DIGITAL: Das Diskreditierungskollektiv

Visualisierung von @luca Ähnlich sehen Shitstorms aus, in deren Mitte das Opfer ist.

Tun wir – weil es andere machen – mal so, als sei Facebook ein handelnder Agens und nicht ein Techunternehmen mit Tausenden von Mitarbeitern, deren Ziel es ist, die Menschen am Bildschirm zu halten. Dann können wir schreiben: Facebook will Nachrichten ranken lassen, so dass zuverlässige Nachrichten auch als besser gewertet werden. Hört sich gut an, ist aber wieder eine Änderung, die man wohlwollend mit „gut gemeint, aber sehr problematisch“ titulieren kann. Sie wird, wie ich meine, zu einem Diskreditierungskollektiv führen. Ein Kommentar.

Zunächst eine Anmerkung: Obwohl ein solcher Blog-Artikel nicht den Anspruch hat, eine wissenschaftliche Arbeit zu sein, möchte ich doch mit Quellenangaben zeigen, dass die Argumente, die ich nutze, nicht aus der Luft gegriffen sind. Leider ist es mir gerade nicht möglich, 2 von 3 wichtigen Quellen zu finden. Ich werde dies entweder nachholen oder freue mich, wenn jemand die entsprechende Quelle wiedererkennt und in einem Kommentar den Link angibt.

Zunächst zu den Fakten.

Shared by CEO Mark Zuckerberg in a Facebook post this afternoon, the second major change after cutting out news and promoted content in its efforts to “refocus the system,” is to “make sure the news you see, while less overall, is high quality.”

Hohe Qualität von Medien – was will man mehr. Die Meinungen darüber, welche Auswirkungen das haben könnte, schwanken. Ein geschlossener Account auf Twitter folgert aus den neuen Veränderungen:

Das könnte größere Auswirkungen auf den Journalismus haben. Kommt nach der Suchmaschinenoptimierung nun die Glaubwürdigkeitsoptimierung?

Auch wenn hier schon die Gefahr mitschwingt, ist dies, wie ich meine, eine Untertreibung. Denn im besten Falle könnte dies ja bedeuten, dass die Nachrichtenportale und etablierten Medien weniger versuchen auf Klicks zu gehen – indem sie beispielsweise zuspitzen – sondern mehr auf die Qualität der Meldung, der sauberen Recherche, den Hinweisen auf Arbeitsweisen und so weiter.

Die Radikalisierung der vielen

Das Problem ist: Der Ausgangspunkt einer solchen Denkweise ist es, dass man von der vielbeschworenen „Weisheit der vielen“ ausgeht, von der mittlerweile klar sein dürfte, dass sie nicht so einfach funktioniert.

Im Gegenteil: Ein amerikanischer Wissenschaftlicher (Quelle wird nachgereicht) hat in mehreren repräsentativen Befragungen gezeigt, dass sowohl im linken als auch im rechten Spektrum die Meinung des einzelnen (vor der Befragung) durch ein Gespräch mit “dem Kollektiv” nicht etwa neutraler wird (wie man annehmen könnte), sondern sich radikalisiert. Dies liegt daran, dass die Weisheit der vielen nur dann funktioniert, wenn das Individuum im Kollektiv ohne den Austausch befragt wird. Wenn also tausende Menschen mit dem Bogen auf eine Zielscheibe schießen, werden viele Pfeile in der Mitte hängen bleiben. Wenn aber einer denkt, dass er weiß, wie man schießt (und es entweder weiß oder nicht weiß), verändert sich die Erfolgsquote rapide.

Die Deutungshoheit bestimmt also die Dummheit oder Weisheit der Gruppe.

Nun sind aber Nachrichten bei Facebook nicht einem Weisheitskollektiv zur Verfügung gestellt – im Gegenteil. Jeder zweite Shitstorm, der heutzutage, von egal welcher Seite losbricht, wird forciert, d.h. man kann eigentlich nicht mehr von einem Sturm sprechen, da hier Intentionen keine Rolle spielen, sondern eher die Unfähigkeit, sich selbst innerhalb einer noch nicht kontrollierten Netzaufregung zurückzuhalten.

Viele Shitstorms, denen Aktionen wie #wirsindhier und andere, auf sachliche Kommunikation ausgelegte Gemeinschaften versuchen entgegenzutreten, sind forciert, um den jeweiligen politischen Gegner, eine Nachricht oder eben die Seite, die die Nachricht zur Verfügung gestellt hat, zu diskeditieren. Sie sind gelenkt. Man müsste also weniger von einem Shitstorm als von einem Shitkrieg sprechen. Das führt zu der Erkenntnis, dass die Qualität der Nachrichten von einem gelenkten Kollektiv bewertet werden soll, dass zwangsläufig aus der Warte der eigenen Filterblase agieren wird.

Was werden wohl tausende AfD-Anhänger, die aktiv auf der am meisten gelikten Seite einer politischen Partei miteinander sprechen und sich verabreden, tun, wenn die Seitenbetreiber sie dazu auffordern, ganz „neutral“ mal zu überprüfen, ob ein Bericht der ZEIT qualitativ hochwertig ist. Oder einer der taz. Oder des freitags. oder des SPIEGELS?

Du bist, was du teilst

Dazu kommt ein weiterer Faktor, der wissenschaftlich erforscht wurde (auch hier wird die Quelle hoffentlich nachgereicht). Nämlich der, dass viele Menschen, die bestimmte Nachrichten teilen, die der bürgerliche Mittelstand als „fake“ betrachten würde, aus völlig anderen Zwecken geteilt werden, als damit in einem Austausch über die Nachrichten zu kommen. Die Nachricht wird als Identifikationsmerkmal einer Gruppe geteilt. Das hat zwei Effekte. Zum einen zeigt derjenige, der die Nachricht teilt, damit, auf welcher Seite er steht. Zum anderen kann er, gerade wenn er beispielsweise Trump- oder AfD-Anhänger ist, damit rechnen, dass ein Aufschrei der Empörung von der linken Seite losgeht und anhält. Das Bild, das Sascha Lobo in diesem Zusammenhang kreierte, passt wunderbar: Die schreie von der anderen Seite sind wie der Wind in Windmühlen, der nötig ist, um die eigene Stärke anzukurbeln.

Was bedeutet dieser zweiter Gedanke?

Die Menschen beurteilen Nachrichten nicht nach Qualität, sondern danach, ob sie identitätsstiftend sind. Und das ist genau das, was die Goutierungsmaschine Facebook verlangt. Teile ich einen Beitrag, von dem ich sogar weiß, dass er falsch ist, goutiert mich das Kollektiv in meiner Blase mit zehn, hundert, tausend Likes. Genau wie für meinen mit Schlüsselwörtern meines Diskurses angereicherten Kommentar unter einer Seite, die ich für schlecht halte.

Mit einem Satz wie „Pures Gold“ unter einem Artikel, in dem es um einen Flüchtling geht, der ein Verbrechen begangen hat, kann ich mittlerweile in der rechten oder rechtsoffenen Community mehrere Aussagen über mich und andere tätigen, ohne dass es mir nachgewiesen werden könnte:
• Ich bin gegen Flüchtlingsaufnahme
• Ich bin gegen die SPD und Schulz (aus dessen stark verkürzten Zitat das „Gold“ kommt)
• Ich bin politisch bewandert (weil ich das kenne)
• Ich bin ironisch
• Ich bin Opfer
• Ich brauche eure Unterstützung

Diese zwei grundlegenden Gedanken führen zu meiner Beurteilung, dass ich befürchte, die Änderungen von Facebook werden zu einem offiziellen Diskreditierungskollektiv führen. Dann hat die Beurteilung der Qualität nichts mehr mit Kriterien zu tun (die die meisten sowieso entweder nicht kennen oder nicht kennen können), sondern mit der Macht von einer Gruppe, die mithilfe der Deutungshoheit dafür sorgt, eine Meinung, einen Bericht, eine Institution oder eine Nachrichtenagentur zu diskreditieren. Die Folgen davon kann man nicht absehen.

Alternativen

Eine Alternative, die nicht von mir, sondern aus dem Gespräch von Tristan Harris und Sam Harris kommt, fokussiert den Einzelnen, nicht das Kollektiv.

