Bob Blume
"(…) eine Axt für das gefrorene Meer in uns."

Was wir jetzt tun können

Keine Superlative, keine Kampfparolen, keine Appelle. Nach der Bundestagswahl ist passiert, was alle befürchtet haben. Nun fragen sich viele, was man tun kann. Ein Gedanke. 

Ich habe schon dargelegt, dass wir Mitverantwortung für die Entwicklungen tragen, die gerade in Deutschland und weltweit passieren. Und auch, dass wir Teil der Maschine sind, die die Populisten nutzen, um im Gespräch zu bleiben. Das Lamentieren nützt nichts mehr. Man muss was tun. Aber was?

Alles, was nun gefordert wird, ist nett und unterstützenswert. Man soll Haltung zeigen, nicht einbrechen und so weiter.

Das Wichtigste aber ist: Ahnung haben. Man sagt: Argumentiere nicht mit einem Idioten. Er zieht sich auf sein Niveau herunter und besiegt dich dort mit Erfahrung. Da ist was Wahres dran. Schrill, laut und böse trifft man die Rechten nicht. Dort kennen sie sich aus. Damit haben sie 6 Millionen Wähler überzeugt (oder manipuliert, je nach Lesart).

Ahnung haben!

Ahnung haben von dem, was eine Partei vorhat, wie sie es vorhat. Darüber reden. Und: Die Inhalte thematisieren.

Wie steht die CDU zur Rente? Wie die SPD zur Bildungspolitik? Wie die FDP zu Europa? Wissen wir nicht. Aber wir kennen jeden Furz der neuen Nationalisten. Damit machen wir sie stark.

Sollen wir ihnen nun alles durchgehen lassen, sie ignorieren? Nein. Es wäre schon schön, wenn die Gaulands, Höckes und Weilands dieser Republik nicht nach jedem Nazieklat in die nächste Talkshow eingeladen werden. Aber daran können wir nichts ändern.

Was wir ändern können, ist: Wir können, im Gegensatz zu den schreienden Ewiggestrigen, Ahnung haben! Sachverstand! Über Themen, die wirklich wichtig sind.

Es gibt keine Ausreden mehr.

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Totschlag in der Kommentarspalte

Zombie-Walk. Foto: Thomas Clemens

Ein junger Mann fragt in einem Forum nach einem leckeren Käse. Der letzte Kommentar beschuldigt ihn, für den Weltuntergang verantwortlich zu sein. Eine Mutter fragt nach einem Muffin-Rezept. 72 Kommentare später wird sie als Rabenmutter beschuldigt, die das Jugendamt nötig hätte. Ein Referendar macht auf die Problematik von Dropboxes aufmerksam. Er wird aufgefordert, die Gruppe zu verlassen. Eine Kurzanalyse.

Zwischen Vegetarismus und Holocaustleugnung

Wenn man sich öfters in den Kommentarspalten regionaler und überregionaler Online-Magazinen tummelt, hat man alles schon gelesen. In den letzten Jahren steigt der Grad, in dem hasserfüllte Kommentare moderiert und ihre Verfasser blockiert werden (und selbst das ist nicht für alle selbstverständlich, da sie eine Beschneidung der Meinungsfreiheit auch da sehen, wo der Holocaust geleugnet oder jemandem Gewalt angedroht wird). Dennoch ist es immer wieder erstaunlich, mit welch freudiger Wut sich die Kommentatoren bis hinein in eine sprachliche Entgrenzung treiben, von der viele dachten, sie sei mit dem Ende des Nationalsozialismus zumindest im öffentlichen Raum begraben worden.

Medienkompetenz: ex negativo

Dabei sind die Kommentatoren immer medienkompetenter. Bewaffnet mit funktionalem Rüstzeug – der richtigen Anwendung der Begriffs Whataboutism, Strohmann– und Totschlagargument – gewürzt mit Metaironie, Zynismus und Angriffslust und mit einer starken Community im Rücken, kann jeder zum kurzen Star des Kommentatorensternenhimmels werden. Die Frage danach, warum die Menschen das machen, ist schnell beantwortet: Wer würde nicht wollen, dass die eigene Aussage tausendfach goutiert, diskutiert und beglückwünscht wird. Außerhalb der Filterblase gibt das denn Extrakitzel des Verbotenen. Man ist derjenige, der „die unbequeme Wahrheit“ ausspricht.

Gelingende Kommunikation

Während es also klar ist, warum in den für alle offenen Kommentarspalten die Agressions- und Wutspirale lustvoll gen Niveaulosigkeit geballert wird, ist die Frage nach communityinternen Streitigkeiten schwieriger. Wie kommt es, dass Menschen, die ein gemeinsames Anliegen haben, sich anfeinden, obwohl es nur um einen Muffin geht. Die Frage ist:

Wie funktioniert gelingende Kommunikation?

Die naheliegenden Antworten bewegen sich wohl im Bereich ethischer Maßstäbe. Man könnte davon sprechen, ob eine Frage oder eine Antwort „vernünftig“, „gehaltvoll“ oder  „anständig“ ist. Aber nicht nur die Beispielworte sind vage, sondern auch ihre Deutung hängt stark von dem ab, was der jeweilige Anwender darunter versteht.

Bei der linguistischen Analyse von Gesprächen herrscht normalerweise die Prämisse, dass die Gesprächspartner an einem funktionierenden Verlauf interessiert sind. Aus diesem Grund nutzen Gesprächspartner, die sich im face-to-face-Gespräch befinden, sogenannte Reparaturmechanismen, um das Gesicht des Gegenübers zu wahren.

Ein Beispiel:

Person A: Die neuen iPhones werden einfach nicht mehr besser.

Person B: Ich habe mir gerade erst eins gekauft.

Person A: Qualitativ sind sie natürlich hochwertig, das hatte Apple immer drauf!

Person A ist im Gespräch von Person B in eine Lage gebracht worden, die den Gesprächsverlauf hätte schwierig werden lassen können. Anstatt nun aber auf der These der stagnierenden Technik bei iPhones zu beharren, wahrt er oder sie das Gesicht desjenigen, dessen Überzeugungen ihn zum Kauf bewogen haben.

Der Grund dafür ist auch in der lokalen Nähe zu finden. Ein Abbrechen des Gesprächs bei Beibehaltung körperlicher Nähe erzeugt Unwohlsein. Um dies zu vermeiden, sind die Gesprächspartner an einem ungestörten Verlauf interessiert.

Eine These Ernst Machs

Obwohl Ernst Mach der zu seiner Zeit – also der Jahrhundertwende –  meistgelesene Naturwissenschaftler mit Hang zum Philosophieren war, kennen wir den Namen nur noch als Bezeichnung für Überschallgeschwindigkeit oder Herrenrasierer. Der Zeitgenosse Freuds fasste die allgemeine Angst vor dem Endes des Jahrhunderts, das sich literarisch im Fin de Siècle bahnbrach, zusammen mit Hermann Bahr im „unrettbaren Ich“ zusammen. Vereinfacht gesagt ist dieser wohlklingende Mahnung die Absage an das Individuum als zu denkendes Ganzes. Das Ich ist bei Mach ein Knäuel von unterschiedlichem Wollen, Können, Müssen und Sollen.

