Bob Blume
"(…) eine Axt für das gefrorene Meer in uns."

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Ode an die Inkarnation des Teufels

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Du! Langatmiger, der du im Ausatmen die ewigen Töne

In meine Richtung pfeifst und mich an den Rand

Des nervlichen Zusammenbruchs führst

 

Du! Hydragestalt, der du nachwächst in Schlangenlinien

Die in zischender Freundlichkeit von Erlösung faseln

Bis der Tränenüberfluss heiß von meinen Wangen rinnt.

 

Du! Du überzeitliches Wesen, mal nah, mal fern

In melodiöser Vielgesprächigkeit in meine Ohren

Die blutenden, die Schönheit nur erahnen können

 

Du! Lebenssaftentzieher! Scharfrichter der Ratio!

Kratzend an meiner dünnen Haut

Du nervenzerfetzendes Ungeheuer!

 

Du lässt mich niemals los.

Du, meine Mobilfunkunternehmenshotline

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Warum ausgerechnet Schalke?

Ge Schalke

Schon lange wollte ich darüber schreiben, was einen Menschen veranlasst, sich sportlich einem chronischen Sadismus hinzugeben. Und das ausgerechnet im Süden dieser Republik, wo Schalke-Fans allenfalls dann angetroffen werden, wenn sie mit ein paar Hopfen-Smoothies durch den Schwarzwald wandern, weil „et da so nett is“. Ob Zufall oder Tradition, einen Verein wie Schalke sucht man sich eigentlich nur aus, wenn man nicht alle Latten am Zaun hat. Und das ist auch gut so.

Im Gedächtnis von Restdeutschland kommt man, wenn man sagt, dass man aus dem Ruhrgebiet kommt, quasi gerade frisch aus der Grube. Man hat noch die Kohle im Gesicht und braucht einen Trockner, damit die frisch aufgehängte Wäsche nicht auf dem Balkon einschwärzt. Lachen Sie nicht, das war schon so, nur ist es ein paar Jährchen her. Die Menschen sind, nett gesagt, eigen. Aber wenn dich der Busfahrer anschreit, weil du ihn mit Fragen nach dem Weg nervst, anstatt auf den Plan zu schauen, hat er ja auch irgendwie Recht. Und wenn einer mal was Nettes sagt, dann meint er es auch so. Immer.

Ortszeichen Hagen-Haspe

Ortszeichen Hagen-Haspe

Und genau da, irgendwo zwischen Bochum und Hagen stehe ich mit einem anderen kleinen Dötzken direkt am in meiner Erinnerung riesigen Eingang des Kindergartens. Es ist Herbst, aber wir waren gerade draußen, haben Fangen gespielt und sind klitschnass. Ich habe jetzt schon ein wenig Schiss, dass Frau Kirsten wieder einen Anfall kriegt bei dem die Augen zur Seite zucken. Wir laufen die drei, vier Treppen zu der Tür, da fällt mir noch eine wichtige Frage ein, die ich unbedingt geklärt haben möchte, bevor uns die Kindergärtnerinnen wieder zu irgendwelchen Beschäftigungen zwingen (außer natürlich Frau Milz, die ich heiraten will und bei deren Namen ich immer an Zimt denken muss, den ich liebe).  Ich schaue Benny an.

„Was für ein Fan bist du eigentlich?“

„Schalke 04, und du?“

„Ich auch.“

Das war’s. Kein Mythos wie der von Schalke 04, sondern eine schnelle, kindliche Reaktion, sich aus einer schwierigen Situation zu entwinden. Was hätte ich auch sagen können? Weiß ich nicht? Das wäre nicht gegangen, außerdem waren wir kurz auf dem Weg zur Schule. Ob das alles genau so verlaufen ist, ist nicht 100%ig gesichert. Mein Opa, den man im Pott Oppa ausspricht war jedenfalls auch Schalke-Fan, hatte in seinem Erziehungsauftrag aber insofern versagt, als dass meine Onkel alle Anhänger dieses komischen Vereins in Lüdenscheid-Nord sind. Sie wissen schon, die anderen. Genug davon. Von Benny konnte ich lernen.

Benny war in meiner Klasse und hatte auch eine Alliteration als Namen, bei der man nicht ernst bleiben konnte. Sein Vater hatte in aus einer Laune heraus und mit dem Wissen, dass mit dem FC Schalke 04 in den 90ern nun wirklich nichts zu holen war, versprochen, dass, wenn die Königsblauen einmal international spielen werden, er mit seinem Sohn solange zu den Spielen gehen werden, bis sie rausfliegen würden. Ich schätze, dass der Papa damals dachte, dass dies schnell so sein würde. Der Ausgang der Geschichte ist für jeden Schalker bekannt. 1997, Elfmeterschießen, Wilmots, linke, untere Ecke. Uefa-Cup-Sieger.  Die Spieler wurden zu Legenden, der Trainer zum Jahrhunderttrainer.

Auch wenn sich im Internet, dass in den 90ern natürlich noch nicht so ausgeprägt war, nicht mehr die Geschichte über Benny findet, bin ich mir sicher, dass Jahre später in der Westfälischen Rundschau ein Feature über diesen komischen Kauz herauskam, der über mehrere Jahre kein Spiel von Schalke verpasste. Keins. Er folgte Schalke in den Urlaub in die Türkei, nach Dubai – ja, ich würde mich nicht wundern, wenn er auch in China dieses Jahr dabei gewesen wäre. Eben nicht mehr alle Latten am Zaun. Wunderbar.

