DISKUSSION: Warum ich kein Dschungelcamp mehr schaue #ibes

Bei keinem anderen Fernsehformat gibt es so unterschiedliche Gründe für die Menschen, zu rechtfertigen, warum sie es schauen. Die Rechtfertigung ist wichtig, weil man ja weiß, dass man sogenannten Trash schaut – TV-Müll also, der allenfalls an die unterhaltende Handlung eines Autounfalls heranreicht. Und genau das ist das Problem. Ein Kommentar.

In Zeiten des Dschungelcamps sind die sozialen Medien voll mit einer Sendung, die egal von welcher Perspektive man sie betrachtet, eigentlich keinen mehr hinter der Couch hervorholen sollte. Falls man jene „Prominente“, wie sie immer noch hartnäckig genannt werden, jemals als solche identifizieren konnte – dies ist nicht mehr möglich. Warum schauen sich so viele dieses Dschungelcamp eigentlich noch an?

Die Gründe dafür kann man bei den Menschen erfragen. Die Antworten sind aber nur Teil der Wahrheit, die sich beim Dschungel immer schöner anhört, wenn man es universitär konnotiert. Dann ist das Dschungelcamp ein „soziales Experiment“ oder das „Scheitern der Kommunikation“. Fertig ist die Legitimationsstrategie, mit der man sowohl die sozialen Netzwerke füllen als auch als unfertiger SPIEGEL-Praktikant mit lustigen Wortspielen die Prekariats-Feuilletons füllen kann.

Nehmen wir mich. Meine Legitimation in Zeiten, in denen ich geschaut habe, war denkbar einfach. Mich interessierte weniger, dass erwachsene Menschen Känguru-Anusse verspeisten, als der Umgang von Menschen untereinander, deren Arroganz tatsächlich zeigte, dass sie meinen, prominent zu sein. Das Abblättern dieser Prominenz nach dem dritten Tag Bohnen-Fressen amüsierte mich, weil ich weiß, wie ich bin, wenn ich nichts Vernünftiges zu essen kriege. Das also der Grund. Die Rechtfertigung: Es sind erwachsene Menschen, die Geld dafür bekommen und die wissen, worauf sie sich einlassen.

Den letzten Grund hört man immer wieder, denn viele, die den Dschungel schauen, würden DSDS aus moralischen Gründen wohl nicht schauen. Wenn der IQ eines „Sängers“, der kaum des Sprechens fähig ist, an eine geistige Behinderung heranreicht, lacht es sich bei der existentiellen Zerstörung durch die Jury einfach nicht so beherzt und frei.

Was ich und was jeder, der das Dschungelcamp sieht, ausspart, ist, dass man die Arroganz derer, die meinen, dass sie Prominent sind, auch umkehren kann. Sie haben nichts mehr anderes. Nichts.

Zwar wendet der eine oder andere Kommentator in regionalen und überregionalen Medien ein, dass man da ganz schön traurige Geschichten vom Scheitern hört, aber das sind nur Randnotizen, denn, wie gesagt, selbst schuld, wir amüsieren uns prächtig.

Der wahre Grund, warum wir das Dschungelcamp schauen, ist nicht nur, dass man sich selbst, wenn man nah genug dran ist, besser fühlen kann – nach dem Motto: „Mir geht es schon scheiße, aber es gibt Leute, die müssen Ärsche fressen.“

Und das machen die wahrlich nicht so freiwillig, wie man denken mag. Auch dort stehen Zwänge dahinter. Auch dort sind es existentielle Fragen, die die Leute in den Dschungel gehen lassen. Egal!

Der wahre Grund ist, dass wir fasziniert davon sind, wie Menschen die Menschlichkeit genommen wird. Im Grunde genommen ist jeder richtig „gute“ Tweet – vor allem von den „Trash-TV-Experten“, die ihre Twitter-Existenz auf dem Dschungelcamp (oder sollten wir nur Camp sagen – passt doch besser) darauf beruht, noch deutlicher zu machen, dass das Trash sich nicht auf das Format bezieht, sondern auf die Menschen. Jeder zweite „lustige“ Tweet zeigt die Blödheit, die Dummheit, die Hässlichkeit der Personen, die dann – zur Recht! – bestraft werden. Wir lachen über den Menschenmüll und rechtfertigen das dann ganz bürgerlich-intellektuell. Kann man machen.

Aber wenn ich persönlich in der Schule darüber doziere, dass man Menschen als Menschen betrachten muss, egal wo sie her sind, und dass gerade die deutsche Geschichte zeigt, wo es hinführen kann, wenn man Menschen die Menschlichkeit nimmt, dann kann ich nicht in Ruhe nach Hause gehen und es lustig finden, dass andere Menschen sich erniedrigen lassen. Von den TV-Machern, von den Zuschauern. Von uns.

Und jetzt noch ein Best-of der lustigsten Tweets über den Dschungel. So lustig.

P.S. Wenn man Tweets von mir zu dem Thema sucht, wird man sicherlich auch welche finden. Dafür schäme ich mich.

 

Posted in Diskussion | 3 Kommentare

DISKUSSION: Über das Lesen und den digitalen Diskurs  

Gerade in einer Zeit, in der scheinbar Gefühle über ein Thema genauso viel Gewicht haben wie Tatsachen oder Fakten, fällt es schwer mit den Worten zu beginnen, mit denen ich beginnen möchte: Ich habe das Gefühl, dass das Lesen von Büchern auch heutzutage eine wichtige Funktion erfüllt. Ein Kommentar.

Obwohl seit meinem Text über den digitalen Dogmatismus schon mehrere Jahre vergangen sind, scheint der digitale Diskurs immer noch gespalten über bestimmte Fragen. Gespalten insofern, als dass es schwierig ist normative Aussagen über das eine – der Umgang mit digitalen Medien muss in die Schule – mit dem anderen – Schüler sollten Bücher lesen – zu verbinden, ohne dass man sich nicht einer Seite verdächtig macht.

Das hat Gründe. Gerade die Vorreiter dessen, was unter dem neuen Begriffspaar „zeitgemäßer Bildung“ das Arbeiten unter den Bedingungen der Digitalität vorantreiben soll, lassen viel Zeit und Blut in den Überredungskünsten mit den „Früher war alles Besser“-Fetischisten und haben keine Lust mehr, Kompromisse einzugehen. Das kann radikal wirken und von den Überlegungen zu gutem Unterricht zum Gedanken daran führen, dass wir Schulen abschaffen müssen. Ich verstehe das.

In dieser radikalen Filterblase fühle ich mich aber nicht komplett aufgehoben, wenngleich viele wichtige Impulse von ihr ausgehen.

Genauso wenig bin ich damit zufrieden, wenn jemand digitale Geräte als systemerhaltende Infrastruktur ansieht, also das „Abprüfen“ von „Stoff“ nur leichter durchführen will. Das heißt dann aber auch nicht, dass ich das Bildungssystem, so wie es ist, durchweg ablehne. Im Gegenteil. Ich sehe, und das wissen viele, die diesen Blog regelmäßig lesen, sogar in vielen Bereichen den „Zwang“ – oder netter – die Implementierung von Curricula als gerechtfertigt an. Das Wochenplankonzept und die agile Didaktik, die ich gerade ausprobiere, finde ich klasse und gut – sogar für alle erstrebenswert, setze sie aber später an, weil ich der Meinung bin, dass es unbedingt Substanz, Inhalt und dementsprechende ausgebildete Wertehaltungen geben muss, bevor jemand freier und individueller danach sucht, was für ihn wichtig und interessant ist.

All diese vorausgeschickten Punkte sollen verdeutlichen, dass der Bereich, in dem ich mich positioniere, schwer zu lokalisieren ist. Vor allem dann, wenn es um grundlegende Annahmen wie das Lesen und das Schreiben geht.

Mich treibt seit einiger Zeit die Frage um, warum ich der gefühlten Meinung bin, dass das Lesen von Büchern so unglaublich wichtig ist. Und obwohl ich keine Antwort habe, bin ich auf einer Spur, die ich hier schreibend und denkend verfolge.

Zunächst einmal zu zwei Punkten, die für mich zwar zutreffen, um die es aber nicht geht. Für mich persönlich sind Bücher wenn keine Statussymbole, so doch eine stets anwesende Selbstaffirmation. Alleine das Gefühl, etwas physisch nachschlagen zu können, irgendwo in meinem Regal zu suchen und vielleicht sogar auf etwas Anderes zu treffen, sind für mich essentiell. Alle meine Bücher auf einem Kindle zu haben – das könnte ich nicht.

