DISKUSSION: Lehrer zu Social Media überreden

Der unermüdliche Lehrer Dejan Mihajlović hat in einem Zumpad die Frage gestellt, was man unternehmen könnte, damit Lehrer die Vorteile von Microblogging nutzen. Auch ich habe meine Meinung dort hinein geschrieben. Sie lautete

Habe diesbezüglich aufgegeben. Klingt resigniert, ist es auch.

Diese kleine Artikel dient nur als Erklärung, warum ich denke, dass die Community (oder jene, die sich in den Sphären bewegen) bei ihrem Enthusiasmus oft vergessen, wie manche (die meisten) Kollegen ticken. Nicht dass wir uns falsch verstehen: Ich finde Dejans Anliegen super und natürlich versuche ich auch immer wieder, Lehrer dazu zu bewegen, zu bloggen oder auf Social Media zu kommen.

Ich erklärte, warum Lehrer twittern sollen, dass nun alle Referendare und generell alle Lehrer auf Social Media sollen.

Seitdem, also seit ungefähr vier Jahren, hat sich auch einiges getan (und Leute wie Philippe Wampfler und Lisa Rosa, die mal einen sehr resignierten Artikel darüber schrieb, wie die Entwicklung in Deutschland stagniert, können mit Sicherheit noch mehr dazu sagen).

Aber viele interessiert es einfach nicht. Die alles entscheidende Frage ist:

Warum sollte es auch?

Was diejenigen, die auf Twitter sind, Blogs haben und über Bildung interessieren, eint, ist, dass es für sie gleichzeitig ein Hobby ist. Muss es auch sein, denn dass digitale Medien und der Diskurs Zeit geben anstatt nehmen würde, ist ein Gerücht.

Mit anderen Worten: Man muss das wollen. Aber warum sollte man wollen? Ein weiterer Grund, den alle gemeinsam haben, ist, dass wir alle Idealisten, altruistische Selbstdarsteller oder Kämpfer für einen höheren Zweck sind.

Wir wollen twittern und uns Impulse holen, weil wir keine Lust haben, immer dasselbe zu tun. Wir wollen bloggen, was wir in der Schule gemacht haben, weil wir denken, damit anderen zu helfen. Wir wollen über Bildung schreiben, weil uns das große Ganze interessiert. Wir wollen gemeinschaftlich arbeiten, wir finden es gut, dass Fragen beantwortet werden, von denen wir zuvor nicht wussten, dass es sie überhaupt gibt. Wir diskutieren gerne.

Und wir denken, dass das Internet nicht wieder weggeht und Teil des Lebens ist.

Und das sollen die anderen auch wollen?

Lehrer, die froh sind, endlich immer dasselbe zu tun, die dafür reichlich entlohnt werden, die sich daran gewöhnt haben, dass sie tatsächlich nur vormittags arbeiten, die sich eingenistet haben. Denen will man mit Vorteilen kommen? Welche Vorteile?

Das ist, als wenn man mit die Vorteile erklärt, jeden zweiten Tag zu joggen. Verstehe ich schon, ist mir aber zu anstrengend.

Ist das also die totale Resignation?

Nein, ist sie nicht. Es ist die Erinnerung daran, dass man viele nicht mit Vorteilen kriegt. Sondern mit Zwang.

Klingt resigniert, ist es auch.

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DISKUSSION: #digitalebildung vs #zeitgemäßeslernen

Foto: Thomas Clemens

Philippe Wampflers kurzer Tweet hat eine Diskussion ausgelöst, die absolut verständlich ist. Um meine Position dazu zu erklären, hier ein kurzer Kommentar.

Zunächst eine kleine Anekdote. Als ich vor 6 Jahren mein Staatsexamen machte, war eines der Themen, die ich behandelte der britische (Post-)Kolonialismus. Nachdem ich mich durch Kategorien und Primärliteratur gearbeitet hatte, viel mir etwas auf. Der Roman des Kolonialismus schlechthin „Heart of Darkness“ passte nicht in die Kategorien, die die bestehenden Theorien anboten. Da man das Werk Joseph Conrads aber schlecht ignorieren konnte, erklärten die Autoren der Post Colonial Studies einfach, dass der Roman so singulär sei, dass man ihn nicht einordnen könne. Mein Ansatz war ein anderer: Ich überlegte, wie das Modell so zu erweitern sei, dass man den Roman integrieren könne. Das Theoriemodell zeigte ich meiner Professorin. Sie war angetan. Nur: Um dieses erweiterte Modell als Alternative einzuführen, hätte ich schlicht jahrelang prüfen müssen, ob es nicht irgendwo auf der Welt jemanden gäbe, der das Wort, das ich zur Erweiterung der Theorie gebrauchen wollte, schon existiert. Es wäre nah an einer Doktorarbeit gewesen. Das konnte ich nicht leisten. Aber es zeigte mir, dass selbst die Einführung eines einzelnen Wortes, das einen Kontext definiert, innerhalb dessen andere arbeiten, mehr ist als dieses kurz zu definieren. Es sei denn natürlich, man ist schon anerkannter Professor für ein Fachgebiet. In diesem Falle reichte wohl ein Artikel in einer Monatszeitschrift.

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DISKUSSION: Ein Gedanke zu differenziertem Unterricht

Egal mit wem ich spreche: Viele Lehrerinnen und Lehrer, denen Unterricht eigentlich Spaß macht, vermissen etwas. Oftmals wissen sie nicht, was es ist. Je mehr ich in AGs unterrichte, desto mehr weiß ich es. Denn das, was dort passiert, ist unglaublich. Ein Gedanke. 

Mittelköpfe und 10-G-Unterricht

Schon mein allererster Artikel auf diesem Blog hatte die einfache These, dass Noten „echtes“ Arbeiten in der Schule verhindern bzw. andersherum: dass es ein Zeichen für Gelingen von Projekten ist, wenn nicht nach der Note gefragt wird. Warum? Weil dann das Interesse im Vordergrund steht. Aber wie soll Interesse und Neugier in einem Unterricht im Vordergrund stehen, in dem alle dasselbe machen müssen.

Pirmin Stadler definiert in seiner Zertifikatsarbeit, die unbedingt lesenswert ist, wie Unterricht heutzutage und eben auch schon seit ein paar Hundert Jahren funktioniert.

Zertifikatsarbeit
CAS Unterrichts- und Schulentwicklung, Pädagogische Hochschule Luzern, S.9

 

 

 

 

 

 

 

Die Standardsekundärliteratur, die sich an „modernem“ Unterricht ausrichtet, stellt diese Gs nicht in Frage. Dabei ist Binnendifferenzierung immer entweder Stillarbeit (tatsächlich, denn die Schüler arbeiten alleine und können dies so schnell machen, wie sie wollen). Oder eben eine Expertenaufgabe für „die Schnellen“ oder „die Guten“.

Echte Differenzierung – echtes Lernen

Warum nun gerade darüber schreiben? Meine 10.Klasse hat im Rahmen der Texterörterung – die im Bildungsplan steht und die man im Abitur abrufen muss kann – Leserbriefe geschrieben, die ich in meinem Klassenblog veröffentlicht habe. Weiterlesen

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DISKUSSION: Die Dropboxisierung des Lehrernachwuchses

Zwischen Kollaboration und dreistem Plagiat führt heutzutage ein schmaler Grat. Schlimmer als Arbeitsblätter abzugreifen und nichts selbst zu produzieren ist aber der Gedanke, der dahinter steht. Ein Kommentar. 