Jahre davor war es mir ernst mit Schalke. Ich sammelte während der Sportschau (denn live spielten sie ja so gut wie nicht), Ecken, Flanken, Torschüsse mit meinem damaligen besten Freund. Die Freundschaft sollte mit 12, also 1994 auf die bis dahin härteste Probe gestellt werden, als der feine Herr ein Training vom Erzrivalen besuchte und sich danach entschloss, die Vereine zu wechseln. Aber davor waren wir blau-weiße Seelen. Wir rechneten aus, ob es noch auf den 13. Platz reichen würde, oder ob es doch wieder nur nahe am Tabellenkeller sein sollte. Meine Onkel, man kann es sich vorstellen, zelebrierten damals den Spruch: Willst du Schalke oben sehen, musst du die Tabelle drehen. Schlimm.

Tabellenplatzierung des FC Schalke 1964-2011

Tabellenplatzierung des FC Schalke 1964-2011

 

Ich erlebte die Herrschaft von „Sonnenkönig“ Günter Eichberg Anfang der 90er, die Jahre in der 2. Liga und den Sprung zurück in die Bundesliga. Es war immer was los. Vor allem aber werde ich nie mein erstes Spiel vergessen, auf das viele weitere im ehrwürdigen Parkstadion in Gelsenkirchen-Buer folgen sollten.

Zusammen mit meinem Vater ging es „auf Schalke“, wie man bei uns sagt. Das Spiel ging 2:0 aus, wir jubelten. Aber das, was am meisten in Erinnerung blieb, war die angespannte Stille, die durch eine Trompete, die kaum zu hören war, durchbrochen wurde und ein markerschütterndes „ATTACKE!“ aus 60.000 Kehlen. Wie ich zusammenzuckte, dachte, ein Meteorit habe eingeschlagen, panisch durch die Gegend schaute und merkte, dass dies genauso ein Ritual war, wie die vielen anderen Gesangseinlagen der Schalke-Fans. Spätestens da hatte mich der Verein.

Was danach kam, waren verschiedenste Erlebnisse, die ich nur noch punktuell zusammenreimen kann. Das lange Yves, das bei dem später leicht intellektuellen Eigenrauch, einem Fußball-Arbeiter, durch das Stadion kroch und für Gänsehaut sorgte. Ingo Anderbrügges linker Fuß, der einen Ball so wuchtig gegen die Hände des Torhüters schoss, dass der Ball samt Händen ins Tor ging. Oder beim 3:3 gegen Mönchengladbach, als der Ball, nachdem er gegen die Latte gezimmert wurde fast bis zur Mittellinie zurücksprang. Oder als es 0:1 stand und mein Vater in der 86. Minute gegen die Bayern sagte, wir sollten losgehen, damit wir schneller heraus kommen könnten und ich sagte, wir bleiben und dann Youri Mulder das 1:1 schoss. Oder die Schlägereien mit dem Erzfeind auf dem großen Feld vorm Parkstadion. Massenschlägereien. Ich hatte Angst, aber es war aufregender als alles, was ich kannte. All die Skandale. Das Siegt gegen Bayern durch Kopfball Andreas Müller 1996. Olaf Thon sorgt dafür, dass Schalke wieder einen Nationalspieler hat. Das Tor von Torhüter Lehmann in der verbotenen Stadt.

Irgendwann im Mai stehe ich am Beckenrand eines Schwimmbades. Ich leite Jugendgruppen und mache mein Rettungsschwimmerabzeichen. Mein bekloppter Freund, der wie ich die Gruppe leitet, hat mir einen Tag vorher Bescheid gesagt und gemeint, dass das nicht so schwer ist. Die Leute, die auch da sind, sagen, sie haben wochenlang geübt. Toll! Irgendwie schaffe ich es aber, mit weißen Anziehsachen meine Runden zu drehen und jemanden zu „retten“ (auch wenn ich das Gefühl habe, beinahe selbst drauf zu gehen). Nur noch tauchen muss ich. Das Radio ist ein wenig an und was ich höre, kann ich nicht glauben. Schalke ist kurz davor, Meister zu werden. Es ist der 19. Mai 2001. Ich renne zum Bademeister, RADIO LAUTER!, es sind ja nur ein paar Personen da. Abpfiff. Schalke ist Meister. Ich hüpfe, renne, schreie – die Leute müssen denken, ich habe den Knall nicht gehört. Habe ich auch nicht. Denn das nächste, was ich höre ist, dass es noch einen Freistoß gibt in Hamburg, wo Bayern spielt. Und dann höre ich den Reporter schreien, kapiere nichts, alles ein Missverständnis. Bayern macht das Tor, aus, Schluss, vorbei. Ich bekomme mein Abzeichen und bin traurig bis auf die Knochen. Die nicht gewonnene Meisterschaft, auf der aufbauend so viele böse Gehässigkeiten anderer Bundesligisten beruhen, ist ein Brandmal auf der Schalker Seele, aber es bedeutet auch etwas anderes: Wenn Schalke jemals Meister werden sollte. Wenn, ja wenn. Dann wird das die größte Feier, die Deutschland je gesehen hat. Entschuldigung, da kenne ich nichts. Und der Trainer, der dies schafft, wird mit einer Statue geehrt werden. Das ist keine Metapher.

Nebenbei gesagt, hat mir mein ehemaliger Chef in einem schwachen Moment zugesagt, mit mir auf die Feier nach Gelsenkirchen zu gehen. Ich werde dieses Versprechen einzulösen wissen.

Ich bin lange, lange nicht zu so vielen Spielen gegangen wie der legendäre Benny Hagen, dessen Banner jedes Mal in der Arena sowie bei Spielen der Nationalmannschaft hängt (Nebenbei: Als ich das große schwarz-weiße Banner mit der Aufschrift „Wir trauern um Benny!“ las, dachte ich, er sei verstorben. Hektisch telefonierte ich herum, bis sich herausstellte, dass es „nur“ um das Banner selbst ging, das von verfeindeten Fans gestohlen wurde). Aber ich bin Fan, im Guten wie im Schlechten.