Und auch das retromäßige, an die eigene Leseerfahrung anknüpfende Pochen auf das Riechen und das Tasten ist kein Grund dafür, sich für physisch greifbare Bücher auszusprechen.

Für mich spielt aber der eine Teil eine zumindest untergeordnete Rolle: Meine kleine Tochter liebt es, zu „lesen“, also entweder Bilder anzuschauen oder vorgelesen zu bekommen. Sie merkt sich mit ihren zwei Jahren nicht nur, wer ihr welches Buch geschenkt hat, sondern sie hat mal darauf Lust und mal darauf. Das sehe ich, wenn sie zu ihrem Regal geht, Bücher herauszieht und überlegt, welche sie nehmen möchte. Größe, Schwere und Format des Buches sind auch gleichzeitig ein Versprechen. „Große Buch“, „Buch Opa“ und all die anderen Zweiwortsätze zeigen, dass sie versteht, dass es sich hier um einen – auf unterschiedliche Arten – qualitativen Unterschied handelt, der nicht zu erkennen wäre, wenn sie die Bücher auf dem iPad lesen würde – und das, obwohl es dieselben Bücher wären. Das ist der eine Punkt.

Der andere Punkt betrifft, und auch das ist, wenn man so will, eine reine anekdotische Evidenz, die Erfahrung, die über 30-Jährige mit Büchern haben und sich nun anschicken auf digitale Formate zu übertragen. Dieser ist für mich schwer zu formulieren. Sagen wir so: Wenn ich, wie ich es zu handhaben pflege, auf meinem iPad etwas lese, dann tue ich dies (ob ich nun multitaske oder nicht) mit einem Versprechen darauf, dass der zeitliche Aufwand, der vielleicht sogar angegeben ist, übersichtlich ist. Ich kann meine Aufmerksamkeit auch deshalb gut darauf legen, weil sie nur eine gewisse Kürze von mir abverlangt. Das ist nicht nur bei einem Buch anders, sondern auch bei einem Dokument, das in physischer Form ein Buch darstellen würde.

Das bedeutet also: Nicht dadurch, dass das Buch auch Buch bleibt, wenn es digital vorliegt, bin ich als geübter Leser in der Lage, „dran zu bleiben“ und es auch über einen langen Zeitraum zu lesen, sondern dadurch, dass ich ein geübter Leser bin, kann ich den Unterschied zwischen einem derart langen Text, den man physisch Buch nennen würde, und einem kleinen Internetartikel überhaupt verstehen und prozessieren.

Das können junge, ungeübte Schüler aber meistens nicht. Sie wachsen in einer Welt auf, in der das Buch mit Bewegtbildern konkurriert, die, je nachdem um welche dieser Bewegtbilder es sich handelt, auch sofort das Belohnungssystem aktivieren. Das wäre nicht weiter schlimm und es gibt auch jene, die bei Computerspielen von „deep reading“ sprechen.

Die Aufmerksamkeit, die es benötigt, ein Buch zu lesen, ist aber nicht nur jene, die im Augenblick des Lesens vom Leser abverlangt wird, sondern auch die andere, nämlich jene, die es braucht, das Buch zu lesen – vielleicht über Wochen. Angelehnt an die Begrifflichkeit der Erzählanalyse könnte man von Lesezeit und gelesener Zeit sprechen.

Diese Aufmerksamkeit ist wichtig, und zwar immer dann, wenn man mit Menschen kommuniziert, die einen großen thematischen Bogen machen, um zu einem dann erst verständlichen Punkt zu kommen. Das „Dranbleiben“ lernt man nicht in Häppchen.

Ich hoffe, dass der Punkt klar wird: Es geht nicht darum, dass die Substanz des physischen Buches in digital dargebotener Form nicht schlechter ist. Sondern dass viele den Fehler machen, als geübte Leser zu denken, auch digital wäre das Versprechen und die Herausforderung des gelesenen Buches dieselbe für einen ungeübten Leser.

Ein Buch macht es einem jungen Menschen schlicht einfacher zu sehen, zu fühlen und zu riechen, in welche inhaltlichen Tiefen er vordringen kann. Das kommt mir erhaltenswert vor.

Ich bin mir unsicher, ob ich mich damit in den Reigen jener einreihe, die das Lesen von Büchern überhöhen und versuchen, es gegen das digitale Lesen (was auch immer das wäre) auszuspielen. Anders gesagt: Wäre es möglich, den Oftmals in Buchform vorliegenden, langen und tiefgehenden Gedanken, dessen Erfassung Konzentration und lange Zeit braucht, der einen aber weiterbringt, auch digital so zu präsentieren, dass er der Sogwirkung der Bewegtbilder gewachsen wäre, dann würde ich wohl nicht mehr auf das Buch bestehen. Aber diesen Punkt sehe ich, wenn ich an meine Schülerinnen und Schüler denke (auch aus dem, was sie selbst sagen) nicht.

Weil ich aber denke, dass eben jene, in der vorherigen Passage anklingenden Kompetenzen wichtig sind, um wissenschaftliche oder komplexe journalistische Texte zu erfassen, ein Referenznetz aufzubauen und, am wichtigsten, zwischen Wahrheit und Lüge, zwischen Inhalt und Form, zwischen Substanz und Blendung zu unterscheiden, bin ich der Überzeugung, dass nichts am Buche vorbeiführt und wir alles tun sollten, dass dies auch so bleibt.

Posted in Diskussion | 4 Kommentare

DISKUSSION: Was ist Bildungsgerechtigkeit?

Weil ich merke, dass ich zunehmend mit einigen Axiomen meiner Filterblase hadere, möchte ich so neutral wie möglich, aber auf anekdotischer Evidenz basierend aufzeigen, dass so manches Argument gegen „das Schulsystem“ am Problem vorbei geht. Und das falsch verstandene Gerechtigkeit nicht zwangsläufig bedeutet, dass alle studieren müssen. Ein (ziemlich persönlicher) Kommentar. 

Frei nach Adorno könnte man sagen, dass es schon das richtige Leben im falschen gibt (das Zitat ist aus dem exzellenten Artikel über den Lehrerberuf im heutigen engen Bildungssystem entnommen). Zumindest fühlte ich mich so, als ich als Waldorfschüler im amerikanischen Schulsystem nicht nur mit Noten, sondern mit ganzen „Progress Reports“ konfrontiert war, die jeden meiner schulischen Schritte wie in einer Bundesliga-Tabelle festhielten. Ich fand’s geil! Mehr noch: Ich hatte das Gefühl, die extrinsische (böse) Notenmotivation fast schon physisch zu merken. Und ich machte immer mehr.

Progress Report

„Geht auch“, dachte ich, ignorierte aber, dass ich schon acht Jahre Rudolf-Steiner Schule hinter mir hatte. Kupfertreiben, Stricken, Nähen, Buchbinden, Kerzenziehen, Schmieden, Malen, Aquarell, Hobeln, Tönern, Holzfällen, Bauen – und im weitesten Sinne das, was als „Ausdruckstanz“ persifliert wird.

Ich hatte gelernt, was es bedeutet, sich etwas zu eigen zu machen. Ich fand manches spannend, manches nicht. Von den Fächern Physik oder Chemie weiß ich nichts mehr. Gar nichts. Nicht eine Stunde ist in Erinnerung geblieben. Aber obwohl ich die einzelnen Stücke, die überall in meiner Familie als Brieföffner oder Skulptur zu finden sind, mal mehr, mal weniger schön fand, wusste ich, dass das, was mein Klassenlehrer in das Zeugnis der ersten Klasse schrieb (eine Seite, von Hand, für 42 Schüler!) wahr war: „Bob neigt dazu, die Worte auf die Goldwaage zu legen.“ Es mutet mittlerweile prophetisch an. Ich habe einen Beruf daraus gemacht.

Ortswechsel. Karlsruhe. Nach dem Referendariat ist die Stellensituation wie immer: Schlecht. Und noch schlechter ist sie für die, die Geisteswissenschaften machen. „Wie sollen wir Sie denn unterkriegen“, wird mir von der Zuständigen Dame mit zu wenig Humor gesagt, als dass ich es lustig finden könnte. Und dabei sind wir schon an einer sehr speziellen Stelle. Wir sind nämlich 60 Referendare aus ganz Baden-Württemberg, die im Regierungspräsidium Karlsruhe zusammengerafft wurden, um die Mitteilung zu erhalten: „Herzlichen Glückwunsch! Sie haben einen 6er im Lotto! Nachdem wir Sie drei Jahre auf die Realschule schicken, werden Sie nicht nur verbeamtet, sondern Sie bekommen eine Stelle im Gymnasium.“ Merkwürdig, dachte ich, aber warum nicht. Im Gegenteil: Ich fragte sogar, ob es mir möglich wäre, zu verlängern. War es nicht.

