimieren, um die Methode zukünftig gezielter und bestenfalls unbewusster einzusetzen. Erst durch das Ausprobieren und Anwenden sind zudem weitere Wege ersichtlich, durch die man sich arbeits- und zeittechnisch weiter optimieren kann, um am Ende Zeit für die Dinge zu haben, die einem wichtig sind.

 

Zeitmanagement-Werkzeug “Unterrichtsspicker”

 

Das Kerngeschäft im Lehrerjob ist das Unterrichten. Täglich stehen dazu Unterrichtsvorbereitung auf dem Programm, auch von Unterrichtsstunden, die man bereits mehrfach durchgeführt hat. Hierbei zeigt sich klar eine Stellschraube, an der man drehen kann, damit man Zeit spart.

Mit diesem Zeitmanagement-Werkzeug

  • planst du deine Stunden nach einer zeitgewinnenden Struktur hinsichtlich Vorbereitung, Nachbereitung und Archivierung
  • skizzierst du deine Stunde schriftlich so, dass du sie auch noch Jahre später sofort wiederverwenden und durchführen kannst
  • erstellst du ein Tafelbild, das zum Spicker deiner Stunde wird und das klar den Schwerpunkt der Stunde abbildet
  • kannst du deinen Stundenentwurf immer wieder verwenden bzw. schnell verändern/ausschärfen
  • verstaust du deine Stundenplanung so, dass dir große und unübersichtliche Ablagestapel und damit lange Abheft-Sessions erspart bleiben.

Eine Kurzdefinition

Der Unterrichtsspicker ist eine anschauliche Kurz-Übersicht über die entsprechende Stunde auf einem DIN-A4-Blatt, die sowohl den Stundenablauf mit Sozialform, Zeitangaben und dazugehörigem Material enthält, als auch das Stundentafelbild.

Der Aufbau

Konstruiere dir eine Tafel, indem du ein A4-Blatt quer vor dich hinlegst und es dreiteilst: linke Tafelseite, Tafelmitte, rechte Tafelseite.

Auf der linken Tafelseite stehen die Anmerkungen zu deinem Stundenablauf. Notiere dir hier die einzelnen Phasen deiner Stunde: Einstieg, Aneignung neuer Stoff, Anwendung, Festigung etc. Mitunter enthält jede Phase einzelne Schritte. Diese notierst du unter der entsprechenden Phase und nummerierst sie fortlaufend durch, z.B.

EINSTIEG: 

1) Textstelle lesen 

2) Inhaltswiedergabe 

3) Leitfrage

ANEIGNUNG NEUER STOFF: 

4) Definition Begriff usw. 

Zudem schreibst du dir in Klammern die Zeitangabe, die Sozialform, das Material, die Lehrbuchseite u.ä. Auf dieser Tafelseite notierst du ebenfalls die Hausaufgaben.

Die Tafelmitte ist der Bereich, der all das widerspiegelt, was sich die Schüler/innen merken sollen. Handelt es sich dabei um Ergebnisse aus unterschiedlichen Unterrichtsphasen, so kennzeichnest du es mithilfe der entsprechenden Nummern. Somit weißt du auf einen Blick, was du in welcher Phase an die Tafel schreibst. Ganz oben in der Tafelmitte steht das Stundenthema – sowohl schüler- als auch lehrerorientiert, um dir auch noch Jahre später eine schnelle Orientierung über den Schwerpunkt der Stunde zu geben.

Die rechte Tafelseite enthält Angaben wie Datum der Unterrichtsstunde, Fach und Klasse. Zudem empfehle ich dir, hier kurz zu skizzieren, welche Lehrbuchseiten, Arbeitsblätter sowie zusätzliche Materialien du verwendet hast. Dies hilft u.a., schnell zu überprüfen, ob alle Materialien beisammen sind.

Sofern du den Unterrichtsspicker mit Papier und Stift erstellst, ist es empfehlenswert, dies mit einem Bleistift zu tun. So kannst du schnell immer mal etwas ändern, ohne dein gesamtes Tafelbild jedes Mal neu erstellen zu müssen – denn du willst ja Zeit sparen.

