Für ein Projekt (das ich hier mal “Projekt X” nenne), an dem ich in den nächsten Wochen und Monaten arbeite, möchte ich das Netzwerk rund um das #twitterlehrerzimmer und #instalehrerzimmer gerne einbinden. Leider kann ich noch nicht viel mehr preisgeben, aber es geht im Groben darum, sich kritisch und konstruktiv mit dem Schulsystem auseinanderzusetzen. Dafür möchte ich das Netz(werk) einbinden. 

Konkret geht es darum, dass ich (noch) mehr über die Erfahrungen der einzelnen Lehrpersonen über den Tellerrand dessen, das ich kenne, herausfinden möchte. Ob einzelne Passagen derer, die hier partizipieren, dann 1:1 erscheinen, kann ich nicht versprechen. Allerdings wäre es gut für alle Fälle den Namen (oder eben “Anonym”), das Alter und insbesondere die Schulart anzugeben, bevor oder nachdem eine Frage beantwortet wird. Eine Möglichkeit für Rückfragen wäre auch schön. Die Fragen werden immer wieder wechseln. 

Herzlichen Dank für die Mithilfe und die hoffentlich spannenden Einblicke. 

Thema Bildung und Ausbildung

Die erste Frage: Wie habt ihr euer Studium und/ oder euer Referendariat im Hinblick auf Theorie und Praxis des späteren Berufs erlebt? 

(Welche alternative Herangehensweisen an Lehramt und Referendariat oder welche Projekte kennt ihr?)

Ich habe an der JLU Gießen Förderschullehramt studiert. In diesem Lehramtsstudiengang wurde auf ein Praxissemester umgestellt (zwischen 3. und 4. Semester 5 Wochen an der Förderschule und semesterbegleitend im 4. 10 Wochen a 3 Tage an einer Gesamt- oder Grundschule für das studierte Fach). Diesen großen Praxisblock habe ich als sehr gewinnbringend erlebt, insbesondere da man dadurch die verschiedenen Arbeitsfelder der Förderschule und der Inklusion direkt vergleichen konnte. Darüber hinaus gab es in 9 Semestern allerdings nur nochmal eine Praxisphasen, die eine Förderung beinhaltete und entsprechend kein Praktikum war. Jetzt im Referendariat merke ich, dass wir vor allem didaktisch einfach nicht genügend ausgebildet werden an der Uni. Vieles ist nur fachwissenschaftlich und bereitet nicht auf den Berufsalltag oder das Referendariat vor. Unterrichtsplanung und ähnliches wurde in der Uni leider kaum vermittelt, weshalb es wohl immer wieder zum Praxisschock kommt. Ich würde mir wünschen, dass – wie es in Finnland wohl der Fall ist – viel mehr praktische Phasen im Studium integriert sind und man immer wieder sein theoretisches Wissen praktisch üben und anschließend reflektieren kann. Meiner Meinung nach müsste das Lehramt ähnlich wie ein duales Studium aufgebaut sein. 

Darüber hinaus merke ich, dass das Thema Inklusion weiterhin nur im Förderschullehramtsstudium zu finden ist. Die anderen Lehrämter lernen dazu nichts. Wenn aber doch alle in der Inklusion unterrichten sollen/müssen und das auch häufig im Team, wieso wird es nicht ins Studium eingebaut? Gemeinsame Seminare für alle Lehrämter mit Themen wie Team teaching, multiprofessionelle Teams, Umgang mit Heterogenität usw. 

Mein Referendariat, welches ich im November begonnen habe, erlebe ich trotz schwieriger Situation durch Corona sehr positiv und glaube, dass ich hierbei sehr viel lernen kann. 

(Name: Anna, Alter: 26, Studium L5 in Hessen, Referendariat Hessen, für Rückfragen gerne über Instagram annaa.cs)

Sowohl mein Bachelor als auch mein Masterstudium an der Uni Köln haben mich kaum auf die Praxis im Referendariat vorbereitet. Im Studium wurden viele Inhalte vermittelt und so gewisses Inselwissen aufgebaut, welches zwar für mich persönlich interessant war, jedoch eben sehr wenig mit meiner tatsächlichen Praxis zu tun hatte. Jetzt im Referendariat merke ich, dass mir Grundlagenwissen wie z.B. didaktische Modelle zum Lehren von Ganzschriften, Unterrichtsgesprächsführung u.a. schlichtweg fehlen. Das Praxissemester ist meiner Meinung nach ebenfalls vollkommen falsch im Master angesiedelt. Zum einen, da es angedacht ist, dieses im 2. Mastersemester durchzuführen – nach 6 Monatigem Praktikum muss man also wieder zurück in die Uni und in die Seminare und somit nach den tollen Praxiserfahrungen wieder zurück in die trockene Theorie. Dies führte bei mir in den letzten zwei Semestern zu einer sehr großen Demotivation. Zum anderen lag der Fokus im Praxissemester leider nur auf der Erstellung einer empirischen Arbeit. 

Leistungen und Erfahrungen, die im Praxissemester gesammelt wurden, wurden daher überhaupt nicht wertgeschätzt und z.T. fehlte aufgrund der intensiven Arbeit am Forschungsprojekt die Zeit, sich in der Schule einzubringen und wertvolle Erfahrungen zu sammeln. Davon, dass das Praxissemester unbezahlt ist und für viele meiner Kommilitoninnen und mich eine große finanzielle Bürde bedeutete (ich konnte meinen Nebenjob nicjt weiter ausüben + musste 4 mal die Woche 35km zur Schule pendeln), möchte ich gar nicht erst anfangen. 