Eine Anekdote

Als ich in mein erstes Jahr als Lehrer startete, ging es mir schon nach nicht einmal drei Jahren schlecht. Das hatte viele Gründe, die man in das Schlüsselwort „Überforderung“ zusammenfassen kann. Dennoch: Kollegen halfen mir oder versuchten es. Eine Kollegin, der ich im Nachhinein besonders viel zu verdanken habe, da sie sich um mich kümmerte, wo sie nur konnte, erreichte aber einige Male das Gegenteil. Anstatt mir mit den vielen Einzelblättern, die sie mir gab, zu helfen, fühlte ich mich schlechter, hatte das Gefühl, das Chaos bräche über mich hinein. Ich hätte etwas anderes gebraucht, eine Leitlinie, eine Struktur. Aber dahingehend konnte mir keiner helfen. So boxte ich mich durch und versuchte, selbst Wege zu finden, wie ich zwischen fachfremden Unterricht, drei Mal so vielen Stunden wie im Referendariat und den vielen weiteren Anforderungen der Institution Schule und ihrer Mitwirkenden Licht am Ende des Tunnels sehen könnte. Irgendwie schaffte ich es, mit Hängen und Würgen. Mittlerweile glaube ich eine wichtige Lektion gelernt zu haben. Dazu später mehr.

Eine Anmerkung

Eine wichtige Anmerkung: Je länger ich im Schuldienst und im Netz unterwegs bin, desto mehr muss ich feststellen, dass viele Probleme in der Diskussion und der Kommunikation zwischen den (ambitionierten) Lehrern auf einer simplen Grundlage fußen: Jeder will, dass die anderen so sind wie man selbst. Mal wird dies ganz offen formuliert, mal scheint es zwischen den Zeilen hindurch. Letztlich ist die Prämisse aber: Ich tue dies, weil es richtig ist und wenn man es richtig machen will, macht man es so wie ich. Dies stelle ich voran, um sicherzugehen, dass der Leser weiß, dass es mir nicht darum geht. Auch wenn ich vernünftige Gründe anführen könnte, warum jeder Lehrer schreiben, bloggen oder twittern sollte, erkenne ich an, dass viele sagen, dass das „nichts für sie ist“, dass sie keine Zeit, keine Lust oder andere Prioritäten haben. Nun, da das geklärt ist, zum Thema:

Die Dropboxisierung der Facebookgruppen

In den Facebook-Gruppen, in denen ich mich tummele und deren Austausch ich auch immer mal wieder schätze, werden tausende von Fragen gestellt. Viele dieser Fragen veranlassten mich dazu, Blogartikel zu schreiben, deren zugehörige Kommentare und Rückmeldungen zeigen, dass sie durchaus Hilfestellungen geben können. Dennoch bleiben solche Artikel so etwas wie eine Bauanleitung, eine Architekturskizze von Unterricht, Ordnung oder Kommunikationssituationen. Mehr kann es nicht sein, da Unterricht und Schule – kurz: alles, was mit Bildung zu tun hat, dynamischen Prozessen unterworfen ist, die sich verändern, ja verändern müssen. Und trotzdem wissen wir, dass Schule sich wahrscheinlich am langsamsten verändert, was zahlreiche Gründe hat, die hier keine Rolle spielen sollen.

Die meisten Kommentare neben Diskussionsbeiträgen, die sich kritisch zur Grundhaltung der Referendarinnen und Referendare äußern, haben die Fragen nach Dropboxes (dazu gibt es mittlerweile ganze Gruppen). Das System ist einfach: Jemand fragt nach einer Dropbox und hunderte Interessierte schreiben ihre E-Mail unter den Thread. Einfach so. In Gruppen mit 20.000 Mitgliedern.

Dass dies nicht die einzigen Probleme sind, zeigt folgende Beobachtung, die auf Facebook unter die Diskussion gepostet wurde.

Probleme mit der Medienkompetenz.

Rechtliche Probleme

Dass dies nicht nur eine moralische bzw. arbeitsethische Frage aufwirft, mir der sich dieser Beitrag beschäftigt, sondern auch rechtliche, zeigt folgender Beitrag über Twitter:

In einem Artikel dazu heißt es:

Das Inhalte-Teilen ist allerdings nicht per se illegal. Entscheidend ist, ob die Dateien lediglich dem privaten Umfeld oder der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Hier gebe es eine alte Grundregel, sagt Lampmann. „Öffentlichkeit sind diejenigen, die nicht durch eine persönliche Bande miteinander verbunden sind.“

Jeder, der Dropbox häufig nutzt, sollte den ganzen Artikel lesen und sich den Gebrauch in dieser Form nochmals genauer überlegen.

Eine wohlwollende Perspektive

Man könnte nun mehrere Perspektiven darauf haben. Man könnte beispielsweise sagen, dass das doch gut ist. Das es eine Form von Austausch ist, dass jeder vom anderen profitiert (wenn es nicht so ist, wie man in der Gruppe oft lesen kann, dass jemand einfach sämtliche Daten auf seinen Computer zieht und nicht daran denkt, sie zu kopieren, was nach sich zieht, dass wieder eine andere Dropbox aufgemacht wird, bis dasselbe passiert).

Und in der Tat: Heutzutage kann jeder von jedem profitieren. Wenn dies in die Schule weitergetragen würde, ich hielte bezüglich dieses Themas meinen Mund. Wenn also jene, die sich über diese Art von „Arbeit“ den Schülern zugestehen würden, auch so zu arbeiten, also in der WhatsApp-Gruppe die Hausaufgaben zu teilen, sie von GuteFrage.net abzugreifen oder eine Facebook-Gruppe zu nutzen. Das hört sich polemischer an als es ist, denn diejenigen, die digitale Bildung besprechen und darin nicht einen Transfer von analoger Struktur auf digitale, sondern einen grundsätzlich neuen Ansatz sehen, denken in der Tat, dass hier Möglichkeiten bestehen. Aber das Ziel ist ein anders.

Das Ziel eines solchen Austausches unter Schülern wäre es, Fragen zu finden, die nicht vorgegeben sind, Antworten zu diskutieren und abzugleichen und selbst Impulse zu geben, die dann wieder weiterführen. Im besten Fall folgte daraus ein ganz eigenes, neues Produkt.

Aber so ist es nicht. In den Facebook-Gruppen zeigen viele Fragen und eben auch das Verlangen nach Dropboxes für den eigenen Unterricht ein besonderes Verständnis von Unterricht.

Eine ablehnende Perspektive

Unterricht ist da eine Aneinanderreihung von auszuteilenden Blättern, deren Vervollständigung mittels Sammlertrieb dafür sorgt, dass man irgendwann autark ist. Der Schüler wird zu Ausfüllmaschine degradiert, deren Ziel es ist zunächst im Unterricht, dann in der Klausur Kreuze zu machen und die Fragen zu beantworten, die sein Lehrer ihm zuvor als jene Fragen präsentierte, deren Antworten das richtige Wissen nach sich ziehen. Das geht gut. Noch eine Weile. Irgendwann aber, wird – so meine These – der Zeitpunkt kommen, an dem das nicht mehr funktioniert.

Es ist jetzt schon so, dass Schülerinnen und Schüler durch die vielen Möglichkeiten anders lernen als vor ein paar Jahren. Wenn Schüler einmal wissen, welcher Lehrer seine Materialien von wo holt, wird Lernen nichts anderes als ein Detektivspiel. Das ist das Gegenteil von den 4K, die gerade (zu Recht, wenn auch etwas verkürzt) als das Non-Plus-Ultra in der Bildungsdiskussion gelten.

Auf den Punkt gebracht: Jemand, der heutzutage Lehrer werden will, muss zwangsläufig ein Thema selbst aufbereiten können.

Muss eine Einheit planen können. Muss Unterricht so gestalten, dass er auf die jeweilige Klasse, das jeweilige Fach, die Schule und die Zeit zugeschnitten ist. Das ist verdammt viel Arbeit, aber wenn man es geschafft hat, sich reinzubeißen, zu scheitern, neu zu probieren und es jedes Mal ein bisschen besser zu machen, dann ist es das wert.