Einfach gesagt, geht es darum, dass man schon mit der Veränderung dessen, was ein Button bewirkt, einen Unterschied machen kann. Ein „This changes my mind“-Button würde nämlich entweder dafür sorgen, dass qualitativ hochwertige Meinungsartikel eine Auszeichnung bekämen (denn eine Einstellung zu ändern, ist schon eine Leistung) oder dass jemandem zwangsläufig auffallen müsste, dass er monatelang in Facebook agiert hätte, ohne dass er einmal etwas gelesen hätte, dass seiner eigenen Meinung nicht entspricht.

Dieser letzte Gedanke ist kurz und nur eine Anregung (die natürlich keiner mitbekommt, der wichtig wäre). Er soll aber vor allem zeigen, dass eine Veränderung grundlegender sein muss. Mit anderen Worten: Ich kann nicht eine Gartenparty machen (Facebook), in der jedes Mädel, dass in kurzem Rock kommt, frei trinken darf (mein Garten, meine Regeln) und dann mit ein paar Nüsschen goutieren, wenn die Mädels einen Sticker an den Rock heften, dass sie #metoo unterstützen. Ich hoffe, die Metapher ist nicht zu schief.

tl:dr

Die Veränderung für die Beurteilung von Qualität in Medien auf Facebook führt zu einem Diskreditierungskollektiv, das gelenkt werden kann. So wird es nicht besser.

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DIGITAL: Wir müssen über die Kleinen reden 

Während die Medienbildung vor allem die Mittelstufe in den Blick nimmt, wird zunehmend vergessen, dort die Grundlagen zu legen, wo es bitter nötig wäre: In der Unterstufe. Dabei ist die Haltung, Kinder von der Auseinandersetzung fernzuhalten gefährlich. Ein Kommentar. 

Eine Schwierigkeit bei der Beschäftigung mit und der Diskussion über digitale Medien ist, dass die verschiedenen Dimensionen, die dieser Themenkomplex zu bieten hat, sich überlappen. Während es den einen um die Implementierung von Technik geht, wollen die anderen ein ganz anderes Verständnis von Unterricht fördern. Während die einen den Umgang mit digitalen Geräten zentral finden, wollen die anderen vor allem die Methoden schulen, die innerhalb der digitalen Sphäre erfolgversprechend sind, also beispielsweise Recherche oder Archivierung von Informationen.

Das Schaubild über die „Aspekte der Medienbildung“ verdeutlicht diese verschiedenen Dimension, ohne freilich Interdependenzen oder Symbiosen aufzuzeigen.

J. Kalb, nach einer Idee von Staatliches Seminar für Didaktik und Lehrerbildung Karlsruhe sowie Simone Bub-Kalb, Staatliches Seminar Stuttgart (unveröffentlichtes Manuskript, 2017)

Obwohl die schulischen Curricula seit einiger Zeit die Medienbildung aufgenommen haben, zeigt sich eine Schieflage bei den Themen, die zwar nachvollziehbar, aber im schlimmsten Falle fahrlässig ist. Es geht um die Beschäftigung mit Medien in der Unterstufe. Es wird auch offiziell so getan, als ginge es hier vor allem um die Dimension der Anwendungskompetenz. Im Prinzip also: Wie arbeite ich mir Word? Wie verschicke ich eine Mail? Obwohl seit einiger Zeit in vielen Schulen das sehr empfehlenswerte Internet ABC thematisiert wird, eine Plattform mit vielen Modulen zum Thema Internet und Co., wird die „vierte Dimension“ – also die Bildung über Medien (siehe oben) – stiefmütterlich behandelt. Frei nach dem Motto: Weil sie WhatsApp nicht nutzen dürften (obwohl sie es tun), sprechen wir nicht darüber (obwohl wir es müssten).

Dies fällt mir immer wieder auf, wenn ich Vertretungsstunden gebe, die ich nun zumeist in ein mal mehr mal weniger kreativ gestaltetes Q&A verwandele. Die Themen, die dabei aufkommen, sind endlos – und zwar von der 5. bis zur 8. Klasse gleichermaßen.

Dabei bleibe ich offen für das, was anliegt. In einer 5. Klasse begann ich mit einem sogenannten „stummen Tafelgespräch“. Die Schüler*innen sollten zum Schlagwort Internet und den Punkten „Herausforderungen“ – den Begriff hatte ich zuvor erklärt – „Gefahren“, „Möglichkeiten“ und „Fragen“ alles an die Tafel schreiben, was sie beschäftigt. Ich habe dabei (zumindest nicht wissentlich) weder auf das eine noch das andere hingewiesen, da es mir wichtig war, sehr offen zu bleiben.

Was ich dabei beobachtet habe:

  • Es gab mehr Fragen als Antworten.
  • Die Fragen waren teilweise fundamental: „Was ist das Internet?“, „Wann ist es entstanden?“
  • Es gab keine positive Aussage.
  • Schlagworte waren „Bilder“, „Beleidigungen“, „Cybermobbing“ und „Kettenbriefe“.
  • Die in Bezug auf die Schlagworte geäußerten Erklärungen waren hingegen erstaunlich differenziert in Bezug auf die eigene Unversehrtheit und das Recht anderer, dies zu gefährden.

Geäußerte Fragen:

„Was mache ich, wenn jemand ein Bild von mir hochlädt und ich will das nicht?“

„Stimmt das, das alles, was ich sage, nicht mehr gelöscht werden kann?“

„Wie kann ich stoppen, dass einer mir dauernd Nachrichten schreibt?“

„Wieso ist mein Handy immer voll mit Bildern aus der WhatsApp-Gruppe?“

Während die letzte Frage ein rein technisches Problem darstellt, das behoben werden könnte (könnte, wenn man die Zeit dafür hätte, es zu klären), sind die anderen Fragen und der Subtext, den sie enthalten, alarmierend. Alarmierend nicht insofern, als dass alleine diese anekdotische Evidenz dafür herhalten sollte, die Kinder vom Handy fernzuhalten (obwohl es mit Sicherheit gute Argumente für einen sorgsamen Umgang gibt). Aber alarmierend insofern, dass es zeigt, dass wir für die Beschäftigung mit diesen Themen, mit der „Bildung über Medien“, zu wenig Zeit einplanen. Zeit, die wichtig ist.

Denn ich bin mir unsicher ob ich oder irgend ein anderer Lehrer wissen, wie sehr Schülerinnen und Schülern beispielsweise ein Kettenbrief, der behautet, eine Nichtweiterleitung würde ihre Eltern in Gefahr bringen, emotional treffen und beschäftigen kann.

Oder die Tatsache, dass sie die schiere Wirkung einer beleidigenden Information in einer riesigen WhatsApp-Gruppe nicht abschätzen können.

Oder wie sehr schon Kinder beschäftigt, dass sie von Informationen erschlagen werden, die sich gegenseitig widersprechen können und von denen sie nicht wissen, ob sie wahr oder falsch sind.

Die wenigen Vetretungsstunden, die ich gebe, verdeutlichen mir, dass wir hier ein Defizit haben (insofern als dass meine individuelle und schulische Erfahrung auch für andere gilt). Weil ich dieses Problem ernst nehme, thematisiere ich Medienbildung überall da, wo es geht, im eigenen Unterricht. Und es ist möglich. Anstatt in der englischen Mediation über das Buchthema zu reden, kann man über Mobiltelefone reden. Anstatt in Deutsch einen Greiner-Text zu lesen, geht auch Lobo (natürlich spreche ich hier von Mittel- und Oberstufe). Und so weiter und so fort.

Erstaunlich an den oben zu sehenden Aspekten der Medienbildung ist doch, dass ganze Bereiche auch ohne die neueste Ausstattung thematisiert werden können. Und dies zu tun, ist unsere Pflicht, wenn Schule nicht nur Wissen bereitstellen soll, sondern die Schülerinnen und Schüler für eine Welt lebensfähig machen soll, die schon lange nicht mehr zwischen On- und Offline unterscheidet.

Und wie der Titel schon sagt: Dabei müssen wir auch über die Kleinen reden.

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DIGITAL: Learningapps – Alleskönner für den Unterricht

Auch auf die Gefahr hin, dass diese Seite viele kennen: Für jeden, der noch nie auf Learningapps gestoßen ist, möchte ich eine Empfehlung aussprechen. Hier gibt es wirklich alles, was das Herz begehrt. Eine Notiz. 