Das Referendariat erlebe ich momentan sehr unterschiedlich. Während ich von einer Fachleitung (Pädagogik) sehr gut ausgebildet und auf meinen Unterricht vorbereitet werde, ist meine Ausbildung in meinem anderen Fach (Deutsch) leider das komplette Gegenteil. Hier dürfen wir meist nur den Weisheiten der FL lauschen, theoretische Untermauerung etc. Fehlen hier total und bleiben eben nur auf die praktischen Erfahrungen der FL begrenzt.

(Sarah, 29J., Lehramtsanwärterin, NRW)

Mein Grundschulstudium an der WWU Münster habe ich zum einen während meines Studiums und des Refs in meinen drei Fächern Mathematik, Deutsch und Sachunterricht jeweils unterschiedlich erlebt. Während im Sachunterricht vom 2ten Semester an viel Wert auf eine enge Verzahnung von Theorie und Praxis gelegt wurde (fachliche, fachdidaktische Inhalte wurden nicht nur vermittelt, sondern mussten in der Praxis erprobt und reflektiert werden) und in Mathematik war dies im Masterstudium so, war es in Deutsch leider nur auf die Vermittlung von Theorie reduziert. 

Auf der anderen Seite, kann ich jetzt im aktiven Schuldienst sehen, dass die Inhalte dennoch sinnvoll in Hinblick auf meine jetzige Praxis ausgewählt wurden, u.a. erkenne ich jetzt den Sinn des Phonologieseminars für den gesamten Deutschunterricht der Grundschule. Insgesamt bin ich Rückblickend sehr zufrieden mit meiner universitären Ausbildung. 

Mein Referendariat sehe ich eher neutral und habe dort eher den Umgang mit Stress und Druck gelernt. 

Studium der Sonderpädagogik und notgedrungen wegen dem NC mit dem Fach Theologie an der Universität Oldenburg. Das Studium der Sonderpädagogik habe als sehr gewinnbringend erlebt und bin gut auf die Theorie vorbereitet worden. Die Praktika waren am wertvollsten für die Praxis. Vom Unterrichtsfach muss man gar nicht reden, hat mich null auf die Schule vorbereitet, vielleicht auch weil ich es überhaupt nicht studieren wollte -aber auch vom Aufbau her etc. hat es null auf die Praxis vorbereitet. Die Praxis habe mir außerhalb von Studium geholt in der ehrenamtlichen Arbeit als Integrationshelfer etc. Das Referendariat war sehr entspannt und das ist auch das was am meistens hängen geblieben ist, viel Zeit Unterricht vorzubereiten. Durch nette Mentoren am meistens davon profitiert das man mir Freiräume gegeben hat mich auszuprobieren. Jetzt als Rückschau, Studium hat mich sehr gut vorbereitet, Referendariat hat dazu nicht mehr viel beigetragen (dazu waren die Referendare alle zu unterschiedlich mit ihren Vorkenntnissen daher waren die Seminare reine Wiederholung) angenehm würde ich da im Rückblick sagen war das Teamteaching das voneinander lernen und auch die Hospitationen bei anderen Lehrkräften.   (33 Jahre alt / Sonderpädagogin) 

Ich befinde mich gerade noch im letzten Abschnitt des Referendariats. Das Studium habe ich in Baden-Württemberg absolviert und habe dabei drei Fächer studiert (Biologie, Mathematik, Alltagskultur Ernährung Soziales). Insgesamt gab es drei Praktika, wobei nur das ISP einen größeren Einblick in den realen Schulalltag gegeben hat. Da man hierbei jedoch nur in zwei der drei Fächer hineinschauen konnte, habe ich hier sehr unterschiedliche Vorbereitungen der Fächer aufs Referendariat erlebt. Aus diesem Grund habe ich mich zu weiteren freiwilligen Praktika entschieden. Auch die fachliche Vorbereitung ist von Fach zu Fach und auch an jeder Pädagogischen Hochschule sehr unterschiedlich. Dies hat sich nun im Referendariat sehr deutlich gezeigt, da viele LehramtsanwärterInnen aus unterschiedlichen PHs sich austauschen konnten. Da bereits der erste Abschnitt des Referendariats durch Corona unterbrochen wurde, konnte ich nicht so viel hospitieren wie es eigentlich durch die Prüfungsordnung vorgesehen ist. Aus diesem Grund hole ich dies nun nach meiner Prüfungsphase nach und erhoffe mir dadurch noch weitere Inspiration holen zu können. Vor allem in diesem besonderen Referendariat zeigt sich, wie sehr man von den MentorInnen an den Schulen abhängig ist und wie (wenig) gewinnbringend das Referendariat für jede/n einzelne/n sein kann. (Lehramtsanwärterin, 26 Jahre, WHRS)

Mein Grundschulstudium an der Uni Hildesheim war schön und die Praktika und Master-Seminare waren sehr gut und auch gut betreut. Mehr Pädagogik, Didaktik und Praxishilfen hätte ich mir aber trotzdem gewünscht. Eine größere Verzahnung von Theorie und Praxis wäre sicher noch sinnvoller und man würde theoretisch Gelerntes besser behalten. Gut fand ich ein Projektband, das eine wissenschaftliche Arbeit mit einem Schulpraktikum verknüpfte. Im Referendariat hatte ich das Glück, an meiner kleinen Ausbildungsschule auf dem Dorf sehr gut betreut worden zu sein. Ich habe dort sehr viel gelernt. Die Besuche waren allerdings immer mit Leistungsdruck verbunden und am Ende habe ich oft schlechtere Stunden gezeigt, als ich außerhalb der Besuche gehalten habe. Auch stört es mich im Nachhinein noch immer, dass die Unterrichtsbesuche so wenig mit der Realität zu tun haben. Als Klassenleitung, was an der Grundschule ja der Normalfall ist, bestehen meine Hauptaufgaben darin, ein gutes Lernklima herzustellen, die Kinder zu kennen und individuell auf sie eingehen zu können, Rituale zu etablieren und weiterzuentwickeln, die Kinder zum selbstständigen Lernen zu erziehen, das soziale Gefüge im Blick zu behalten, mit den Eltern zu kommunizieren und natürlich auch, Lerninhalte zu vermitteln. Im Referendariat schien einzig und allein der letzte Punkt von Bedeutung. In den Besuchsstunden war nur wichtig, ob es ein ganz klares Ziel gab, auf das alles, aber auch wirklich alles abgestimmt war. Aber wo ist das bitte ganzheitliches Lernen? In einer normalen Unterrichtsstunde werden mehrere Kompetenzbereiche abgedeckt und das ist auch sinnvoll. (27 Jahre, Grundschule)