Auch wenn wir neurobiologisch mittlerweile weiter sind, als dass wir über ein Ich-Knäuel oder Freuds Ich, Über-Ich und Es sprechen müssten, bietet sich dieses Knäuel doch als Analogie für die ausgelagerte digitale Persönlichkeit an. Die Foren sind die Orte, an denen die Existenz des Schreibenden auf einen Kulminationspunkt gebündelt werden. Im Forum „Mütter“ ist man Mutter, im Forum „Digitale Lehrer“ bin ich digitaler Lehrer und so weiter. Das bedeutet aber auch, dass diese Zuspitzung für meine Kommunikation essentiell ist. Wer mich im Forum „Coole Väter“ oder „Referendare“ angreift, der greift den Teil an, den die Teilöffentlichkeit des Forums sehen kann. Das macht den Angriff auf mein Wertesystem existentiell.

Forenvorführungen

Vereinfacht gesagt: Wenn ich mit meinem Freund streite, ist nicht nur der Wunsch da, das Gespräch trotz unterschiedlicher Auffassungen gelingen zu lassen, vorhanden, sondern auch der Gegenseitige Respekt vom dem Ich-Knäuel. Das, die gemeinsame Geschichte und der Wunsch nach Verständnis und im besten Fall nach Erkenntnis (die Reflexion der eigenen Unkenntnis voraussetzt) lassen das Gespräch gelingen.

All das ist in Foren nicht gegeben.

Ein Satz wie „Ist euch eigentlich klar…“ wird von dem einen als Impuls, für den anderen als Aufruf und für den letzten als Frontalangriff auf die Teilexistenz des Forums angesehen. Repariert muss nichts werden, die der lokale Bezug fehlt. Verständnis muss es keines geben, denn der gemeinsame Bezug fehlt.
Anstatt einer Frage, die Verständnis erreichen könnte, kommt es zur ersten Konfrontation. Der Gesprächsverlauf ist vorgezeichnet.

Eine Frage anstatt einer Antwort

Wenn das der Erklärungsversuch ist, was ist dann die Conclusio? Es gibt keine. Stattdessen eine weiterführende Frage.

Wie schaffen wir es wieder, uns dafür zu interessieren, was die anderen zu sagen haben, ohne uns dadurch angegriffen zu fühlen?

Ich bin für die zwanghafte Einführung der unpolemischen Nachfrage.

 

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Ein Podcast stellt sich vor: Der Referendarsflüsterer

Podcasts sind seit einiger Zeit schwer im Kommen. Das ist auch kein Wunder: Das gesprochene Wort über Wissenschaft, Wirtschaft oder Politik kann auf dem Weg zur Arbeit, beim Spazierengehen oder beim Aufräumen oder Putzen prima nebenbei gehört werden. 

Der Referendarsflüsterer

Da der Autor des Blogs in alle möglichen Nischen des Netzes schaut und alles, was es so gibt ausprobiert und durch viele Artikel sowieso im Thema Referendariat und Lehrerbildung partizipiert, entstand die Idee eines Podcasts, in dem über das Lehramtstudium, das Referendariat und die ersten Jahre als Lehrer gesprochen wird.

Themen

Als Themen wird alles auf den Plan kommen, was mit dem Lehrerberuf zu tun hat. Eine kleine Liste gibt es auf dem Blog des Podcasts. 

Kurz gesagt wird über alles gesprochen, was mit Schule, Schülern, Lehrern und Eltern zu tun hat. Aber auch Gespräche mit Fachleitern und anderen interessanten Personen sind geplant.

Wie hören und folgen?

Momentan sind die ersten beiden Folgen nur über den direkten Link zu hören. Man kann sie in einem RSS-Feed abonnieren. 

Podcast: Der Referendarsflüsterer

Nach einer kurzen Prüfzeit wird der Podcast auch über iTunes zu hören sein. Von dort kann es direkt auf das Smartphone oder das Tablet geladen werden.

Wie immer freue ich mich über Fragen, Anregungen oder Kommentare zu Themen oder Menschen. Auch über konstruktive Kritik und Anregungen, welche Podcasts man unbedingt hören sollte, freue ich mich sehr.

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Die Dropboxisierung des Lehrernachwuchses

Zwischen Kollaboration und dreistem Plagiat führt heutzutage ein schmaler Grat. Schlimmer als Arbeitsblätter abzugreifen und nichts selbst zu produzieren ist aber der Gedanke, der dahinter steht. Ein Kommentar. 

Eine Anekdote

Als ich in mein erstes Jahr als Lehrer startete, ging es mir schon nach nicht einmal drei Jahren schlecht. Das hatte viele Gründe, die man in das Schlüsselwort „Überforderung“ zusammenfassen kann. Dennoch: Kollegen halfen mir oder versuchten es. Eine Kollegin, der ich im Nachhinein besonders viel zu verdanken habe, da sie sich um mich kümmerte, wo sie nur konnte, erreichte aber einige Male das Gegenteil. Anstatt mir mit den vielen Einzelblättern, die sie mir gab, zu helfen, fühlte ich mich schlechter, hatte das Gefühl, das Chaos bräche über mich hinein. Ich hätte etwas anderes gebraucht, eine Leitlinie, eine Struktur. Aber dahingehend konnte mir keiner helfen. So boxte ich mich durch und versuchte, selbst Wege zu finden, wie ich zwischen fachfremden Unterricht, drei Mal so vielen Stunden wie im Referendariat und den vielen weiteren Anforderungen der Institution Schule und ihrer Mitwirkenden Licht am Ende des Tunnels sehen könnte. Irgendwie schaffte ich es, mit Hängen und Würgen. Mittlerweile glaube ich eine wichtige Lektion gelernt zu haben. Dazu später mehr.

Eine Anmerkung

Eine wichtige Anmerkung: Je länger ich im Schuldienst und im Netz unterwegs bin, desto mehr muss ich feststellen, dass viele Probleme in der Diskussion und der Kommunikation zwischen den (ambitionierten) Lehrern auf einer simplen Grundlage fußen: Jeder will, dass die anderen so sind wie man selbst. Mal wird dies ganz offen formuliert, mal scheint es zwischen den Zeilen hindurch. Letztlich ist die Prämisse aber: Ich tue dies, weil es richtig ist und wenn man es richtig machen will, macht man es so wie ich. Dies stelle ich voran, um sicherzugehen, dass der Leser weiß, dass es mir nicht darum geht. Auch wenn ich vernünftige Gründe anführen könnte, warum jeder Lehrer schreiben, bloggen oder twittern sollte, erkenne ich an, dass viele sagen, dass das „nichts für sie ist“, dass sie keine Zeit, keine Lust oder andere Prioritäten haben. Nun, da das geklärt ist, zum Thema:

Die Dropboxisierung der Facebookgruppen

In den Facebook-Gruppen, in denen ich mich tummele und deren Austausch ich auch immer mal wieder schätze, werden tausende von Fragen gestellt. Viele dieser Fragen veranlassten mich dazu, Blogartikel zu schreiben, deren zugehörige Kommentare und Rückmeldungen zeigen, dass sie durchaus Hilfestellungen geben können. Dennoch bleiben solche Artikel so etwas wie eine Bauanleitung, eine Architekturskizze von Unterricht, Ordnung oder Kommunikationssituationen. Mehr kann es nicht sein, da Unterricht und Schule – kurz: alles, was mit Bildung zu tun hat, dynamischen Prozessen unterworfen ist, die sich verändern, ja verändern müssen. Und trotzdem wissen wir, dass Schule sich wahrscheinlich am langsamsten verändert, was zahlreiche Gründe hat, die hier keine Rolle spielen sollen.