Ich fiebere jedem Spiel hin und habe beschissene Laune, wenn Schalke verliert. Mehr noch: Ich genieße kein einziges Spiel. Ich habe eher die Schalke-Krankheit, erkläre, warum dieser und jener Gegner ganz besonders schwer ist, warum wir dieses Mal nicht gewinnen oder warum ich ein mieses Gefühl habe. Ich schwitze, zittere, wenn sie spielen. Ich kann nichts machen. Wenn Schalke ein Tor schießt, dann schreie ich nicht, ich brülle (das bekam ein ehemaliger Kollege am eigenen Leibe zu spüren. Er sagte über sich, er sei Fan, aber nachdem er mit mir ein Spiel gesehen hatte, war er merkwürdig still. Er kam nicht mehr vorbei). In den Freiburger Kneipen war ich der einzige, der das tat. Die Blicke auf mir, ich, schreiend, was soll’s! Schalke! Meine komplette Nachbarschaft wird nach dem Sieg gegen Porto gedacht haben, dass sie mich abholen müssen.

Heutzutage sauge ich die Nachrichten auf wie ein blau-weißer Staubsauger. Ich weiß alles, alles, was wahr ist und alles was falsch ist (zumindest glaube ich das). Und ich habe einmal mehr eine Schalker Krankheit: Die Hoffnung, dass alles anders wird. Aber gepaart mit dem Schalker Pessimismus kommt dabei immer etwas Undefinierbares heraus.

Vielleicht ist Schalke die Erinnerung an den Herbsttag. Mich schüttelt es bei dem Gedanken, mir vorzustellen, dass Benny einen anderen Namen und ich trotzdem „ich auch“ gesagt hätte.

Vielleicht ist Schalke aber auch all das, was mich an meine Heimat erinnert. Die Leidenschaft, die derbe Ausdrucksweise, die Menschen, die zwar vielleicht nicht alle viel haben, aber eines sicher wissen: Einmal Schalke, immer Schalke!

 

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Internetdiskussionen: Ein Lehrstück

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Diskutieren und Argumentieren sind schwierige Angelegenheiten. Nicht, weil sich nicht genügend Belege oder Beweise für die eigene Meinung finden lassen würden, sondern weil eine echte Diskussion auch immer bedeutet, dass man sein Gegenüber ernst nimmt, zuhört und die Aussagen einbezieht. Das ist schwierig, sowohl bei der Argumentation in der Schule, als auch und umso mehr „in freier Natur“, da sich dort die vermeintlichen Experten nur so tummeln. Eine heutige Diskussion möchte ich als kleine Lehrstück nehmen, um zu zeigen wo und wie Diskussionen aus dem Ruder laufen und was eigentlich schief gegangen ist. Dabei ist deutlich zu sehen, dass das, was der Schriftsteller Ortheil über deutsche Meinungen sagt, zutrifft: Sie würden oftmals einfach nur abgestellt, ohne dass man auf den anderen einginge.
Die Diskussion beginnt, wie immer, mit einem „harmlosen“ Tweet:


Obwohl man vermuten würde, dass dies allein nichts Schlimmes wäre, geht es hier los. Aber kümmern wir uns nicht um die wütenden Antworten. Zunächst sehen wir: Da ist ein Kind, das sich Lehrer wünscht, nicht nur Computer.
Jetzt kommen wir zum Kandidaten:

 

Bis dahin ist noch alles verständlich. Da ist also jemand, der ein neues Thema beginnt (das sagt er nicht explizit, tut es aber, indem er über „die Digitalisierung“ schreibt, also einen außerordentlich großen Themenkomplex, in dem es um deutlich mehr geht als um Lehrer und Computer. Soweit lässt sich die These auch bestimmen: Viele Verfechter der (wie auch immer gearteten) Digitalisierung sind „betriebsblind“ geworden. So weit könnte man dem zustimmen, dann folgt aber ein Beleg, der es in sich hat:

Nun muss man wissen, dass der erwähnte Herr für die meisten Leuten, die sich mit der Digitalisierung befassen ein rotes Tuch ist. So auch für mich. Deshalb folgt die Antwort:

Es sollte dem Gegenüber klar sein, dass ich durch mein kommunikatives Verhalten (also das Favorisieren der ersten Tweets und den direkten Bezug ausschließlich auf die beiden letzten) nicht generell ablehnend reagiere, sondern nur auf den letztgenannten „Beweis“. Das wäre in dieser Form auch in einer Texterörterung möglich. Man erkennt ein Argument an, lehnt aber Teile davon aus bestimmten Gründen ab. Was nun folgt ist im Prinzip schon der Abbruch einer gelungenen Kommunikationssituation.

Diese Form der Nicht-Argumentation zieht sich durch das gesamte Internet und ist einer der Gründe, warum das Miteinander-Reden so schwer ist. Das Gegenüber gibt dem Gesprächspartner zu verstehen, dass es an dessen Intelligenz zweifelt. Meine Reaktion ist dementsprechend:

Das hätte ich natürlich kunstvoll machen können. Aber wie schon gesagt, darum geht es nicht mehr. Anstatt darüber zu reden, was eigentlich das Thema war, nämlich die durch einen umstrittenen Autoren angeblich bewiesene These, dass die Digitalisierung große Nachteile hat – was man diskutieren könnte -, sind wir nun auf der Ebene des Persönlichen. Durch meine Reaktion folgt demnach prompt ein weiterer Angriff:

Auch dies ist sehr typisch. Zuerst wurde die Intelligenz in Frage gestellt, nun die Fähigkeit des „richtigen“ Diskutierens. Die Frage, was angemessen gewesen wäre, erübrigt sich. Denn, wie gesagt, es geht nicht mehr um Inhalt. Dementsprechend meine Reaktion:

Also: Anstatt in die Spirale zu geraten, gebe ich dem anderen Recht: Ich bin, sagen wir, sensibel. Und offeriere eine weitere Gelegenheit, über das Thema zu reden. Jedoch sollte nun jedem klar sein, dass es nun nicht mehr darum geht. Nach einem Versuch durch den Hinweis auf einen längeren Text die Diskussion auf das Thema zurückzulenken, geht es weiter in die Beleidigung:

Wie man oben sieht, habe ich mittlerweile selbst keine Lust mehr, weshalb, bestätigt sich hier. Aus den ersten beiden Angriffen es fehle a) die Intelligenz und b) die angebrachte Kommunikationshaltung, wird nun ein pauschaler Angriff der Fähigkeit des Gegenübers.