Seit jeher versuche ich, das, was ich nicht ändern kann, als Chance zu nehmen. Deshalb nahm ich es weder als Strafe wahr, an eine Realschule zu kommen (bei manchen erschien es mir so), noch die Tatsache, dass ich mit meiner Frau nach Freudenstadt kommen sollte, eine Stadt, in der es nach einigen Erzählungen 6 Monate Winter und 6 Monate kalt ist.

Es wurde heftig, richtig heftig. Mir war es nicht nur kalt, sondern ich fand es auch dunkler als sonst wo. Das lag wohl auch daran, dass ich im Referendariat mit zu viel Übereifer erkannt hatte, was ich zu leisten im Stande war. Das versuchte ich nun auf ein volles Deputat von 27 Stunden zu übertragen, jede Stunde perfekt. Lange kann das nicht gut gehen. –

Am Ende meines Aufenthalts stehe ich an der Bühne. Meine erste Klasse als Lehrer singt mein damals noch auf YouTube befindliches Lied. Sie haben es umgedichtet. Sie haben mir ein Fotobuch geschenkt – über 40 Seiten. Ich heule.

Nicht nur in dem Lied kam heraus, dass sie mich ziemlich komisch fanden. Ich war ein sehr anderer Lehrer als all jene, die sie bisher gekannt haben. Aber darum soll es nicht gehen. Ich habe mich aufgerieben – und die Klasse auch.

Dabei hatte ich nie das Gefühl, zurückversetzt zu sein – im Gegenteil. Ich versuchte alles zu tun, was ich konnte, um die Schüler auf das, was kommen sollte, vorzubereiten. Und das war deutlich anders als das, was man normalerweise von Gymnasiasten erwartet. Viele wollten auf eine weiterführende Schule, aber viele wollten auch endlich arbeiten, endlich anpacken. Und für sie und ihre Eltern war das auch in Ordnung. Die Realschule mit gutem Ruf war ein Ort, an dem man Bildung mitnahm, klar: Aber es gab keine Fixierung auf das Abitur, keine Pflicht zu studieren.

Ortswechsel. Die Stühle sind am Rand. Wir kämpfen. Einer tritt. Einer kriegt einen Schlag ab. Krass! Und das auf Video! Also nicht wirklich. Nachdem ich mit meinem Unterrichtskonzept im Fach Ethik gescheitert bin, als ich versucht habe, Real- und Werkrealschüler zu unterrichten, habe ich es umgedreht. Die Schüler sollen den anderen etwas beibringen. Das Einzige, was wichtig ist, ist: Es soll etwas mit unsere Thema zu tun haben: Glück! Und damit der Einstieg nicht so schwer ist, beginne ich. Mit Theaterkampf. Denn ich weiß, dass das glücklich macht, sich bewegen, coole Moves, etwas gefährlich. Wie gesagt: Wir machen die Videos. Und die Schüler gehen wirklich glücklich raus. Einer sagt, dass er sich zuvor noch nie so gefreut hatte, in die Schule zu gehen. Ein anderer kommt ab und zu in den Unterricht, obwohl er sonst nicht so oft in die Schule kommt.

Das liegt aber natürlich nicht nur an mir. Vor den Ferien laden die Werkrealschüler uns ein, dann gibt es selbstgemachten Flammkuchen aus dem eigenen Schulgarten und dem selbstgebauten Ofen. Die Werkrealschüler kochen, gärtnern, packen an. Sie sind zuvorkommend, gewitzt und erzählen mir, wo die Bienennester sind.

Einige meiner Realschüler, die teilweise immer noch schreiben, sich bedanken oder zu Neujahr Grüße schicken (Gell, M!, ich habe es dir immer gesagt, was du kannst, und jetzt ist es Pharmazie! Geil, Mann!), haben, wie gesagt, die weiterführende Schule besucht. Einige nicht. Einer, der immer noch den Blog liest, beginnt bald zu arbeiten. Man, hat der sich angestrengt bei den Lyrikinterpretationen.

Würden es alle in meinem Abiturkurs schaffen? Auch die Werkrealschüler? Vielleicht wenn Ihre Eltern mehr Bücher hätten? Oder wenn jeder sich aussuchen kann, was er will? Nein.

Aber warum sollen sie denn? Warum soll es Gerechtigkeit sein, allen zu „ermöglichen“ zu studieren? „Ermöglichen“. Das ist doch ein völlig unangebrachter Euphemismus.

Ich schaue jetzt manchmal in Gesichter, die Woche für Woche, Jahr für Jahr, zeigen: Ich will nicht hier sein. Ich will kein Abitur, ich will arbeiten, was erleben, was machen. Aber wir lassen sie nicht, weil wir selbst am Narrativ stricken, das besagt, dass man ohne Abitur nichts wäre. So ein Unsinn!

Ein Bekannter, der damals, vor meinem Abi, eine Klasse unter mir war und kein Abitur hat, begann als Schreiner und ist nun international bekannter Designer. Warum? Weil er irgendwann wusste, was er machen wollte. Und weil er Unterstützung erhielt. Aber welcher Abiturient bekommt Unterstützung, wenn er oder sie sagt, dass er oder sie Konditor werden will? Oder Schreiner?

Das spricht aber meiner Meinung nach nicht gegen das Gymnasium, sondern explizit dafür. Denn: Natürlich sollte es auch diejenigen geben, die mit Freude und Lust kognitiv arbeiten, lesen, suchen – Netz, Bücher – egal! Aber müssen wir, weil wir das Abitur zum heiligen Bildungsgral erheben, jetzt jeden ins Gymnasium schleifen?

Und was ist dann unsere Schlussfolgerung: Das System krankt, weil Schüler machen müssen, weil sie nicht wollen. Noch besser: Geben wir allen digitale Geräte, damit sie machen können, was sie wollen. Wir begleiten sie dann und nennen es agil.

Jeder, der diesen Blog kennt, weiß, dass ich mit vielen Dingen, die online und offline diskutiert werden, übereinstimme. Ja, auch ich finde Notengebung schlecht und ungerecht (der allererste Artikel dieses Blogs beschäftigte sich damit). Auch ich finde, dass man alles nutzen sollte, was einen zum Lernen anregt und weiterbringt, ob es nun ein Game ist oder ein iPad oder ein Buch.

Aber ich bin für den Kanon. Ich bin dafür, dass man sich durch hohe Kulturgüter quälen muss, nur um am Ende zu erkennen, dass man ein wenig über sich und die anderen gelernt hat. Und über seinen Kulturkreis. Ich bin dafür, dass man auswendig lernt, um Referenzpunkte zu haben, die außerhalb von Google liegen. Ich bin dafür mehr zu lesen. Ich bin dafür, dass man die deutsche und die englische Grammatik so gut beherrschen kann, dass man sich, wenn man sein Studium beginnt, so ausdrücken kann, dass andere wissen, was man meint. Ich bin dafür mehr zu lesen (sagte ich das bereits?).

Und irgendwie verstehe ich nicht (mehr), warum das nicht in Ordnung ist. Warum es nicht geht, dass jemand an die Realschule geht und sich eher Richtung Ausbildung orientiert und andere an das Gymnasium gehen mit dem Ziel (nach einer schön langen Pause!) zu studieren. Und zwar nichts zu studieren, weil man danach wieder was dafür kriegt, sondern weil man es wundervoll findet, in den unermesslichen Untiefen des menschlichen Geistes zu verschwinden, sich daran zu reiben, zu versuchen zu verstehen, zu scheitern, neue Versuche zu unternehmen, alles über den Haufen zu schmeißen, darüber zu diskutieren, kontrovers, unbarmherzig, dann sachlich und nüchtern. Zu schreiben, zu schreiben, zu schreiben. Zu lesen. Mir so viel Spaß, dass man über einem Buch nicht merkt, dass der Morgen graut.

Muss das jeder? Muss das jeder müssen? Muss das jeder können müssen? Ist das Bildungsgerechtigkeit?