Die meisten Kommentare neben Diskussionsbeiträgen, die sich kritisch zur Grundhaltung der Referendarinnen und Referendare äußern, haben die Fragen nach Dropboxes (dazu gibt es mittlerweile ganze Gruppen). Das System ist einfach: Jemand fragt nach einer Dropbox und hunderte Interessierte schreiben ihre E-Mail unter den Thread. Einfach so. In Gruppen mit 20.000 Mitgliedern.

Dass dies nicht die einzigen Probleme sind, zeigt folgende Beobachtung, die auf Facebook unter die Diskussion gepostet wurde.

Probleme mit der Medienkompetenz.

Rechtliche Probleme

Dass dies nicht nur eine moralische bzw. arbeitsethische Frage aufwirft, mir der sich dieser Beitrag beschäftigt, sondern auch rechtliche, zeigt folgender Beitrag über Twitter:

In einem Artikel dazu heißt es:

Das Inhalte-Teilen ist allerdings nicht per se illegal. Entscheidend ist, ob die Dateien lediglich dem privaten Umfeld oder der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Hier gebe es eine alte Grundregel, sagt Lampmann. „Öffentlichkeit sind diejenigen, die nicht durch eine persönliche Bande miteinander verbunden sind.“

Jeder, der Dropbox häufig nutzt, sollte den ganzen Artikel lesen und sich den Gebrauch in dieser Form nochmals genauer überlegen.

Eine wohlwollende Perspektive

Man könnte nun mehrere Perspektiven darauf haben. Man könnte beispielsweise sagen, dass das doch gut ist. Das es eine Form von Austausch ist, dass jeder vom anderen profitiert (wenn es nicht so ist, wie man in der Gruppe oft lesen kann, dass jemand einfach sämtliche Daten auf seinen Computer zieht und nicht daran denkt, sie zu kopieren, was nach sich zieht, dass wieder eine andere Dropbox aufgemacht wird, bis dasselbe passiert).

Und in der Tat: Heutzutage kann jeder von jedem profitieren. Wenn dies in die Schule weitergetragen würde, ich hielte bezüglich dieses Themas meinen Mund. Wenn also jene, die sich über diese Art von „Arbeit“ den Schülern zugestehen würden, auch so zu arbeiten, also in der WhatsApp-Gruppe die Hausaufgaben zu teilen, sie von GuteFrage.net abzugreifen oder eine Facebook-Gruppe zu nutzen. Das hört sich polemischer an als es ist, denn diejenigen, die digitale Bildung besprechen und darin nicht einen Transfer von analoger Struktur auf digitale, sondern einen grundsätzlich neuen Ansatz sehen, denken in der Tat, dass hier Möglichkeiten bestehen. Aber das Ziel ist ein anders.

Das Ziel eines solchen Austausches unter Schülern wäre es, Fragen zu finden, die nicht vorgegeben sind, Antworten zu diskutieren und abzugleichen und selbst Impulse zu geben, die dann wieder weiterführen. Im besten Fall folgte daraus ein ganz eigenes, neues Produkt.

Aber so ist es nicht. In den Facebook-Gruppen zeigen viele Fragen und eben auch das Verlangen nach Dropboxes für den eigenen Unterricht ein besonderes Verständnis von Unterricht.

Eine ablehnende Perspektive

Unterricht ist da eine Aneinanderreihung von auszuteilenden Blättern, deren Vervollständigung mittels Sammlertrieb dafür sorgt, dass man irgendwann autark ist. Der Schüler wird zu Ausfüllmaschine degradiert, deren Ziel es ist zunächst im Unterricht, dann in der Klausur Kreuze zu machen und die Fragen zu beantworten, die sein Lehrer ihm zuvor als jene Fragen präsentierte, deren Antworten das richtige Wissen nach sich ziehen. Das geht gut. Noch eine Weile. Irgendwann aber, wird – so meine These – der Zeitpunkt kommen, an dem das nicht mehr funktioniert.

Es ist jetzt schon so, dass Schülerinnen und Schüler durch die vielen Möglichkeiten anders lernen als vor ein paar Jahren. Wenn Schüler einmal wissen, welcher Lehrer seine Materialien von wo holt, wird Lernen nichts anderes als ein Detektivspiel. Das ist das Gegenteil von den 4K, die gerade (zu Recht, wenn auch etwas verkürzt) als das Non-Plus-Ultra in der Bildungsdiskussion gelten.

Auf den Punkt gebracht: Jemand, der heutzutage Lehrer werden will, muss zwangsläufig ein Thema selbst aufbereiten können.

Muss eine Einheit planen können. Muss Unterricht so gestalten, dass er auf die jeweilige Klasse, das jeweilige Fach, die Schule und die Zeit zugeschnitten ist. Das ist verdammt viel Arbeit, aber wenn man es geschafft hat, sich reinzubeißen, zu scheitern, neu zu probieren und es jedes Mal ein bisschen besser zu machen, dann ist es das wert.

Eine Relativierung

Zum Abschluss noch zwei Dinge: Jeder, der sich durch einen Blog oder YouTube zu Wort meldet, muss ich zwangsläufig gefallen lassen, dass man ihm oder ihr eine gewisse Arroganz vorwirft. Was hast du zu sagen? Machst du etwa alles perfekt? Vor allem zu dem zweiten Punkt kann ich nur sagen: Um Gottes Willen nein! Auch ich stelle Fragen, plane und bin mir unsicher, Frage Kolleginnen und Kollegen und Schüler. Darum, und ich hoffe, das ist herausgekommen, geht es mir nicht.

Zum anderen: Ist das jetzt der (sowieso zum Scheitern verurteilte) Versuch, alle Fragen, die jemand stellen könnte, als bösen Plagiatversuch hinzustellen? Auch das nicht. Wenn man Schwierigkeiten hat und Impulse sucht, klar kann man dann, ja sollte fragen. Aber irgendwo hört es auch auf, und zwar da, wo jedem klar ist, dass es darum geht, nicht selbst denken zu müssen.

Lehrerinnen und Lehrer sind Menschen, die nach bestem Wissen und Gewissen Kindern und Jugendlichen einen Zugang zu einer Welt geben sollen, in der sich alles immer schneller verändert. Deshalb sollten sie zumindest versuchen, Teil dieser Veränderung zu sein, anstatt ausfüllbare Zettel zu sammeln, die zwar Sicherheit, aber keine Möglichkeiten zur Entfaltung geben.

Der Artikel beruht auf einem kurzen Thread, den ich auf Twitter veröffentlichte.

Wie immer freue ich mich auf eine faire Diskussion. Mir geht es nicht darum, jemanden an den Pranger zu stellen, sondern Impulse zur Selbstreflexion zu geben.

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Alle Lehrer auf Social-Media?

Um gleich die Frage vorwegzunehmen, ob sich nun alle Pädagogen auf allen Kanälen tummeln sollten: Ja, das sollten sie! Aber nicht alle gleich. Ein Kommentar.