Das, was die hier nur in Teilen angegebene Diskussion zeigt, ist ein Lehrstück dessen, wie „Diskussionen“ im Internet funktionieren. Anstelle eines Austausches über Inhalte wird dem Gegenüber die Fähigkeit abgesprochen, überhaupt diskutieren zu können. Dabei hat das Ganze eher wenig mit guter Argumentation zu tun:

Letztlich hat eine gelingende Kommunikationssituation, von der die Argumentation eine besonders schwierige Sorte ist, weil man per definitionem verschiedene Ansichten hat, immer mit Respekt zu tun und mit dem Willen, auch die eigene Ansicht zumindest andeutungsweise zu hinterfragen. Ist das nicht der Fall, geht es irgendwann nicht mehr darum, welche Argumente ausgetauscht werden, sondern wer mehr oder weniger in der Lage ist, dem Gegenüber die Kompetenzen abzusprechen. Aber wenn selbst jemand, der nach eigenen Angaben 16 Jahre Erfahrung mit digitaler Arbeit hat und zudem lange in politischen Parteien unterwegs war, wie gezeigt, schon nach wenigen Worten das Thema verlässt, zeigt das den aktuellen Zustand des Diskurses.

P.S. Da ich es wichtig finde, auch andere an diesem Blog partizipieren zu lassen, möchte ich einem Ehrentroll den Platz bieten, den er sich verdient hat. Bitte sehr!

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#diegutendinge

Es muss nicht immer alles schlecht sein, oder?

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Pestbeulenapologie

Zombie_Walk_Essen_2014_20141031_0005_1280pxIch wünsche euch einen schlechten Tag,

ich bin die seelenlose Verrohung der deutschen Kommentarkultur, der durch den After ausgepresste, stinkende Pudelskern, die vor Wut aufgeplatzte Halsschlagader des Fliesentischapologeten, ich bin der Kot auf der Königsallee, die moralische Nachgeburt des unverständlichen Rechtsverdrehers. Ich hasse Menschen. Alle.

Wenn ich zu Fleisch werde, stelle ich mich vor die Schlange, in der du wartest, zerkratze dein Auto, fordere Tempolimits auf deutschen Autobahnen – nur in deinem Kopf.

Ich bin das Kratzen in deinem Hals, wenn du siehst, wie die Menschen, die du nicht kennst, etwas wegnehmen, das du nie haben wolltest. Ich bin die triefende Spucke, die hasserfüllt auf dem Bürgersteig vor den Fremden landet.

Ich bin ein rhetorisches Genie.

Ich ergieße meinen heißen Schleim in jede Zeile und Pore des winselnden Mediums und warte zu Hause, ganz leise und heiß atmend darauf, dass irgendjemand anbeißt. Und dann schmeiße ich mich mit meinem durch fehlende Einsicht und verfaultes Mitgefühl aufgeblähten Bauch auf jedes bisschen erbärmlicher Menschlichkeit, die sich noch regt. Ich hasse Menschen. Erwähnte ich das schon?

Und dann, wenn die bösen Guten, die Welt-Versteher und Gutwichtel, die moralisch-perfekten Puppen, die ich so hasse, weil sie mich vor 30-100 Jahren nicht mitspielen ließen, wenn diese schweigende Masse plumper Intellektueller ausholt, werde ich zur Schlange. Du kannst nicht gewinnen.

Weist du auf die Menschlichkeit, spreche ich von Geld.

Sprichst du von Geld, hast du verloren.

Sprichst du von Menschen, spreche ich von Marionetten.

Sprichst du von Marionetten, hast du verloren.

Sprichst du von Einsicht, spreche ich von Hass.

Sprichst du von Hass, hast du verloren.

Sprichst du vom Guten, hast du verloren.

Sprichst du von dir, von mir, von den anderen, hast du verloren. Sprichst du davon, dass ich ein wenig Recht habe, hast du verloren. Sprichst du nicht mehr mit mir, hast du verloren. Verstehst du?

Ich suche nur das, was ich finden kann. Und wenn ich nicht finde, was ich suche, dann suche ich weiter. ICH KANN NICHT FINDEN, WAS ICH NICHT GESUCHT HABE! VERSTEHST DU?

Ich bin hundert Ausrufungszeichen am Ende eines nur für mich verständlichen Satzes. Ich bin die hundertfache Faust auf dem Auge der Gerechtigkeit. Ich bin das ewig fehlende Komma. Denn was ich sage, ist richtig, weil ich es sage. WEIL! ICH! ES! SAGE!

Ich bin die nach faulenden Eiern und ewig gestrigem stinkende, die verkotete, unrühmliche, sich selbst gefallende, die rechthaberische, ekelerregende, eiternde Pestbeule an der deutschen Seele.

Ich hasse euch.

Das wird man ja wohl noch sagen dürfen.