Generell schreibe ich keine Empfehlungen mehr für einzelne Tools, aber bei der Seite Learningapps handelt es sich auch um keines, sondern vielmehr um eine Seite, mit der man kinderleicht und auch ohne Vorbildung nicht nur zu jedem Unterrichtsthema und jedem einzelnen Fach etwas findet, sondern – und das ist der Clou – auch erstellen kann.

So konnte ich während der Multimedia-Fortbildung, die ich gerade über mehrere Tage besuchen, auf der Grundlage eines schon bestehenden Quizzes ein weiteres Quiz erstellen, das nun Teil des Artikels ist, den die Schülerinnen und Schüler als Vorbereitung auf das Abitur üben können. Das Quiz selbst ist in dem Fall bloß eine Überprüfung des Textverstehens.

Das nun wirklich Tolle ist, dass das Quiz als Vorlage für andere genutzt werden kann. Sowohl Links als auch der QR-Code liegen schon bereit. So bietet die Seite ein Rundumpaket.

Kritische Stimmen könnten anmerken, dass Kreuzworträtsel und auch ein Quiz wie das obige natürlich eine sehr geschlossene Form des Abfragen sind. Das stimmt. Aber wenn man es braucht, dann kann man es hier kreativ, vielfältig und dennoch einfach machen. Auch Szenarien, in denen Schülerinnen und Schüler selbst die Materialien erstellen sind denkbar und erweitern das Konzept des Einsatzes solcher Tools nochmals grundlegend.

Ich meine: Ein wenig auf der Seite stöbern und ausprobieren ist es auf jeden Fall wert.

 

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DIGITAL: Der Sinn hinter der digitalen Bildung

Es bewegt sich was. In den Katakomben brodelt es, brummt es, rührt auf und erhebt sich. In den sozialen Netzwerken ist der Enthusiasmus entfacht. Von Neuem. Oder: Wieder einmal. Wenn man die neuen, exzellenten Blogs der Lehrerinnen und Lehrer anschaut, dann entfaltet sich eine Kraft, die wieder eintreibt, mitreißt, fortschwemmt. Dabei sollten wir den Sinn der digitalen Bildung nicht vergessen: Mündige Bürgerinnen und Bürger. 

Nach den ersten Jahren, in denen ich voller Freude und mit Inbrunst die Offenheit und Vielfalt der Lehrerinnen und Lehrer auf Twitter wahrgenommen hatte – Leitfäden schrieb und hoffte, dass alle auf Twitter gehen – war irgendwann die Luft raus. Und die Lust. 

Der pädagogische Austausch schien in Grabenkämpfen zu enden, der #edchatde implodierte erst, um dann zu explodieren. Die einzelnen Pädagogen erschienen zunehmend getrieben von karrieristischen Gründen.

Nun, nach einem Jahr Pause vom digitalen Diskurs, eben wieder dieses Brummen, dieses Pulsieren. Auf der exzellenten Konferenz #WES4_0 wurden viele Gespräche geführt, die, anders als ich es vor einigen Jahren wahrnahm, nicht mehr nur noch um Apps liefen, sondern die Funktion und das Einzigartige, die Möglichkeiten der zeitgemäßen Bildung in einem größeren Kontext zu definieren versuchten.

Man konnte das Gefühl haben, dass der mal leichte, mal starke Druck der Legitimierung des (digitalen) Handelns so manche Diamanten herausgepresst hat. Der digitale Diskurs übt, verlangt ab, bringt Resonanz und Rechtfertigungsdruck. Die Gespräche setzten tief ein und führten zu neuen Erkenntnissen.

So enthusiasmiert skizzierte ich seit einer Ewigkeit Sketchnotes. Aber etwas fehlte mir. Etwas fehlt.

Schon vor zwei Jahren prangerte ich in dem Text „#edchatde – wo bleiben die Inhalte?“ an, dass nur über Tools und Lehrer und wenig über Inhalte gesprochen werde. Dort heißt es:

Es gibt so viele Vergleiche, was ein Handy alles ist. Ich möchte einen weiteren dazu fügen: Wurmloch. Handys, Tablets, Computer: Alles Wurmlöcher in ein anderes Land, in eine andere Zeit, in eine andere Welt (…).

Die Verlockungen auf der dunklen Seite sind groß. Viele Likes für den verbalen Stammtisch. Viele Likes für die Aber-Faschisten. Viele Likes und Anerkennung im Kampf gegen „die Politik“.

Und wir sitzen in unseren Höhlen und schieben uns lustige kleine Tipps zu, welche App im Unterricht für gute Stimmung sorgt, während die Vorreiter netzpolitischer Aktionen entweder wegen „Landesverrats“ angeklagt werden, oder aufhören müssen zu bloggen, weil Leib und Leben bedroht sind.

Die Reaktion war, wie sie im #edchatde immer dann war, wenn etwas in einer Art Kritik mündete: Null. Nichts.

Jetzt, wo ich wieder dabei bin, wieder das erhebende Gefühl spüre, wie es sein kann, wenn viele Menschen an eine Veränderung glauben, muss ich wieder daran denken, wofür wir es machen. Sowohl in Philippe Wampflers exzellentem ersten Buch als auch beim täglichen Kampf, den Dejan Mihajlović um das Projekt Aula und die Partizipation von Schülerinnen und Schülern führt, sieht man gut, dass das Lernnetzwerk der Lehrer, die neuen Ansätze von Bildung in und über die digitale Sphäre, das Lernen mit Apps und technischem Gerät – dass all das nichts ist, wenn es nicht auf ein Ziel hinausläuft, das lauten muss, die demokratische Gesellschaft und die Verantwortung des einzelnen als verantwortungsbewusster Staatsbürger zu stärken. Als Individuum, das sein persönliches Glück findet, sich entfaltet und dennoch auf andere achtet, solidarisch ist und Gefahren erkennt und ernst nimmt.

Ich finde nicht mehr, dass wir nicht über Inhalte reden. Aber ich finde, wir könnten es stärker tun. Dejans Beispiel ist dabei die Spitze des Eisbergs. Wir sollten uns mehr mit politischer Medienbildung befassen. Mit den manipulativen Seiten von Social Media. Mit Fake News und Hoaxes. Mit Themen und Inhalten, die in die Schule müssen und gerade ausgeschlossen werden.

Die Gewinnerin des Essaywettbewerbs des Stifterverbands, der vor zwei Jahren ausgeschrieben wurde, schrieb in ihrem exzellenten Essay etwas, das sich jeder, der mit digitaler Bildung zu tun hat, auf die Fahne schreiben müsste.

Der passive Imperativ:

Sei souverän. Spätestens jetzt musst du.

Erkenne, was alles möglich ist, und dann gehe nicht unter. Ermächtige dich deines Lernens, deiner Verbreiterung. Du musst auswählen, was für dich wichtig ist. Du musst den Rest links liegen lassen können. Du musst geduldig sein. Du musst dranbleiben. Entscheide dich. Du musst nicht alles selbst können. Finde deine Rolle, dann finde Mitstreiter.

Der aktive Imperativ:

Gib etwas zurück. Du kannst – und das ist neu.

Bastler-Foren. Wikipedia. Styling-Tipps auf YouTube. Open Educational Resources. Couchsurfing. Erkenne, dass die Krone des Lernens darin besteht, etwas zurückzugeben. Umarme das neue Kollektiv wie eine Familie, mit geschätzten Geschwistern, schwarzen Schafen und unliebsamen Onkeln. Trage zur Großzügigkeit bei.

Diese zwei Imperative nehme ich mir vor, wenn ich die neuen Wege meiner Bildung beschreite, die vom Digitalen offengelegt wurden.

Wir sind dabei, ja. Aber wir müssen auch die anderen mitnehmen – unsere Kolleginnen und Kollegen, aber vor allem die Schülerinnen und Schüler. Die Zeiten sind unruhig, die Zeiten sind komplex. Es braucht Menschen, die für Orientierung sorgen, indem Sie die Potenziale sehen, aber auch die Gefahren und Fallstricke nicht ignorieren.

Machen wir weiter!