P.S. Auch wenn es nichts damit zu tun hat, hier nochmal ein Gruß an meine Klasse 10c. Nur für euch bin ich auf diesen Fels gestiegen und überhaupt mitgefahren mit Fieber. Um diese Klassenfahrt zu toppen, muss schon einiges passieren.

Posted in Diskussion | 6 Kommentare

DISKUSSION: Vernetzen? Warum sollte ich?

Der liebe Kollege und Fachleiter Jan Vedder schreibt einen schönen Artikel über die Vernetzung von Lehrern. Er wurde vielfach geteilt und hoffentlich noch mehr geteilt. Alle, die ihn teilen, werden sich dabei wohl fühlen, Teil der Gemeinschaft zu sein. Die, die es betrifft, werden: nichts davon merken. Eine Antwort von der fiktiven Lehrerin Anna Log und die Antwort auf die Frage, wie wir uns vernetzen. 

Lieber Jan, Anna Log hier,

ich bin schon seit langem eine Lehrerin, die seit langem an einer Musterschule Musterunterricht macht. Ich habe deinen Artikel nicht gelesen, weil ich erstens nicht mehr so gerne lese und ich mal gehört habe, dass man dem Netz auch nicht trauen kann.

Tun wir aber mal so, als wenn ich ihn gelesen hätte; vielleicht hat ein besonders motivierter Kollege, den ich sehr mag, ihn mir mit viel zureden auf meinen überfüllten Tisch gelegt und einen netten Zettel drangehängt.

Um gleich mal eines vorweg zu nehmen: Hör auf mit deiner „zeitgemäßen Bildung.“ Ich habe seit den Siebzigern Reformen über mich ergehen lassen. Ich bin damit durch. Gut, schauen wir mal, was du sonst noch so anbieten kannst. Ah, eine Liste. Dann wollen wir mal.

1.Ideen, Impulse und Inspirationen bekommen

Denkst du denn, lieber Jan, dass meine Ideen nicht reichen? Als ich unterrichtet habe, da warst du noch eine Metaplankarte im Methodenkoffer deiner Eltern. Oder meinst du, dass meine Ideen nicht gut genug sind? Wenn du das meinst, dann brauche ich gar nicht mehr weiterschreiben.

2.Ideen, Impulse und Inspirationen teilen

Wieso das denn? Ich habe alles, was ich brauche, genau hier auf meinem Tisch. Deshalb sieht das Lehrerzimmer meiner Musterschule auch so aus, wie es aussieht. Was bekomme ich für die Extrazeit? Soll ich nun noch als Humanistin unter das Volk? Oder worum geht es? Soll ich in meinem Alter noch Leser sammeln und mich über ein paar Klicks freuen? Ich bitte dich, lieber Jan. Meine Ideen sind gut für mich und meine Klasse.

3. Spannenden Blogs folgen

Blogs? Sind das diese Homepages, wo so wirklich jeder etwas schreiben kann, der will? Wo also jeder Depp meint, er können etwas über sich und die Welt sagen? Wie lange brauche ich denn, überhaupt etwas Gutes zu finden? Wann soll ich das leisten? Klar, ich habe Zeit, weil mein Unterricht fertig ist – aber daran habe ich mich gewöhnt. Ich werde sehr gut bezahlt, auch ohne dass ich „spannenden Blogs“ folge. Mir ist frische Luft lieber als die dahingekleisterte Wortsoße von Möchtegernautoren.

4. Gegenseitiges Helfen durch Austausch und Kollaboration

Hier können wir es kurz machen. Ich brauche keine Hilfe. Wieso auch? Es ist doch immer gut gewesen. Und jetzt soll es das nicht mehr sein? Willst du damit sagen, dass ich ohne Austausch schlechten Unterricht mache? Oder eine schlechtere Lehrerin bin? Willst du das? Und wenn jemand wirklich meine Hilfe braucht, dann kann er oder sie zu mir kommen und in die Augen schauen. Oder darf man das nicht mehr in dieser modernen Zeit?

5. Unterricht neu denken

„Neu“? Entschuldige, dass ich nun ein wenig lache. Alle 5 Jahre kommt jemand und findet, dass der Unterricht neu gedacht werden muss. Das ist ein wenig wie mit den Schlaghosen. Die kommen auch wieder in Mode. Ich mache meinen Unterricht so, wie ich will, weil er erfolgreich und gut ist. Meine Schüler mögen mich. Und dann kommt jemand wie du aus dem Internet und sagst mir, dass ich alles neu denken muss. Geht es noch?

6. Schule (um-)gestalten und Unterricht entwickeln

Das ist nun doch die Höhe. Ich bin eine gute, einfache Lehrerin, die seit Jahren alles für die Kinder gegeben hat. Hätte ich die Schule umgestalten wollen, wäre ich in die Politik gegangen. „Palliative Didaktik“ nennst du das, was ich tue? Und du willst, dass ich mich freue, meine Existenz hinterfrage und die folge? Wieso, zum Teufel, sollte ich das tun?

Wann die digitale Bildung und die Vernetzung gelingt? Wenn wir Anna Log überzeugen. Viel Spaß! 

 

Posted in Diskussion | 4 Kommentare

DIGITAL: Was Lehrer auf Social Media dürfen und tun können

Bob BlumeSobald man als Lehrer darüber spricht, dass die Kolleginnen und Kollegen doch mal auf Twitter kommen sollen, herrscht Skepsis. Die ist auch angebracht, beruht oft aber auf gefährlichem Halbwissen. Das ist auch deshalb so breit gestreut, weil der Bildungsföderalismus dafür sorgt, dass das, was Lehrer auf Social Media tun dürfen und können, sehr unterschiedlich ist. Ich möchte alle Interessierten dazu aufrufen, mitzuhelfen, eine Übersicht darüber zu erstellen, was die wichtigsten Punkte für Lehrerinnen und Lehrer sind. Im besten Fall haben wir dann eine Liste für jedes Bundesland. 

Über dieses Etherpad darf jeder, der sich berufen fühlt, mitmachen. Der Artikel selbst kann, sobald er einigermaßen vollständig ist, gerne auf andere Blogs geladen werden, um so möglichst vielen Lehrerinnen und Lehrern eine Hilfestellung zu geben.

Bisher eingegangene Artikel:

Baden-Württemberg (dieser Artikel)

Ich beginne mit Baden-Württemberg, wobei ich nur das Wichtigste angebe und mit Links auf die jeweils gültigen, offiziellen Stellen verweise.

Social Media in Baden-Württemberg

Private Nutzung

Generell kann man sagen: Laut den offiziellen Richtlinien für Lehrkräfte, Beamte des Landes Baden-Württemberg und anderen Mitarbeitern des Landes ist Social-Media-Nutzung erlaubt. Es gibt allerdings Empfehlungen. Diese werden hier nicht vollständig aufgelistet und würden sich wohl in dem einzigen Satz zusammenfassen lassen: Vernünftiges Verhalten wird empfohlen. Das gilt natürlich besonders für dienstliche Angelegenheiten (Schweigepflicht).

Ansonsten gelten alle jene Rechte und Pflichten (also etwa beim Urheber- oder Persönlichkeitsrecht), die auch für andere Nutzer gelten. Hervorzuheben ist, dass man auch als Privatperson als „Botschafter der Dienststelle“ gesehen wird – obwohl gleichsam hervorgehoben wird, dass man „persönlich verantwortlich“ ist. Ferner heißt es:

Achten Sie bei Diskussionen in Sozialen Medien auf angemessene Umgangsformen und be- handeln Sie andere mit Respekt . Dazu kann es auch gehören, Äußerungen zu revidieren und Fehler einzugestehen . Auch bei emotionalen Auseinandersetzungen sollten Sie sich bemühen, sachlich und höflich zu bleiben. Berücksichtigen Sie, dass Äußerungen, die im Eifer des Gefechts gemacht werden, für einen unbestimmten Zeitraum öffentlich nachzulesen und auffindbar sind.

Zu diesen Richtlinien, die also zeigen, dass man auch als Lehrperson Social Media nutzen darf und kann, ist vielleicht zu sagen: Die Deutung liegt gerade darin, inwiefern man nicht nur Botschafter der Dienststelle ist, wenn man auf Social Media aktiv ist. Sondern auch, wenn man es nicht ist. Denn in einer digitalen Welt sollte man vermuten, dass sich das Lernen und Lehren gerade für Lehrerinnen und Lehrer auch außerhalb der Schule stattfindet.