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Erlass zu Präsenzzeiten: Vorverurteilung per Beschluss

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“Wäre ich doch Lehrer geworden”, schalmeit es mit großer Regelmäßigkeit über die Lippen der “arbeitenden Bevölkerung”. Denn das Lehrer eigentlich nicht arbeiten, sondern sich die Zeit nur spaßig mit Kindern vertreiben oder wahlweise nach den Worten des Ex-Bundeskanzlers Gerhard Schröder “faule Säcke” sind, ist jedem klar, der irgendwann schon einmal eine Schule von innen gesehen hat. Dass Lehrer nur dann arbeiten, wenn sie auch wirklich vor der Klasse stehen, ist eigentlich ein Klischee. Dass nun aber die so genannten Präsenzzeiten eingeführt werden, ist ein Eingeständnis, wo eigentlich nichts eingestanden werden darf. Und das macht mich sauer.

Mit einer solchen Gelassenheit wie der Kollege Riecken könnte und kann ich auf den Beschluss zu den “Präsenztage”, die von Jan Martin Klinge und Maik Riecken schon eingehend besprochen wurden, nicht umgehen. Ich finde es, um es deutlich zu machen, eine Frechheit, die ihresgleichen sucht. Was soll ich davon halten, dass ich als Lehrer gezwungen werde, meine Arbeit innerhalb bestimmter Mauern zu machen? Wer überprüft das? Und was ist mit jenen, die eine Familie haben, die sie aufgrund immer größerer Belastung sowieso sehr wenig sehen? Eine “persönliche Lebenssituation”, wie sie bei Klinge zitiert wird, tatsächlich zu berücksichtigen, ist doch völlig utopisch.

Die ganze “Idee” (nebenbei: Wer hat sich das bitte ausgedacht?) ist absoluter Nonsens. Dabei geht es nicht nur um offensichtlich nur mit größtem logistischen Aufwand zu betreibende Verteilung mit allem, was an Konsequenzen anfallen würde (Mehrarbeit für die Kollegen, ja ganze Stellen, die sich zukünftig mit einer Verteilung auseinander setzen müssten, wenn man die Stundenplaner nicht komplett überfordern wollte).

Es geht darum, welches Bild in der Gesellschaft geschaffen wird von einem Berufsstand, auf den in den letzten Jahren immer wieder Mehraufgaben übertragen wurden. Die Nachricht, die bei nicht mit dem Beruf Befassten ist doch, dass die viel kritisierten Ferien tatsächlich eine komplett freie Zeit seien, in der nichts weiter geschehen würde als der Genuss von Urlaubsreisen.

Die Präsenzzeit ist die Vorverurteilung aus Prinzip.

Ich habe die letzten Jahre keine einzige Ferienwoche gehabt, in der ich nicht korrigieren oder vorbereiten musste. Und nun würde das heißen, dass ich zudem noch an einen Arbeitsplatz fahren müsste, an dem ich dann – ja, was eigentlich? Denn sowohl Urlaub als auch Ferien zeichnen sich ja dadurch aus, dass man einmal fernab von der Institution, in die man tagtäglich geht, arbeiten und sich auf die Dinge konzentrieren kann, die sonst liegen bleiben.

Und wie sollen diese “Tage des Erscheinens” gestaffelt werden? Könnte ich verlangen, dass ich von den bisher in Aussicht stehenden 5 Tagen alle am Stück nehme? Kann ich sie einmal in den Sommerferien und dann in den Herbstferien nehmen? Oder kann ich meine Mehrarbeitsstunden aufrechnen?

Egal, wie man es sieht, es ist nicht tragbar. Nicht, weil man in den Präsenztagen “institutionell gebunden arbeiten” muss, wie es in dem kaum zu ertragenden Beamtendeutsch heißt, sondern weil der Eindruck entsteht, man habe vorher nichts geleistet.

Ich kann mir nicht vorstellen, dass diese Form von politischem Aktionismus irgendetwas bringt, außer dass die Lehrer wieder einmal am Pranger der Gesellschaft stehen. Aber was sage ich? Das ist durch den Erlass jetzt schon der Fall. Und ich bin mir sicher, dass schon die ersten Reaktionen auf die Artikel, die sich damit befassen, zeigen werden, dass das Verständnis für den Lehrerjob wieder auf dem absteigenden Ast ist.

Vielleicht sollte man dem Kultusministerium vorschlagen, dass das nächste Mal Überlegungen genauer durchdacht werden sollten.

Vielleicht im Rahmen von 5 Tagen Präsenzzeit. Das dürfte ja kein Problem sein.

 

Was meint ihr? Sollten Lehrer gezwungen werden, 5-7 Tage in der Schule zu bleiben?

 

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Schülerfragen zu „Das bin doch ich“

Foto am 06.01.16 um 16.33Die Klasse von Christa K. Erichsen, einer dänischen Lehrerin, die unter anderem Deutsch unterrichtet, beschäftigte sich mit meinem Text „Das bin doch ich“. Da wir uns über Twitter kennen, schickte sie mir Fragen der Schüler per Post, von denen ich hier einige zu beantworten versuche. Zunächst einmal ein paar Worte an die Klasse.

Ihr Lieben!

Danke, dass ihr euch die Mühe gemacht habt, mir zu schreiben. Euer Deutsch hört sich sehr gut an! Ich hoffe, ihr werdet die Möglichkeiten haben, Deutschland zu besuchen und mit den Menschen hier zu sprechen. Entschuldigt, dass ich mich erst spät melde. Ich hatte sehr viel zu tun. Mich hat es sehr gefreut, dass ihr euch mit meiner Parabel beschäftigt habt. Ich kann mir vorstellen, dass es nicht einfach war, sie zu verstehen.

Eine Sache ist mir besonders wichtig: In vielen Fragen ging es darum, was dieses und jenes Symbol bedeutet. Das würde ich ungerne beantworten. Nicht, weil ich nicht eine Vorstellung hätte, sondern weil ich an eine andere Form des Verstehens glaube.

