Während in digitalen Netzwerken darüber diskutiert wird, wie Unterricht unter den Bedingungen der Digitalisierung aussehen kann, stehen viele immer noch am Anfang. Was sich über die letzten Jahre geändert zu haben scheint, ist die Wahrnehmung, dass sich etwas ändern muss. Dieses Etwas wird oftmals einem sehr vagen Rahmen zugeordnet, den viele „Digitalisierung“ nennen. Aber was ist das überhaupt für ein Begriff? Was bedeutet er? Und welche Begriffe passen vielleicht viel besser? Dieser Artikel soll einige dieser Fragen allgemein und in Bezug auf Bildung beantworten.

Digitalisierung ist nicht Digitalisierung

Zunächst einmal muss man feststellen, dass viele den Begriff Digitalisierung so vage verweden, dass er alles und nichts sein kann. Für manche ist Digitalisierung schlicht die Nutzung von Tablets, für andere Social-Media-Kommunikation, für wieder andere künstliche Intelligenz. Wieder andere meinen, Digitalisierung ist schon, wenn man den Visualizer bedienen kann. Und irgendwie haben alle Recht und keiner.

Das Problem daran, dass der Begriff so schwammig ist (oder verwendet wird), ist, dass dies in einer Zeit passiert, in der der Digitalpakt bald Milliarden zur Verfügung stellt. Die Schulen werden reagieren. Wie sie das tun, hängt oftmals stark an der Perspektive, die sie gegenüber diesem schwammigen Wort einnehmen.

Eine Annäherung

Um fassbar zu machen, was Digitalisierung bedeutet, lohnt es sich, bei dem Prozess zu beginnen, der im eigentlichen Sinne gemeint ist (hier stark vereinfacht dargestellt): Etwas Physisches, sagen wir ein Blatt mit einer Handschrift, wird in eine digitale Form überführt. Streng genommen ist das Abbild dieses Blattes „nur“ noch eine lange Reihe von Nullen und Einsen. Diese geben wieder, was am Ende beim Bildschirm ankommt. In diesem Fall tausende Farbwerte, die zusammengesetzt ein gestochen scharfes Bild des Blattes mit der Handschrift anzeigen. Das Blatt wurde digitalisiert. Es ist kein Blatt mehr, sondern ein Digitalisat. Es kann geteilt, archiviert, verändert und anderweitig bearbeitet werden.

Digitalisierung ist in diesem Fall der Prozess dieser Umformung. Da dies aber in verschiedensten Gebieten geschieht, spricht man auch dann von Digitalisierung, wenn nicht nur ein Gegenstand, sondern auch ein Prozess digitalisiert wird. Sagen wir, dass am Anfang des Schuljahres jeder Schüler einen Stundenplan als Blatt ausgehändigt bekommt. Wird dieses Praxis gestoppt und jeder Schüler bekommt stattdessen einen Stundenplan per App, kann man auch von Digitalisierung sprechen. Aber da wird es schon schwammiger.

Letztlich gibt es sehr verschiedene Entwicklungen, die unter den Begriff der Digitalisierung geführt werden, die aber nur mehr lose mit der eigentlichen Digitalisierung, wie sie in dem kurzen Beispiel beschrieben ist, zu tun haben: Automatisierung von Maschinen, künstliche Intelligenz, soziale Netwerke und vieles mehr verändert die Gesellschaft. Aus diesem Grund sprechen viele nicht von der Digitalisierung (denn nicht alles wird digitalisiert), sondern von den Bedingungen der Digitalisierung. Oder von digitaler Transformation.

Definitionen und Definitionsversuche

In der Brockhaus-Definition werden die hier angegebenen Dimensionen des Begriffes deutlich:

Digitalisierung, im ursprünglichen Sinn die Umwandlung analoger Signale in digitale Daten, die mit einem Computer weiterverarbeitet werden können, in einem weiteren Sinn der Prozess einer alle Lebensbereiche umfassenden Transformation hin zu einem Dasein, dass von digitalen Daten bestimmt wird. Einige Schlagworte, die diesen komplexen Prozess illustrieren, sind Automatisierung, Industrie 4.0, Cloud-Computing, Vernetzung, Internet, Internet der Dinge, mobile Kommunikation (Informations- und Kommunikationstechnik, Mobiltelefon) und Big Data.

Brockhaus, Digitalisierung.http://www.brockhaus.de/ecs/enzy/article/digitalisierung

An dieser Stelle möchte ich mithilfe einer unvollständigen Sammlung verdeutlichen, was Experten unter Digitalisierung verstehen und versuchen, die jeweiligen Defintionsversuche einzuordnen.

Eine sehr gute Unterscheidung und Zuordnung des Begriffes leistet Prof. Beat Döbeli Honegger in seinem (Standard-)Werk für die Schulbildung „Mehr als 0 und 1“, indem er der Digitalisierung zwei weitere Begriffe gegenüberstellt: Digitalisierung, Automatisierung und Vernetzung (vgl. S.18ff.).

 

Anstelle einer langen Definition oder Umschreibung der Erklärung soll an dieser Stelle ein weiteres Beispiel stehen. Dieser Beitrag wird nicht auf einer Schreibmaschine geschrieben. Würde dies so sein, müsste ich, um ihn anderen zukommen zu lassen, für eine physische Vervielfältigung sorgen. Da dieser Beitrag aber digital produziert wird, sind die Daten erfasst und auf dem Server meines Hosts abgelegt. Wenn ich auf den Button „Veröffentlichen“ drücke, werden alle Menschen, die die Beiträge dieses Blogs abonniert haben, eine Mail bekommen, ganz automatisch. Alle, die den Beitrag nun lesen, können ihn, sofern sie ihn überzeugend finden, sehr einfach an andere übermitteln.