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SERIE: Wie Technologie unseren Geist manipuliert (II)

Dies ist der zweite Teil der Übersetzungsserie zu einem Artikel von Tristan Harris. Diese setze ich um, weil ich der Meinung bin, dass der originale englische Artikel auch in Deutschland eine größere Reichweite erlangen sollte. Es geht darum, die Technologie unseren Geist einnimmt bzw. manipuliert und dies an Stellen, an denen wir es gar nicht merken. 

Tristan Harris‘ Arbeit bei den größten Tech-Unternehmen als ethischen Berater für Kommunikationshandlungen basiert auf Technologie (eigene Übersetzung) wurde in zahlreichen Medien besprochen. Unter anderem in The Atlantic, ReCode, TED, the Economist, Wired, the New York Times, Der Spiegel, und das New York Review of Books. 

Er redet über (Kommunikations-)Design von Technologie und wie sich unser Geist daran ausrichtet bzw. manipuliert wird, ohne es zu merken.

Im ersten Teil der Serie ging es um die Macht von Menüs und Menüführung und wie sie uns dazu bringt aus Möglichkeiten auszuwählen, die wir zunächst eigentlich gar nicht wählen wollten.

Eine kleine Anmerkungen

Ich kann nicht verhehlen, dass ich ein wenig enttäuscht über die ausbleibende Resonanz war, da mich der Artikel tief beeindruckte. Meine Vermutung ist, dass das Problem darin liegt, aus dem Artikel eine ganz und gar technikkritische Haltung abzuleiten. Dies wurde mir in der Mediengruppe auch vorgeworfen. Dieser Vorwurf ist natürlich nicht haltbar – das weiß jeder, der diesen Blog liest.

Im Gegenteil: Wenn man sich mit Technologie, Medien und Wirkung derselben befasst, sollte man auch die schattigen Ecken kennen, die jede gesellschaftliche Veränderung hat. Das hat nichts mit Absolutsetzung, sondern mit umfassender Bildung darüber zu tun. Viel Spaß beim Lesen des zweiten Teils (von insgesamt 10 immer kürzer werdenden Teilen).

 2.Entführung: Steck einen Glücksspielautomaten in jede Tasche

Von Tristan Harris. Übersetzung von Bob Blume

Wenn du eine App bist, wie sorgst du dafür, dass die Leute dranbleiben? Verwandle dich in einen Glücksspielautomaten.

Die durchschnittliche Person checkt ihr Telefon 150 Mal am Tag. Warum tun wir das? Machen wir 150 bewusste Entscheidungen?

Einer der Hauptgründe, warum wir es tun, ist der hauptsächliche Bestandteil von Glückspielautomaten:

Diskontinuierlich schwankende Belohnungen (intermittent variable rewards).

Wenn man die Abhängigkeit maximieren will, ist alles, das Tech-Designer tun müssen, die Handlungen des Nutzers mit einer schwankenden Belohnung zu verbinden (wie zum Beispiel einen Hebel zu ziehen). Du ziehst am Hebel und bekommst direkt entweder eine verführerische Belohnung (einen Preis) oder eben nichts. Die Abhängigkeit wird maximiert, wenn die Rate der Belohnung am meisten schwankt.

Sind Menschen davon wirklich betroffen? Ja. Glücksmaschinen generieren in den Vereinigten Staaten mehr Geld als Baseball, Kino und Themenparks zusammengenommen. Relativ zu den anderen Arten des Spiels werden Menschen drei bis vier Mal schneller abhängig von Glückspielautomaten, so NYU Professor Natasha Dow Schull, Autorin des Werks „Addiction by Desing“ (Abhängigkeit durch Design).

Aber hier ist die unschöne Wahrheit – ein paar Milliarden Menschen haben einen Glückspielautomaten in ihrer Tasche:

  • Wenn wir das Telefon aus unserer Tasche ziehen, spielen wir den Glückspielautomaten, um zu sehen, welche Notifikationen wir haben.
  • Wenn wir ziehen, um unsere Mails zu aktualisieren, spielen wir den Glückspielautomaten, um zu sehen, ob neue Mails da sind.
  • Wenn wir unseren Finger herunterziehen, um unseren Instagram-Feed zu sehen, spielen wir einen Glückspielautomaten, um zu sehen, welches Foto als nächsten kommt.
  • Wenn wir die Gesichter nach rechts und nach links wischen wie bei Dating-Apps wie Tinder, spielen wir einen Glückspielautomaten, um zu sehen, ob wir ein Match haben.
  • Wenn wir die Nummer der roten Notifikationen drücken, spielen wir einen Glückspielautomaten, um zu sehen, was darunter ist.

Apps und Websites verteilen diskontinuierlich schwankende Belohnungen überall auf ihren Produkten, weil es gut fürs Geschäft ist.

Aber in anderen Fällen kommen die Glückspielautomaten zufällig auf. Zum Beispiel gibt es keine boshafte Firma, die hinter allen E-Mail-Anbietern steht und die dauernd versucht, aus den Mails einen Glückspielautomaten zu machen. Keiner profitiert davon, wenn Millionen ihre Mails checken und es ist nichts da. Genauso wenig wollten Apple- und Google-Designer, dass Telefone wie Glückspielautomaten arbeiten. Es passierte zufällig.

Nun aber haben Firmen wie Google und Apple die Verantwortung dafür, die Wirkung dieser Effekte zu reduzieren, indem sie die diskontinuierlich schwankenden Belohnungen in weniger abhängig machende und besser vorhersehbare Belohnungen verwandeln, die besser designt sind. Zum Beispiel könnten sie Leute dazu befähigen, Zeiten festzulegen, in denen man die Glücksspielautomaten-Apps checkt und eben auch, dass neuankommende Nachrichten sich an diese Zeiten richten.

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SERIE: Wie Technologie unseren Geist manipuliert (I)

Vorbemerkung

Dieser bzw. diese Artikel sind zweifach eine Neuerung. Zum einen ist der Großsteil des Artikels eine Übersetzung eines, wie ich finde, herausragenden (!) Artikels eines amerikanischen Tech-Arbeiters und Denkers, der dringend sowohl in den Diskurs über digitale Bildung als auch an eine breitere deutsche Öffentlichkeit kommen sollte (insofern dieser Blog das leisten kann).

Zum anderen schreibe ich seit nunmehr zwei Wochen an der Übersetzung, feile an einigen Stellen und redigiere. Leider dauert es doch erheblich länger, als ich angenommen hatte. Meine Krankheit tut ihr übriges dazu. Aus diesem Grund werde ich nun aus dem Artikel eine Serie machen. Dies kann, wie ich denke, zwei Folgen haben:

Entweder seid ihr/ sind Sie so angefixt, wie ich es war und freuen sich auf die nächste Woche, wenn ein weiterer Teil publiziert wird. Oder Sie sind/ ihr seid so angefixt, dass Sie den Originalartikel lesen, insofern Ihr Englisch dies zulässt. Beides fände ich fantastisch. Ich hoffe, dass der Artikel einen Denkanstoß beim Leser bewirken wird, wie er es bei mir getan hat.

In einem gerade erschienenen Artikel, in dem ein Forscher über den Boykott von Social Media aufruft, wird der Kern des hier besprochenen thematisiert:

Anlass für den Appell sind die selbstkritischen Bemerkungen des ehemaligen Facebook-Präsidenten und Erfinders der Musik-Tauschbörse Napster, Sean Parker. Der Milliardär hatte kürzlich auf einer Veranstaltung der US-Nachrichtenwebseite Axios in Philadelphia erklärt, am Anfang aller sozialen Netzwerke habe die Frage gestanden, wie man möglichst viel Zeit der Nutzer beanspruchen könne und dabei ihre bestmögliche Aufmerksamkeit bekomme. Die User sollten zum Opfer einer sozialen „Wertschätzungsschleife“ werden und in einen Kreislauf der sozialen Bestätigung geraten, aus dem es kaum ein Entrinnen gebe.

Damit wir uns nicht falsch verstehen: Mir als Blogger und Übersetzer des Artikels geht es nicht um Boykott, sondern um Erkenntnis in Bezug auf die Nutzung. In Zeiten des ständigen Nutzens von Technologien sollte uns allen klar sein, dass und wie Technologie angelegt ist.