Eine Relativierung

Zum Abschluss noch zwei Dinge: Jeder, der sich durch einen Blog oder YouTube zu Wort meldet, muss ich zwangsläufig gefallen lassen, dass man ihm oder ihr eine gewisse Arroganz vorwirft. Was hast du zu sagen? Machst du etwa alles perfekt? Vor allem zu dem zweiten Punkt kann ich nur sagen: Um Gottes Willen nein! Auch ich stelle Fragen, plane und bin mir unsicher, Frage Kolleginnen und Kollegen und Schüler. Darum, und ich hoffe, das ist herausgekommen, geht es mir nicht.

Zum anderen: Ist das jetzt der (sowieso zum Scheitern verurteilte) Versuch, alle Fragen, die jemand stellen könnte, als bösen Plagiatversuch hinzustellen? Auch das nicht. Wenn man Schwierigkeiten hat und Impulse sucht, klar kann man dann, ja sollte fragen. Aber irgendwo hört es auch auf, und zwar da, wo jedem klar ist, dass es darum geht, nicht selbst denken zu müssen.

Lehrerinnen und Lehrer sind Menschen, die nach bestem Wissen und Gewissen Kindern und Jugendlichen einen Zugang zu einer Welt geben sollen, in der sich alles immer schneller verändert. Deshalb sollten sie zumindest versuchen, Teil dieser Veränderung zu sein, anstatt ausfüllbare Zettel zu sammeln, die zwar Sicherheit, aber keine Möglichkeiten zur Entfaltung geben.

Der Artikel beruht auf einem kurzen Thread, den ich auf Twitter veröffentlichte.

Wie immer freue ich mich auf eine faire Diskussion. Mir geht es nicht darum, jemanden an den Pranger zu stellen, sondern Impulse zur Selbstreflexion zu geben.

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DISKUSSION: Rote Haare, eigene Meinungen und eine halbnackte Lehrerin auf Instagram

Lehrerin Morena Diaz auf ihrem Instagramaccount

Der zugegeben etwas reißerische Titel weist auf ein gerade in diversen Netzwerken diskutiertes Problem: Inwiefern darf ein Lehrer als Privatperson das tun, was er oder sie tun möchte – vor allem hinsichtlich des Beamtenstatus. Eine Skizze und ein Kommentar. 

Stein des Anstoßes war der von Philippe Wampfler gepostete Artikel des Schweizer Watson Blogs, auf dem eine Lehrerin vorgestellt wird, die nicht nur Lehrerin, sondern auch eine Instagram-Berühmtheit ist (Neudeutsch: Influencerin, also eine Person, die mit über 60.000 Followern Einfluss auf ihr Publikum hat). Neben der Tatsache, dass sie diesen Account nutzt, um Nebeneinkünfte zu erzeugen, ist sie dort im Bikini zu sehen – eine Tatsache, die den Sitten- und Moralvorstellungen von vielen nicht entspricht.

Dass die Lehrerin diese Fotos nach eigenen Angaben deshalb postet, um auf ein gesundes Körperverhältnis hinzuweisen, da ihr Körper eben nicht dem Standard einer auf Unterernährung basierenden Modelbranche entspricht, lassen die Kritiker nicht gelten.

Neben den Richtlinien, die beim Nebenerwerb beachtet werden müssen und auf die Medienexperte Philippe Wampfler in einem eigenen Post hingewiesen hat, zielt die Kritik auf die Frage, inwieweit ein Beamter außerhalb seines Dienstortes Träger dieses Titels ist und entsprechend handeln muss.

Axel Krommer, Akademischer Oberrat für Deutschdidaktik an der Universität Erlangen, sieht die Sache sehr klar:

 


Seine Position untermauert er mit dem Hinweis auf das Beamtengesetz, in dem es heißt:

§ 34 Wahrnehmung der Aufgaben, Verhalten

Beamtinnen und Beamte haben sich mit vollem persönlichem Einsatz ihrem Beruf zu widmen. Sie haben die übertragenen Aufgaben uneigennützig nach bestem Gewissen wahrzunehmen. Ihr Verhalten muss der Achtung und dem Vertrauen gerecht werden, die ihr Beruf erfordert. Sie dürfen ihr Gesicht bei Ausübung des Dienstes oder bei einer Tätigkeit mit unmittelbarem Dienstbezug nicht verhüllen, es sei denn, dienstliche oder gesundheitliche Gründe erfordern dies.

Lassen wir mal hingestellt, dass es hier nun eher um das Gegenteil von Verhüllung geht. Der wichtige hier angesprochene Punkt ist wohl das „beste Gewissen“ und die „Achtung und das Vertrauen“ in Bezug auf den Beruf.

Wampfler äußert diesbezüglich die Freiheiten, die man dennoch als Privatperson habe, egal ob man nun Beamter ist oder nicht.

Da aber eine Lehrerin selbstverständlich im Bikini baden darf, ist davon auszugehen, dass sie dabei auch Bilder machen und diese im Netz veröffentlichen darf – Lehrpersonen verzichten nicht auf Meinungsäußerungsfreiheit, weil sie unterrichten. Werden sie deswegen benachteiligt, fände ich es seltsam, ihnen dafür Vorwürfe zu machen.

Bevor eine Bewegung angeschlossen wird, sei zunächst auf zwei weitere Vorfälle verwiesen, die, wie ich meine, in Bezug zu setzen sind, mit dem hier aufgeführten Sachverhalt. Zum einen ist das die, vor dem Hintergrund des anstehenden Referendariats zu Recht gestellte Frage einer Referendarin, ob es in Ordnung wäre, ihre roten Haare auch im Referendariat zu zeigen (ein Umstand, der wohl bei vielen nicht dieselbe emotionale Wirkung hervorruft wie eine Lehrerin im Bikini).

Zum anderen ist es die Frage des engagierten Autoren, Twitterers, Medienexperten und eben auch Lehrers Wampfler über seine konstanten Meinungsäußerungen auf den diversen Netzwerken. Ihm sei wiederholt der Vorwurf gemacht worden, dass das Klassenzimmer wohl „zu klein für ihn sei“, er nicht „wisse wohin mit seiner Meinung“ und dass er sie deshalb ins Netz gösse (ein Vorwurf, dem auch der Autor dieses Blogs wiederholt ausgesetzt wurde – zu Recht).

Nun ist es typisch für Wampfler, dass er ganz im Sinne einer ehrlichen Transparenz diese Kritik durch die vielen Leser seines Blogs und seiner Seite reflektieren lässt. Die etwas längere Antwort von Marc Böhler sei hier ganz zitiert, da sie, wie ich meine, die oberflächlich gesehen sehr unterschiedlichen Sachverhalte – Bikinibilder, rote Haare und öffentliche Meinungsäußerung – zum großen Teil beantwortet (und das, obwohl sie sich ausschließlich auf letztgenannten Sachverhalt bezieht).

Es heisst ja auch Kanti «Enge»… Rock on lieber Philippe! Diese Kritik kommt von Personen, die im modernen Denken verhaftet sind. Wir leben aber in der Nachmoderne und alle Ebenen müssen lernen, wie die neuen kommunikativen Strukturen wirken und wie wir mit ihnen wirken können. Kleines Beispiel ist diese Insta-Lehrerin. Ich bin klar der Meinung, die Frage eines Interessenskonflikts stelle sich gar nicht. Es stellt sich vielmehr die Frage, ob wir diese Frage nach Interessenskonflikten ganz anders stellen sollten.

Schülerinnen und Schüler von Lehrpersonen, die nicht nur wie Roboter Wissensvermittler im Schulzimmer sind, sondern auch Influencer in anderen sozialen Räumen, lernen schon früh, eine eigene Meinung zu bilden, dadurch, dass sie mit starken Meinungen konfrontiert sind.