 

 

 

Vor ein paar Jahren erhitzte sich eine Diskussion im Lehrerzimmer, die auch in der gesamten Öffentlichkeit immer noch anhält. War es rechtlich, moralisch und politisch angemessen von Angela Merkel, die Grenzen zu öffnen. Das Gespräch erreichte seinen Zenit, als es darum ging, welche Art von Wirkung Merkel mit dem mittlerweile ikonisch gewordenen Selfie auslöste. Die These eines sehr geschätzten, aber streitbaren Kollegen war es, dass die naive Unwissenheit von Merkel bezüglich der digitalen Ausbreitung von Bild und Text für einen unkontrollierten Zustrom gesorgt habe. In einer etwas polemischen Retour schmiss ich ein paar Namen von Youtubern in den Raum und fragte ihn, ob er diese kenne (mit der klaren Absicht ihm damit zu verstehen zu geben, dass nicht nur die Regierung, sondern auch wir, die Multiplikatoren dessen, was in einer Gesellschaft für wichtig gilt, keine Ahnung haben, was gerade passiert und wie). Obwohl diese Youtuber am Tag mehr Zuschauer haben als alle deutschen Zeitungen zusammen brach der Kollege das Gespräch etwas unwirsch ab, da er meinen Vergleich für völlig hanebüchen hielt.

Eine digitale Gesellschaft

Abgesehen davon, ob man das eigene, individuelle Verständnis von gesellschaftlichen oder kulturellen Mechanismen mit jenen von Regierungsakteuren vergleichen kann, bleibt es dabei, dass wir in einer Gesellschaft leben, deren zunehmende Grad an Digitalisierung die Öffnung der Perspektiven auf das, was Kultur, Kommunikation und Gesellschaft ist, massiv einfordert.

Die deutschsprachigen – und gerade die föderal organisierten deutschen – Schulen reagieren auf diesen Wandel sehr unterschiedlich. Während es Modellschulen gibt, in denen das offene Lernen mit und über digitale Medien an der Tagesordnung ist, tun sich die meisten Schulen sogar schwer damit, Handys als Kulturzugangsgeräte im Unterricht zu erlauben. Aber langsam tut sich etwas. Während die Medienbildung schon seit einiger Zeit fester Bestandteil des Bildungsplans ist und zusehends in die schulinternen Curricula eingebettet wird, entsteht stetig mehr digitale Infrastruktur, die überhaupt erst eine tatsächliche Anwendung zulässt (es sei angemerkt, dass sich auch hier die Schulen unterscheiden, und auch die institutionelle Ausstattung nicht hilft, wenn die digitale Infrastruktur der Stadt oder der Kommune keine angemessene Verbindung zulässt).

Analoge Akteure

Während aber sowohl institutionell, politisch und auch infrastrukturell Bewegung in den digitalen Wandel kommt, tun sich die Akteure schwer. Das ist auch kein Wunder, bedeutet doch gerade der Umgang mit digitalen Medien mehr als sich vor einem Whiteboard fotografieren zu lassen. Es bedeutet konzeptuelle Arbeit, theoretische Auseinandersetzung, kurz: Das Verlassen der eigenen Komfortzone mit der Aussicht auf unbezahlte Mehrarbeit.

Dies und die neuen Herausforderungen von Inklusion, Binnendifferenzierung und Integration vor Augen, ist es nicht verwunderlich, dass viele Lehrerinnen und Lehrer Gründe suchen und finden, warum sie nicht auch noch damit anfangen, die für viele immer noch Neuen Medien in den Unterricht zu bringen (Dies gilt oftmals leider auch für junge Lehrer und Referendare).

Alle ins Netz

Genau in der Leerstelle zwischen der Forderung nach totaler Digitalisierung und der kompletten Verweigerung liegt das Potential von Social Media. In einem Interview mit dem SPIEGEL, das jüngst erschienen ist, bringt Klaus Hurrelmann, Professor of Public Health and Education an der Hertie School of Governance, die Forderung auf den Punkt. Er konstatiert einen (noch nicht empirisch belegte) großen Bedarf – gerade für ältere Lehrer*innen – was den Umgang mit dem Netz und Social Media angeht. So fordert er, dass alle Lehrer

(…) routiniert mit dem Internet umgehen können (müssen). Dann müssen sie diese Plattformen nicht selbst nutzen, aber sie müssen sie genau kennen, wissen, wie sie funktioniert, nur so kann sich ein Lehrer in die Lebens- und Lernwelt der Schüler hineinvertiefen, die so etwas täglich benutzen. Dieses Wissen muss eine Lehrkraft in ihre pädagogischen Strategien einbeziehen können. Das ist eine absolute Voraussetzung.

Gerade Hurrelmanns Forderung nach Pflichtfortbildungen wird mit Sicherheit nicht auf breite Zustimmung stoßen. Wichtiger aber ist, welche Alternativen er anbietet: Zusammenarbeit zwischen den Lehrern und vor allem Zusammenarbeit mit den Schülern, die oftmals durch den täglichen Gebrauch um einiges weiter sind als ihre Eltern.

Natürlich ist es nicht damit getan, sich bei einem Social-Media-Dienst anzumelden. Dennoch gibt es zahlreiche Vorteile, die sich sogar dann ergeben, wenn zum Beispiel auf Twitter ausschließlich lurked, also anderen bei der Nutzung über die Schulter schaut, zum Beispiel:

  • bekommt man so eine Ahnung davon, wie schnell sich Informationen verbreiten
  • bekommt mit, wie Menschen miteinander kooperieren, sich Fragen stellen und beantworten
  • was gerade in der Lebenswelt der Schülerinnen und Schüler eine Bedeutung hat
  • welche Innovationen gerade getestet und besprochen werden
  • wie kommuniziert wird
  • welche kompositorischen Aspekte bei der Präsentation von sich selbst und anderen eine Rolle spielen
  • wie sich Hochkultur und Populärkultur gegenseitig befruchtet, erhellt, spiegelt und hinterfragt
  • wie es sich „anfühlt“ Teil einer größeren Gemeinschaft zu sein, die Offenheit, Freiheit und Kreativität fordert

und viele, viele Punkte mehr. Dabei ist es zunächst nicht notwendig, dass man selbst aktiver Teil des Netzwerks wird, wenngleich natürlich gerade die aktive Teilnahme das ist, was das „postdigitale“ Zeitalter so spannend macht.

Zugespitzt könnte man auch sagen: Wer sich keinen Zugang zur digitalen Gesellschaft verschafft, versteht nur einen Teil der Gesellschaft. Und wer nur einen Teil der Gesellschaft versteht, sollte nicht den Kindern erklären sollen, wie sie als Ganzes funktioniert.

Herausforderungen

Ein weiteres großes Aber blinzelt aus den präzise geschnittenen Stückchen, die wir Fächer nennen. Kommunikation, Bildbeschreibung, Kultur – schön und gut, aber sind dies nicht alles Teilbereiche der Philologie? Wie soll nun ein Mathe- oder Physiklehrer von Social-Media profitieren?

Die Antwort auf diese Frage würde wohl ein Buch füllen. Dennoch, kann man unvollständig und aus dem Bauch heraus hinschmeißen:

Wie alles in der „realen“ Welt einen Ort hat, eine Zeit und eine Zusammensetzung, hat auch die digitale Erweiterung der Lebensbereiche einen Ort und eine Zeit. Ob es nun die Recherche nach Anwendungsmöglichkeiten von Matheformeln ist, die Überprüfung von geographischen Erkenntnissen via Google-Earth, das Anschauen von für die Schule viel zu gefährlichen Experimenten in Chemie auf Youtube, das Komponieren von Musik, der tatsächliche Austausch mit einem Menschen auf der anderen Seite der Welt (nicht nur Austauschschüler; wieso nicht mit einem Mathe-, Physik-, oder Biologieprofessor in den USA chatten, videochatten, twittern oder ähnliches?).