Mein Studium der Fächer Englisch, Politik (Gk) und Wirtschaft für Gymnasien in Freiburg im Breisgau (1. Staatsexamen) zeichnete sich durch einen starken Fokus auf fachtheoretische Inhalte aus. Wo die Kolleg*innen an der Pädagogischen Hochschule für jede einzelne Fachdisziplin (bspw. Literaturwissenschaft oder vergleichende Regierungslehre) eine separate Didaktik-Veranstaltung verpflichtend besuchen mussten, sah das Pflichtpensum für Studierende des Gymnasiallehramts während des gesamten Studiums nur zwei Didaktik-Seminare pro Fach vor. Da diese durch Dozenten, die auch in Betreuung der Praxissemester oder des Referendariats am Seminar für Didaktik und Lehrerbildung tätig sind, geleitet wurden, waren diese sehr interessant, praxisnah und zielführend. So ließ sich antizipieren, welche Anforderungen man im Referendariat erwarten würde. 

Wohl war die Anzahl der Fachdidaktik-Veranstaltungen im Staatsexamen zu niedrig (dies ist wohl nun im Master anders), und durch die Aufteilung in ein verpflichtendes Grundlagenseminar und dann selbst gewählten didaktischen Schwerpunkt (so zumindest in Englisch), war eine wünschenswerte Breite an behandelten Themen, wenn man eben nur das Pflichtpensum absolvierte, nicht gegeben. 

Nichtsdestoweniger ist der Fokus auf fachwissenschaftliche Kompetenzen und entsprechender Umgang mit Material ein unabdingbarer Teil des ersten Ausbildungsabschnitts, der mit den Fertigkeiten, die hier auch indirekt erworben werden, eine wichtige Grundlage für die tagtägliche Arbeit bildet.

So deutlich der Fokus auf Fachwissenschaft während des ersten Bildungsabschnitts war, so wenig wurden diese Kenntnisse während des Referendariats eingefordert. Wo zwar als Ausgangslage der am Seminar behandelten Themen stets Didaktik (bzw. Pädagogik) als Wissenschaft herangezogen wurde, lag der Schwerpunkt in den Sitzungen hier eindeutig auf Praxisszenarien. 

Das Referendariat selbst habe ich als sehr gewinnbringend und zielführend für die Vorbereitung des späteren Berufslebens empfunden. Glück hatte ich mit Ausbilder*innen und sehr fähigen und zugewandten Kolleg*innen an der Ausbildungsschule. Feedback in Unterrichtsbesuchen war klar, deutlich und prozessorientiert. Der Fokus hier deutlich auf Lob und der Herausarbeitung individueller Stärken. Insgesamt nahm ich insbesondere die Ausbildung am Seminar als Möglichkeit, sich so viel man eben konnte/mochte, weiterzubilden und Angebote wahrzunehmen. Dies nahm ich in einer überzeugenden, nachhaltigen Qualität war, die in späteren Fortbildungen nur schwer repliziert werden kann, in einer Runde mit anderen Referendar*innen, die also meist in einer sehr ähnlichen Situation waren. 

Wünschenswert wäre sicherlich in beiden Ausbildungsabschnitten eine deutlichere Verzahnung von Theorie der Fachwissenschaft, Didaktik als Wissenschaft und Praxis gewesen. Es bleibt zu hoffen, dass dies einerseits im Master nun deutlicher wird, es aber auch künftig mehr Angebote der Weiterbildung in diese Richtung geben wird. 

(Julia R., 29 J., Gymnasium in BaWü)

Schon seit Beginn meines Studiums in RLP hatte ich immer wieder den Gedanken, dass das Lehramt eigentlich ein dualer Studiengang sein müsste. Was in anderen Bereichen gut funktioniert, sollte doch auch hier machbar sein? Ich stelle es mir toll vor, schon von Anfang an das Leben in der Schule kennenzulernen und echte Erfahrungen zu machen. Vor allem aber, zeitnah das in der Praxis zu sehen, was man vorher in der Theorie durchgekaut hat. Heute als Anwärterin erinnere ich mich oft nur dunkel, dass wir da mal etwas im Studium gemacht haben. Ich habe es einfach vergessen oder in einer Schublade tief unten in meinem Hirn gelagert, weil der Lebensweltbezug in dem Moment fehlte. Warum werden wir Anwärter:innen immer wieder daran erinnert, wie Lernen funktioniert und dass man einen Lebensweltbezug braucht (und vieles mehr) und wir sollen ohne all das auskommen? Lernen funktioniert bei uns im Grunde ja auch nicht anders, als bei unseren SuS.

Aus diesen Gründen haben auch so viele Anwärter:innen schlicht und ergreifend Angst bevor das Referendariat startet. Wir haben das Gefühl, dass wir einfach keine Ahnung haben, was auf uns zukommt und wie wir damit umgehen sollen.