Dienstliche Nutzung

Zunächst ist es besonders hervorzuheben, dass bei allen Restriktionen auch hinsichtlich des Datenschutzes vom Kultusministerium folgendes konstatiert wird:

Das Kultusministerium sieht den Umgang mit Medien als eine der wichtigsten Schlüsselkompetenzen an, weshalb alle jungen Menschen zu einem souveränen, kritischen und selbstbewussten Umgang angeleitet werden müssen. Die Handreichung erklärt deshalb ausdrücklich, dass Soziale Netzwerke im Unterricht dazu genutzt werden dürfen, um Funktionsweise, Vorteile, Nachteile, Risiken, usw. medienpädagogisch aufzuarbeiten und zu reflektieren.

Wenn Kolleginnen und Kollegen also sagen, dass man Facebook, Twitter oder Instagram nicht nutzen dürfe, dann ist das nur die halbe Wahrheit. Was damit oft gemeint ist, ist folgender Absatz:

Generell ist die Verarbeitung von personenbezogenen Daten im Rahmen der schulischen Arbeit auf Sozialen Netzwerken von Anbietern unzulässig, soweit deren Server außerhalb des europäischen Wirtschaftsraumes betrieben werden, es sich um US-Amerikanische Unternehmen handelt oder ein Zugriff von außerhalb des europäischen Wirtschaftsraumes möglich ist.

Das heißt also: Ich kann Soziale Medien nutzen, sowohl mit den Schülern als auch privat. Ich darf nur beide Bereiche nicht koppeln und zum Beispiel einem Schüler via Twitter Noten mitteilen oder über persönliche Bereiche sprechen bzw. Daten preisgeben.

Des Weiteren zeigt sich hier auch, dass man als Schule Instagram und Co. auch nutzen kann. Nur eben innerhalb eines etwas schmaleren Rahmens. Verboten bleiben Social-Media-Plug-Ins.

Für Baden-Württemberg gilt also: Ein angemessener und vernünftiger Umgang ist sowohl in der Schule als auch außerhalb der Schule für Lehrerinnen und Lehrer erlaubt!

Abschlusskommentar

Was bedeutet das nun? Für mich bedeutet das, dass das ewige Facebook-Freund-Argument überholt ist. Ich nutze Twitter und Facebook in einem Zwischenraum. Ich würde auf kein Netzwerk Privates posten. Und was ist überhaupt privat? Für mich ist privat dann, wenn es keinen etwas angeht außer jene, neben denen ich stehe und sitze.

 

Als Privatperson öffentlich sein ist etwas anderes. Sollen die Schüler doch sehen, dass ich vielseitig interessiert bin, viel schreibe und lese, mich einmische und sachlich bleibe. Das ist nicht nur nicht schlecht, sondern wichtig, wenn wir für ein gutes Miteinander auch im Netz eintreten.

Weiterführende Diskussion: Eine halbnackte Lehrerin auf Instagram. 

 

 

 

Posted in Diskussion | 2 Kommentare

DISKUSSION: Deutschunterricht oder: Schlecht schreiben lernen

Gut schreiben oder gut schlecht schreiben?

Würde man jedes Mal, wenn Twitter dafür sorgt, dass man einen fruchtbaren Impuls erhält, einen Strich an die Wand machen – das Zimmer sähe aus wie ein impressionistisches Bild eines Kornfeldes. Dieses Mal postete Philippe Wampfler eine Buchempfehlung. Die Erkenntnis daraus und aus der kurzen Diskussion, die sich daraus ergab, ist problematisch: Eigentlich lernen Kinder und Jugendliche in der Schule vor allem, wie man gut schlecht schreibt. Ein Kommentar. 

 

Schon der Text über das Buch, den Wampfler in diesem Tweet präsentiert, zeigt präzise die Problematik des Schreibens in der Schule.

Eigentlich hätte dieser Blogpost anfangen müssen mit dem Satz: „In seinem 2017 erschienen Non-Ficton-Opus ‚Lehrer, ihr müsst schreiben lernen!‘ elaboriert Markus Franz, warum Pädagogen der Verbesserung ihrer schriftliche Ausdrucksfähigkeit arbeiten sollten.“ Ich befürchte aber, dass man die Anspielung nur versteht, wenn man das Buch gelesen hat und alle anderen nicht weiter lesen.

In der Schule aber lernen Kinder so zu schreiben.

Dies bedeutet also: Kinder lernen schreiben, als wäre dies nicht mehr als das Pressen von Worten in eine Form, die immer gleich sein muss. Oder wie der Autor sagt:

Am Ende sind die Texte vergleichbar und man kann feststellen, wer besser darin ist, schlecht zu schreiben.

In der Tat. Ich bekenne mich sogar schuldig, dann, wenn ich das Gefühl habe – hoffentlich durch mein Schreiben, Lehren und Lernen – dass eine Schülerin oder ein Schüler im Schreiben immer besser wird, bis er oder sie am Ende vor der Entscheidung steht, was sie oder er im Abitur nehmen soll, die Schülerin zu beraten, was vom System goutiert wird.

Dabei geht es nicht darum, dass man Schülerinnen und Schülern erklärt, wie man gute Noten schreibt, ohne das Schreiben zu schulen. Aber dennoch bedeutet das, dass gutes Schreiben nicht das alleinige Merkmal dafür ist, ob die Bewertung dementsprechend ist.

Mit anderen Worten: Gutes Schreiben ist in der Schule eigentlich nur eingeschränkt möglich. Denn selbst als Lehrer, der fast täglich schreibt oder für Zeitungen, Verlage oder andere Medien Worte aneinanderfügt, so dass sie im besten Fall nicht nur Sinn ergeben, sondern auch informieren und unterhalten, kann man nicht dafür garantieren, dass der Zweitkorrektor seit 40 Jahren nichts anderes tut, als Texte nach formalen Fehlern zu prüfen (nebenbei: Die Form ist extrem wichtig für einen guten Text, aber dann sprechen wir von einer flexiblen, den Text untermauernden, quasi symbiotischen Form).

Und da sind wir an der entscheidenden Stelle: Solange die Didaktik auf einer vergleichbaren Prüfungskultur fußt, die den Vergleichsmaßstab zum Primat erhebt, kann man in der Schule den Fokus nicht auf das gute Schreiben legen, sondern muss immer auch das Schreiben unter den Bedingungen des starren Rahmens mitdenken.

Vor einigen Jahren musste ich dies am eigenen Leib erfahren, als ein Lehrer einer anderen Schule, der meine damalige Klasse als Zweitkorrektor korrigierte, alle Klausuren herunterkorrigierte, weil er die Interpretationsansätze nicht nachvollzog. Diese beschäftigten sich mit einem modernen Buch, dass in einigen Schulen nach dem Sturm der Entrüstung von Eltern ausgetauscht wurde, weil auf einer Seite das weibliche Geschlechtsteil genannt wurde. Der Zweitkorrektor erklärte mir also die Deutungsansätze meiner Schüler nicht nachvollziehen konnte und mehr nach der Form gegangen sei. Das hatte auch einen Grund:

Der Zweitkorrektor hatte das Buch nicht gelesen.

 

Posted in Diskussion | 8 Kommentare

DISKUSSION: Bloggende Lehrer, Referendare und die digitale Bildung

Die digitale Kluft ist wohl nirgends so groß wie zwischen den Lehrern. Während die einen darüber philosophieren, die Bildung komplett auf den Kopf zu stellen, digitale Modelle ausprobieren, sich gegenseitig helfen, voneinander profitieren und die neuen Impulse wertschätzen, bezweifeln andere ganz grundsätzlich, dass das Digitale in die Schule muss (ein Gespräch, dass ich auf der Seite „Referendariat:Tipps, Tricks und Anregungen“ führte, hängt an diesem Artikel – mit der Genehmigung des anonymen Diskutanten an. Sie zeigt, wie schwer die Argumentation außerhalb der Filterblase ist).

Die These dieses Artikels: Wenn Referendare verstehen würden, dass (beispielsweise) ein Blog oder Twitter massive Verbesserungen ihrer Fähigkeiten bringt, würde sich der Rest ergeben.

Die Digi-Lehrer-Filterblase

Zunächst drei Thesen zur Lehrer Filterblase, also einer Filterblase von Leuten, die oftmals anprangern, dass andere nicht über den Tellerrand schauen und es dann (aus nachvollziehbaren Gründen) selbst nicht tun.