Ich sage meinen Klassen immer: Es geht nicht darum, was der Autor sich gedacht hat. Es geht darum, was der Text einem sagt. Und wenn er einem nichts sagt, dann wäre das auch in Ordnung. Der Autor ist irgendwann tot, aber der Text lebt weiter. Und so wird der Text auch immer denen etwas sagen, die versuchen, etwas daraus zu ziehen.

Und noch ein weiterer Punkt ist wichtig: Obwohl ich schon seit 15 Jahren schreibe, bin ich kein Schriftsteller, sondern nur ein Laie. Wenn also etwas unverständlich ist, kann es auch einfach sein, dass es daher kommt, dass ich mich perfekt ausgedrückt habe.

Herzliche Grüße

Bob Blume

 

Nun zu euren Fragen:

Silje, Anna, Ditte, Camilla

Was hat dich inspiriert? Hast du es erlebt, dass es Parabeln im echten Leben gab?

Inspiration zu benennen, ist schwierig. Meine Geschichten, Parabeln und Gedichte entstehen meist aus einer Frage, die ich habe oder aus kleinen Momenten, die mich beeindrucken. In diesem Fall war es das Bild des Drachen, dass mich hat überlegen lassen. Und daraus entstand die Parabel. Zur zweiten Frage: Literatur ist das echte Leben. Und das echte Leben ist Literatur. Man kann das eine vom anderen nicht trennen. Egal, ob es Fantasie-Geschichten oder Sachtexte sind – Literatur versucht, das Leben zu verstehen oder Ebenen zu erschaffen, die das Leben besser verstehen lassen.

Warum wird die Moral nicht einfach benannt?

Das ist eine sehr schwierige Frage. Ich würde sagen: Sie wird benannt. Ich antworte mit weiteren Fragen: Wer ist der Autor? Sind der Autor und der junge Mann derselbe? Könnte der Autor überhaupt wissen, was der alte Mann sagen würde, wenn er alt ist? Das macht es nicht einfacher, oder? J

Hat der Drachen eine tiefere Bedeutung?

Ja.

Ena, Sofia, Moritz, Lisa

Eine kleine Anmerkung: Ihr schreibt, ihr habt selbst Geschichten geschrieben. Sie würden mich interessieren. Wenn ihr Lust habt, schreibt eine oder mehrere in die Kommentarspalte. Ich würde mich freuen.

Wie kommt man auf die Idee eine Geschichte zu schreiben über sein zukünftiges Ich? Beschäftigen Sie sich auch in Ihrer Freizeit damit, wie sie später sein könnten? 

Ich denke, jeder Mensch beschäftigt sich immer dann, wenn er Zeit hat, seine Gedanken schweifen zu lassen, damit, wie er ist, oder wie er sein könnte. Vielleicht nicht immer so explizit, aber eben immer wieder. Was werde ich tun? Wo werde ich arbeiten. Ich finde die Frage spannend, weil man nicht wissen kann, wie man später ist. Man weiß nur – und auch das ist schwierig – wie man war oder ist. Mich fasziniert der Gedanke, ein Zwiegespräch über die Dimensionen Zukunft und Gegenwart hinweg zu führen.

Hat das Wort „Erschaffer“ einen Bezug zur Bibel?

Ihr habt die Parabel wirklich sehr genau gelesen. Ja, das Wort hat einen Bezug. Aber keinen, der tiefer gehen würde als die Tatsache, dass es doch göttlich ist, dass der Mensch mit Worten Kreaturen, Natur und Umgebung erschaffen kann. Ich muss aber zugeben, dass, wenn ich mich selbst darüber sprechen höre, das Ganze sehr blasphemisch klingt. Es sollte kein Versuch darstellen, den Autor als Gott darzustellen.

Alles, was ihr zu der Moral geschrieben habt, ist nachvollziehbar. Schön!

Metin, André, Kathrine, Cecilia

Warum haben Sie die Geschichte so merkwürdig geschrieben?

Ihr schreibt weiter, dass ihr glaubt, dass dies einfach meine Art ist zu schreiben. Da habt ihr Recht. Meine Schüler beschweren sich auch oft über die Autoren von den Texten, die nicht einfach zu verstehen sind. Ich glaube, dass ist wichtig. Wenn alles einfach wäre, käme man keinen Schritt weiter. Aber so, wie man auch bei anderen Übungen in jedem anderen Bereich weiter kommen kann, kann man auch mit Wörtern weiterkommen. Dinge benennen zu können ist wichtig, auch in der Muttersprache. Je differenzierter man mit der Sprache umgehen kann, desto mehr versteht man die Welt um sich herum. Deshalb sind immer die Menschen gefährlich, die versuchen, mit einfachen Antworten auf schwierige Fragen die Welt zu erklären. Die Welt ist kompliziert. Und je mehr Wörter man für sie hat, desto näher kommt man an das, was die Welt im Innersten zusammenhält.

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Einfach im Kopf

Herten_Halde_Hoheward_20140202_0143_smallEs war ein wundervoller Abend mitten im Sommer dieses Jahres. Des Jahres 2015.

Die Weinreben trugen grüne Blätter und die Weintrauben schmeckten reif und fruchtig. Später sollte es heißen, dass es ein guter Jahrgang werden sollte. Voller Vorfreude gingen wir auf ein Fest, wie es sie überall in Deutschland gibt, um miteinander das zu tun, was Deutsche tun, wenn er milde Luft dazu einlädt, die Zeit miteinander zu verbringen. Wir grillten und schmausten und unterhielten uns über die Region. Jeder hatte etwas mitgebracht. Einige Spezialitäten waren osteuropäischen Ursprungs, einige regional. Ein kulinarisches Vergnügen multikultureller Provenienz. Genau wie die Teilnehmer des Festes. Das Einzige, was anders war, als in anderen Jahren in Deutschland, war das Damokles-Schwert, das über jeder Diskussion dieses Jahres schwebt. Die politische Diskussion um das, was mal „Flüchtlingskrise“, „Flüchtlingsproblem“ oder – wenn wir im politischen Diskurs schon weiter nach da gerückt sind, wo der Daumen links ist „Flüchtlingsschwemme“ oder „Flüchtlingslawine“ heißt.