Als Anwärterin in RLP habe ich vom ersten Tag an acht Stunden eigenverantwortlich unterrichtet. Ich bin von Stunde zu Stunde gestolpert, ohne einen richtigen Plan zu haben (denn um einen Plan zu machen, hatte ich erst in den Herbstferien etwas Zeit). Ich hätte mir gewünscht, dass ich vorher ein paar Kollegen in Aktion sehen dürfte. Dass ich im Studium mal tatsächlich geübt hätte (nicht nur einmal), wie man eine Unterrichtsreihe plant und aufbaut. Dass ich im Studium mal gelernt hätte, welche konkreten Kompetenzen ich meinen SuS mitgeben muss bevor sie in der Lage sind, beispielsweise eine Tierbeschreibung zu schreiben. Welche Möglichkeiten des Classroom management es gibt und wie man in speziellen Situationen reagieren kann.

Lehrer:in werden ist learning by doing und warum sollte man damit nicht schon im Studium starten? 

(Laura, 27, Anwärterin für Realschule plus an einer IGS in RLP, instagram: vorwitztuete) 

Damals 1988 und Folgejahre:

Ich habe 88 Abi gemacht, dann direkt an der PH Studiert in BW(GHS Studium Schwerpunkt Sek 1), damals hatte man noch Tagespraktika sowie 2 Block. Innerhalb des Studiums wurde ich super vorbereitet. Dann Ref: Bio Hauptfach: mein Mentor meinte „Oh sie hat es als Hauptfach studiert, super, da kann ich was lernen, denn ich unterrichte fachfremd.“. Also war ich auf mich gestellt. Musik:  das gleiche, nur in Mathe hatte ich einen tollen Mentor.  Sprich ich wurde ins kalte Wasser geschmissen und musste schwimmen. 

Im Endeffekt hat es mir persönlich nicht geschadet, denn ich konnte mich ausprobieren. Aber ich weiß von anderen Refs die an solchen Situationen gescheitert sind damals. 

Korina (52 J) seit 27 Jahren an einem SBBZ Bereich Sprache

 

Sabine, Seiteneinsteigerin aus 2009, Werkstattlehrerin in einem Berufskolleg, 

heute 54 Jahre

 

Habe 2009, an meiner alten Berufsschule, einen Seiteneinstieg gemacht.

Trotz Meisterausbildung und 25jähriger Erfahrung im Job habe ich eine zweijährige praktisch-pädagogische Ausbildung anhängen dürfen. Die besonderen pädagogischen Kenntnisse müssten erst aufgebaut werden.

Im Unterricht hatte ich null Probleme, lag wahrscheinlich daran, dass ich die Schüler eher als Auszubildende behandelt habe und nicht wie klassischerweise Schüler behandelt werden. Freundlich, gerne mein Wissen teilend und mit großer Sympathie für ihre Probleme.

Oft habe ich Referendare beobachtet, die genau in diesem Punkt Probleme hatten. Sie standen oftmals erst mitten im Studium vor einer Klasse, nicht wissend ob diesen Kontakt so auch wollen, ob sie Angst vor zwanzig pubertierenden Schülern entwickeln ob dies wirklich so ihr Ding ist.

Das Schulsystem besteht eigentlich nur aus dem Abarbeiten von Vorgaben, der Ablage von erfüllten Lernfeldern um bei einer Qualitätsanalyse bestehen zu können.

Regeln, wie viele Kopien aus einem Buch gemacht werden dürfen, wie trete ich mit meinen Schülern in Kontakt, ohne ihre Mailadresse zu kennen, diese Liste wäre endlos.

Schulverweigerern kann man nichts entgegensetzen, die Fristen für Konferenzen und Abmahnungen sind so absurd, dass man es ganz lässt. Es geht also nicht mehr darum, dass den Schülern Wissen vermittelt wird, es geht um das Abhaken von Vorgaben.

Die Digitalisierung ist im Werkstattunterricht weniger ein Thema, wenn der Unterricht ins digitale Klassenzimmer verlegt wird, dann sind die Endgeräte der Schüler Handys.

Besonders gelungen ist die Zuständigkeit der Stadt für das Gebäude und die Ausstattung und der Bezirksregierung für die Lehrpersonen. Hier wird eher verhindert Lösungen zu finden, weil die beiden Parteien nicht direkt miteinander sprechen, eher übereinander.

Das Kollegium, natürlich bemüht den Schülern Wissen zu vermitteln, hat eigentlich nur die eigene Position im Sinn, denn das Erreichen der nächsten Besoldungsstufe ist das eigentliche Interesse. Es wird befördert, nicht nach Beurteilung der Schüler, sondern nach Zugehörigkeit, oder jahrelangem Dabeisein. Qualität ist nicht das Kriterium.

Warum ich in so einem System arbeite? Es geht mir um die Schüler. Die sind der Hauptgrund meines weiterhin in diesem System verbleibens. Die sind so lustig, neugierig, durchaus offen und zu motivieren, das macht große Freude. Wenn der Kunde nicht wäre, die Firma wäre in der freien Wirtschaft längst insolvent.