Kurz: Wenn der Wille besteht, gibt es jetzt schon unbegrenzte Möglichkeiten, wie man in seinem Fach digitale Techniken, Plattformen und Netzwerke nutzen kann.

Das jemand, der keinerlei Berührungspunkte damit hat, Respekt oder sogar Angst vor einem Sprung ins kalte Äther hat, ist klar. Die schiere Menge der Möglichkeiten, deren Last ja auch die Schülerinnen und Schüler erdrückt, kann beängstigend sein.

Aber gerade deshalb ist es wichtig, zumindest ab und zu an einem digitalen Spaziergang teilzunehmen, mal hie mal dorthin zu spähen und sich einen ersten Eindruck zu verschaffen. Wir alle haben gar keine andere Möglichkeit, wenn wir für uns beanspruchen dafür zu kämpfen, dass die Welt eine Gemeinschaft ist, die sich solidarisch verhält und sich gegenseitig unterstützt.

Es ist Zeit, einzutauchen.


Ein guter Ort um das Netz kennenzulernen ist Twitter. Wie das geht? Einfach dem Link folgen.

Hier gibt es einen Podcast, der sich mit dem Thema befasst.

 

 

 

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Perfide mediale Strategien der Populisten: Der Hoax und der doppelte Hoax

Da wir uns in den Schulen nicht mit wirklicher politischer Medienbildung beschäftigen, sind die Kinder, die Jugendlichen und auch Erwachsene auf sich selbst gestellt, wenn es um eine der zentralen Kompetenzen im Internet (und auch im realen Leben) geht: Zu beurteilen, ob man einer Information trauen kann oder nicht. Da vor allem Rechte und Populisten wissen, dass sich ihre Ideen nur dann transportieren lassen, wenn die Gegenstimmen klein gehalten werden, finden sie immer neue Taktiken, wie man die Menschen verunsichert: Die nicht mehr ganz so neue Masche ist der „Hoax Hoax“.

Die Verdopplung des englischen Begriffes bezeichnet dabei eine Strategie, die nicht einfach zu durchschauen ist. Dies ist vor allem deshalb relevant, weil die meisten Menschen, deren Kompetenz im schwer überschaubaren und überlaufenden Netz, noch nicht einmal bei normalen Hoaxes checken, ob die Information zutrifft.

Der normale Hoax oder die Fake-News ist einfach gestrickt. Man behauptet schlicht etwas Falsches, nutzt eine selbst erstellte Grafik oder ein falsches Bild. Im amerikanischen Wahlkampf haben die Falschmeldungen die der seriösen sogar übertroffen. Ein nicht mehr gut zu machender Schaden für die Demokratie.

Der doppelte Hoax ist am besten durch ein konkretes Beispiel zu erklären. Nehmen wir an, dass jemand will, dass eine bestimmte Bevölkerungsgruppe schlechtgemacht wird. Anstatt nun ein Bild der bösen – nehmen wir Flüchtlinge – in einen Artikel zu stellen, schreiben wir einen positiven Artikel über den Flüchtling. Was nun wie ein Paradox klingt, ist in Wirklichkeit Teil einer perfiden Strategie.

Dieser positive Artikel wird in seiner moralischen Sichtweise so unrealistisch dargestellt, dass selbst Menschen, die nur einen Grundbegriff vom Lesen haben, diesen Fake, diese „falsche Meldung“ enttarnen.

Nun greift der zweite Teil des Hoaxes. Mit demselben Bild (das natürlich immer noch von woanders stammt) wird nun ein viel realistischerer Anti-Flüchtlings-Artikel verfasst. Dieser ist genauso einfach geschrieben und zu verstehen, aber ist auf den ersten Blick als realistischere Alternative zum ersten Artikel zu verstehen.

Nun müssen beide Artikel noch nicht einmal mit einem konkreten „Beweis“ versehen werden, sondern nur mit einer Anmerkung, die (angeblich) dem (angeblich) verständigen Leser die Beurteilung überlässt.

Auf diese Weise werden drei Fliegen mit einer Klappe geschlagen:

  • Der Leser fühlt sich kompetent, ja sogar erhaben, weil er die Wahrheit „entdeckt“ hat
  • Der Leser traut den „Mainstreammedien“ nicht mehr, da er sie als Lügner enttarnt zu haben glaubt
  • Der Leser glaubt den Hoax, weil er den anderen Hoax als solchen enttarnt

Aus aktuellem Anlass ein „ganz normaler“ Hoax der AfD

 

Das zu durchschauen ist nicht nur Teil einer politischen Medienbildung, sondern eine fundamentale Kompetenz, die in jedes Lehrerzimmer, in jede Schule, in viele Gespräche gebracht werden muss. Denn ansonsten überlassen wir es den Populisten, die nicht medienkompetenten Massen so zu manipulieren, dass sie immer weiter immun werden gegen Aufklärung. Denn Aufklärung bedeutet für jemanden, der glaubte, dass er die Wahrheit kennt, dass er sich eingestehen muss, einer Lüge aufgesessen zu haben. Und das ist eine Form der Selbstverleugnung, die man nicht gerne betreibt.

Der Hoax Hoax muss als solcher bekannt werden.

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Was ich mir für das kommende Schuljahr wünsche

Nun ist es bald wieder soweit: Die Sommerferien und mit ihnen die Zeit der Erholung, der Muße und den Unternehmungen mit der Familie ist zumindest in dieser intensiven Form vorbei und ein neues Schuljahr steht an. Hier sind einige Wünsche an die Schülerinnen und Schüler, die Kollegen und an mich selbst

 

Ich wünsche mir,

dass ich es schaffe, mich nicht schnell aus der Ruhe bringen zu lassen

dass ich die Schülerinnen und Schüler so begeistern kann, wie auch ich von den Themen begeistert bin

dass ich zusammen mit Kollegen Inhalte entwickeln und ausprobieren kann

dass ich wieder einen Schritt weiter Richtung digitale Normalität machen werde

dass die Schülerinnen und Schüler mir vertrauen

und ich darauf vertrauen kann, dass sie mich ernst nehmen so wie ich es bei ihnen tue

dass ich die Korrekturen durchziehe 

dass ich dennoch Pausen ernst nehme

dass ich mir genügend Zeit für meine Familie nehme

dass ich von den Schülern Unmögliches verlange, so dass wir zusammen Unmögliches schaffen können

dass ich nicht zu viel Kaffee trinke

dass ich es wieder schaffe, die Welt in die Schule und die Schule in die Welt zu bringen

dass ich meine Nerven, meine Halsschlagader und meine Stimme schone

dass der Umgang zwischen allen an der Schule Beteiligten wertschätzend und konstruktiv bleibt

dass ich mir nicht zu viel vornehme

dass ich nicht alles so persönlich nehme

dass die Schüler Feuer fangen

viele, viele Fragen und ein paar Antworten

dass ich zum Schreiben komme

und dass einige sich inspirieren lassen und mich inspirieren.

Ich wünsche uns allen ein gutes und erfolgreiches Schuljahr!

Was wünscht ihr euch?