Um solche Diskussionen nicht sofort aus dem Ruder laufen zu lassen, geht es meist nicht um die direkte Konfrontation, sondern darum, zielsicher am Thema vorbeizuschießen, als wäre ein Treffer auch immer das Eingeständnis, die Haltung des anderen nicht mehr akzeptieren zu können.

Aber in diesem deutschen Sommer, bei deutschem Bier und kroatischem Cevapcici bin ich froh über eine offene Diskussion. In der Diskussion werden die Fronten dann klarer. Die sich beäugenden Diskussionspartner wechseln unmerklich die Plätze, so dass die Bierbänke wie eine zu im wahrsten Sinne des Wortes fleischgewordene Umfrage in deutschen Städten erscheint. Ich muss an ein Tribunal denken. Um mich ist es erst einmal einsamer geworden. Mir gegenüber sind mehr. Die Diskussion ist, wie es sich für einen lauen Sommerabend gehört: Freundlich, aber bestimmt. Gerstensaft und Birnenschnaps lassen aber die Einschläge näher kommen. Frauke Petry, stößt die erste Lanze nah des Zielfeldes ein, sei jemand, die kein Blatt vor den Mund nehme.

Dann kommen wir also hin.

Aber mir geht es zu gut. Der Himmel ist immer noch blau, schwarzblau zwar, aber blau. Ich will nicht messianisch wirken, nicht an die Humanität appellieren, nicht der Gutmensch sein, der wirklichkeitsfremd über das Gute im Menschen schwadroniert und sich dann in eine Wohnung zurückzieht, die in den Großstädten dieser Republik keiner bezahlen könnte, der nicht zumindest einen Abteilungsleiterposten in einem mittelständischen Unternehmen hat.

So muss es sich anfühlen, im Mittelalter als Pazifist in Waffen auf ein Turnier zu gehen, bei dem man nicht gegen den Königssohn verlieren darf.

Aber heute Abend gibt es einen weiteren Spieler. Einen Abteilungsleiterposten in einem mittelständischen Unternehmen. Alles habend. Der deutsche Bismarck. Saturiert.

Und dann sagt dieser wirklich freundliche Mann, adrett, präzise geschnittene Frisur, hellblaues Hemd, dass man diese Männer auch verstehen müsse.

Ich verstehe nicht ganz.

Man müsse diese Männer auch verstehen, die ihren Unmut ausdrücken.

Ich verstehe immer noch nicht.

Es gebe viele Probleme. Deshalb müsse man sich in die Menschen hineinversetzen, die Flüchtlingsheime anzünden.

Vor mir sitzt kein Nazi. Noch nicht einmal einer, der denken würde, dass er aus einer Grundhaltung heraus argumentiert, die rassistisch ist.

Ich weiß nicht, ob es das schlimmer oder besser macht.

Jetzt ist er also geflogen, dieser zielgerichtete Pfeil mitten ins Herz des Themas, das man nun nicht mehr sachte umrunden kann.

Und ich merke, dass ich keine rhetorischen Zwischenbretter mehr habe. Wir kennen uns hier in dieser Runde nicht, aber später bin ich (was kindisch ist) ein wenig stolz auf dieses Wort, das ich gebrauche, und das öfter gebraucht werden muss in diesem Sommer 2015 und im Winter und im nächsten, in den nächsten Jahren.

„Nein!“

Es ist nicht das, was Sascha Lobo in einem so treffenden wie wichtigen Essay die Verwendung der Nazikeule nannte. Ich will mein Gegenüber nicht stigmatisieren, will nicht mehr argumentieren, will mich nicht in ihn hereinversetzen. Ich mag eigentlich auch nicht mehr zuhören. Aber das ist auch keine Lösung. Ich muss sprechen. Man muss sprechen. Man muss das Nein zelebrieren. Nein. Ich muss mich nicht, ich wiederhole, nicht in jemanden hineinversetzen, der andere Menschen töten will, weil sie nicht von hier sind.

Das sage ich.

Ich muss mich nicht hineinversetzen in jemanden, der sich durch etwas bedroht fühlt, was er nicht versteht.

Ob ich alles verstehe? Nein. Natürlich nicht. Die Welt ist schwierig geworden. Ich versuche, so gut zu verstehen wie ich kann. Aber einen Fehler werde ich nicht machen. Ich werde nicht so tun, als ob ich es könnte. Und ich werde nicht versuchen, auf schwierige Fragen einfache Antworten zu geben.

2015 ist das Jahr der einfachen Antworten auf schwierige Fragen.

Abschottung ist immer die einfachste Antwort auf alle Fragen. Aber auch der einfachste Weg der Einengung des eigenen Verständnisses.

Die Menschen auf den Bierbänken sind in einer neuen Konstellation zueinander. Ich habe Hilfe bekommen. Wir werden uns in diesem Sommer und auch im Herbst öfters sprechen. Jemand, der mir zustimmt. Dass man Menschen nicht ermorden darf. Das ist doch was.

Mittlerweile ist es dunkel und ich spüre auch eine gewisse Kälte. Ich weiß aber nicht, ob sie von außen kommt. Das kann man in diesem Jahr nicht wissen. Ich bin gleichzeitig sauer und froh. Ich bin froh, dass ich dabei war. Mit jemandem zu sprechen, der als Typus vielleicht eher im Osten der Republik anzutreffen ist. Oder sind es viel mehr? Und wo waren die vorher? Ist das meine Wahrnehmung? Solche Fragen bleiben einfach im Kopf.