(Sabine, frauk2 auf Insta)

Ich habe mein Referendariat als Seiteneinsteigerin in der GS 2017 begonnen. Vorher hatte ich schon mehrere Jahre als Sprachlehrerin und Übersetzerin gearbeitet und habe im Anschluss an der Universität gearbeitet. Ich war schon Mitte 30 als ich mit dem Referendariat anfing und war absolut geschockt vom Umgangston der Seminarleiter und dem massiven Druck, der von Anfang an auf die Referendare ausgeübt wurde (explizite Ausnahme war die Leiterin meines Pädagogikseminars). Mein Deutsch- und Englischseminar waren m.E. durchweg darauf angelegt, dass die Referendare nichts kritisch hinterfragen, außer sich selbst. Am besten kamen im Referendariat diejenigen durch, die nichts in Frage stellten, alles abnickten und sich ganz darauf konzentrierten, Zauberstunden zu vollbringen. Schlecht hatten es die Anwärter*innen, die an Problemschulen waren. Was für Kommentare da teilweise von den Seminarleiter*innen kamen, fand ich absolut unverschämt. Es wurde dann aber auch keine Unterstützung, Verständnis oder positive Bestärkung für diejenigen Referendare*innen aufgebracht. Das Referendariat in Niedersachsen ist, so wie ich es erlebt habe, leider völlig überholt und weder die Prüfungen noch die Betreuung der Anwärter*innen unterliegen einem bestimmten Standard oder einer Qualitätskontrolle. Ich kenne aus meiner Ausbildung als Sozialassistentin z.B. das Prinzip eines Erwartungshorizonts: was soll der/die Auszubildende nach den 2 Jahren gelernt und erreicht haben. Für die eigene Reflektionsfähiugkeit wäre das ein superhilfreiches Mittel. Davon gab es nichts! Auch die hochgelobten Nachgespräche zu den UBs waren nicht förderlich: wichtig war, dass Kaffee und Kekse dastanden. Es gab bei fast jedem (!) Besuch eine neue, visualisierte Form des Feedbacks (Stichworte aufschreiben, Ordnen, aussortieren, Kärtchen Feldern zuordnen, Zielscheibe zu den Aspekten der Lehrerausbildung…). Das bringt nur leider nichts, wenn jede Aussage wage gehalten wird und es keine konkreten Hinweise gibt! Ich war in der Ausbildung! Ja, ich wollte genaue Aussagen, ja! Nur bei einem Besuch habe ich konkrete Hilfestellung bekommen. Es wurde immer damit argumentiert, dass die Anwärter nicht kritisiert werden sollen, dass im Sinne der kollegialen Fallberatung auf Aspekte hingewiesen werden solle. Wenn das so ist, beißt sich dieser Aspekt aber doch ganz gewaltig mit der Bewertung zur Halbzeit und der Prüfung am Ende. Und wenn dem so ist: dürfen die „Ausbilder“ vom Seminar (meiner Meinung nach bilden eher die Mentoren aus – in NDS übrigens ohne dafür in irgendeiner Weise entlastet zu werden!) dann überhaupt als Prüfer fungieren? Wären unabhängige Prüfer nicht sinnvoller? Hmmm…*grübelgrübel*

Am schlimmsten finde ich die weltfremde Art und Weise des Referendariats. Themen wie: Aufsichtspflicht, Elterngespräche und generell Elternarbeit, interdisziplinäres Arbeiten, Teamteaching (wenn es nach den Ausbildern geht ist und bleibt der Lehrerberuf der einer/eines Einzelkämpfers/in!! Das war ja auch schon immer so!), Inklusion (Inklu…was?) und Arbeit mit Institutionen außerhalb der Schule (Jugendamt, Familienhelfer, Betreuungskräfte im Hort) werden komplett ausgeblendet. Diese werden kurz mal behandelt – meiner Pädagogik-Leitung habe ich zu verdanken, dass Themen wir Medieneinsatz, veränderte Kindheit zumindest kurz behandelt wurden. In den anderen Seminaren ging es immer nur darum Zeit zu füllen (die Sitzungen waren alle viel zu lange angesetzt! Diese Zeit war Zeit, die man in der Schule verlor!) und den Aufbau einer perfekten Stunde zu trainieren. 

Nach knapp 10 Jahren Berufserfahrung fand ich das Referendariat ein absolutes Desaster und es ist so traurig, wie viele junge, motivierte Menschen dadurch so niedergemacht und verunsichert werden. Leider gibt es aber eben für diesen Bereich keine überwachende UNABHÄNGIGE Stelle. Neue Denkansätze, Ideen und Vorgehensweisen werden gerne aussortiert. Das ist schade. Mich hat auch gestört, dass ich und eine Kollegin bei knapp 60 Anwärter*innen die einzigen mit Migrationshintergrund waren. 

Ganz ehrlich: es geht vieles schief in diesem Bereich und dabei geraten unsere Schüler*innen immer und immer wieder unter die Räder.  Dabei ist der Job der beste der Welt! Ich habe demnächst Praktikantinnen aus der GS. Ich werde mich ganz dolle bemühen, für jede*n angehende/n Lehrer*in/ junge*n Anwärter*in ein gutes Vorbild zu sein und sie aufzubauen so gut es geht. Denn ganz ehrlich: sie werden dann ja früh genug runtergezogen werden.

(Seiteneinsteigerin Anglistik/Hispanistik und Deutsch als Zweitsprache, 39 Jahre, seit 2017 im Job).

Ich habe Lehramt GyGe (Mathematik und Informatik) an der Uni Paderborn studiert. Insgesamt bin ich eigentlich sehr zufrieden. Allerdings lagen die wirklich interessanten Vorlesungen und Seminare für die spätere Schulpraxis eher im Masterstudium. 

Hier haben wir deutlich davon profitiert, dass z.B. in Mathe die Vorbereitung auf das Praxissemester mit einer fachdidaktischen Vorlesung kombiniert wurde. Hier musste vor allem in den Heimübungen oft eine Aufgabe etc. didaktisch analysiert und ggf. auch modifiziert werden. Im Grunde also eine kleine Vorbereitung auf die Realität bei der Erstellung von Lernmaterial auf der Basis von Lehrbüchern etc.