Während Kinder und Jugendliche von politisch, stilistisch und kommerziell neutralen Lehrpersonen in eine Erwachsenenwelt entlassen werden, in der sie von allen Seiten manipuliert werden, sind Schülerinnen und Schüler von starken Netzpersönlichkeiten darauf bestens vorbereitet. Zudem bin ich der Meinung, dass da eine Diskussion geführt wird, ohne die Meinung der eigentlich Betroffenen zu suchen. Ich bin sicher, den Schülerinnen und Schülern im engen Zimmer der Kanti Enge ist es egal, was du im Netz treibst, so lange du sie gut auf die Zukunft vorbereitest.

Gerade den letzten Satz kann man sehr kritisch sehen, denn sicherlich gibt es auch hier Grenzen (eine starke öffentliche Meinung, die die NPD unterstützt wäre so etwas oder ein Lehrer, der öffentlich pornografische Bilder postet, obwohl auch dieses Thema komplexer ist, als es scheint).

Wichtiger scheint mir der Verweis auf die Meinungsbildung, die mittlerweile häufig in einem öffentlichen Raum verhandelt wird. Das zahlreiche Scheitern von Kommunikation in sozialen Netzen, verdeutlicht eben nicht, dass die Teilnehmenden „es nicht können“, sondern dass auf diesem Gebiet Nachholbedarf ist. Eben in auch in Form von politischer Medienbildung.

Das Argument, das nun versucht, beides gegeneinander auszuspielen, indem gefragt wird, ob denn nun alle Beamte in Bikinis posieren sollten (oder rote Haare bzw. einen Blog haben) lasse ich nicht gelten, denn das beruht auf der Annahme, dass es bei dem oben zitierten Paragraphen darum ginge, eine einziges Auslegung gegenüber der „Achtung“ gegenüber dem Beruf zu haben.

In einer sich wandelnden Welt sind Schülerinnen und Schüler (und auch deren Eltern, die sich oftmals weit weniger auskennen als ihre Kinder) jeden Tag mit den Eindrücken des Netzes konfrontiert. Und neben Lehrerinnen in Bikinis sehen sie dort Gewalt, Hatespeech und müssen sich populistischen Rattenfängern erwehren. Diese Kinder haben Experten verdient, die auch in diesem Gebiet so bewandert sind, dass man sie ansprechen kann.

Ganz in diesem Sinne, finde ich es nicht nur „in Ordnung“, dass eine Lehrerin auf Instagram Fotos von ihrem Körper präsentiert, sondern sinnvoll. Dass es Menschen gibt, die das skandalös finden, sei dahingestellt, aber das ist mit Gesprächen durchaus zu lösen. Zumindest besser als sein Kind in die Klinik bringen zu müssen, weil es seinen Körper auf Modelmaße hungern möchte.

Insofern finde ich sie gut, die Lehrerinnen in den Bikinis, die den Schülerinnen zeigen, dass man stolz auf sich sein kann, die Lehrer mit dem Twitteraccount und den Blogs, die zeigen, dass man eine Meinung hat und für diese streitet oder auch nur die Referendarin, die mit den knallroten Haaren zeigt, was ihr gefällt. Solche Lehrer braucht das Land!

 

 

 

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DISKUSSION: Nicht für die Schule, für das Leben

Foto: Thomas Clemens

 

Wenn man sich die Zeit nimmt, mit Schülerinnen und Schülern über den Sinn und den Unsinn von Schule, Bildung und Fächern zu reden, kommt oftmals die alles entscheidende Frage: Wofür brauchen wir das? Sie ist so wichtig wie falsch. Ein Kommentar.

Als die Kölner Schülerin Naina mit einem Tweet, der tausendfach weitergeleitet wurde, eine ganze Bildungsdebatte auslöste und die Schülerin über Nacht zu einer Berühmtheit machte, gab es zwei Fraktionen. Die einen gaben der Schülerin Recht, Schule müsse, so das Argument, viel mehr in Richtung praktischer Anwendung gehen – eben mehr Steuererklärung und weniger Lyrik. Die andere Seite beschwor das humanistische Bildungsideal herauf und argumentierte mit der über hundert Jahre bewährten Bildungstradition. Jedes dieser Argumente ist nachvollziehbar. Jedoch nur dann, wenn es darum geht, Schule als Ort der Ausbildung zu sehen. Und das sollte sie nicht sein.

 

 

 

 

 

 

 

 

Als ehemaliger Waldorf-Schüler, der in einer amerikanischen High-School unterrichtet wurde, Schüler in einer Realschule und einer Werkrealschule unterrichtete und nun seit einiger Zeit Gymnasiasten auf das Abitur vorbereitete, kann ich trotz meiner noch nicht Jahrzehnte langen Erfahrung sagen, dass ich Einblick in verschiedene Systeme hatte. Sie alle hatten Vor- und Nachteile. Auch in der Waldorf-Schule stellte sich wiederholt die Frage, wofür wir das brauchen, vor allem dann, wenn wir später Ausdruckstanz zu Lyrik und Klang zum Besten gaben, an unseren Holzstöcken werkten oder eigene Bücher banden. Später, so hörte man oft, brauchen wir das doch nicht.

Als wir alle im Später waren, veränderte sich bei vielen die Sicht auf die Dinge. Das lag an zwei Dingen: Zum einen spürten wir (zunächst nicht als bewusste Reflexion), dass uns das Werken, die Bewegung, das Praktische plötzlich fehlte. Der einseitige Fokus auf das Kognitive, die Theorie, war – so könnte man ironisch sagen – ein Praxisschock. Auf der anderen Seite waren und sind viele Schulkameraden von damals einig darin, dass sie auch wegen der Schulzeit tun können, was sie lieben. Und das nicht, weil die Schule nur Nützliches präsentierte, im Gegenteil.

Schule ist auch der Ort, an dem man feststellt, was man alles (noch) nicht mag. Es ist der Ort, wo man die verschiedenen Perspektiven auf die Welt kennenlernt, von denen man später Abstand nehmen kann. Dass man in der Schule nichts „für das Leben“ lernt, ist schon insofern falsch, als das alles, was nicht mit Unterrichtsgegenständen zu tun hat, nichts anderes als Leben und Vorbereitung darauf ist. Man muss sich im Spiel und im Gespräch behaupten, Regeln aufstellen und einhalten, miteinander um das gute Argument ringen, Probleme finden und lösen, miteinander auskommen, sich aushalten. Natürlich ist es richtig, dass die Möglichkeiten für einen solchen Austausch von Schule zu Schule unterschiedlich sind. Und dass all dies viel mit dem Lehrer zu tun hat – ob dieser Kritik aufnimmt und einfordert, Möglichkeiten für freien Austausch und freie Arbeit anbietet, transparent in seinen Entscheidungen und der Auswahl der Themen ist, fair und vertrauenswürdig ist und die Schülerinnen und Schüler als gleichwertige Menschen sieht, denen etwas zuzutrauen ist, denen man vertrauen kann, denen man Verantwortung geben, diese aber auch einfordern kann.

Wenn dem so ist, dann ist die Frage danach, warum man das tut, was man tut, eine nicht nur berechtigte, sondern eine wichtige, eine grundlegende. Als Lehrer einer bestimmten Fachrichtung ist es einfacher, die Perspektive dieser einzunehmen. Zumal Fächer wie Deutsch, Englisch und Geschichte, je nach Auslegung, viele gesellschaftliche Bereiche abdecken, die heutzutage grundlegend sind: Kultur, Kommunikation, Politik, Gesellschaft. All das kann, wenn man will, eine Rolle spielen. Allerdings ist Schülerinnen und Schülern dabei eher klar, warum man das „braucht“, als bei der Interpretation von Lyrik. Hier geht es, vor allem wenn man in den genannten Fächern den Raum ins Digitale öffnet, um mehr als um die Auslegung von Metaphern, sondern um die grundlegende Fähigkeit, die Welt zu verstehen, sich in ihr zurecht zu finden und sich selbst, zumindest in Ansätzen, zu positionieren. Platt, aber richtig, könnte es auch heißen: Herauszufinden wer man ist.

