Bei Diskussionen (nicht nur, aber vor allem) im Netz, meine ich auf ein Phänomenen zu stoßen, dass Diskussionen verhindert. Ob dieses wissenschaftlich nachweisbar ist, weiß ich nicht. Es geht darum, was gelingende Kommunikation, auch unter sehr eloquenten oder belesenen Personen verhindert: Die Grenze der Vorstellungskraft oder der Wille, diese hinter sich zu lassen. Eine Beobachtung. 

Die menschliche Vorstellungskraft ist für gesellschaftliches Zusammenleben zentral. Der Staat, die Freiheit, das Geld – die zentralsten Elemente unserer Gesellschaft bestehen nur im kollektiven Vorstellungsvermögen (siehe Harari, Eine kurze Geschichte der Menschheit, S.190ff.) Während also die Grenze des Vorstellungsvermögens dafür sorgen würde, dass ganze Gesellschaften zusammenbrechen, sorgt der Glaube an die Funktion oder an der Funktionieren für einen reibungslosen Ablauf.

Was die Vorstellungskraft (oder der Glaube) im Großen leistet oder verhindert, leistet oder verhindert sich auch individuell. Es ist geradezu paradox, dass sich ein einzelnes Gehirn die Relativitätstheorie ausgedacht hat, während man, nachdem pappsatt ist, nicht mehr in der Lage ist, wie es sich angefühlt hat, als man noch eine Viertelstunde zuvor riesigen Hunger hatte. Wie schwer es ist, diese individuelle Vorstellungskraft zu durchbrechen, weiß jeder, der schon einmal jemand mit Liebeskummer hatte oder selbst dieser jemand war.

Rational denkende Menschen zeichnet nun weniger der Glaube an Gott oder Religion aus als der Wille, an Vorstellungen zu glauben, die die Wissenschaft für richtig erachtet. Nicht, dass wir uns falsch verstehen: Wissenschaft ist im Gegensatz zum Glauben nachweisbar; nur braucht man auch hier die Vorstellungskraft daran, dass sehr intelligente Menschen etwas herausgefunden haben, dass man selbst nicht nachvollziehen kann. Das Problem bleibt also eines der Vorstellungskraft. Konkret: Ich erkenne die Relativitätstheorie an, obwohl ich sie mir weder herleiten, noch vorstellen kann. Das tue ich, weil die wissenschaftlich verifizierte Autorität von Einstein außer Frage steht.

Da, wo meine Vorstellungskraft scheitert, muss also der Wille sein, der sich trotz fehlender intellektueller Kapazitäten darauf einlässt. Das ist bei vielen Dingen so: Ich kann mir weder die Unendlichkeit des Universums oder den Big Bang noch Partikel vorstellen, die an mehreren Orten gleichzeitig sein sollen.

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Nun könnte man den Dunning-Kruger-Effekt anführen und in der Tat ist es eine interessante Perspektive darüber nachzudenken. Er besagt, dass, je weniger jemand über eine Sache weiß, desto weniger weiß er, dass er wenig weiß und desto leichter fällt es ihm, sich zu äußern (weil er oder sie ja meint, dass er oder sie Experte ist).

Bezogen auf diesen Artikel könnte man das abändern in Reflexionsfähigkeit oder, um es passender zu machen, den Willen dazu einzugestehen, dass man sich etwas nicht vorstellen kann. Das ist schwierig.

In Diskussionen schaffen es sogar Experten oder Intellektuelle nicht, diese Vorstellungskraft einzusetzen; weil sie nicht wollen.

Das führt dann zu nutzlosen Gesprächen. Ein konkretes Beispiel zu meinem Nummer 1 Thema: Schule.

Als ich drei Jahre an einer Realschule gearbeitet habe, habe ich mit wunderbaren Kindern zusammen gearbeitet und sie auch vor intellektuell herausfordernde Aufgaben gestellt. Auch habe ich Werkrealschüler unterrichtet, die einen mehrfach ausgezeichneten Schulgarten bearbeitet und gepflegt haben.