Original-Einleitung

Ich habe in der letzten Nachlese schon darüber geschrieben, welch großer Fan ich vom Podcast von Sam Harris bin. Dieser hatte in Folge #78 Tristan Harris zu Gast (Namensgleichheit zufällig), der im Podcast-Teaser mit den Worten zitiert wird, „am nächsten an dem zu sein, was man das Gewissen Silicon Valleys“ nennen kann.

Tristan Harris, Picture taken from: http://www.tristanharris.com

Tristan Harris‘ Arbeit bei den größten Tech-Unternehmen als ethischen Berater für Kommunikationshandlungen basiert auf Technologie (eigene Übersetzung) wurde in zahlreichen Medien besprochen. Unter anderem in The Atlantic, ReCode, TED, the Economist, Wired, the New York Times, Der Spiegel, und das New York Review of Books. 

Er redet über (Kommunikations-)Design von Technologie und wie sich unser Geist daran ausrichtet bzw. manipuliert wird, ohne es zu merken. Da ich denke, dass den dazugehörigen Artikel mehr Menschen lesen sollten, die vielleicht des Englischen nicht so mächtig sind, als dass sie den Artikel ohne große Anstrengung lesen, möchte ich im Folgenden etwas tun, das ich bisher auf dem Podcast neu ist: Eine Übersetzung anbieten. Dies tue ich vor allem aus dem Grund, dass ich denke, dass der Text zahlreiche wichtige Fragen aufwirft, die auch in der zeitgemäßen digitalen Bildung beachtet werden sollten. Falls ich das eine oder andere nur vage übersetze, bitte ich dies zu entschuldigen. Meine professionellen Übersetzungen sind mindestens 10 Jahre her. Dennoch versuche ich, so nah wie möglich am Text zu bleiben. Der kollegiale amerikanische Sound sollte so erhalten geblieben sein.

Wie Technologie unseren Geist manipuliert.

Original von Tristan Harris. Aus dem Englischen von Bob Blume

Es ist einfacher Leute zu manipulieren als ihnen klarzumachen, dass sie manipuliert wurden.

-Unbekannt

Ich bin ein Experte was die Frage betrifft, wie Technologie unsere psychologische Verwundbarkeit ausnutzt und uns so manipuliert. Aus diesem Grund habe ich die letzten drei Jahre bei Google als Design-Ethiker gearbeitet und mich darum gekümmert, Dinge so zu designen, dass sie den Geist von 1 Milliarden Leute dagegen schützt, gekapert zu werden.

Wenn wir Technologie benutzen, fokussieren wir uns oftmals optimistisch auf all die Dinge, die sie für uns leistet. Ich kann allerdings zeigen, wo sie genau das Gegenteil tut.

Wo nutzt Technologie die Schwächen unseres Geistes aus?

Ich habe auf diese Weise zu denken gelernt, als ich ein Magier war. Magier achten zunächst darauf, wo es blinde Flecken, Schwächen und Unzulänglichkeit in der menschlichen Wahrnehmung gibt, sodass sie die Menschen beeinflussen könne, etwas zu tun, ohne dass sie es überhaupt wahrnehmen. Wenn man einmal weiß, auf welche Knöpfe man bei Menschen drücken muss, kann man auf ihnen spielen, wie auf einem Klavier.

Und das ist exakt was Produktdesigner unserem Geist antun. Sie spielen auf euren psychischen Schwächen, bewusst und unbewusst, um eure Aufmerksamkeit zu erlangen. Auch gegen euren Willen. Man könnte sagen, sie entführen bzw. kapern euren Geist – und damit euch. Ich will euch zeigen, wie sie das tun.

1.Entführung: Wer das Menü kontrolliert, kontrolliert die Entscheidungen

Die westliche Kultur ist auf den Idealen individueller Entscheidungen und Freiheit aufgebaut. Millionen von uns schützen unsere Rechte, freie Entscheidungen zu treffen, während wir ignorieren, wie diese Entscheidungen manipuliert werden. Zum Beispiel durch Menüs, die wir selbst gar nicht wollten.

Egal, welche Tür man nimmt. Man nimmt eine Tür.

Das ist genau das, was Magier tun. Sie geben den Leuten die Illusion, dass sie die freie Entscheidung hätten, während sie die Architektur des Menüs so aufbauen, dass sie gewinnen, egal für was du dich entscheidest. Ich kann gar nicht stark genug betonen, wie erkenntnisreich diese Einsicht ist.

Wenn man Leuten ein Menü mit verschiedenen Entscheidungen gibt, fragen Sie normalerweise nicht:

  • Was ist nicht auf dem Menü?
  • Warum werden mir diese Option angeboten, andere aber nicht?
  • Kenne ich die Ziele des Anbieters?
  • Unterstützt mich das Menü bei meinem eigentlichen Wunsch? (Zum Beispiel bei einem Überangebot an Zahnpasta)

 

Überleg dir, zum Beispiel, dass du mit ein paar Freunden an einem Dienstagabend weg bist und ihr wollt das Gespräch aufrechterhalten. Du öffnest Yelp, um nach verschiedenen Empfehlungen zu schauen und eine Liste von Kneipen zu sehen. Die Gruppe wird zu einem Bündel an Gesichtern, das auf das Telefon schaut und Kneipen vergleicht. Sie analysiert die Fotos von allen, vergleicht Cocktails.

Ist dieses Menü immer noch relevant für den eigentlichen Wunsch der Gruppe?

Es geht nicht darum, dass verschiedene Kneipen nicht eine gute Entscheidung sein könnten, es geht darum, dass Yelp die eigentliche Frage der Gruppe, nämlich: „Wo können wir hin, um weiter zu reden?“ mit einer anderen Frage ersetzt hat, nämlich: „In welcher Kneipe sehen die Fotos von Cocktails am besten aus. Und das alles, indem das Menü designt wurde.

Das Restaurant mit den besten Sitzgelegenheiten. Aber war das die Frage?

 

Des Weiteren verfällt die Gruppe der Illusion, dass das Menü von Yelp das komplette Angebot an Möglichkeiten repräsentiert, die man wahrnehmen kann. Während sie auf ihre Telefonische schauen, sehen sie den Park auf der anderen Seite der Straße nicht, wo gerade eine Band Live-Musik spielt. Sie verpassen den Stand mit Crêpes und Kaffee. Diese Angebote waren einfach nicht auf dem Menü von Yelp.

Je mehr Entscheidungen Technologie für nahezu jede Dimension unseres alltäglichen Lebens bereithält (Informationen, Events, Orte, an die man geht, Freunde, Dates, Jobs), desto mehr nehmen wir an, dass unser Telefon das nützlichste Menü bereithält, aus dem wir auswählen können. Und dass es uns zu allem am besten befähigt.

Tut es das?

Das Menü, das einen am meisten befähigt, ist unterschiedlich von dem, das am meisten Entscheidungen bereithält. Aber wenn wir uns blind den Menüs, die uns gegeben werden, hingeben, ist es einfach, den Überblick zu verlieren.

  • Wer hat Zeit, etwas mit uns zu unternehmen? wird zum Menü über die Leute, die uns aktuelle geschrieben haben (und die wir anklingeln können)
  • Was passiert gerade in der Welt? wird zum Menü über aktuelle News-Stories
  • Wer ist Single und könnte mir uns zu einem Date gehen? wird zu einem Wisch-Menü von Gesichtern auf Tinder
  • Ich muss auf diese E-Mail antworten wird ein Menü von Schlüsseln, wie man eine Antwort schreibt (anstatt dass man mit Leuten kommuniziert)

Wenn wir am Morgen aufwachen und unser Telefon umdrehen, um die Listen von Notifikationen zu sehen, rahmt das unsere Erfahrung des „Aufwachens am Morgen“ durch ein Menü von „Alle das, was ich seit gestern verpasst habe“.

Dadurch, dass Technologie die Menüs konstruiert, von denen wir wählen, kann Technologie die Art und Weise, wie wir unsere Entscheidungen wahrnehmen kapern (oder manipulieren) und sie durch andere Entscheidungen ersetzen. Aber je mehr wir darauf achten, welche Optionen uns vorgesetzt werden, desto mehr werden wir wahrnehmen, wenn gar nicht zu unseren eigentlichen Bedürfnissen passen.