Auch in Informatik habe ich ähnliches erlebt. Dort haben wir z.B. einen Workshop für SuS entwickelt, durchgeführt und evaluiert. 

Besonders gefallen hat mir, dass wir einerseits mit konkreten Fällen aus der Praxis gearbeitet haben und andererseits die fachdidaktischen und allgemeinen bildungswissenschaftlichen Theorien mit einbinden mussten. 

Ich hatte bisher im Referendariat zumindest keine Probleme meine Unterrichtskonzepte zu schreiben. 

Für das Studium kann ich daher sagen, dass die Anwendung der gelernten Theorie auf (realistische bzw. echte) Fallbeispiele wirklich eine Bereicherung war. Das sollte in der Form meiner Meinung nach Pflicht werden. Sonst erkennt man häufig gar nicht so richtig den Sinn hinter dem, was man in der Uni so lernt. Auch war es gut, dass bei uns die Fachwissenschaft ein wenig mehr Platz für Fachdidaktik gemacht hat, als an anderen Unis. Ich hatte ab dem 2. Semester im Bachelor fachdidaktische Veranstaltungen.

Das Praxissemester im Master war nach den 2 Praktika im Bachelor, die ich vorher schon gemacht habe auch sehr interessant. Ein großer Nachteil ist aber, dass man kein Geld für das Praxissemester bekommt. Ich hatte daher neben 15 Pflichtstunden an der Schule und einem Seminartag an der Uni pro Woche auch noch einen Nebenjob, um meine Miete zu bezahlen. Das hat mich nochmal 20 Stunden pro Woche gekostet. Dadurch hatte ich eigentlich keine Zeit mich wirklich mit dem Unterricht zu beschäftigen. Da wurde meiner Meinung nach viel Potenzial verschenkt um Geld zu sparen. Wenn zumindest die Miete bezahlt gewesen wäre, hätte ich vermutlich deutlich mehr aus dieser Praxisphase mitnehmen können.

Im Referendariat fühle ich mich insgesamt (den aktuellen Umständen entsprechend) gut. Zumindest in den Seminaren scheinen die wichtigsten Konzepte vermittelt zu werden. Allerdings herrscht aktuell durchaus eine absolute Ausnahmesituation. Deshalb kann man das Ganze drumherum wohl schwer vergleichen. Das kann man daher auch nicht so gut verallgemeinern.

Wenn ich an meinen eigenen Unterricht und die Unterrichtsvorbereitung denke, ist das größte Manko aus meiner Sicht das Zeitmanagement. Theoretisch habe ich gelernt, wie man eine Unterrichtseinheit plant und habe auch das Gefühl das ganz gut hinzubekommen. Aber der Zeitaufwand ist dafür im Moment noch viel zu groß. Auch mir passiert es regelmäßig, dass ich durch die eigenen Stunden stolpere, weil Ich schlicht nicht genug Zeit habe den Unterricht ausreichend vorzubereiten. Als Referendar braucht man nun mal in der Regel länger als 45 Minuten, um eine Stunde so zu planen, dass man wirklich damit zufrieden ist. Viele der „Fehler“ passieren nicht, weil man noch keine Ahnung hat, sondern weil man sich nicht die nötige Zeit genommen hat bzw. nehmen konnte ausführlicher zu planen.

Dadurch verlegt man den Fokus ganz automatisch auf die Stunden, für die man bewertet wird (Unterricht unter Anleitung und die UBs). Das (durchdachte) „Ausprobieren“ in den eigenen Stunden gerät zunehmend in den Hintergrund. Gleichzeitig macht hier die Einhaltung der Lehrplans einen gewissen Druck.

Ich könnte mir vorstellen, dass es am Anfang sehr hilfreich ist, wenn man eine Einführung bekommt, wie man sich wöchentlich organisieren kann ohne jeden Abend bis nach Mitternacht am Schreibtisch zu sitzen und wann man eine Planung auch guten Gewissens mal liegen lassen kann. Es wäre viel entspannter, wenn man schon früh lernen würde die eigene Gesundheit ernst zu nehmen und nicht mit einem schlechten Gewissen ins Bett zu gehen, weil man „nicht alles geschafft hat“.

Ich habe von vielen KuK gehört, dass sie heute noch von Tag zu Tag planen oder erst nach mehreren Jahren genug Material produziert haben, sodass die Vorbereitung nicht mehr so viel Zeit kostet.

(Marco, 28 Jahre, Referendar in NRW, insta: mramon.de)

Ich habe an der Bergischen Universität Wuppertal sowohl den Bachelor of Arts in Geschichte und Mathematik als auch den Master of Education absolviert. Hier explizit für das Lehramt an Haupt-, Real- und Gesamtschulen. Im Bachelor waren nicht einmal eine handvoll didaktische Kurse vorgesehen. So hat die erste „theoretische“ Ausbildung erst im Master stattgefunden. Eine wirkliche Vorbereitung auf das Referendariat und den Beruf der Lehrenden habe ich meiner Meinung nach so gut wie gar nicht erhalten. Lediglich in Geschichte habe ich mehrere Seminare besucht, die mich gelehrt haben, die didaktische Theorie in die Praxis umzusetzen. Dies lag aber insbesondere daran, dass diese Seminare von einer abgeordneten Fachleiterin mit viel praktischer Lehrerfahrung gehalten wurden. Hier habe ich sinnvolles Wissen erwerben können. Als ich dann ins Praxissemester ging (sechs Monate an einer Schule, unterstützt und begleitet von der Uni), war ich trotzdem maßlos überfordert. Die Begleitung im ZfsL war gut, jedoch wurden hier die Defizite der universitären Ausbildung schnell deutlich. So mussten dort Grundlagen wie Stundenphasierung, Lernziele usw. erst erarbeitet werden. Ich hätte mir gewünscht, dieses Wissen bereits aus der Uni mitzubringen und mich voll und ganz auf die praktische Umsetzung fokussieren zu können. Daraus resultierte, sicherlich meinen eigenen Ansprüchen geschuldet, eine Arbeitswoche von sicherlich 60 oder 70 Stunden. Der Zeitpunkt dieser praktischen Erfahrung hätte deutlich früher, bzw. öfter, im Studium stattfinden sollen. Besonders im Hinblick auf die gewählte Berufswahl. So erlebe ich es heute als frischgebackene Lehrerin, die noch einen guten Draht zu den Referendaren hat, dass viele im Ref oder Praxissemester das erste Mal mit dem wirklichen Beruf der Lehrenden konfrontiert werden. Nach 5 Jahren Studium wird dann erst deutlich, ob die betreffende Person den Beruf überhaupt mag oder geeignet ist.