Aber auch eine Antwort. Egal, welche politische Haltung man hat, manchmal sind es vielleicht doch die einfachen Antworten auf die schwierigen Fragen. Vielleicht ist es manchmal einfach das Nein, dass die Grenze zieht, über die wir nicht hinüber driften sollten, wenn wir noch guten Gewissens zwischen den Weinbergen unseren Wohlstand zelebrieren wollen.

Vielleicht bin ich da aber auch nur einfach im Kopf.

 

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Das Ich im toten Winkel des Quadrats #selfierade

 

Beginnen wir wie ein Selfie: Beim Ich. Vierfach. Man sieht Kopf und Schulterpartie eines jungen Mannes, Ziegelgemäuer im Hintergrund. Vier Bilder im Quadrat angeordnet, aufgenommen in kurzen zeitlichen Abständen hintereinander. Auf allen schaut der junge Mann ein bisschen anders. Links oben ernst, daneben, als wolle er, in die Ferne blicken, etwas sagen, dann ein Lächeln, der Kamera zugewandt, freundlich, sympathisch wirkend, zuletzt den geschürzten Mund, als wolle er auf eine Aussage des Gegenübers reagieren. Man könnte meinen, der junge Mann habe sich in einem Interview befunden. Hat er nicht. Es ist eine filterunterlegte Bilderserie, die genau so gewollt war. Sie wollte künstlich zeigen: Das bin ich, ich wenn ich nicht künstlich bin. Der junge Mann nutzte das Bild aus seinem Twitterprofil. Der junge Mann bin ich.

Bildschirmfoto 2015-11-05 um 21.07.35

Die Staatliche Kunsthalle Karlsruhe lädt gemeinsam mit den Kulturkonsorten in den sozialen Netzwerken zu einer Diskussion und Blogparade über das Thema „Selfies“ ein. Anlass ist die am 31. Oktober beginnende Ausstellung „Ich bin hier. Von Rembrandt zum Selfie“ in der Kunsthalle mit der Begleitausstellung „Selfies“ in der Jungen Kunsthalle.

Natürlich spielen wir alle Rollen, tragen Masken. Mein Ich ist nun das des anachronistischen Kulturkritikers. Es ist nicht böse gemeint. Ich – meine es nicht böse.

Die Zielsetzung der Kunsthalle ist verständlich. Man zieht eine Linie zwischen Hoch- und Tiefkultur (welch normatives Urteil), lässt die Menschen partizipieren und am Ende – wie die von mir geschätzte Tanja Praske sagt – am Ende „gewinnt Kultur“. Wenn es denn nur so wäre.

Dieser Artikel schreit ein egozentrisches Nein in den Äther, das nicht anhand von historischen Hintergründen herausgearbeitet, sondern wie heutzutage üblich aus einer trägen, sich nicht reflektierenden Meinung heraus entsteht. Das sich nichts aus der Wirklichkeit macht, das die eine Kultur über die andere stellt. Dass die eigene Meinung zum Höhepunkt der Begutachtung stellt: Wie das Selfie.

Das Selfie soll die Kunst aufwerten?

Da lacht das Ich, das Es und das Über-Ich im Chor der postmodernen Selbstbeweihräucherungskultur. Die Kunst wird nicht vom Selfie aufgewertet. Sowie jede architektonische Glanzleistung, jede menschenleere (soweit vorhanden) Gegend, jedes hunderttausend Dollar schwere Hotelzimmer nicht vom Selfie aufgewertet wird.

Das Selfie wertet nicht auf, das Selfie lässt aufwerten. Wenn es – wie in Praskes wunderbarem Artikel – eine Botschaft gibt, dann ist das der doppelte Ich-Bezug. Das Bild/ das Kunstobjekt/ die Gegend kennt jeder. Hier bin ICH vor dem Bild. Das Bild wird durch mich aufgewertet, weil ich mich durch das Bild aufwerte. Kausal. Und die Botschaft ist einseitig. Wenn man die Selfie-Kultur wie Philippe Wampfler als eine Art des selbstvergewissernden fotografischen Tagebuchs sieht, dass eben deshalb nicht als Verstoß gegen die Norm gewertet werden kann (etwa bei einem Selfie auf einem Friedhof), dann ist das richtig, zeigt aber zugleich, dass der Kommunikationspartner gar nicht erwünscht ist.

Sagen wir es deutlicher: Das Selfie ist nicht nur selbstbezogen, sondern auch in seiner Qualität asozial und exklusiv.

Es wertet das Selbst durch ein anderes auf, das aber vor dem aufgewerteten Selbst in den Hintergrund treten muss.

Selfie essen Seele auf.

Stephan Urbach erklärt in seinem spannenden Artikel über das sechszehnjährige australische Mädel, das unter großem Tam-Tam seinen Instagram-Account löschte und nun nach irgendeinem echten Leben hinter dünnen Bauch und jugendlichem Astralkörper sucht, dass eine der drängendsten Frage sei, wie viel echtes Leben in der Social-Media-Darstellung in unserem Leben steckt. Das ist richtig. Und wenn wir ehrlich sind, kommt an erster und letzter Stelle, als Wahrheitsgehalt und letzte Instanz das heraus, was wir so sehr lieben: Das Ich (Und währenddessen freut sich die arme sechszehnjährige vormalige Instagram-Berühmtheit darüber, dass sie nun eine Youtube-Berühmtheit ist und statt ihrem Hintern Floskeln in den Äther posaunen kann).

Das Selfie ist das Ich im Quadrat. Ich mal Ich. Und dahinter kann man in den meisten Fällen gar nichts mehr sehen. Das dahinter ist der tote Winkel der selbstreferentiellen Selbstvergewisserungskultur.

Wer findet, dass das Kultur ist, sollte jetzt kommentieren oder sollte für immer schweigen.

Sie dürfen das Ich jetzt küssen.

 

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