Oft ist es ja so, dass einem während der Unterrichtsstunde Ideen kommen, wie man die Stunde zusätzlich hätte gestalten können. Oder Schüler/innen geben Antworten, die ebenfalls eine wichtige Richtung für das Thema aufzeigen. Solche Aspekte notierst du dir auf der Rückseite deines Unterrichtsspickers, entweder bereits während oder nach der Stunde. Dadurch hast du später weiterführende bzw. andere Ansätze für die Stunde parat, die du verwenden kannst, wenn du diese Stunde erneut hältst bzw planst. Mithilfe dieser Notizen kannst du dann die Stunde ausbauen.

Alle Materialien, die du in der Stunde verwendet hast, legst du gemeinsam mit deinem Unterrichtsspicker – der das Deckblatt ist – in eine Folie oder noch besser in einen „Themenordner“, den du dir für die Unterrichtsreihe anlegst und in den du alle Unterrichtsspicker abheftest. Somit hast du immer alle Materialien für die Einzel-Stunden beisammen und kannst diese Pakete einfach wiederverwenden, wenn die Themen erneut anstehen.

Ein Vorteil, wenn du dir deine Unterrichtsplanung immer so notierst, ist, dass du am Ende den gleichen Heftinhalt hast wie die Schüler/innen. So kannst du bei Fragen schnell reagieren und es ihnen noch einmal zeigen, wie ihr es notiert habt. Es erleichtert dir auch die Erstellung von Klassenarbeiten, Tests oder kurzen mündlichen Überprüfungen.

Eine Stunde einmal auf diese Art und Weise notiert und durchdacht, schaffst du dir die Zeit, um den Unterricht beim nächsten Mal weiterentwickeln zu können und nicht jedes Mal aufs Neue überlegen zu müssen, wann du was wie im Unterricht vermittelst. Dadurch sparst du dir doppelte  Arbeit und somit Zeit.

Vielleicht denkst du jetzt, dass du niemals soviel Zeit hast, um jede Stunde auf diese Art und Weise zu planen. Aber mal ganz ehrlich: Notierst du dir nicht eh, was du in der Stunde unterrichtest? Und wieso solltest du es nicht gleich in einer Form tun, mit der du beim nächsten Mal viel Zeit sparst? Es muss ja nicht gleich in Reinschrift und mit der akkuratesten Skizze sein: Hier kannst du – wenn du willst – nach und nach nachbessern. Vorerst geht es darum, das Grundgerüst deiner Stunde klar zu haben und zu sichern, damit du auch noch Jahre später schnell erkennst und verstehst, wie du die Stunde damals unterrichtet hast.

* * * INFOS * * *

Auf der Website von Peggy Kaminski können interessierte Lehrkräfte in dem kostenlosen eBook  “3 Schnelle-Hilfe-Tools für deinen Alltag” weitere Zeitmanagement-Werkzeuge kennenlernen und diese mit Hilfe erster Schritte auf ihre individuellen Gegebenheiten anpassen: http://gesundheitscoaching-peggykaminski.de/ebook-download

In ihrem Blog veröffentlicht Peggy Kaminski 14-tägig einen neuen Beitrag, in dem sie weitere Zeitmanagement-Werkzeuge speziell für den Lehrberuf vorstellt: http://gesundheitscoaching-peggykaminski.de/blog

Die Autorin:

Peggy Kaminski war selbst neun Jahre lang Lehrerin in verschiedenen Schulformen und Bundesländern, u.a. auch als Steuergruppenmitglied und schulinterne Beauftragte für Lehrer/innengesundheit. Seit 2016 unterstützt sie als Coachin und  Beraterin Lehrkräfte darin, Zeit für die wichtigen Dinge in ihrem Lehrerleben zu bekommen, u.a. mit ihrem Zeitfinder-Programm. www.gesundheitscoaching-peggykaminski.de

5 KOMMENTARE

  1. Wow, das ist eine ganz schöne Auflistung! Vielen Dank!
    Letztlich ist der Königsweg eine sehr individuelle Geschichte und eigentlich nie abgeschlossen. Dafür ist der Lehrberuf viel zu vielfältig. Ich kann mich in allen angesprochenen Punkten wieder erkennen und hab vor allem für mich erprobt und für gut befunden:
    – Listen machen (vor allem bei der Systembetreuung an der Schule unverzichtbar um nicht den Überblick zu verlieren
    – Unterricht strukturiert in Evernote ablegen
    – Beim Korrigieren Pomodoro-Technik anwenden, um das Prokrastinieren zu minimieren (vor allem bei Abiturkorrekturen unbedingt notwendig bei mir 😉 )

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