Und obwohl viele Schüler ob der Tatsache, dass dieses Gespräch nicht oft auf den Tisch kommt annehmen könnten, dass diese Frage keine Rolle spielt, kann ich doch versichern, dass in kollegialen pädagogischen Gesprächen immer wieder das Thema der Identifikation, der Altersangemessenheit und der Relevanz gestellt wird. Wie aber kann man mit einer solchen Argumentation begründen, dass man Funktionsgleichungen lösen muss?

Gar nicht. Zumindest nicht mit der gleichen Perspektive. Andrerseits wird es dabei nun wichtig, den Fokus zu verschieben. Wenn es nämlich immer nur danach geht, was man später „braucht“ oder nicht (was viele nicht wissen), dann wird Schule zu einem Ort völliger Individualisierung (was ja viele fordern). Bei mehr als 14.000 Studiengängen müsste man verlangen, das Schülerinnen und Schüler wissen, was sie in vier Jahren für 40 Jahre tun wollen. Das ist nicht nur unmöglich, sondern auch naiv. Die in der Schule angebotenen Fächer beruhen ja auch auf der Annahme, dass Erkenntnisse der Menschen, die in der Mathematik, der Physik, der Geschichte oder der Geisteswissenschaften zu ihrer Zeit geradezu revolutionär waren, zumindest angedeutet und denkend nachvollzogen werden. Vielleicht tun sich die Naturwissenschaften schwer damit, dies klar zu machen – zumindest könnte ich das denken, wenn ich höre, dass der Gedanken an einen universalen Schatz menschlicher Erkenntnis den Schülern neu ist.

Das verlangt geradezu danach, ganz offen mit den Schülerinnen und Schülern die Bildungspläne zu studieren und nicht nur herauszufinden, was es ist, das man tut, sondern auch, was der Gedanke dafür ist, dass man es tut. Da wird man dann herausfinden, dass auch für das Fach Mathematik, dass ja gerade bei vielen einen schweren Stand hat, Leitgedanken entwickelt wurden, in denen es um „Orientierung und Urteilsfähigkeit“ geht, darum „aktive Teilnahme am kulturellen und demokratischen Leben einer Gesellschaft“ nutzen zu können und vieles mehr. Man wird sehen, dass es eben nicht darum geht, von der jeweiligen Lehrkraft dazu gezwungen zu werden, etwas zu tun, das man nicht will, sondern dass das hehre Ziel ein Weltverständnis ist, dass wider der Vermutung verifizierbare Einheiten gibt, die man nachvollziehen kann.

Dennoch wird es natürlich immer Schülerinnen und Schüler geben, die mehr das eine, mehr das andere mögen. Und das ist völlig natürlich. Dennoch bleibt der Gedanke wichtig, dass es eben nicht darum geht, dass jeder das tut, was für ihn gerade wichtig erscheint – denn das ist beliebig. Sondern es geht darum, Zugänge aufgezeigt zu bekommen, mögen sie in die naturwissenschaftliche, in die geisteswissenschaftliche oder in eine ganz andere Dimension zeigen. Vor dem Hintergrund dieser Argumentation ist es dann natürlich in der Tat nicht mehr einzusehen, dass man in der Schule das Coding auslässt oder die Medien nur eine Rolle am Rand zugesprochen bekommen. Aber auch wenn die digitalen Medien, die Systeme hinter den Algorithmen, die Funktionsweisen von Java kennengelernt würden, gäbe es jene, die nichts damit anzufangen wüssten. Und auch das ist in Ordnung.

Denn wenn eine sich der Kritik aller ihrer Teilnehmer stellende Schule dennoch der Überzeugung ist, dass sie Zugänge zu all jenem schafft, dass „die Welt im Innersten zusammenhält“, dann hat sie schon viel geschafft. Und wenn es nur ist, dass die Schülerinnen, die „in die Welt“ gelassen werden, eben wissen, was sie nicht tun wollen.

Fernab der Überlegung, was denn nun „gebraucht“ wird, spielt gerade in den Geisteswissenschaften aber auch ein anderer Gedanke eine Rolle. Nämlich der daran, den Zugang nicht nur zur Funktion, sondern auch zur Ästhetik zu öffnen. Die Welt ist gerade – zumindest wenn man aus Deutschland einen Internetzugang hat – voll von Schätzen, auf die man zugreifen könnte, wenn man wollte. Aber wer liest heute Thomas Mann? Das ist keine Anklage, sondern der Verweis darauf, dass die Methoden und Techniken der Erschließung von schwierigen Texten überhaupt erst die Möglichkeit bietet, eine lustvolle Beschäftigung zu unternehmen.

Im besten Falle bedeutet Bildung dann eben nicht nur, zu wissen, was man tut, wenn man einer Beschäftigung nachgeht, sondern zu wissen, was man betrachten, aufnehmen, was man hören und lesen kann, wenn man gerade nicht dabei ist, Geld zu verdienen. Und sosehr Maschinen und die Unterhaltungsindustrie Räume dafür zur Verfügung stellen, ist doch die Teilhabe an der tradierten, an der über hunderte von Jahren gewachsenen Kultur, ein Ziel, das anzustreben sich schon deshalb lohnt, damit man teilhaben kann.

Wenn ich in den Sozialen Netzwerken über ein Hashtag auf neue Accounts stoße, bin ich immer wieder erstaunt, wie viele Menschen schreiben, dass sie Langeweile haben. Damit ist nicht die Prokrastination gemeint, bei der man ja weiß, was man tun müsste, doch dieses mit schlechtem Gewissen vermeidet. Aber es ist eben auch nicht der Müßiggang gemeint, der es zulässt, aus dem Fenster zu schauen, die Vögel zu betrachten, in seinem Buchfundus zu stöbern und ein wenig zu lesen, vielleicht dann wieder die Augen zu schließen und sich vorzustellen, wie schön es am Meer ist.

Wenn eine letzte Aufgabe der Schule erhalten bleibt, die nicht von der Wirtschaft als redundant verurteilt und auf den Prüfstand gestellt wird, dann doch die, dafür zu sorgen, dass genügend Zugänge geschafft wurden, dass im Leben keine Langeweile bleibt. Und dafür werde ich weiter kämpfen.

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DISKUSSION: Interpretationen: Eine Interpretation

Ein Bild. Die Wahrheit oder die fotografische Interpretation des Fotografen Thomas Clemens?

Für Deutschlehrer beginnt der Kampf oft nach der Rückgabe der Klausur: Wenn sich der Sturm der Entrüstung gelegt hat, wird mehr über die Auslegung der Interpretation gefeilscht als über den Text, den es zu interpretieren galt. Dabei ist der Deutschlehrer oft das Symbol des unfairen Vertreters einer bestimmten Sichtweise, auf die man selbst gar nicht kommen konnte. Dies gilt nicht nur für das Fach Deutsch. Auch in anderen geisteswissenschaftlichen Fächern wie Philosophie, Gemeinschaftskunde, Politik und Geschichte, auch in der Wirtschaftslehre sind Interpretationen immer wieder Grund für Frust. Dabei liegt hier jedoch oft ein Missverständnis vor, dem sich dieser Artikel zuzuwenden versucht.

Machen wir es kurz: Wenn ein Lehrer tatsächlich nicht wüsste, was er sagen sollte, wenn der Schüler ihn fragt, warum diese oder jene Sichtweise „falsch“ sein sollte, dann ist das zu kritisieren. Keiner kann erwarten, dass er genau das, was ein anderer denkt, nachempfinden soll. Aber sowohl dieser als auch weitere Ansichten, was eine Interpretation sein soll, verhindern eine offene Auseinandersetzung.