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Die AfD und die Wahrheit

Die politische Willensbildung ist schwierig. Vielleicht ist sie in diesen Zeiten schwieriger als sonst. Allenthalben verändert sich die Welt, sich differenziert sich in immer kleiner werdende Einzelinteressen, in Schnipsel von Wirklichkeiten und massiv globalen Veränderungen. Mittendrin ist der Einzelne, der versucht durch ein wenig Kontrolle die Fäden in der Hand zu behalten. Nun vor den Bundestagswahlen werden die Entitäten, um die es geht, aber größer. Und während sich viele Parteien zugestehen, dass nur durch Handlung in kleinem Maßstab überhaupt ein Rest an Kontrolle bleibt, posaunt die AfD, die Wahrheit zu kennen. Aber welche Wahrheit ist das?

Der Begriff der Wahrheit

Mit dem Begriff der Wahrheit musste man schon immer aufpassen. Ob nun die Konstatinische Schenkung, (die um das Jahr 800 datierte gefälschte Urkunde, die angeblich in den Jahren 315/317 vom römischen Kaiser Konstantin I. ausgestellt wurde), oder der in der Goethezeit als Referenzpunkt für den Geniegedanken herangezogene Epos „Ossian“ (der sich später als zeitgenössische Fälschung herausstellte) zeigen, dass Wahrheit vor allem das ist, das Menschen glauben, und zwar insbesondere dann, wenn es in ihrer Wirklichkeit einen Vorteil bringt.

Der Glaube, dass es mit der Fotografie und flächendeckenden Videoaufnahmen eine Art objektive Wahrheit, musste schnell begraben werden. Ob Giftgasangriffe in Syrien, die Definition von dem, was diese oder jene staatliche oder außerparlamentarische Gruppe als Wahrheit betrachtet, zeigt vielmehr über das zeigende Subjekt als über das Objekt, dessen angebliche Wahrheit es benennt.

Eine Statistik (die gerade nicht aufzufinden ist) zeigte, dass in den letzten Monaten des US-Wahlkampfs mehr Fake-News (also ausgewiesene, deren Urheber zugaben, alles erfunden zu haben, um Klickzahlen zu generieren) im Umlauf waren als jene der großen journalistischen Netzwerke.

Freilich sind all dies nur kleinere Randnotizen. Wer sich eingehend mit dieser Thematik befassen will, dem sei Roger Willemsens und Dieter Hildebrandts ausgezeichnetes Hörbuch „Die Weltgeschichte der Lüge“ empfohlen.

Kommunikationsstrategien der AfD

Die AfD mag in großen Teilen zersplittert und seit der Entmachtung von Frauke Petry eine hölzern und oft plump wirkende Partei sein. Ihre Kommunikationsstrategie ist jedoch hochgradig wirksam.

Dass es die AfD (nicht erst seit dem kalkulierten Eklat von Weidel) darum ging und geht, mit Provokationen im Gespräch zu bleiben, ist nicht erst seit dem internen Papier bekannt, in dem unverhohlen dazu aufgefordert wurde, zu provozieren, um dann wieder zurückzurudern.

Die dahinter steckende Strategie wurde schon des Öfteren analysiert.

Die Wahrheit über die Wahrheit

All jene Strategien sind bekannt und wurden von der AfD nicht erfunden. Gut, man mag es besonders perfide finden, dass gerade eine Partei, die offen mit rassistischen Ressentiments um Wähler buhlt, jenen, die gegen sie sind, vorwerfen, eine zweite Judenverfolgung vorzunehmen.

 

Gerade diese paradox-schizophrene Opfer-Täter-Umkehrung, aus der dann der „erwachende“ Übermensch wie ein Phönix aus der Asche aufsteigt, ist bei den AfD-Mitgliedern das Basisrepertoire – übrigens genau wie jene Memes, die den Gegenüber der Lächerlichkeit preisgeben.

Typisches Meme als Totschlagargument

Solche Memes nutzen wir alle.

Viel wichtiger als all die Strategien, als all die Memes und all die Beschimpfungen, die man sich, wenn man in jenen Kreisen digital aufhält, zu Gemüte führen muss, ist aber in der Tat das, was die AfD-Anhänger als Wahrheit sehen.

Die Wahrheit wird nur von den Erleuchteten gesehen.

Die Wahrheit können nur diese Erleuchteten aussprechen.

Die Wahrheit wird von allen anderen verschwiegen.

Die Wahrheit ist deutlich, und nur weil wir in der Unwahrheit leben, brauchen wir Mut.

Die Wahrheit ist, dass die Deutschen mehr wert sind als alle anderen.

Das ist sehr simpel, aber darauf beruht alles. Es zerstampft die humanistischen Werte, es zerfasert die Solidarität, es zerfetzt das Grundgesetz. Und es knüpft an dunkelste Zeiten an.

Insofern: Immer her mit der Nazikeule! 

Wir müssen aufstehen, dagegenhalten, dazwischenreden. Nicht, weil diejenigen, die unsere Gesellschaft in gut (deutsch) und böse (alles andere) aufteilen wollen Spinner sind, die keine Ahnung haben. Sondern weil sie an eine Wahrheit denken, deren Umsetzung menschenverachtend, ja, unmenschlich ist.

 

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Rote Haare, eigene Meinungen und eine halbnackte Lehrerin auf Instagram

Lehrerin Morena Diaz auf ihrem Instagramaccount

Der zugegeben etwas reißerische Titel weist auf ein gerade in diversen Netzwerken diskutiertes Problem: Inwiefern darf ein Lehrer als Privatperson das tun, was er oder sie tun möchte – vor allem hinsichtlich des Beamtenstatus. Eine Skizze und ein Kommentar. 

Stein des Anstoßes war der von Philippe Wampfler gepostete Artikel des Schweizer Watson Blogs, auf dem eine Lehrerin vorgestellt wird, die nicht nur Lehrerin, sondern auch eine Instagram-Berühmtheit ist (Neudeutsch: Influencerin, also eine Person, die mit über 60.000 Followern Einfluss auf ihr Publikum hat). Neben der Tatsache, dass sie diesen Account nutzt, um Nebeneinkünfte zu erzeugen, ist sie dort im Bikini zu sehen – eine Tatsache, die den Sitten- und Moralvorstellungen von vielen nicht entspricht.

Dass die Lehrerin diese Fotos nach eigenen Angaben deshalb postet, um auf ein gesundes Körperverhältnis hinzuweisen, da ihr Körper eben nicht dem Standard einer auf Unterernährung basierenden Modelbranche entspricht, lassen die Kritiker nicht gelten.

Neben den Richtlinien, die beim Nebenerwerb beachtet werden müssen und auf die Medienexperte Philippe Wampfler in einem eigenen Post hingewiesen hat, zielt die Kritik auf die Frage, inwieweit ein Beamter außerhalb seines Dienstortes Träger dieses Titels ist und entsprechend handeln muss.

Axel Krommer, Akademischer Oberrat für Deutschdidaktik an der Universität Erlangen, sieht die Sache sehr klar:

 


Seine Position untermauert er mit dem Hinweis auf das Beamtengesetz, in dem es heißt:

§ 34 Wahrnehmung der Aufgaben, Verhalten

Beamtinnen und Beamte haben sich mit vollem persönlichem Einsatz ihrem Beruf zu widmen. Sie haben die übertragenen Aufgaben uneigennützig nach bestem Gewissen wahrzunehmen. Ihr Verhalten muss der Achtung und dem Vertrauen gerecht werden, die ihr Beruf erfordert. Sie dürfen ihr Gesicht bei Ausübung des Dienstes oder bei einer Tätigkeit mit unmittelbarem Dienstbezug nicht verhüllen, es sei denn, dienstliche oder gesundheitliche Gründe erfordern dies.