Fortsetzung folgt…

 

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DIGITAL: Medienbildung für Lehrer: Ein Einstieg

Großstadt. Foto von Thomas Clemens

Während die Digitalisierung scheinbar auf Zehnmeilenstiefeln voranschreitet, sind die Unterschiede im Vorwissen um digitale Prozesse, Tools, Apps und die positiven wie negativen Konsequenzen der Nutzung von Smartphone und Co. noch frappant. In Zusammenhang mit dem Medienzentrum Mittelbaden entstand die Idee, eine Serie zu starten, bei der Lehrerinnen und Lehrer langsam an diesen schier unübersichtlichen Themenkomplex geführt werden.

Vorbemerkung

Am Anfang soll es noch nicht um die Implementierung in den Unterricht gehen, sondern zunächst darum, das Online-Verhalten der Kinder und Jugendlichen besser einordnen zu können. Wie so häufig in einer Welt, in der jeder Informationen zur Verfügung stellt und konsumieren kann, gibt es zu diesem Thema sehr viele Informationen und Ansichten. Dieser Blog-Beitrag ist nicht als Gesamtüberblick zu verstehen, sondern lediglich als zunächst grobe Übersicht, die im besten Falle einige Denkanstöße bereithält.

Er richtet sich vor allem an diejenigen mit wenig bis gar keiner medialer Vorbildung, die sich ob den fast wöchentlichen Neuerungen der medialen Welt zunehmend verloren fühlen.

Nach Gesprächen mit unterschiedlichen Klassen kann ich sagen, dass die meisten Kinder und Jugendliche keinen oder wenige Menschen haben, mit denen sie über die Probleme der digitalen Welt reden können. Dies ist ein Problem, dass gelöst werden sollte. Auch hier sei für den Raum Rund um Baden-Baden auf das Medienzentrum Mittelbaden verwiesen, mit dem ich als Referent, Autor und Social-Media-Experte zusammenarbeiten darf.

Wer auf dem Laufenden bleiben will, kann seine E-Mail-Adresse in den Verteiler eingeben oder folgende Facebook-Seite liken.

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Aufbau

Zunächst wird erklärt, was Applikationen eigentlich sind und was deren Hauptfunktion ist. Dann sollen zwei Dinge besprochen werden: Erstens, was die Kinder und Jugendlichen damit anstellen und was für Gefahren bestehen. Zweitens, und das ist besonders hervorzuheben, was die Kinder und Jugendlichen damit machen könnten, wenn sie in der Schule oder zu Hause den Umgang lernen würden.

Inhaltsübersicht

Hochleistungsrechner und Applikationen
Wertehaltungen und Vorsicht
Handeln im Internet und auf Smartphones
WhatsApp
Snapchat und Instagram
Streaming-Dienste
Umdenken: Medienkompetenz und Mediennutzung
Die Potentiale sehen
Und zum Schluss
Literatur

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NACHLESE: Econtalk mit Megan McArdle über Online-Mobs

 

Foto: Thomas Clemens

Seitdem ich begeisterter Podcast-Hörer bin, freue ich mich wieder, des Englischen mächtig zu sein. Mehr noch: Bei den Folgen des Econ-Talk oder dem Podcast Waking up with Sam Harris habe ich nach jeder Folge das Gefühl, ein kleines bisschen schlauer zu sein. An dieser Stelle soll eine kurze Nachlese der für mich interessantesten Folgen zu lesen sein, die im besten Fall alle Leser des Blogs für die Folgen interessiert oder als Impuls dient. 

 

 

Eine kurze Anmerkung

Die Folgen sind immer zwischen einer und anderthalb Stunden lang, so dass ich sie bequem im Auto hören kann.  Im weitesten Sinne sehe ich die Interviews und Gespräche der beiden Podcaster als eine Möglichkeit, innerhalb und außerhalb der Schule über die politischen Dimensionen der Medienbildung nachzudenken. Da es mir nicht möglich ist, die gesamte Diskussion wiederzugeben, werde ich auch zukünftig nur die wichtigsten Thesen oder Fragen herausarbeiten und erklären, warum ich sie für relevant halte. Ich freue mich wie immer über Anmerkungen, Anregungen und Kritik. 

Econtalk mit Megan McArdle

In der aktuellen Folge des Econtalk redet der Ökonom Russel Roberts mit der Journalistin  Megan McArdle.

Im weitesten Sinne geht es um das Mob-Verhalten des Internets und die Implikationen, die dies für das eigene (kommunikative) Handeln hat.

Als Beispiele werden die beiden großen Skandale rund um die Justine Sacco und den Google Ingenieur James Damore besprochen.

Sacco hatte einen rassisitischen Tweet abgesetzt, bevor sie nach Afrika flog. Als sie ankam, war dieser viral gegangen. Sie wurde gefeuert.

Sacco hatte in einer zunächst internen Memo die Gleichheit zwischen Mann und Frau bezüglich Technik in Frage gestellt. Auch er wurde gefeuert.

Problematik

Die Problematik, die bei diesen beiden Beispielen zeigt, ist nicht die Frage nach der Angemessenheit der Redebeiträge einzelner. Es ist die Frage nach der Veränderung der Konsequenzen im Zeitalter der Digitalisierung. Und die Frage danach, ob wir unsere eigenen moralischen und gesellschaftlichen Ansichten über gut und schlecht als so absolut setzen, dass eine Verletzung die Vernichtung der Existenz legitimiert.

Ein rassistischer Witz ist abzulehnen, darüber würden die meisten Menschen übereinstimmen. Aber legitimiert dies die Lebensgrundlage eines Menschen (also desjenigen, der ihn äußerte) zu zerstören? Dies ist keine rhetorische, sondern eine offene Frage, auf die in unterschiedlichen (Stammes-,/Identitäts-,)Gruppen anders geantwortet würde.

Dasselbe gilt für Äußerungen, die die Gleichheit zwischen Mann und Frau in Frage stellen. Reicht der kollektive Aufschrei, um jemanden aus seinem Job zu werfen, nur weil seine Ansichten aus der Sicht einer Mehrheit (?) für unangebracht gehalten werden? Muss man also diejenigen zensieren, deren Meinung für eine Mehrheit unangebracht erscheint?

Konsequenzen der Digitalisierung

Die Digitalisierung zeigt sich hier von ihrer problematischen Seite. Denn Menschen machen Fehler. In der Digitalisierung jedoch können Fehler lebensbedrohlich werden, insofern eine Äußerung nicht mehr zu entfernen ist.

Nun könnte man einwenden, dass jeder, der sich rassistisch äußert, es verdiene, seinen Job los zu kriegen.

Das Problem ist, dass die Grenzen des Unaussprechlichen immer weiter nach außen definiert werden. Die Journalistin McArdle spricht beispielsweise von einem Tweet, den sie schrieb, indem sie nach den möglichen positiven Auswirkungen der Klimaerwärmung fragte. Sie ist ohne Zweifel eine Journalistin, die den Klimawandel nicht nur anerkennt, sondern auch mit allen Mitteln versucht, ihn zu verhindern. Dennoch wagte sie es, danach zu fragen, warum niemand (beispielsweise Journalisten oder Wissenschaftler) nach der Möglichkeit einer positiven Auswirkung fragte.

Die Kommentare waren so zynisch, dass manche Kommentatoren ihre Äußerung mit der Relativierung des Holocaust verglichen.

Denkanstöße

Alleine diese kurze Zusammenfassung zeigt einige Punkte auf, die lohnend sind. Es zeigt aber auch die Schwierigkeit.

Russel selbst fordert als Konsequenz eine neue Form der Selbstreflexion. Der kommunikative Diskurs könne als wichtiger Bestandteil der Gesellschaft nur dann bestehen bleiben, wenn jeder zumindest die Möglichkeit in Betracht ziehe, falsch zu liegen. 

Wenn das mal so einfach wäre. Davon können wir alle ein Lied singen.