  1. Die Lehrerinnen und Lehrer bloggen und twittern nicht aus purer Selbstlosigkeit. Sie erfahren dadurch Relevanz, Resonanz und positives Feedback, das in Schulen und Seminaren sehr selten ist.
  2. Aus diesen positiven Erfahrungen erwächst der Wille, sich weiter mit den Themen zu befassen. Das ist sehr positiv, bedeutet aber auch, dass es für die meisten Teilnehmer der Filterblase ein Hobby ist. Das ist wichtig, weil das auf jene, die es nicht mitbekommen keines ist.
  3. Das Gemeinschaftsgefühl, etwas bewegen zu können, ist genial – vernebelt aber die Sicht darauf, dass es Lehrerinnen und Lehrer gibt, die noch nie (!) irgendetwas (!) von irgendeiner (!) der Thesen gehört haben, die für die meisten Blogger und Twitterer ein alter Hut sind.
  4. Es gibt Lehrer, die es sich gemütlich gemacht haben. Für die ist jede weitere Beschäftigung mit diesem Thema unnötige Mehrarbeit (eine Wortkombination, die stärker ist als jedes noch so nette Argument).

Dementsprechend ist die Forderung von Kai Wörner zwar wunderbar – nur: Als ich sie vor vier Jahren stellte, teilten mit „alte Hasen“ wie Phillippe Wampfler, Lisa Rosa und andere mit, dass sie diese wiederum vor 5 Jahren stellten. Wir drehen uns im Kreis (obwohl auch ich das Gefühl habe, dass dieser langsam größer wird).

Content is king

Nun wird auf Twitter gerade wieder – zu Recht – darüber philosophiert, wie man die anderen Lehrer ins Boot holen könnte. Vielleicht mit einem Newsletter? Analoge Ausdrucke? Ein E-Book? Alles schön und gut, aber: Jeder der einen Blog hat, weiß, dass es die Menschen da draußen nicht interessiert, wer man ist. Die Frage ist immer: Welchen Vorteil habe ich als den Beruf, den ich habe, Ausübender, wenn ich den Blog lese.

Insofern stimmt der blöde Spruch „Content is King“. Und einen Content zu erzeugen, der rege besucht wird, ist nicht so schwer. Der Artikel „No-Gos in der Lehrprobe“ wird tausendfach besucht. Warum? Vor allem weil er das Gefühl vermittelt, dass man danach mehr Ahnung hat. Man könnte auch sagen: Er spendet Trost. Ob durch einen solchen Artikel die Lehrproben besser werden, wage ich zu bezweifeln.

Konsequenzen

Die Konsequenzen sind relativ schlicht, aber man kann sie nutzen. Wenn ich persönlich einen Blogartikel schreibe, von dem ich wollte, dass er „gut ankommt“, müsste ich nur dasselbe, was die Blase gerne hat, in eine schöne Form gießen. Die Artikel, die mir wichtig sind, werden oft nicht so viel gelesen. Aber sie helfen mir natürlich sehr – und das ist der springende Punkt.

Die Konsequenz aus diesen Überlegungen ist, dass man die Lehrerinnen und Lehrer, die Sozialarbeiter und Pädagogen eben nicht ins Boot bekommt, indem man ihnen damit kommt, wie schön die Kooperation ist. Meines Erachtens gibt es drei Grundpfeiler, von denen wir – die Community – einen bearbeiten können.

  1. Infrastruktur und Konzeption
  2. Curricularer Zwang
  3. Vorteile

Das ist natürlich stark verkürzt, aber: Die meisten von uns können nichts an den ersten beiden Punkten ändern. Aber nur, wenn diese materialisiert sind, wird es wirklich weiter gehen. Was man aber tun kann, ist, immer und stetig zu wiederholen:

Wenn du dabei bist, hast du einen persönlichen Vorteil.

Auch wenn ich es nicht mag, kann man auch die externe Keule schwingen:

Referendare, die bloggen und twittern, erhöhen die Chance auf bessere Noten.

Klar: Ich könnte auch, um meine Reflexionskompetenz zu schulen, ein Tagebuch haben. Geschenkt. Das, was beim Blog anders ist und das nur unter den Bedingungen der Digitalität funktioniert, ist: Mit dem Blog beschäftigt mich die Sache nicht nur unter dem Zwang, sondern plötzlich erfahre ich die schon eben genannte, offene Resonanz.

Die zahlreichen Impulse, die man auch als Referendar über Twitter findet, sind selbst mit drei Wochen Fortbildung nicht aufzuwiegen. Und plötzlich ist man unter Menschen, die Theorien nicht in Büchern vergammeln lassen, die man nach dem Referendariat wieder verkauft – weil sie „ja nichts bringen“ – sondern die damit umgehen, weil es wichtig ist.

Man könnte also auch sagen: Klar, lieber Lehrer, lieber Referendar, ihr könnt euch verweigern vor der Digitalisierung. Aber dann entgehen euch massive eigene Vorteile. 

tl;dr

Man kann diejenigen, die nicht am digitalen Diskurs teilnehmen, nur dann überzeugen, wenn man ihnen klar macht, dass es zu ihrem eignen, massiven Vorteil ist.

Anhang: Gespräch mit dem Digitalen-Verweigerer

Vorausgegangen war der etwas ältere Artikel „Referendare, wir brauchen euch!“, indem sehr appellnativ versucht wird, Referendare zur Teilhabe zu animieren.

Anmerkung: Ich spreche mal als Seiteninhaber, mal als ich selbst mit der Person.

Don Fabutschki Und jetzt?
Ich kann nicht nachvollziehen, welche signifikanten Verbesserungen ein „digitaler Unterricht“ bringen soll, sofern es möglich ist, mit diesem schwammigen Begriff zu arbeiten. Die Orientierung in Social-Networks und „dem Internet“ generell mag ein legitimes Bildungsziel sein, die Notwendigkeit eines „digitalen Unterrichts“ kann ich davon noch nicht ableiten.

Mir ist natürlich bewusst, dass Appelle knapp zu halten sind, jedoch muss ich mich besonders angesichts der letzten Abschnitte schwer wundern. Wen interessiert es wirklich, ob ich die Youtubestars meiner SchülerInnen kenne? Im besten Fall bekommen die SchülerInnen dadurch den Eindruck, dass man als Lehrer genausoviel Zeit hinter dem Bildschirm verbringt wie sie, im schlechtesten Fall kommt es als das rüber was es im Grunde ist – Anbiederung.

Dazu: wieso soll ich mir ausgerechnet einen Twitter-Account zulegen um mit Kollegen zu diskutieren? Ausgerechnet Twitter? Welche seriöse praktisch-wissenschaftliche Auseinandersetzung ist in dem Textrahmen möglich? Mir erscheint das etwas zwanghaft, man hat mit der Einführung der Mobiltelefone auch nicht gefordert wissenschaftlichen Diskurs per SMS zu betreiben. Das mag wie eine Übertreibung klingen, ist für mich aber strukturähnlich. Facebook – eventuell. Foren – eventuell. Aber Twitter?

Aber vielleicht habe ich die Notwendigkeit eines digitalen Unterrichts auch nicht ausreichend verstanden.Etwas weniger Pathos und etwas mehr Klarheit hätte dem Appell trotzdem gut getan.
„Es wird Zeit, dass Deutschland aufschließt!“ – aufschließen wohin? Mit wem ? Warum ?
Und warum soll man sich „an einer neuen Welt“ beteiligen ? Wieso ? Weil guter Unterricht nicht anders geht?

Edit: Wieso ist es gesetzt, dass ich meine Stundenvorbereitungen und Materialien mit allen teilen möchte/muss/soll?

tl;dr: Was meint der Begriff „digitaler Unterricht“ und wieso soll dieser eine signifikante Verbesserung der Lehr-Lern-Arrangements darstellen?