Dieses Beispiel zeigt eine Konsequenz der „Digitalisierung“, die, wie wir nun wissen, besser digitale Transformation heißen sollte, wenn sie viele verschiedene Prozesse beschreiben soll. Es gibt weitere Konsequenzen, die auch auf einer Folie des exzellenten Buches von Honegger zu finden sind (und im übrigen frei übermittelt werden können, da der Autor sie dementsprechend lizensiert hat – auch eine Konsequenz der digitalen Transformation).

 

An dieser Stelle sollen nicht alle hier vorkommenden Aspekte im Detail beschrieben werden. Aber selbst wenn wir uns an einfache Beispiele halten, wird klar, inwiefern der digitale Wandel oder die digitale Transformation gesamtgesellschaftlich relevant wird.

Dies gilt insbesondere für das, was hier „Automatisierung des Automatisierbaren“ gennant wird.  Denn dabei geht es um weit mehr als den Empfang eines Newsletters. Alles, dessen Durchführung die stetig gleiche Tätigkeit erfordert, kann in Zukunft besser von einem Computer gemacht werden. Genau deshalb wird für jene Berufe Massenarbeitslosigkeit befürchtet, wenn sich nichts ändert. Automatisierung ist also nicht nur eine Erleichterung, die dafür sorgt, dass die Datenverarbeitung einfacher wird und bestimmte Güter schneller hergestellt werden, sondern auch eine Gefahr für bestimmte Berufe. Und die Gedanken daran sind noch nicht zu Ende gedacht. Man denke daran, was passiert, wenn 3-D-Drucker zu einem Preis erworben werden können, der sie für den Normalverdiener erschwinglich macht.

Die gesamtgesellschaftliche Relevanz wird auch dann deutlich, wenn man die Perspektive noch ein wenig mehr erweitert. In seiner „Kultur der Digitalität“ charakterisiert Felix Stalder Referentialität, Gemeinschaftlichkeit und Algorithmizität sind die charakteristischen Formen einer gesamten „Kultur der Digitalität“.

In seinem umfassenden (nebenbei durch Crowdfunding möglich gemachten) Buch „Die Bildung und das Netz“ verdeutlicht Martin Lindner, dass es unter diesen Bedingungen zu einfach wäre, einfach von Digitalisierung und in Bezug auf Schule über „digitale Bildung“ zu sprechen. Lindner markiert die verschiedenen Dimensionen, indem der von der „Digitalisierung der Bildung“ in Bezug auf Daten und Vernetzung spricht, daneben aber die „Ver-Web-ung“ der Bildung erkennt. Insofern verdeutlicht er aber auch, dass es verkürzt wäre, Digitalisierung nur als Synonym für Verdatung zu verstehen.

die soziokulturelle seite, die sich im netz und seinen nutzerinnen manifestiert, ist immer präsent, ob man sie wahrnimmt oder nicht. (Lindner, die bildung und das netz, s.84)

Konsequenzen

Ein Blogartikel mit einem so umfassenden Thema kann nicht mehr sein als eine Annäherung. Die genannten Bücher und noch viele mehr bieten erst das Gesamtbild dessen, was die „Kultur der Digitalität“ ausmacht. Dies soll ein  Impuls sein.

Dieser Impuls soll verdeutlichen, dass die Antwort der Frage darauf, wie die Schule(n) denn auf die „Digitalisierung“ reagieren sollen, zunächst einmal zurückgestellt werden muss. Die Frage ist also nicht:

Wie reagieren wir auf die Digitalisierung? 

Sondern:

Wie wollen wir Lernen unter den Bedingungen der Digitalisierung gestalten? 

Und dort kann erst der Prozess entstehen, der sich nicht nur mit medialer Ausrüstung, sondern mit Lernen und Lehren im 21. Jahrhundert befasst (einige Modelle sind in diesem hervorragenden Artikel von Jan Vedder zusammengefasst. Die einzelnen Folien können hier als PDF heruntergeladen werden).

Eine Antwort, die Schulen darauf geben, kann natürlich das Smartboard sein. Die Antwort darauf, wie man mit der Kultur der Digitalität umgeht ist dann, dass man Vernetzung, Ver-Web-ung, Leitmedienwechsel etc. ignoriert und sehr schlicht und einfach vorhandene Strukturen digitalisiert. Dessen muss man sich dann aber bewusst sein.

Die Alternative ist es, sich im besten Fall mit dem Kollegium über das zu verständigen, was Lernen im 21. Jahrhundert ausmacht. Auf dieser Grundlage kann dann ein Verständnis entstehen, wie die Schule auf die Digitalisierung, nein, auf das Lernen unter den Bedingungen einer Kultur der Digitalität reagiert.

[pdf-embedder url=“https://bobblume.de/wp-content/uploads/2019/03/Digitalisierung-.pdf“ title=“Digitalisierung“]

Anmerkung

Dieser Artikel liegt schon seit einiger Zeit als Entwurf unveröffentlicht auf dem Blog. Ich habe mich entschlossen, ihn nun zu veröffentlichen, wenngleich ich ein wenig unzufrieden bin; entweder man schreibt so viel, dass es keiner mehr liest oder so wenig, dass es stark verkürzt wird. Insofern ist dies, ganz im Sinne einer Kultur der Digitalität, wieder einmal die Bitte, durch Kommentare zu ergänzen, zu kritisieren und rückzumelden, was noch unbedingt zu ergänzen ist. Die wichtigsten Ergänzungen werde ich in den Artikel einpflegen.

 

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