Lassen wir mal hingestellt, dass es hier nun eher um das Gegenteil von Verhüllung geht. Der wichtige hier angesprochene Punkt ist wohl das „beste Gewissen“ und die „Achtung und das Vertrauen“ in Bezug auf den Beruf.

Wampfler äußert diesbezüglich die Freiheiten, die man dennoch als Privatperson habe, egal ob man nun Beamter ist oder nicht.

Da aber eine Lehrerin selbstverständlich im Bikini baden darf, ist davon auszugehen, dass sie dabei auch Bilder machen und diese im Netz veröffentlichen darf – Lehrpersonen verzichten nicht auf Meinungsäußerungsfreiheit, weil sie unterrichten. Werden sie deswegen benachteiligt, fände ich es seltsam, ihnen dafür Vorwürfe zu machen.

Bevor eine Bewegung angeschlossen wird, sei zunächst auf zwei weitere Vorfälle verwiesen, die, wie ich meine, in Bezug zu setzen sind, mit dem hier aufgeführten Sachverhalt. Zum einen ist das die, vor dem Hintergrund des anstehenden Referendariats zu Recht gestellte Frage einer Referendarin, ob es in Ordnung wäre, ihre roten Haare auch im Referendariat zu zeigen (ein Umstand, der wohl bei vielen nicht dieselbe emotionale Wirkung hervorruft wie eine Lehrerin im Bikini).

Zum anderen ist es die Frage des engagierten Autoren, Twitterers, Medienexperten und eben auch Lehrers Wampfler über seine konstanten Meinungsäußerungen auf den diversen Netzwerken. Ihm sei wiederholt der Vorwurf gemacht worden, dass das Klassenzimmer wohl „zu klein für ihn sei“, er nicht „wisse wohin mit seiner Meinung“ und dass er sie deshalb ins Netz gösse (ein Vorwurf, dem auch der Autor dieses Blogs wiederholt ausgesetzt wurde – zu Recht).

Nun ist es typisch für Wampfler, dass er ganz im Sinne einer ehrlichen Transparenz diese Kritik durch die vielen Leser seines Blogs und seiner Seite reflektieren lässt. Die etwas längere Antwort von Marc Böhler sei hier ganz zitiert, da sie, wie ich meine, die oberflächlich gesehen sehr unterschiedlichen Sachverhalte – Bikinibilder, rote Haare und öffentliche Meinungsäußerung – zum großen Teil beantwortet (und das, obwohl sie sich ausschließlich auf letztgenannten Sachverhalt bezieht).

Es heisst ja auch Kanti «Enge»… Rock on lieber Philippe! Diese Kritik kommt von Personen, die im modernen Denken verhaftet sind. Wir leben aber in der Nachmoderne und alle Ebenen müssen lernen, wie die neuen kommunikativen Strukturen wirken und wie wir mit ihnen wirken können. Kleines Beispiel ist diese Insta-Lehrerin. Ich bin klar der Meinung, die Frage eines Interessenskonflikts stelle sich gar nicht. Es stellt sich vielmehr die Frage, ob wir diese Frage nach Interessenskonflikten ganz anders stellen sollten.

Schülerinnen und Schüler von Lehrpersonen, die nicht nur wie Roboter Wissensvermittler im Schulzimmer sind, sondern auch Influencer in anderen sozialen Räumen, lernen schon früh, eine eigene Meinung zu bilden, dadurch, dass sie mit starken Meinungen konfrontiert sind.

Während Kinder und Jugendliche von politisch, stilistisch und kommerziell neutralen Lehrpersonen in eine Erwachsenenwelt entlassen werden, in der sie von allen Seiten manipuliert werden, sind Schülerinnen und Schüler von starken Netzpersönlichkeiten darauf bestens vorbereitet. Zudem bin ich der Meinung, dass da eine Diskussion geführt wird, ohne die Meinung der eigentlich Betroffenen zu suchen. Ich bin sicher, den Schülerinnen und Schülern im engen Zimmer der Kanti Enge ist es egal, was du im Netz treibst, so lange du sie gut auf die Zukunft vorbereitest.

Gerade den letzten Satz kann man sehr kritisch sehen, denn sicherlich gibt es auch hier Grenzen (eine starke öffentliche Meinung, die die NPD unterstützt wäre so etwas oder ein Lehrer, der öffentlich pornografische Bilder postet, obwohl auch dieses Thema komplexer ist, als es scheint).

Wichtiger scheint mir der Verweis auf die Meinungsbildung, die mittlerweile häufig in einem öffentlichen Raum verhandelt wird. Das zahlreiche Scheitern von Kommunikation in sozialen Netzen, verdeutlicht eben nicht, dass die Teilnehmenden „es nicht können“, sondern dass auf diesem Gebiet Nachholbedarf ist. Eben in auch in Form von politischer Medienbildung.

Das Argument, das nun versucht, beides gegeneinander auszuspielen, indem gefragt wird, ob denn nun alle Beamte in Bikinis posieren sollten (oder rote Haare bzw. einen Blog haben) lasse ich nicht gelten, denn das beruht auf der Annahme, dass es bei dem oben zitierten Paragraphen darum ginge, eine einziges Auslegung gegenüber der „Achtung“ gegenüber dem Beruf zu haben.

In einer sich wandelnden Welt sind Schülerinnen und Schüler (und auch deren Eltern, die sich oftmals weit weniger auskennen als ihre Kinder) jeden Tag mit den Eindrücken des Netzes konfrontiert. Und neben Lehrerinnen in Bikinis sehen sie dort Gewalt, Hatespeech und müssen sich populistischen Rattenfängern erwehren. Diese Kinder haben Experten verdient, die auch in diesem Gebiet so bewandert sind, dass man sie ansprechen kann.

Ganz in diesem Sinne, finde ich es nicht nur „in Ordnung“, dass eine Lehrerin auf Instagram Fotos von ihrem Körper präsentiert, sondern sinnvoll. Dass es Menschen gibt, die das skandalös finden, sei dahingestellt, aber das ist mit Gesprächen durchaus zu lösen. Zumindest besser als sein Kind in die Klinik bringen zu müssen, weil es seinen Körper auf Modelmaße hungern möchte.

Insofern finde ich sie gut, die Lehrerinnen in den Bikinis, die den Schülerinnen zeigen, dass man stolz auf sich sein kann, die Lehrer mit dem Twitteraccount und den Blogs, die zeigen, dass man eine Meinung hat und für diese streitet oder auch nur die Referendarin, die mit den knallroten Haaren zeigt, was ihr gefällt. Solche Lehrer braucht das Land!

 

 

 

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Warum Lyrik? 100 Gründe

Da war es also wieder, mein Lieblingsargument. Man solle keine Gedichte mehr in der Schule analysieren, weil „ich das später nie wieder gebraucht habe.“ Schwierig. Für mich als ehemaligen Waldorfschüler ist das natürlich ganz anders. Ich koche, backe, nähe und stricke und ab und zu in der Mittagspause treibe ich Kupfer zu einem Becher, den ich dann ins Meer fallen lasse. Kleine Referenz am Rande. Dann fälle ich jeden Tag Bäume. Das tun alle Waldorfschüler. Und ich binde alle meine Bücher, die ich schreibe selbst. Der Punkt ist gemacht, oder?

Wenn wir Schule auf das aufbauen, von dem jeder einzelne sagen kann, dass er es später braucht, wird es sehr eng.