Das Referendariat habe ich Hinblick auf Verknüpfung von Theorie und Praxis als sinnvoll wahrgenommen. Natürlich entspricht das Feuerwerk der Unterrichtsbesuche nicht dem Alltag des Lehrers. Jedoch profitiere ich im Alltag immer wieder von dem angeeigneten Wissen des Referendariats. So laufen inzwischen die Schritte aufwendiger Planung von Unterricht und Verknüpfung innerhalb von Unterrichtsreihen unterbewusst, sodass die Planung alltäglichen Unterrichts zügig stattfindet.

Das Referendariat habe ich positiv wahrgenommen, jedoch nach Reflexion festgestellt, dass ich 17 Monate unter Dauerstrom gestanden habe, um den Ansprüchen meiner Fachleitungen, Schulleitung und mir gerecht werden zu können. Ich habe mein Examen mit 1,15 schlußendlich bestanden. Dies hatte aber auch einen sehr hohen Preis. Ich habe manchmal tagelang bis nachts geackert, bin nicht zur Ruhe gekommen und habe mich selbst und meine Gesundheit vernachlässigt. Jetzt mit fester, voller Stelle musste ich lernen, auch mal die Kirche im Dorf zu lassen und nicht jeden Trend mitzugehen. 

Meine Ausbildungslehrer und -lehrerinnen waren menschlich ein absoluter Traum, jedoch habe ich oft festgestellt, dass ich didaktisch und methodisch im Ref besser aufgestellt war als sie. Hier müsste meiner Meinung nach nachgebessert werden. Möglicherweise sollten festgelegte Ausbildungslehrer und -lehrerinnen, die als solche fortgebildet worden, in den Schulen vorhanden sein. Ich sehe in der jetzigen Situation wie sich unsere Referendarinnen abstrampeln, um grundlegendes Wissen über Unterricht aufzubauen, den Herausforderungen des Distanzlernens gerecht zu werden und guten Unterricht zu machen. Gefühlt sind sie schon vor Beginn ihrer eigentlichen Tätigkeit als fertige Lehrerinnen ausgebrannt.

Insgesamt sollte das Ausbildungssystem von Lehrerinnen und Lehrern revolutioniert werden. Ein duales System würde hier mehr Sinn ergeben, um die Verknüpfung von Praxis und Theorie zu optimieren. Der Bachelor könnte weiterhin fachspezifisch ausgelegt sein und der Master dann vier Semester (inklusive Referendariat) berufsbegleitend laufen. So könnte die immense Ausbildungszeit von im besten Fall 6,5 Jahren auf fünf Jahre verkürzt werden.

(Anonym, 30 Jahre, fertige Lehrerin seit November 2020 an einer Gesamtschule, vorher Referendariat in NRW) 