Referendariat: Tipps, Tricks und Anregungen Ich bin hin- und hergerissen, in welcher Ausführlichkeit ich antworten soll, da du viele Punkte ansprichst, die legitim sind, aber mit denen ich seit nunmehr 5 Jahren zu tun habe. Ich möchte nicht das tun, was oft im Netz getan wird – mit Quellen um mich werfen und denjenigen, der seine berechtigen Argumente vorbringt so mit einer Scheinautorität zum Schweigen bringen. Deshalb versuche ich, mit nur wenigen und wie ich finde wichtigen Artikeln den Punkt zu machen und die Fragen einzugrenzen und sie so gut wie möglich in einem nicht allzu umfangreichen Rahmen zu beantworten. Zunächst zur Kritik: In der Tat, der appellative Charakter verkürzt. Deshalb sind zahlreiche Links gesetzt, die die Möglichkeit der weiteren Beschäftigung ermöglichen. Zum Inhaltlichen: Ja, ein schwammiges „Hauptsache ins Netz“ ist zu wenig. Verbunden mit dem Digitalen ist mittlerweile aber eine völlig neue Didaktik (https://schulesocialmedia.com/…/grafik-zeitgemaesses…/), die man kennen sollte, wenn man gerne darüber nachdenkt, was mit der Bildung passiert und in den nächsten Jahren passieren wird. Die Bibel dafür wird das Buch, dessen Rezension hier ist (https://schulesocialmedia.com/…/martin-lindner-die…/). Zur weiteren Kritik: Es geht nicht im das Wissen um jeden YouTube-Star, sondern um das Wissen um das System, die Influencer und die Implikationen, die es haben kann, wenn ein Youtuber mit einer Abonenntenzahl von allen deutschen Tageszeitungen zusammen für die AfD wirbt (so geschehen bei @Dner). Es geht um Kommentarkultur und das gemeinsame Miteinander. Es geht um Hatespeech und um freie Meinungsäußerung. Es geht um Lernvideos und Tutorials. Die Liste könnte ins Unermessliche gehen. Warum ausgerechnet Twitter ist eine gute Frage, die ich hier beantworte (http://bobblume.de/…/04/warum-und-wie-als-lehrer-twittern/). Letztlich geht es aber auch hier vor allem darum, nicht nur als passiver Rezipient zu empfangen, sondern sich selbst und den Schülern aktive Teilhabe zu ermöglichen, wirkliche Fragen offen zu legen und miteinander in Austausch zu kommen. (Wie das konkret im Unterricht aussehen kann, steht in dem exzellenten Buch, das hier rezensiert wird: http://bobblume.de/…/rezension-digitaler…/). Der wissenschaftliche Diskurs, warum ausgerechnet Twitter zu nutzen ist, ist in der amerikanischen Diskussion weit voran geschritten. Anfang des nächsten Jahres wird es eine von Elke Höfler herausgegebene Monographie geben, in der ich just diese Frage beantworte. Leider kann ich sie nicht vorab veröffentlichen. Das, was du anprangerst, oder in Frage stellst, ist aber wichtig, weil es zeigt, dass es nicht um das geht, was in der Diskussion Toolifizierung genannt wird. Also: Hauptsache Apps um jeden Preis. Im Gegenteil. Es geht um eine Bildung, die sich in und durch die Bedingungen der heutigen Zeit behaupten kann. Dieser sehr lange Text ist mittlerweile Standard, wenn es um diese Frage geht (https://shiftingschool.wordpress.com/…/welche-digitale…/). Ein Artikel mit weniger Pathos, aber derselben Fragestellung, findet sich hier: http://bobblume.de/2017/09/14/alle-lehrer-auf-social-media/

Und zuletzt: Aufschließen, weiterhin wirtschaftliche, kulturelle und politische Teilhabe zu gewährleisten. Dies ist mit der digitalen Infrastruktur, die gerade vorherrscht, schlicht nicht möglich. Zuletzt: Doch, guter Unterricht geht auch ohne digitale Medien. Und auch andersrum bleibt scheiß Unterricht, scheiß Unterricht, wenn er digitalisiert wird. Warum also beteiligen? Um den Schülern Teilhabe zu ermöglichen, sie kritisch am Diskurs teilhaben zu lassen und im besten Fall zu mündigen Staatsbürgern zu „erziehen“, oder ihnen zumindest die Tür dorthin zu zeigen. Es ist nicht gesetzt, dass du deine Unterrichtsstunden mit anderen Teilen musst, nein. Aber die Möglichkeiten der digitalen Welt ermöglichen es Lehrkräften auch hier, sich gegenseitig zu helfen und so mehr Kapazitäten zu haben bei der Betreuung heterogener Klassen, der individuellen Hilfe oder der Kommunikation mit Eltern oder anderen Ansprechpartnern. Dazu muss man nicht gezwungen werden – es ist einfach schön, wenn das passiert. Deine tl;dr Frage kann man also beantworten mit: Es geht nicht um digitalen Unterricht, sondern es geht um die Veränderung der Bildung unter den Bedingungen einer digitalen Welt, vor der die Schulen nicht mehr lange die Türen schließen können. So. Das hätte ich einfacher haben können, wenn ich auf die föderalen Lehrpläne verwiesen hätte. Dort ist es mittlerweile nämlich auch angekommen. Ich hoffe, ich konnte die eine oder andere Frage beantworten. Am liebsten würde ich ja Fragen, ob ich das ganze Gespräch in den Blog verfrachten kann, denn ich finde die Anmerkungen nicht nur wichtig, sondern sie spiegeln auch eine Meinung wieder, die oft zu hören ist. Und mit der man sich beschäftigen muss.

Don Fabutschki Da es sich nicht um meinen Klarnamen handelt, würde es mich nicht stören, wenn es im Blog landen würde.
Danke für die Antwort, aber unter dem Strich steht für mich:
-Nicht digitaler Unterricht, sondern das Digitale muss in den Unterricht, weil es Teil der Lebensrealität ist.
Okay. (Aber ist das jetzt etwas neues?)

Was die föderalen Lehrpläne betrifft – nunja, die gibt es. Wie sinnvoll diese sind, steht auf einem ganz anderen Blatt. Beachten muss man diese, das wage ich nicht zu ignorieren- der Verweis auf die Bildungspläne sollte jedoch nicht mit einem Gütesiegel verwechselt werden. Andererseits – auf dem hiesigen Bildungsplan steht ja auch „Bildung die allen gerecht wird“ – dann muss das ja stimmen

Ansonsten muss ich sagen: Die Bücher habe ich nicht gelesen, sollte ich noch tun. Man kann ja immer etwas dazulernen, nicht wahr? Jedoch – die Präsentationen mit dem „zeitgemäßen Lernen“, das kann ich nicht ganz ernst nehmen ehrlichgesagt. Das ist für mich eine Phrase wie „handlungsorientierter Unterricht“, „heterogener Klassen“ etc. Dasselbe gilt für den Verweis auf die spätere Mündigkeit der SchülerIinnen. Ja, gut, geht immer. Aber wie du selbst meintest – dazu braucht es keinen digitialen Unterricht.

Ich will nicht jeder digitalen Neuerung den konstruktiven Charakter absprechen, ich selber habe gern mit den einen oder anderen Maschinen gearbeitet,aber habe ich sie notwendigerweise gebraucht? Nein. Das wäre auch anders gegangen. Selbst auf einer Schiefertafel von 1850. Deswegen bin ich der „digitalen Revolution“ im Klassenzimmer etwas skeptisch gegenüber und frage mich „Wozu der Lärm…“ ?

Denn: Für bestimmte Stunden mögen digitale Themen wie Dners Ausrutscher oder die Frage nach Hatespeech im Netz ganz gut sein, aber darüber hinaus? Bestimmt würden dir noch mehr Beispiele einfallen. Aber vielleicht hält man durch die eigene Faszination für Sachverhalte diese für den Unterricht ergiebiger, als sie in Wirklichkeit sind. Vielleicht. Vielleicht auch nicht.

Bob Blume Don Fabutschki Ja, für viele ist das was Neues. Und es schließt digitale Geräte nicht nur nicht aus, sondern explizit ein. Es muss ja auch nicht jeder ein Hobby daraus machen, aber die weiterführenden Links sind schon substantiell. Klar muss man hinterfragen, ob Bildungs- und Lehrpläne sinnvoll sind. Aber Teilhabe zu ermöglichen finde ich so schlecht nicht. Wo kommt denn, wenn ich fragen darf, dieser Zynismus her, der in den Ausführungen mitschwingt. Oder meine ich das nur?

Don Fabutschki Das ist kein Zynismus, nur schlecht unterdrückte Abneigung gegenüber leeren Phrasen und der damit verbundenen Schwerfälligkeit, diese mit Inhalten zu füllen.

Statt Teilhabe könnte man auch „adäquate Existenz“ schreiben, man hätte ebensoviel, bzw. ebensowenig ausgedrückt.
Und wer könnte schon etwas gegen Teilhabe sagen?