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ANALYSE: Totschlag in der Kommentarspalte

Zombie-Walk. Foto: Thomas Clemens

Ein junger Mann fragt in einem Forum nach einem leckeren Käse. Der letzte Kommentar beschuldigt ihn, für den Weltuntergang verantwortlich zu sein. Eine Mutter fragt nach einem Muffin-Rezept. 72 Kommentare später wird sie als Rabenmutter beschuldigt, die das Jugendamt nötig hätte. Ein Referendar macht auf die Problematik von Dropboxes aufmerksam. Er wird aufgefordert, die Gruppe zu verlassen. Eine Kurzanalyse.

Zwischen Vegetarismus und Holocaustleugnung

Wenn man sich öfters in den Kommentarspalten regionaler und überregionaler Online-Magazinen tummelt, hat man alles schon gelesen. In den letzten Jahren steigt der Grad, in dem hasserfüllte Kommentare moderiert und ihre Verfasser blockiert werden (und selbst das ist nicht für alle selbstverständlich, da sie eine Beschneidung der Meinungsfreiheit auch da sehen, wo der Holocaust geleugnet oder jemandem Gewalt angedroht wird). Dennoch ist es immer wieder erstaunlich, mit welch freudiger Wut sich die Kommentatoren bis hinein in eine sprachliche Entgrenzung treiben, von der viele dachten, sie sei mit dem Ende des Nationalsozialismus zumindest im öffentlichen Raum begraben worden.

Medienkompetenz: ex negativo

Dabei sind die Kommentatoren immer medienkompetenter. Bewaffnet mit funktionalem Rüstzeug – der richtigen Anwendung der Begriffs Whataboutism, Strohmann– und Totschlagargument – gewürzt mit Metaironie, Zynismus und Angriffslust und mit einer starken Community im Rücken, kann jeder zum kurzen Star des Kommentatorensternenhimmels werden. Die Frage danach, warum die Menschen das machen, ist schnell beantwortet: Wer würde nicht wollen, dass die eigene Aussage tausendfach goutiert, diskutiert und beglückwünscht wird. Außerhalb der Filterblase gibt das denn Extrakitzel des Verbotenen. Man ist derjenige, der „die unbequeme Wahrheit“ ausspricht.

Gelingende Kommunikation

Während es also klar ist, warum in den für alle offenen Kommentarspalten die Agressions- und Wutspirale lustvoll gen Niveaulosigkeit geballert wird, ist die Frage nach communityinternen Streitigkeiten schwieriger. Wie kommt es, dass Menschen, die ein gemeinsames Anliegen haben, sich anfeinden, obwohl es nur um einen Muffin geht. Die Frage ist:

Wie funktioniert gelingende Kommunikation?

Die naheliegenden Antworten bewegen sich wohl im Bereich ethischer Maßstäbe. Man könnte davon sprechen, ob eine Frage oder eine Antwort „vernünftig“, „gehaltvoll“ oder  „anständig“ ist. Aber nicht nur die Beispielworte sind vage, sondern auch ihre Deutung hängt stark von dem ab, was der jeweilige Anwender darunter versteht.

Bei der linguistischen Analyse von Gesprächen herrscht normalerweise die Prämisse, dass die Gesprächspartner an einem funktionierenden Verlauf interessiert sind. Aus diesem Grund nutzen Gesprächspartner, die sich im face-to-face-Gespräch befinden, sogenannte Reparaturmechanismen, um das Gesicht des Gegenübers zu wahren.

Ein Beispiel:

Person A: Die neuen iPhones werden einfach nicht mehr besser.

Person B: Ich habe mir gerade erst eins gekauft.

Person A: Qualitativ sind sie natürlich hochwertig, das hatte Apple immer drauf!

Person A ist im Gespräch von Person B in eine Lage gebracht worden, die den Gesprächsverlauf hätte schwierig werden lassen können. Anstatt nun aber auf der These der stagnierenden Technik bei iPhones zu beharren, wahrt er oder sie das Gesicht desjenigen, dessen Überzeugungen ihn zum Kauf bewogen haben.

Der Grund dafür ist auch in der lokalen Nähe zu finden. Ein Abbrechen des Gesprächs bei Beibehaltung körperlicher Nähe erzeugt Unwohlsein. Um dies zu vermeiden, sind die Gesprächspartner an einem ungestörten Verlauf interessiert.

Eine These Ernst Machs

Obwohl Ernst Mach der zu seiner Zeit – also der Jahrhundertwende –  meistgelesene Naturwissenschaftler mit Hang zum Philosophieren war, kennen wir den Namen nur noch als Bezeichnung für Überschallgeschwindigkeit oder Herrenrasierer. Der Zeitgenosse Freuds fasste die allgemeine Angst vor dem Endes des Jahrhunderts, das sich literarisch im Fin de Siècle bahnbrach, zusammen mit Hermann Bahr im „unrettbaren Ich“ zusammen. Vereinfacht gesagt ist dieser wohlklingende Mahnung die Absage an das Individuum als zu denkendes Ganzes. Das Ich ist bei Mach ein Knäuel von unterschiedlichem Wollen, Können, Müssen und Sollen.

Auch wenn wir neurobiologisch mittlerweile weiter sind, als dass wir über ein Ich-Knäuel oder Freuds Ich, Über-Ich und Es sprechen müssten, bietet sich dieses Knäuel doch als Analogie für die ausgelagerte digitale Persönlichkeit an. Die Foren sind die Orte, an denen die Existenz des Schreibenden auf einen Kulminationspunkt gebündelt werden. Im Forum „Mütter“ ist man Mutter, im Forum „Digitale Lehrer“ bin ich digitaler Lehrer und so weiter. Das bedeutet aber auch, dass diese Zuspitzung für meine Kommunikation essentiell ist. Wer mich im Forum „Coole Väter“ oder „Referendare“ angreift, der greift den Teil an, den die Teilöffentlichkeit des Forums sehen kann. Das macht den Angriff auf mein Wertesystem existentiell.

Forenvorführungen

Vereinfacht gesagt: Wenn ich mit meinem Freund streite, ist nicht nur der Wunsch da, das Gespräch trotz unterschiedlicher Auffassungen gelingen zu lassen, vorhanden, sondern auch der Gegenseitige Respekt vom dem Ich-Knäuel. Das, die gemeinsame Geschichte und der Wunsch nach Verständnis und im besten Fall nach Erkenntnis (die Reflexion der eigenen Unkenntnis voraussetzt) lassen das Gespräch gelingen.

All das ist in Foren nicht gegeben.

Ein Satz wie „Ist euch eigentlich klar…“ wird von dem einen als Impuls, für den anderen als Aufruf und für den letzten als Frontalangriff auf die Teilexistenz des Forums angesehen. Repariert muss nichts werden, die der lokale Bezug fehlt. Verständnis muss es keines geben, denn der gemeinsame Bezug fehlt.
Anstatt einer Frage, die Verständnis erreichen könnte, kommt es zur ersten Konfrontation. Der Gesprächsverlauf ist vorgezeichnet.

Eine Frage anstatt einer Antwort

Wenn das der Erklärungsversuch ist, was ist dann die Conclusio? Es gibt keine. Stattdessen eine weiterführende Frage.

Wie schaffen wir es wieder, uns dafür zu interessieren, was die anderen zu sagen haben, ohne uns dadurch angegriffen zu fühlen?

Ich bin für die zwanghafte Einführung der unpolemischen Nachfrage.

 

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DIGITAL: Alle Lehrer auf Social-Media?

Um gleich die Frage vorwegzunehmen, ob sich nun alle Pädagogen auf allen Kanälen tummeln sollten: Ja, das sollten sie! Aber nicht alle gleich. Ein Kommentar.

 

 

 

Vor ein paar Jahren erhitzte sich eine Diskussion im Lehrerzimmer, die auch in der gesamten Öffentlichkeit immer noch anhält. War es rechtlich, moralisch und politisch angemessen von Angela Merkel, die Grenzen zu öffnen. Das Gespräch erreichte seinen Zenit, als es darum ging, welche Art von Wirkung Merkel mit dem mittlerweile ikonisch gewordenen Selfie auslöste. Die These eines sehr geschätzten, aber streitbaren Kollegen war es, dass die naive Unwissenheit von Merkel bezüglich der digitalen Ausbreitung von Bild und Text für einen unkontrollierten Zustrom gesorgt habe. In einer etwas polemischen Retour schmiss ich ein paar Namen von Youtubern in den Raum und fragte ihn, ob er diese kenne (mit der klaren Absicht ihm damit zu verstehen zu geben, dass nicht nur die Regierung, sondern auch wir, die Multiplikatoren dessen, was in einer Gesellschaft für wichtig gilt, keine Ahnung haben, was gerade passiert und wie). Obwohl diese Youtuber am Tag mehr Zuschauer haben als alle deutschen Zeitungen zusammen brach der Kollege das Gespräch etwas unwirsch ab, da er meinen Vergleich für völlig hanebüchen hielt.