Ich habe 9 Semester an der Uni Rostock Sonderpädagogik studiert, befinde mich nun im Referendariat und habe rückblickend, erschreckend wenig Nützliches in der ersten Phase der LA- Ausbildung vermittelt bekommen. In der Sonderpädagogik hat man einen Weg eingeschlafen (bei mir Förderschwerpunkt geistige Entwicklung) und vom zweiten Studierenden Förderschwerpunkt (bei mir Sprache) nur noch wenig mitbekommen. Es gab 4 Praktika, wovon ich mir das erste (3 Wochen Sozialpraktikum in einer Einrichtung mit Kindern mit Beeinträchtigung. Man konnte auch im Fußballverein wo Kids mit LRS sind, Trainer sein.) Das zweite Praktikum sollte an einer lehramtsfremden Schule stattfinden. Ich habe mich für eine inklusiv arbeitende Montessori – Grundschule entschieden, weil ich wusste, dass sie dort auch einige Schüler:innen mit Beeinträchtigungen unterrichten. Andere haben es an der Berufsschule gemacht (Sinn?). Dann kamen die schulpraktischen Übungen, bei denen wir für ein Semester einmal die Woche eine Stunde in einer (uns zuvor völlig fremden) Klasse unterrichteten. Nach zwei Semestern musste man dann einen Bericht abgeben, der (unabhängig vom Ablauf der SPÜ an sich) benotet wurde. Als nächster Praxiseinsatz folgte das 4wöchige Hauptpraktikum im gleichen Schwerpunkt wie die SPÜ. Das war das erste Mal im Studium, dass man wirklich Unterricht geplant hat, die Klasse kannte usw usw. Aber auch hier drehte sich alles um den Bericht (der nachher über 100 Seiten hatte). Zu guter letzt gab es noch ein 5wöchiges Hauptpraktikum, welches wir Sopäds an einer inklusiven Grundschule absolvieren müssen. Glücklicherweise hatte ich die Möglichkeit an einem neu etablierten Tandemprojekt teilzunehmen und gemeinsam mit einer Grundschulpädagogikstudentin in einer inklusiven  Klasse zu arbeiten. Als „Belohnung“ der Teilnahme an diesem besonderen Projekt entfiel für uns der Praktikumsbericht. Daher konnten wir unsere gesamte Aufmerksamkeit und Konzentration komplett auf den Unterricht und die Schüler:innen fokussieren. Das war großartig! Natürlich steht und fällt auch immer vieles mit den betreuenden Personen. Ich hatte in meinen beiden Hauptpraktika wirklich tolle Lehrerinnen, die sich gut um mich als Praktikantin gekümmert und mir ihren/unseren Beruf näher gebracht haben. Von der Uni gabs da allerdings nicht so die ideale Betreuung. Die Dozentin war bemüht, aber konnte die Vielzahl der Studierenden nun auch nicht alle alleine abdecken. In Rostock studiert man als Sopäd noch ein sogenanntes allgemeinbildendes Fach indem man dann auch SPÜ hat. Bei mir war das Mathe und deutsch & kurz gesagt: für mich völlig sinnlos. Ich wusste von Anfang an, dass ich in einer Förderschule mit geistig behinderten Kindern arbeiten möchte und nichts anderes. Auch die Inhalte dieses Beifaches waren super fragwürdig, allerdings sowohl für Sopäds als auch für die GSP Studis. Jetzt im Ref fällt mir auf, dass meine Lerneffekte aus dem Studium einzig und allein durch die (wenigen aber immerhin) Praxiseinsätze kam und durch meine Motivation, den Beruf auszuüben. Aber auch gerade frage ich mich ständig: wozu die ganzen Entwürfe, wenn ich doch einfach nur unterrichten will? Klar, Planung soll gelernt und meinetwegen auch überprüft sein. Allerdings sehe ich wenig Sinn darin, dass man Laborsituationen schafft, indem man da didaktische Feuerwerke abliefert, die in der Realität nachher nie wieder so ablaufen werden. Die Erwartungshaltung ist meiner Meinung nach, einfach falsch. Ich sehe keinen Sinn darin, mich nur mit dem Schreiben zu beschäftigen, wenn ich viel lieber mehr auf die Kinder eingehen, auch mal Flexibilität üben würde. Meine Mentorin ist toll, keine Frage! Aber wie oft habe ich von anderen Referendar:innen bereits gehört, dass sie überhaupt keine Unterstützung durch diese erfahren und eher als „dumme Praktikant:innen“ behandelt werden. Aber das sind wir nicht! Wir haben dieses 1. Staatsexamen und sind nicht irgendwer. Natürlich mögen wir nicht perfekt ausgebildet sein, aber dann sollten doch Bestrebungen da sein, das im Ref zu ändern. Zusätzlich frag ich mich oft, ob’s wirklich ausreichend ist, dass sie Mentor:innen EINMALIG eine Schulung erhalten und dann für immer Mentor:innen sein dürfen?! 

Und jetzt im Ref hab ich nach 6 Monaten schon mit dem eigenverantwortlichen Unterricht begonnen, sehe genau eine Stunde meiner mentorin (meistens Morgenkreis) und hab ansonsten nur eigenen Unterricht. Das ist reines Learning by doing und für mich keine adäquate Ausbildung. 

Eine Sache fällt mir noch ein: Ich bin nach dem 4. Semester ins Ausland gegangen als Fremdsprachassistenz weil mich der fehlende Realitätsbezug im Studium dermaßen genervt hat. Ich musste erstmal neue Motivation sammeln, um weiter durchzuhalten. Mein Ziel (Sonderpädagogin) stand fest, aber der Weg war wirklich steinig. Meine Zeit in Frankreich hat mir sehr geholfen mich danach nur noch auf mein Ziel zu fokussieren und einfach irgendwie durchzuhalten. 

Jetzt hab ich viel geschrieben und möchte mein Endfazit darstellen: Theorie & Praxis sollten immer im Ausgleich vermittelt werden. Nichts anderes tun wir doch im späteren Lehrer:innenalltag auch? (Oder sollten es zumindest.) Es herrscht Lehrkräftemangel im ganzen Land und wie tummeln uns da ewig in der Uni rum. Grad heute hab ich bei Instagram die Frage gestellt, ob mich wohl jemals ein Kind nach der Herleitung des Satz des Pythagoras fragen wird, solange ich in der Förderschule mit Geistigbehinderten arbeite. 

(Mona, 25 Jahre, Referendarin in Mecklenburg Vorpommern bis Jan 2022 im Lehramt Sonderpädagogik,@quergedacht__ bei Instagram) 

Von 2010 bis 2016 habe ich in Marburg und Frankfurt Gymnasiallehramt studiert (Deutsch und Spanisch). Fachlich sicher für mich sehr interessant. Jedoch merkte ich danach schnell, dass ich didaktisch kaum etwas mitgenommen habe. Erst meine zweijährige Stelle als angestellte Lehrerin und danach das Referendariat haben mir nochmal gezeigt, worauf es wirklich ankommt. Wie bekomme ich meine Schüler von der Analyse zur Interpretation? Wie führe/moderiere ich Gespräche? Wie stelle ich es an, dass meine Schüler und Schülerinnen selbstständig lernen lernen? Wie wichtig ist das Verhältnis zu ihnen? Wie führe ich Elterngespräche? 

Wie helfe ich Schülern und Schülerinnen ihre Angst vor dem Sprechen in der Fremdsprache abzulegen? Das habe ich alles erst im Referendariat als wichtig erkannt und bin derzeit dran, Antworten zu finden bzw. das bereits Gelernte selbst zu üben. 

(Nina, 30, Gymnasiallehramt Hessen, seit Mai 2020 2. Staatsexamen)

 

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