Wie dem auch sei, ich denke das hier ist nicht meine Sache. Ich wünsche Ihnen jedoch viel Glück damit.

Referendariat: Tipps, Tricks und Anregungen Don FabutschkiIch habe mein Bestes gegeben, keine leeren Phrasen zu nutzen. Und polemisch wurde ich auch noch. Wenn Sie Kinder und Jugendliche unterrichten und alles Digitale „nicht Ihre Sache“ ist, dann wünsche ich Ihnen auch Glück. Sie werden es brauchen.

Don Fabutschki Das Digitale schon, nur nicht der von Ihnen propagierte Umgang
Glück brauchen wir alle, von daher, danke.

Referendariat: Tipps, Tricks und Anregungen Don FabutschkiWelchen Umgang „propagiere“ ich denn? Wissen Sie, ich schreibe da seit vier Jahren drüber, gehe auf Konferenzen und spreche mit dutzenden Leuten. Sie können mich gerne auf die paar Worte auf Facebook reduzieren – geschenkt. Wenn Sie irgendwann Interesse haben, sich weiter auszutauschen, schreiben Sie mir – ich helfe gerne weiter.

Posted in Diskussion | 2 Kommentare

DISKUSSION: Lehrer zu Social Media überreden

Der unermüdliche Lehrer Dejan Mihajlović hat in einem Zumpad die Frage gestellt, was man unternehmen könnte, damit Lehrer die Vorteile von Microblogging nutzen. Auch ich habe meine Meinung dort hinein geschrieben. Sie lautete

Habe diesbezüglich aufgegeben. Klingt resigniert, ist es auch.

Diese kleine Artikel dient nur als Erklärung, warum ich denke, dass die Community (oder jene, die sich in den Sphären bewegen) bei ihrem Enthusiasmus oft vergessen, wie manche (die meisten) Kollegen ticken. Nicht dass wir uns falsch verstehen: Ich finde Dejans Anliegen super und natürlich versuche ich auch immer wieder, Lehrer dazu zu bewegen, zu bloggen oder auf Social Media zu kommen.

Ich erklärte, warum Lehrer twittern sollen, dass nun alle Referendare und generell alle Lehrer auf Social Media sollen.

Seitdem, also seit ungefähr vier Jahren, hat sich auch einiges getan (und Leute wie Philippe Wampfler und Lisa Rosa, die mal einen sehr resignierten Artikel darüber schrieb, wie die Entwicklung in Deutschland stagniert, können mit Sicherheit noch mehr dazu sagen).

Aber viele interessiert es einfach nicht. Die alles entscheidende Frage ist:

Warum sollte es auch?

Was diejenigen, die auf Twitter sind, Blogs haben und über Bildung interessieren, eint, ist, dass es für sie gleichzeitig ein Hobby ist. Muss es auch sein, denn dass digitale Medien und der Diskurs Zeit geben anstatt nehmen würde, ist ein Gerücht.

Mit anderen Worten: Man muss das wollen. Aber warum sollte man wollen? Ein weiterer Grund, den alle gemeinsam haben, ist, dass wir alle Idealisten, altruistische Selbstdarsteller oder Kämpfer für einen höheren Zweck sind.

Wir wollen twittern und uns Impulse holen, weil wir keine Lust haben, immer dasselbe zu tun. Wir wollen bloggen, was wir in der Schule gemacht haben, weil wir denken, damit anderen zu helfen. Wir wollen über Bildung schreiben, weil uns das große Ganze interessiert. Wir wollen gemeinschaftlich arbeiten, wir finden es gut, dass Fragen beantwortet werden, von denen wir zuvor nicht wussten, dass es sie überhaupt gibt. Wir diskutieren gerne.

Und wir denken, dass das Internet nicht wieder weggeht und Teil des Lebens ist.

Und das sollen die anderen auch wollen?

Lehrer, die froh sind, endlich immer dasselbe zu tun, die dafür reichlich entlohnt werden, die sich daran gewöhnt haben, dass sie tatsächlich nur vormittags arbeiten, die sich eingenistet haben. Denen will man mit Vorteilen kommen? Welche Vorteile?

Das ist, als wenn man mit die Vorteile erklärt, jeden zweiten Tag zu joggen. Verstehe ich schon, ist mir aber zu anstrengend.

Ist das also die totale Resignation?

Nein, ist sie nicht. Es ist die Erinnerung daran, dass man viele nicht mit Vorteilen kriegt. Sondern mit Zwang.

Klingt resigniert, ist es auch.

Posted in Diskussion | 7 Kommentare

DISKUSSION: #digitalebildung vs #zeitgemäßeslernen

Foto: Thomas Clemens

Philippe Wampflers kurzer Tweet hat eine Diskussion ausgelöst, die absolut verständlich ist. Um meine Position dazu zu erklären, hier ein kurzer Kommentar.

Zunächst eine kleine Anekdote. Als ich vor 6 Jahren mein Staatsexamen machte, war eines der Themen, die ich behandelte der britische (Post-)Kolonialismus. Nachdem ich mich durch Kategorien und Primärliteratur gearbeitet hatte, viel mir etwas auf. Der Roman des Kolonialismus schlechthin „Heart of Darkness“ passte nicht in die Kategorien, die die bestehenden Theorien anboten. Da man das Werk Joseph Conrads aber schlecht ignorieren konnte, erklärten die Autoren der Post Colonial Studies einfach, dass der Roman so singulär sei, dass man ihn nicht einordnen könne. Mein Ansatz war ein anderer: Ich überlegte, wie das Modell so zu erweitern sei, dass man den Roman integrieren könne. Das Theoriemodell zeigte ich meiner Professorin. Sie war angetan. Nur: Um dieses erweiterte Modell als Alternative einzuführen, hätte ich schlicht jahrelang prüfen müssen, ob es nicht irgendwo auf der Welt jemanden gäbe, der das Wort, das ich zur Erweiterung der Theorie gebrauchen wollte, schon existiert. Es wäre nah an einer Doktorarbeit gewesen. Das konnte ich nicht leisten. Aber es zeigte mir, dass selbst die Einführung eines einzelnen Wortes, das einen Kontext definiert, innerhalb dessen andere arbeiten, mehr ist als dieses kurz zu definieren. Es sei denn natürlich, man ist schon anerkannter Professor für ein Fachgebiet. In diesem Falle reichte wohl ein Artikel in einer Monatszeitschrift.

Weiterlesen

Posted in Diskussion | Hinterlasse einen Kommentar

DISKUSSION: Ein Gedanke zu differenziertem Unterricht

Egal mit wem ich spreche: Viele Lehrerinnen und Lehrer, denen Unterricht eigentlich Spaß macht, vermissen etwas. Oftmals wissen sie nicht, was es ist. Je mehr ich in AGs unterrichte, desto mehr weiß ich es. Denn das, was dort passiert, ist unglaublich. Ein Gedanke. 

Mittelköpfe und 10-G-Unterricht

Schon mein allererster Artikel auf diesem Blog hatte die einfache These, dass Noten „echtes“ Arbeiten in der Schule verhindern bzw. andersherum: dass es ein Zeichen für Gelingen von Projekten ist, wenn nicht nach der Note gefragt wird. Warum? Weil dann das Interesse im Vordergrund steht. Aber wie soll Interesse und Neugier in einem Unterricht im Vordergrund stehen, in dem alle dasselbe machen müssen.

Pirmin Stadler definiert in seiner Zertifikatsarbeit, die unbedingt lesenswert ist, wie Unterricht heutzutage und eben auch schon seit ein paar Hundert Jahren funktioniert.

Zertifikatsarbeit
CAS Unterrichts- und Schulentwicklung, Pädagogische Hochschule Luzern, S.9

 

 

 

 

 

 

 

Die Standardsekundärliteratur, die sich an „modernem“ Unterricht ausrichtet, stellt diese Gs nicht in Frage. Dabei ist Binnendifferenzierung immer entweder Stillarbeit (tatsächlich, denn die Schüler arbeiten alleine und können dies so schnell machen, wie sie wollen). Oder eben eine Expertenaufgabe für „die Schnellen“ oder „die Guten“.

Echte Differenzierung – echtes Lernen

Warum nun gerade darüber schreiben? Meine 10.Klasse hat im Rahmen der Texterörterung – die im Bildungsplan steht und die man im Abitur abrufen muss kann – Leserbriefe geschrieben, die ich in meinem Klassenblog veröffentlicht habe. Weiterlesen

Posted in Diskussion | Tagged | 4 Kommentare