Häufige Kritikpunkte bei Interpretationen sind:

  1. Man soll etwas übersetzen
  2. Man soll herausfinden, was der Autor dachte
  3. Man soll herausfinden, was der Lehrer dachte

Darüber hinaus eine Kopplung aller Punkte, die eine – wenn es um den schulischen Rahmen geht – sehr gute Note vollends unmöglich machte: Man soll herausfinden, was der Lehrer darüber dachte, was der Autor dachte, was man herausfinden sollte. Damit hat jeder verloren. Jeder. Auch der Lehrer.

Begriffsbestimmungen

Da diese Art der Herangehensweise nicht zielführend ist, bietet es sich an, zunächst auf die Begriffsbestimmungen zu blicken. Natürlich unterscheiden sich diese auch erheblich, ja nachdem, ob es um eine allgemeine Definition geht, oder eine, die sich auf die Literaturwissenschaft bezieht.

Das dtv Brockhaus Lexikon (also das, was ältere Menschen im Regal haben und verstauben lassen, seit es Wikipedia gibt) definiert die Interpretation als

[lat. Auslegung], die verstehende Auslegung von Texten, zunächst in Literatur und Sprachvergleichung, sodann besonders im Recht (Auslegung), in der Theologie (Exegese), aber auch in der Kunst, Musik (musikalische Aufführungspraxis), Psychologie und Philosophie (Hermeneutik).[1]

Das Sachlexikon Literatur hat aus verständlichen Gründen einen über mehrere Seiten gehenden Artikel, sodass die Definition der Interpretation auf unser Untersuchungsfeld stark gekürzt werden muss. Das Sachlexikon definiert die Interpretation als

Auseinandersetzung mit Texten und Textgruppen (…). Im spezifischen Gebrauch bedeutet die I. eine Beschäftigung mit Texten, die deren „Gehalt“ im Sinne einer „Auslegung“ methodisch erarbeitet. (…) Nach neuerer Auffassung wird im Akt des Verstehens die „Aussage“ des primären Textes in den „Erfahrungshorizont“ des verstehenden Subjekts geholt.[2]

 Und schließlich definiert Wikipedia (das heißt also: diejenigen Personen, die hinter dem Artikel stehen und entschieden haben, was wichtig ist und was nicht) die Interpretation so (auch hier wurde der Artikel gekürzt):

Interpretation (lateinisch interpretatio „Auslegung, Übersetzung, Erklärung“) bedeutet im allgemeinen Sinne das Verstehen oder die subjektiv als plausibel angesehene Deutung von etwas Gegebenem oder wenigstens von etwas Vorhandenem. Das kann z. B. eine Aussage, ein Kunstwerk oder eine soziale Situation aber auch etwas schlicht in der Natur Vorgefundenes sein.[3]

Wer diese Gegenüberstellung genau betrachtet, merkt schnell, dass es gar nicht so einfach ist, eine „feste“ Definition der Interpretation herauszuarbeiten. Denn während der erste Begriffsbestimmung noch von einer „verstehenden Auslegung“ spricht, von der man zumindest annehmen kann, dass sie richtig oder falsch ist, spricht schon die zweite Definition von einer „Beschäftigung“, die allerdings „methodisch“ geschieht. Auch hier ist das Verstehen wichtig, aber im Sinne des „Subjekts“, also desjenigen, der auslegt.

In der letzten Definition geht es um eine als „plausibel angesehene Deutung“; der Gegenstand geht bis hinein in „eine soziale Situation.“

Die Konsequenz aus der Begriffsbestimmung

Aus dem kurzen Vergleich der verschiedenen Ansätze lassen sich drei Konsequenzen ziehen, die sowohl für die Schule als auch für das gesellschaftliche Leben insgesamt von maßgeblicher Bedeutung sind.

  1. Wenn eine Auslegung plausibel angesehen werden muss, bedeutet das, a) dass es also Teil der Aufgabe ist, auf Grundlage des Textes so zu argumentieren, dass die Auslegung überzeugt und b) dass man demjenigen, der die Interpretation zu bewerten hat (meistens dem Lehrer) zutraut, dass er dies tut, ohne von sich zu denken, die einzig richtige Wahrheit zu besitzen.
  2. Wenn die Auslegung auf dem Erfahrungshorizont des „verstehenden Subjekts“ beruht, bedeutet das, dass man entweder alt genug sein muss, um jedes Thema, das in der Schule behandelt wird, selbst erfahren zu haben (was schier unmöglich ist) oder das die Erfahrung aus dem Vergleich anderer Texte erarbeitet wird, die den Horizont erhöhen.
  3. Für das gesellschaftliche Zusammenleben bedeutet die Aussage, dass sowohl Recht und Psychologie (erste Definition) als auch eine „soziale Situation“ (dritte Definition) interpretiert werden kann, dass das Erlenen von Deutung und Auslegung auch einen Nutzen hat, der über das Sezieren von Texten hinausgeht.

Alltägliche Interpretationen

Wenn wir die weiteste Definition von Interpretation ernst nehmen, die von „Vorhandenem“ spricht, dann bedeutet dies also, dass die Interpretation eigentlich in jedem sozialen Zusammenhang eine Rolle spielt. Wenn also, als sehr einfaches Beispiel, die Mutter den pubertierenden Jungen auffordert, seine Aufgaben zu erledigen, ist es an ihm, zu deuten, auszulegen und zu analysieren, wie ernst es der Mutter ist, was ansonsten passieren wird, ob er sich wehren kann und so weiter.

Dieser Umstand scheint noch banal. Schwieriger wird es in einer Situation des Näherkommens zwischen zwei Personen, die von sich noch nicht wissen, wie sehr die Anziehung geht. Wird die Situation durch das falsche Wort, die falsche Handlung oder die falsche Geste „verpatzt“, kann sich der junge oder das Mädchen vielleicht von seinen Freunden anhören, „nicht genug Erfahrung in solchen Dingen“ zu haben. Man könnte auch sagen:

 

Die Situation wurde fehlinterpretiert.

 

Oder:

 

Der Erwartungshorizont des verstehenden Subjekts reichte nicht aus für die Auslegung, die die Situation zu einem positiven Ende hätte führen können.

 

Solcherlei Auslegungen können in verschiedenen Situationen und für verschiedene Situationen gelernt werden. Ein Psychologe beispielsweise wird in seinem Studium neben dem Werkzeug, das eine möglichst genaue Beschreibung eines psychischen Zustands ermöglicht, lernen, inwiefern eine besondere Verhaltensweise, eine bedrohliche gedankliche Situation oder eine soziale Angst auf etwas anderes zurückzuführen ist (Tiefenpsychologie) oder welche Verhaltensweisen anzustreben sind, um die psychischen Probleme bearbeiten zu können (Verhaltenspsychologie).

Man könnte die These wagen, dass Diplompsychologen, die seit Jahren nichts mehr mit Textinterpretationen zu tun hatten, doch gute Interpretationen schreiben könnten (zumindest auf der inhaltlichen Ebene) eben weil sie als verstehende Subjekte das Verhalten von Menschen, also auch von erfundenen Figuren deuten können müssen.

 

Die Macht des Auslegers

 

Die Schlussfolgerung, die sich aus diesen Überlegungen ergeben, sind für den schulischen Kontext:

Es gibt zwar keine ausschließlich richtigen Interpretationen; es gibt aber Interpretationen, die nicht nachvollziehbar sind, weil sich nicht plausibel gemacht wurden, nicht ausführlich und methodisch vollständig die Auslegung erklären oder weil schlicht die Erfahrung fehlt (entweder in Bezug auf das eigene Leben oder in Bezug auf das eigene Lesen), den Inhalt überhaupt „erfahrend“ zu erfassen.

