Das neue Buch von einem „der wichtigsten Blogger Deutschlands“ strotzt nur so von Halbwahrheiten, Mutmaßungen und anekdotischer Evidenz. Kaufen sollte man es dennoch, hält es doch einige interessante Ansätze und einen Einstieg für diejenigen bereit, für die das Social-Media-Netz immer noch Neuland ist. 

Um mit dem Negativen zu beginnen: Die Passagen, in denen es um etwas anderes geht als um die eigene Erfahrung sind bestenfalls oberflächlich. So versteigt sich der unter dem Pseudonym Schlecky Silberstein bekannte Blogger, der in seinem Buch „Das Internet muss weg“ versucht, den Mechanismen des Social-Media-Netzes beizukommen, zu der These, in den 90ern sei in puncto Gleichberechtigung alles prima gewesen. Das ist kurz oder kurz: Falsch. 

Urteile nie über einen anderen, bevor du nicht einen Mond lang in seiner filter bubble gesurft hast (Das Internet muss weg)

Seine Stärken hat das Buch dennoch in einem Ansatz, der versucht, das gesamte Internet von der Perspektive seiner Nutzung zu betrachten. Schon die in der Einleitung genannte These, man müsse dem Geld folgen, will man das Internet verstehen, wird nicht nur überzeugend dargestellt, sondern auch begründet. Klar, immer vor dem Hintergrund persönlicher Erfahrungen. 

Das Buch ist also tatsächlich ein Blog in Buchform. Viel (richtiges) Aufgeschnapptes, viel Innovatives, eine unwissenschaftliche Sprache, wenig Wissenschaft und viel Erklärung. Wer allerdings erwartet, dass der Autor lustige Click-Baits aneinanderreiht, der wird enttäuscht. Es geht hier tatsächlich darum, den Leser für die Mechanismen des Netzes von heute zu sensibilisieren. Kurz: Diejenigen, die tagtäglich auf Twitter unterwegs sind, wir so viel nicht überraschen. 

Hin und wieder glänzen zwischen den übrigens trotz der Ungenauigkeiten immer unterhaltsamen Lektüre interessante Thesen hervor. So beispielsweise Sibersteins These der „Kultur der Zweck-Sensibilität“. Diese besagt, dass jemand, der sich über eine Ungerechtigkeit der Welt echauffiert, dies nur als Repräsentant seiner selbst also für seine Follower und Fans tue, nicht aber für die Sache oder gegen das Ziel. Ein Shitstorm ist so weniger der direkte Angriff auf einen Verursacher von einem Konflikt, sondern die gemeinsame aber dennoch individuelle Aussage über die eigene Moral. 

In dem Buch klingt das natürlich cooler. 

Meine Prognose ist, dass das Buch dennoch verrissen wird. Von den Experten, weil es zu wenig Expertise hat. Von den Journalisten, weil es zu wenig Recherche bietet (nebenbei aber ein sehr gutes Kapitel über die Macht der Reichweite). Und vielleicht sogar von den Medienpädagogen (deren drohender Schatten über meiner eigenen Lektüre schwebte und den ich nur schwer abzuschütteln vermochte), weil sie zahlreiche Ungenauigkeiten entdecken werden. Macht aber alles nichts, denn ich bleibe dabei: Kaufen sollte man es dennoch.

Wenn man tatsächlich alles schon weiß, alles schon gehört hat und überhaupt nichts Neues findet, kann man es immer noch an jene verschenken, die, wenn sie den Begriff „Internet“ hören, an die guten alten Homepages denken, auf denen Papi seinen Hund und seinen Garten präsentiert.

 

Noch eine Anmerkung 

Das Buch wurde privat nach einer Empfehlung der Medienpädagogik-Gruppe auf Facebook gekauft. Dieser Artikel ist also keine Werbung. Auch wurde es nicht als Rezensionsexemplar verschenkt (wobei ich selbst dann kritisch bin). Nur falls das eine Frage sein sollte. 

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