Aber bleiben wir bei der Lyrik.

Hier sind 100 Gründe, warum Lyrik (in und außerhalb der Schule) sinnvoll ist.  

  1. Um nicht nur mit, sondern auch über die Sprache zu sprechen
  2. Um zu verstehen, was ein einzelnes Wort bedeuten kann
  3. Um teilzuhaben an der Mannigfaltigkeit der Sprache
  4. Um Kulturen in Wort und Wortbildern kennenzulernen
  5. Um zu verstehen, dass sich Menschen mit mehr beschäftigen, als mit dem Unmittelbaren
  6. Um zu erkennen, was man mit Sprache alles machen kann
  7. Um zu verstehen, was man mit Sprache nicht machen kann
  8. Um das Mehr von Worten wahrzunehmen
  9. Um die Musik der Sprache wahrzunehmen
  10. Um selber Worte und Verse zu versuchen
  11. Um andere Zeiten in anderen Worten als den bloß funktionalen kennenzulernen
  12. Um beeindruckt zu sein von dem Klang der Welt
  13. Um beeindruckt zu sein von dem Klang des Wortes
  14. Um zu verstehen, dass es oft mehrere Ebenen gibt als die erste scheinbare
  15. Um zu verstehen, dass man Farben schmecken kann
  16. Um zu sehen, wie Menschen miteinander umgehen
  17. Um zu sehen, wie Menschen miteinander umgingen
  18. Um die Kulturen in der kleinstmöglichen Form wiederzuerkennen
  19. Um die Sprache als eine lebendige Form zu sehen
  20. Um den Beruf des Schriftstellers zu würdigen
  21. Um Namen derer kennenzulernen, die mithilfe der Lyrik versuchten, die Welt zu erfassen
  22. Um zu erkennen, wie schwierig es für den Menschen ist, die Welt zu erfassen
  23. Um zu erkennen, dass die Position eines Wortes alles sein kann
  24. Um zu erkennen, dass die Position eines Wortes nichts sein kann
  25. Um so genau zu schauen, dass die Augen angestrengt sind
  26. Um so genau zuzuhören, dass nichts mehr anstrengend ist
  27. Um Schönheit im Kleinsten zu erleben
  28. Um sich gemeinsam zu erinnern
  29. Um Worte zu finden, wenn man keine Worte mehr hat
  30. Um ein Repertoire zu haben, wenn man jemandem mehr sagen will, als man sagen kann
  31. Um ein Repertoire zu haben, wenn man jemandem beistehen will
  32. Um zu erleben, wie die Sprache einen in andere Welten führt
  33. Um zu versuchen zu reimen
  34. Um darüber zu lachen, was ein Reim mit einem anstellen kann
  35. Um mit seinen Kindern später spannende Verse zu sprechen
  36. Um mit seinen Kindern über lustige Verse zu lachen
  37. Um bei sich zu sein
  38. Um bezeichnen zu können
  39. Um das Repertoire kennenzulernen, das nötig ist, um bezeichnen zu können
  40. Um aufmerksam zu sein für das Unerforschte
  41. Um sich darüber aufzuregen, wenn man etwas nicht versteht
  42. Um sich darüber zu freuen, was mit einem passiert, wenn man plötzlich versteht
  43. Um Worte kennenzulernen, die man vorher nicht kannte
  44. Um Worte in ganz anderen Kontexten kennenzulernen
  45. Um Worte ganz neu sehen zu können
  46. Um zu verstehen, was Worte mit anderen anrichten können
  47. Um zu sehen, dass ein paar Verse selbst mächtige Staatsmänner treffen können
  48. Um zu sehen, dass ein paar Verse den Liebsten berühren kann
  49. Um zu sehen, woher die Worte kommen, von denen wir denken, dass sie schon immer da sind
  50. Um zu sehen, was Betonungen auslösen können
  51. Um den Sprachstreit kennenzulernen
  52. Um die zahlreichen Referenzen auf heutige Schrift und Wörter zu verstehen
  53. Um also mehr zu verstehen
  54. Um tiefer zu verstehen
  55. Um zu verstehen, wie Verse ganze Kulturen überliefern können
  56. Um im Kleinen zu sehen, dass man ein Kleines ist
  57. Um zu beeindrucken
  58. Um beeindruckt zu sein
  59. Um sich gegenseitig vorzulesen
  60. Um andere hinschmelzen zu lassen wie Honig
  61. Um Metaphern zu verstehen und wie sie alles schmücken
  62. Um zu sehen, wie Sprache manipuliert werden kann
  63. Um zu erkennen, wie man Manipulation erkennt
  64. Um mitgerissen zu werden
  65. Um zu sehen, wie aus Worten Bilder werden
  66. Um Lieder noch gründlicher zu verstehen
  67. Um zu erkennen, was Lieder und Lyrik gemeinsam haben
  68. Um sich zu trösten
  69. Um andere zu trösten
  70. Um seine Angst zu bekämpfen
  71. Um den Rhythmus kennenzulernen
  72. Um das Metrum kennenzulernen
  73. Um dann, schließlich, das einzige Mal, wenn man trotz seiner eigenen Ablehnung in der Zeitung für seinen Sohn oder seine Tochter ein Gedicht schreibt, nicht diese hohlen Phrasen auf das Papier zu klatschen
  74. Um die Dynamik der Sprache kennenzulernen
  75. Um seine Sprache als Ganzes besser kennenzulernen
  76. Um zu verstehen, dass jede Zeit eine andere Form hat
  77. Um zu verstehen, dass jede Form eine andere Zeit hat
  78. Um andere Menschen besser verstehen zu können
  79. Um ein Gedicht kennenzulernen, dass das eigene ist
  80. Um ein Gedicht kennenzulernen, dass für jemanden anderen ist
  81. Um sich in der Welt zu orientieren
  82. Um zu sehen, was mit Menschen passiert, die nur die Sprache haben
  83. Um zu sehen, was mit der Welt passiert, in der Sprache verboten ist
  84. Um auszuruhen
  85. Um miteinander ins Gespräch zu kommen
  86. Um die Größe derjenigen schätzen zu lernen, die mit wenigen Worten das beschreiben, was mehr ist als die Summe der Worte, aus denen die Schrift besteht
  87. Um nachzudenken
  88. Um angestrengt nachzudenken
  89. Um nach der Anstrengung eine Idee zu haben
  90. Um schreiben zu lernen
  91. Um beschreiben zu lernen
  92. Um sich schreibend kennenzulernen
  93. Um Worte zu haben, um Worte zu beschreiben
  94. Um aufmerksam zu sein
  95. Um vorsichtig zu sein
  96. Um zu wissen, welche Struktur dieser Artikel hat
  97. Um zu wissen, warum dieser Artikel diese Struktur hat
  98. Um zu erkennen, das Nutzen nicht nützt, wenn die Zeit nach dem Nutzen nicht glückt
  99. Nein, nicht um einen Aufsatz zu schreiben
  100. Um, wenn man dies alles nicht will und wenn man die Worte und Reime und Strophen und Verse und Metaphern und Vergleiche kennengelernt hat, sagen zu können: Damit möchte ich mich nicht weiter befassen. Aber ich weiß nun, warum.

Ich bin mir sicher, dass das nicht alle waren. Falls euch noch welche einfallen, dann schreibt sie gerne in die Kommentare. Ich werde nun ein wenig lesen. Vielleicht ein schönes Gedicht.

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