Eine weitere Schlussfolgerung bezieht sich auf die Gesellschaft:

Wenn es Menschen nicht erlaubt wird, plausibel zu argumentieren, wie etwas ausgelegt ist, dann ist dies das Ende der Freiheit. Die Aushandlung dessen, was richtig ist und was falsch, passiert ja nicht nur im Kleinen, sondern auch im Großen. Wenn also beispielsweise die Auslegung, was im Koran steht, von denjenigen dominiert wird, die damit Gewalt legitimieren, wenn die Auslegung dessen, was politisch korrekt ist und was nicht, von Menschen dominiert wird, die damit ein bestimmtes Ziel verfolgen, wenn also den Menschen verboten wird, ihre eigene Auslegung plausibel zu erklären, dann führt das in einen totalitären Staat

Aus diesem Grund haben beispielsweise die Nazis definiert, was „entartete Kunst“ ist. Denn die Interpretation von Kunst führt im besten Fall dazu, dass sich die eigenen Perspektiven auf die Welt verändern. In einer Diktatur gibt es eine (oder eine Handvoll) Person(en), die für sich reklamiert, die Wahrheit zu kennen und zu definieren, was die Menschen verstehen können und was sie nicht zu verstehen haben.

Die Bedeutung für Textinterpretationen

Kommen wir nun zurück auf die als typisch definierten Kritikpunkte an Interpretationen:

  1. Man soll etwas übersetzen
  2. Man soll herausfinden, was der Autor dachte
  3. Man soll herausfinden, was der Lehrer dachte

Hat man die Definitionen und die (möglichen) Schlussfolgerungen nachvollziehen können, sollte klar sein, dass die Kritikpunkte nur dann gelten, wenn grundsätzlich ein Missverständnis über die Natur und die Interpretation von Interpretationen herrscht.

Zu 1.: Man soll nichts übersetzen. In einem Text steht (meist) nicht a) und man muss auf b) kommen. Man eignet sich ihn an und beschreibt plausibel, wie man dorthin gelangte.

Zu 2.: Der Autor ist oft tot. Wir wissen nicht mehr, was er dachte. Wir können uns nur mit dem, was da ist, was „vorhanden“ ist auseinandersetzen (textimmanente Interpretation). Im besten Fall vertiefen wir uns in den historischen Entstehungszusammenhang, um nicht den „Übersetzungsfehler“ zu machen.

Zu 3.: Wenn der Lehrer kein Diktator ist, dann ist auch dies eine Kritik, die an der Sache vorbei geht. Wenn man dennoch das Gefühl hat, dass der Lehrer keinen Raum für eigene Gedanken lässt, hilft es nur, immer wieder eine möglichst transparente Rückmeldung einzufordern.

Und nun?

Bedeutet das nun alles, dass Interpretationen helfen, die Welt zu verstehen, menschliche Handlungen nachzuvollziehen, damit empathischer zu werden oder zumindest zu verstehen, warum Menschen so handeln wie sie handeln?

Ja, das bedeutet es.

Ein Kommentar

Der Medienexperte und Deutschlehrer Philippe Wampfler hat in einem Kommentar auf seinem Blog geantwortet. Diese Antwort ist hier zu lesen. 

Eine kurze Erwiderung zu Wampflers Ausführungen, zu denen ich auf Twitter schon insofern Stellung bezog, als dass ich meinte, er würde außerhalb und ich innerhalb der bestehenden institutionellen Grenzen argumentieren ist: Den Impuls, die Interpretation zu ersetzen, finde ich gewagt, aber nachvollziehbar.

Dennoch stelle ich mir die Frage, ob die Artikulation eines Nicht-Verstehens, auch wenn dadurch die kommunikative Kompetenz geschult wird (so verstehe ich Wampfler), nicht zu wenig ist, um auf dasselbe Niveau von deutender Sprachkritik zu gelangen. Diese Frage kann ich jedoch nicht beantworten.

 

[1] dtv Brockhaus Lexikon, Band 8: Hau-lrt. Mannheim 1986. S.316.

[2] Volker Meid (Hrsg.): Sachlexikon Literatur. München 2000. S.414.

[3] https://de.wikipedia.org/wiki/Interpretation, aufgerufen am 30.4.2017.

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DISKUSSION: Kämpfende Prinzessinnen und eine Lehrerin am Pranger

Model: Anne Schirmaier

Unter den meisten twitternden und bloggenden Lehrern ist es mittlerweile Konsens, dass man Schülerarbeiten nicht online veröffentlicht – auch nicht anonym – um sich über das, was sie geschrieben haben zu amüsieren oder zu echauffieren. Andersherum passiert es mindestens genauso häufig. Müssen Lehrer damit leben, dass ihre Kommentare veröffentlicht werden? Ein gerade viral gehender Tweet zeigt das Dilemma von Beurteilungen, die ohne Kontext passieren.

Die Problematik erscheint auf Anhieb klar: Da ist auf der einen Seite der kreative Sohn, der in liberaler Manier die Prinzessin kämpfen lässt und sich so über vermeintliche Geschlechterungleichheiten der Literatur hinwegsetzt. Und da ist auf der anderen Seite die verstockte Lehrerin, die in ihrem verstaubten, normativen Verständnis diese liberale Kreativität mit Rotstift zensiert. Die Fronten sind ausgemacht, Gut und Böse definiert. Aber so einfach ist das nicht.
Natürlich sind Reaktionen, die Unverständnis hervorrufen, normal. Jedoch offenbaren sie drei grundlegende Probleme, die geradezu typisch für die Aufschreikultur von Social Media sind.

1) Die Aufgabenstellung ist nicht klar. Die Korrektur am Rand ist aus dem Kontext gerissen.
2) Insofern geht der Großteil der Kritik am eigentlichen Problem vorbei.
3) Die Kritik selbst ist teilweise sehr beleidigend.

Die Schreiberin selbst sieht das schon ein, hat nun aber keinen Einfluss mehr, auf den Widerhall, den ihr Tweet erzeugt.

Damit wir uns nicht falsch verstehen: Natürlich kann eine Prinzessin in einer fiktiven Erzählung genauso kämpfen wie der Prinz. Und natürlich gibt es Märchen, in denen weibliche Hauptfiguren kämpfen, sich wehren, listig sind. Und natürlich ist diese normative Setzung in modernen Märchen wie Star Wars (das übrigens auch im Deutschbuch vorkommt) aufgehoben.
Es geht aber nicht um irgendeine Form von fiktiven Erzählungen, sondern um die Gattung Märchen, einer Erzählweise, die sich aus mündlicher Überlieferung zu einer Form entwickelte, die heutzutage in den Lehrplänen für die 5/6. Klasse ausgewiesen ist. Dass dort die Prinzessin nicht kämpft, hängt schlicht an ihrer Rolle in der höfischen Gesellschaft und der literarischen Reflexion derselben.

Im noch aktuellen Bildungsplan für Gymnasien (2004) heißt es für den Bereich Deutsch unter der Unterüberschrift „Umgang mit literarischen und nichtliterarischen Texten“:

Kompetenzen und Inhalte für Deutsch, Gymnasium – Klasse 6

 

Wichtig ist hierbei besonders die Begrifflichkeit „Gattungsmerkmale“. Denn diese Merkmale sind zwar unwidersprochen dem Wandel der Zeit unterworfen, sind aber besonders in literarischen Formen, die sich über Jahrhunderte entwickelt haben, sehr normativ.

Man kann diesen Bildungsplan nun ablehnen. Man kann auch – ganz im Sinne eines Wissensansatzes, der sich über Kreativität, Vernetzung, Kollaboration und Kommunikation definiert – das Erlernen von tradierten Literaturformen ablehnen. Man kann sich also durchaus darüber aufregen und sich dafür einsetzen, dass der Bildungsplan keiner postmodernen Dekonstruktion unterworfen ist.