Aber im Ethikunterricht konnte ich nicht so weitermachen, wie ich wollte. Denn schon der Unterschied zwischen Ursache und Wirkung konnten einige Schülerinnen und Schüler nicht prozessieren. Sie waren nicht in der Lage, dies zu tun (Wir könnten übrigens lange darüber reden, wie unfair und ungerecht das ist, was man gesellschaftlich tun müsste, um die Ausgangsvoraussetzungen zu ändern, aber das ist nicht das Thema dieses Artikels).

Ich habe den Unterricht also zerstört, neu aufgebaut, umgeschmissen. Der Ethikunterricht bestand ab dann aus Schülern, die etwas getan haben, was sie glücklich macht und das haben wir dann ganz oberflächlich mit dem Thema „Glück“, dass wir ansonsten viel theoretischer hätten erfassen müssen, verbunden.

Diese Erfahrungen sind für mich essentiell, aber ich merke ein ums andere Mal, dass ich mit Menschen spreche, deren Vorstellungskraft nicht reicht, oder die nicht den Willen haben, sich vorzustellen, dass es Kinder und Jugendliche gibt, deren Erscheinen schon ein positiver Schritt ist. Die Schwierigkeiten haben, die Aufgabe überhaupt zu verstehen. Die keine drei Sätze hintereinander lesen können.

In der Gerechtigkeitsvorstellung vieler sind alle Menschen nicht nur gleich, sondern auch gleich schlau. Dass das nicht der Fall ist, darf man nicht sagen, weil man sich sonst angreifbar macht.

Und so muss ich, als jemand, der in der Werk-, der Realschule und im Gymnasium unterrichtet hat, sich darauf verlassen, dass jemand, der mit mir redet, zumindest den Willen hat, sich vorzustellen, dass nicht jede Schule die gleichen Voraussetzungen von willigen, intelligenten und von Anfang an Selbstständigkeit bevorzugenden jungen Menschen ist.

Wenn man meine Erfahrungen diesbezüglich aber in einer der vielen Strategien, die es gibt, zur Seite wischt, weil man nicht willens ist, sich eine andere Welt vorzustellen, dann ist man schon zu Beginn des Gesprächs in einer Sackgasse.

Diese Sackgasse nehme ich immer öfter wahr.

Das kann natürlich an der Grenze meines eigenen Vorstellungsvermögens liegen; ich bin Willens, diese zu überschreiten. Aber für ein Gespräch ist das zu wenig.

3 KOMMENTARE

  1. Schade, dass Du Dich von Twitter verabschiedet hast. Ich feiere bald mein Zehnjähriges und habe immer wieder miterlebt, wie einige selbsternannte (Bildungs-)Gurus Hashtags okkupieren und ökonomisieren, selektieren, wissenschaftliche Thesen für gut oder schlecht befinden, mit vermeintlichen Belegen um sich werfen, Meinungen nicht zulassen und als unreflektiert oder wenig fundiert abtun, Andersdenkende herunterputzen wie unmündige Wesen, Schelte verteilen nach Gusto, Territorialgehabe auf Twitter praktizieren, humorvolle Tweets völlig spaßbefreit in den Boden stampfen… Die habe ich aus meiner Timeline entfernt und jetzt sitzen in meinem Lehrerzimmer nur noch die, die sich auch mal ein paar nette Worte einfallen lassen. Die authentisch sind. Die sich unterstützen. Die Diskussionen auf einer respektvollen Ebene führen, auch wenn die anderen im Berufsleben unter anderen Bedingungen arbeiten. Hilfsangebote statt Kompetenzgerangel. Wie angenehm.
    Ich würde mich freuen, wenn Du und Hokey zurückkehrten. Aber ich verstehe, warum Ihr diesen sinnbefreiten Grabenkämpfen fernbleiben wollt. I feel you. Alles Gute.

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