Eine digitale Gesellschaft

Abgesehen davon, ob man das eigene, individuelle Verständnis von gesellschaftlichen oder kulturellen Mechanismen mit jenen von Regierungsakteuren vergleichen kann, bleibt es dabei, dass wir in einer Gesellschaft leben, deren zunehmende Grad an Digitalisierung die Öffnung der Perspektiven auf das, was Kultur, Kommunikation und Gesellschaft ist, massiv einfordert.

Die deutschsprachigen – und gerade die föderal organisierten deutschen – Schulen reagieren auf diesen Wandel sehr unterschiedlich. Während es Modellschulen gibt, in denen das offene Lernen mit und über digitale Medien an der Tagesordnung ist, tun sich die meisten Schulen sogar schwer damit, Handys als Kulturzugangsgeräte im Unterricht zu erlauben. Aber langsam tut sich etwas. Während die Medienbildung schon seit einiger Zeit fester Bestandteil des Bildungsplans ist und zusehends in die schulinternen Curricula eingebettet wird, entsteht stetig mehr digitale Infrastruktur, die überhaupt erst eine tatsächliche Anwendung zulässt (es sei angemerkt, dass sich auch hier die Schulen unterscheiden, und auch die institutionelle Ausstattung nicht hilft, wenn die digitale Infrastruktur der Stadt oder der Kommune keine angemessene Verbindung zulässt).

Analoge Akteure

Während aber sowohl institutionell, politisch und auch infrastrukturell Bewegung in den digitalen Wandel kommt, tun sich die Akteure schwer. Das ist auch kein Wunder, bedeutet doch gerade der Umgang mit digitalen Medien mehr als sich vor einem Whiteboard fotografieren zu lassen. Es bedeutet konzeptuelle Arbeit, theoretische Auseinandersetzung, kurz: Das Verlassen der eigenen Komfortzone mit der Aussicht auf unbezahlte Mehrarbeit.

Dies und die neuen Herausforderungen von Inklusion, Binnendifferenzierung und Integration vor Augen, ist es nicht verwunderlich, dass viele Lehrerinnen und Lehrer Gründe suchen und finden, warum sie nicht auch noch damit anfangen, die für viele immer noch Neuen Medien in den Unterricht zu bringen (Dies gilt oftmals leider auch für junge Lehrer und Referendare).

Alle ins Netz

Genau in der Leerstelle zwischen der Forderung nach totaler Digitalisierung und der kompletten Verweigerung liegt das Potential von Social Media. In einem Interview mit dem SPIEGEL, das jüngst erschienen ist, bringt Klaus Hurrelmann, Professor of Public Health and Education an der Hertie School of Governance, die Forderung auf den Punkt. Er konstatiert einen (noch nicht empirisch belegte) großen Bedarf – gerade für ältere Lehrer*innen – was den Umgang mit dem Netz und Social Media angeht. So fordert er, dass alle Lehrer

(…) routiniert mit dem Internet umgehen können (müssen). Dann müssen sie diese Plattformen nicht selbst nutzen, aber sie müssen sie genau kennen, wissen, wie sie funktioniert, nur so kann sich ein Lehrer in die Lebens- und Lernwelt der Schüler hineinvertiefen, die so etwas täglich benutzen. Dieses Wissen muss eine Lehrkraft in ihre pädagogischen Strategien einbeziehen können. Das ist eine absolute Voraussetzung.

Gerade Hurrelmanns Forderung nach Pflichtfortbildungen wird mit Sicherheit nicht auf breite Zustimmung stoßen. Wichtiger aber ist, welche Alternativen er anbietet: Zusammenarbeit zwischen den Lehrern und vor allem Zusammenarbeit mit den Schülern, die oftmals durch den täglichen Gebrauch um einiges weiter sind als ihre Eltern.

Natürlich ist es nicht damit getan, sich bei einem Social-Media-Dienst anzumelden. Dennoch gibt es zahlreiche Vorteile, die sich sogar dann ergeben, wenn zum Beispiel auf Twitter ausschließlich lurked, also anderen bei der Nutzung über die Schulter schaut, zum Beispiel:

  • bekommt man so eine Ahnung davon, wie schnell sich Informationen verbreiten
  • bekommt mit, wie Menschen miteinander kooperieren, sich Fragen stellen und beantworten
  • was gerade in der Lebenswelt der Schülerinnen und Schüler eine Bedeutung hat
  • welche Innovationen gerade getestet und besprochen werden
  • wie kommuniziert wird
  • welche kompositorischen Aspekte bei der Präsentation von sich selbst und anderen eine Rolle spielen
  • wie sich Hochkultur und Populärkultur gegenseitig befruchtet, erhellt, spiegelt und hinterfragt
  • wie es sich „anfühlt“ Teil einer größeren Gemeinschaft zu sein, die Offenheit, Freiheit und Kreativität fordert

und viele, viele Punkte mehr. Dabei ist es zunächst nicht notwendig, dass man selbst aktiver Teil des Netzwerks wird, wenngleich natürlich gerade die aktive Teilnahme das ist, was das „postdigitale“ Zeitalter so spannend macht.

Zugespitzt könnte man auch sagen: Wer sich keinen Zugang zur digitalen Gesellschaft verschafft, versteht nur einen Teil der Gesellschaft. Und wer nur einen Teil der Gesellschaft versteht, sollte nicht den Kindern erklären sollen, wie sie als Ganzes funktioniert.

Herausforderungen

Ein weiteres großes Aber blinzelt aus den präzise geschnittenen Stückchen, die wir Fächer nennen. Kommunikation, Bildbeschreibung, Kultur – schön und gut, aber sind dies nicht alles Teilbereiche der Philologie? Wie soll nun ein Mathe- oder Physiklehrer von Social-Media profitieren?

Die Antwort auf diese Frage würde wohl ein Buch füllen. Dennoch, kann man unvollständig und aus dem Bauch heraus hinschmeißen:

Wie alles in der „realen“ Welt einen Ort hat, eine Zeit und eine Zusammensetzung, hat auch die digitale Erweiterung der Lebensbereiche einen Ort und eine Zeit. Ob es nun die Recherche nach Anwendungsmöglichkeiten von Matheformeln ist, die Überprüfung von geographischen Erkenntnissen via Google-Earth, das Anschauen von für die Schule viel zu gefährlichen Experimenten in Chemie auf Youtube, das Komponieren von Musik, der tatsächliche Austausch mit einem Menschen auf der anderen Seite der Welt (nicht nur Austauschschüler; wieso nicht mit einem Mathe-, Physik-, oder Biologieprofessor in den USA chatten, videochatten, twittern oder ähnliches?).

Kurz: Wenn der Wille besteht, gibt es jetzt schon unbegrenzte Möglichkeiten, wie man in seinem Fach digitale Techniken, Plattformen und Netzwerke nutzen kann.

Das jemand, der keinerlei Berührungspunkte damit hat, Respekt oder sogar Angst vor einem Sprung ins kalte Äther hat, ist klar. Die schiere Menge der Möglichkeiten, deren Last ja auch die Schülerinnen und Schüler erdrückt, kann beängstigend sein.

Aber gerade deshalb ist es wichtig, zumindest ab und zu an einem digitalen Spaziergang teilzunehmen, mal hie mal dorthin zu spähen und sich einen ersten Eindruck zu verschaffen. Wir alle haben gar keine andere Möglichkeit, wenn wir für uns beanspruchen dafür zu kämpfen, dass die Welt eine Gemeinschaft ist, die sich solidarisch verhält und sich gegenseitig unterstützt.

Es ist Zeit, einzutauchen.


Ein guter Ort um das Netz kennenzulernen ist Twitter. Wie das geht? Einfach dem Link folgen.

Hier gibt es einen Podcast, der sich mit dem Thema befasst.

 

 

 

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