Was jedoch meines Erachtens kein gutes Licht auf die Kritiker wirft, ist die Art und Weise, wie die Kritik gegen eine Lehrerin gerichtet ist, die ausschließlich ad hominem gerichtet ist. Diese Person, von der nicht einmal klar ist, ob es eine alte Lehrerin ist, die über Jahrzehnte so gelehrt hat (was keine Entschuldigung, sondern eine Charakterisierung sein soll) oder eine Referendarin oder ein Junglehrer, der gerade erst aus dem Seminar kommt und versucht, das Beigebrachte unter den gelernten Voraussetzungen zu bewerten. Für eine Erklärung der Twitterin ist es nun ohnehin zu spät.

Man kann nur hoffen, dass die Lehrerin tatsächlich so alt oder so medienfremd ist, dass sie nicht sieht, was unter dem Tweet über sie steht. Oder die angekündigten Vorträge, in denen der Tweet vorkommen soll. Ansonsten kann ich nur hoffen, dass die Lehrerin (oder der Lehrer) dagegen kämpfen wird. Wie so eine moderne Prinzessin.

P.S. Ich, selbst Deutschlehrer, habe mir natürlich Gedanken gemacht, was ich geschrieben hätte. Ich weiß es nicht. Aber ich gehe davon aus, dass ich, wenn ich mit den Schülerinnen und Schülern tatsächlich Märchen als literarische Gattung behandelt und – wie hier – einen  sogenannten produktionsorientierten Arbeitsauftrag als Arbeit gegeben hätte, genau dasselbe hätte hingeschrieben hätte. Über meine Sicht, über meinen eigentlichen Unterricht, über mich als Mensch, sagt das aber reichlich wenig.

In diesem Sinne:

 

P.P.S. Wie vermutet, gehen die Meinungen auseinander und es entspinnt sich eine hitzige Diskussion. Dabei fasst ein Kommentar einer Gymnasiallehrerin für mich die wichtigsten Punkte nochmals zusammen. Sie erlaubte es mir, sie hier zu posten.

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BLOGPARADE: Blogparade #werwirwaren

Früher war alles besser. Die Natur war grüner, die Menschen haben mehr nachgedacht, es gab mehr Engagement, man war nicht so eitel und politisch engagiert. Die Jugend von heute schaut verliebt auf das eigene Spiegelbild und vernachlässigt die Schule, hat keinen Standpunkt mehr und ist zu faul. Stimmt doch, oder? Natürlich nicht. 

Eine meine ersten Gitarren, 2001

Jeder Mensch ist ein Meister darin, die eigene Vergangenheit der eigenen Gegenwart anzupassen. Der Wirtschaftsnobelpreisträger und weltbekannte Psychologe Daniel Kahnemann widmet der nachträglichen Veränderung von Zukunftsprognosen ein ganzes Kapitel. Aber gibt es nicht vielleicht etwas, an das man sich ganz sicher erinnert?

Ich rufe alle auf, die Lust haben, sich an ihre eigene Jugendzeit zu erinnern, bei dieser kleinen Blogparade mitzumachen und darüber zu schreiben #werwirwaren

 

 

  • Wie wart ihr in eurer Jugend im Vergleich zu heute?
  • Wart ihr engagiert, phlegmatisch, melancholisch?
  • Wie wart in in der Schule? Habt ihr mitgemacht, boykottiert oder desinteressiert?
  • Gab es Ereignisse, von denen ihr annehmt, dass sie euch zu dem gemacht haben, der ihr seid?
  • Was würdet ihr heute eurem damaligen Ich in einer ganz bestimmten Situation gerne sagen können?

Und schließlich an die Lehrerinnen und Lehrer und Dozentinnen und Dozenten:

  • Wart ihr Schüler und/ oder Studenten, die ihr heute gerne vor euch haben würdet?

Das sind alles sehr private, aber eben auch sehr spannende Fragen. Dabei geht es nicht darum, ein ganzes Bild zu zeichnen, sondern allenfalls die Skizze eines Ausschnitts.

Es geht wie immer bei Blogparaden sehr einfach mitzumachen.

  1. Beantwortet eine oder alle Fragen.
  2. Kommentiert unter dem Artikel.
  3. Postet es unter dem Hashtag #werwirwaren (Ist übrigens der Titel des gleichnamigen Buches vom genialen, leider verstorbenen Roger Willemsen).

Ich nehme, wenn es anläuft, die verschiedenen Beiträge hier auf und schreibe kleine Teaser. Ich gebe uns allen einen Monat Zeit, also bis zum 15. April 2017.

Ich hoffe, ihr findet die Fragestellung genauso interessant wie ich. Viel Spaß beim mitmachen. 

 

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ENGLISH: The new German angst

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It is easier for a cannibal to enter the Kingdom of Heaven through the eye of a rich man’s needle that it is for any other foreigner to read the terrible German script. Mark Twain

 

 

 

 

German reality: „Better than I thought these new media“.

Replace “read” with “understand” and “script” with “educational system” and you’re immediately in the German discourse about digital education. This article tries to explain what is going on in Germany when it comes to progress in digital education. And it’s a call for help. 

The first thing I do when I enter the classroom is switch on my iPad. The structure of every lesson is saved on Evernote and most of the time the students have an insight into it. This way they know what, when and how to do it. Update: Since these statement seems to be unclear, here a tweet that sums up what I meant:

 

They are not in awe anymore and they know that they can use their mobile devices whenever it’s necessary. So, you might think, why bother to stress something that is so normal. Well, because we are talking about Germany, where time is seemingly standing still.

Using some German words that do not have an English equivalent (you can find more here), I want to tell you why this is so, and to ask for connecting to educators beyond Germany and the German language (This blog was one of the reasons for my article).

When I join in the #satchat, the #sunchat, or the #aussieED I sometimes get what Germans call Fernweh (distance pain). It is basically the desire to be somewhere else, somewhere, where people use smart devices to cooperate and achieve something meaningful.

However, as Lisa Rosa points out in her blog:

Sometimes, I have the impression that these debates I am in are not making any substantial progress.

I have to agree. This has more than one reason. Three are:

  1. Those supporters of the “digital revolution” who have been into the topic and regularly participate in German Twitter discussions such as #EDchatDE (by @tastenspieler and @herrlarbig) are increasingly tired of repeating the same thing over and over again. Sometimes this can lead to what I called “digital dogmas”(article in German), making it difficult to bring together supporters and critics of digital cooperation.
  2. The federal German educational structure makes it hard to boil down the different approaches to some fundamental goals. And (maybe as a result) there’s not enough governmental (financial and political) support.
  3. There is still a majority of German educators who seem to have given up before their Innerer Schweinehund (Inner Pig dog). If you ever had problems moving from your sofa to do sports, this is the animal (or spirit) Germans blame for it. For these educators, it is just simpler to dismiss the idea of using mobile devices. And they are successful. More and more German schools ban phones and other electronic devices out of their schools.

It doesn’t come as a surprise then, that the aforementioned blogger gets increasingly bored by the ever repeating discussions:

Couldn’t we say: OK,  first we learned the problems – this was the analytical work. Then we discussed the future we want to live in – this was normative work. And now it is time to make the third step and deal with the strategic questions which are only about how to make this future happen? Why always start from scratch?

And indeed, those in favour of a functional digital education are suffering exclusive German feeling: Weltschmerz (world pain). For many it seems as if it is possible that those conservative forces who hope for the internet to “go away in the future” will win the fight.

We can only hope that these people will get into Erklärungsnot (explaination poverty) in the near future, meaning that they come to the point when they have to admit that we are losing the ability to teach children by trying to stick to the past.

I am not going to be as rigorous as the quoted blogger. I will still blog in German. However, I am more than ever interested in the developments of countries who have accepted the fact that education needs to adapt to a society that is changing very fast.

Under these terms I want to start looking for new people and new ideas, and to seek them beyond Germany and beyond the German language.

So do I. I hope we’ll talk soon. Maybe you can help to overcome the new German angst. There are many who need this badly.

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