Bob Blume
"(…) eine Axt für das gefrorene Meer in uns."

Kämpfende Prinzessinnen und eine Lehrerin am Pranger

Model: Anne Schirmaier

Unter den meisten twitternden und bloggenden Lehrern ist es mittlerweile Konsens, dass man Schülerarbeiten nicht online veröffentlicht – auch nicht anonym – um sich über das, was sie geschrieben haben zu amüsieren oder zu echauffieren. Andersherum passiert es mindestens genauso häufig. Müssen Lehrer damit leben, dass ihre Kommentare veröffentlicht werden? Ein gerade viral gehender Tweet zeigt das Dilemma von Beurteilungen, die ohne Kontext passieren.

Die Problematik erscheint auf Anhieb klar: Da ist auf der einen Seite der kreative Sohn, der in liberaler Manier die Prinzessin kämpfen lässt und sich so über vermeintliche Geschlechterungleichheiten der Literatur hinwegsetzt. Und da ist auf der anderen Seite die verstockte Lehrerin, die in ihrem verstaubten, normativen Verständnis diese liberale Kreativität mit Rotstift zensiert. Die Fronten sind ausgemacht, Gut und Böse definiert. Aber so einfach ist das nicht.
Natürlich sind Reaktionen, die Unverständnis hervorrufen, normal. Jedoch offenbaren sie drei grundlegende Probleme, die geradezu typisch für die Aufschreikultur von Social Media sind.

1) Die Aufgabenstellung ist nicht klar. Die Korrektur am Rand ist aus dem Kontext gerissen.
2) Insofern geht der Großteil der Kritik am eigentlichen Problem vorbei.
3) Die Kritik selbst ist teilweise sehr beleidigend.

Die Schreiberin selbst sieht das schon ein, hat nun aber keinen Einfluss mehr, auf den Widerhall, den ihr Tweet erzeugt.

Damit wir uns nicht falsch verstehen: Natürlich kann eine Prinzessin in einer fiktiven Erzählung genauso kämpfen wie der Prinz. Und natürlich gibt es Märchen, in denen weibliche Hauptfiguren kämpfen, sich wehren, listig sind. Und natürlich ist diese normative Setzung in modernen Märchen wie Star Wars (das übrigens auch im Deutschbuch vorkommt) aufgehoben.
Es geht aber nicht um irgendeine Form von fiktiven Erzählungen, sondern um die Gattung Märchen, einer Erzählweise, die sich aus mündlicher Überlieferung zu einer Form entwickelte, die heutzutage in den Lehrplänen für die 5/6. Klasse ausgewiesen ist. Dass dort die Prinzessin nicht kämpft, hängt schlicht an ihrer Rolle in der höfischen Gesellschaft und der literarischen Reflexion derselben.

Im noch aktuellen Bildungsplan für Gymnasien (2004) heißt es für den Bereich Deutsch unter der Unterüberschrift „Umgang mit literarischen und nichtliterarischen Texten“:

Kompetenzen und Inhalte für Deutsch, Gymnasium – Klasse 6

 

Wichtig ist hierbei besonders die Begrifflichkeit „Gattungsmerkmale“. Denn diese Merkmale sind zwar unwidersprochen dem Wandel der Zeit unterworfen, sind aber besonders in literarischen Formen, die sich über Jahrhunderte entwickelt haben, sehr normativ.

Man kann diesen Bildungsplan nun ablehnen. Man kann auch – ganz im Sinne eines Wissensansatzes, der sich über Kreativität, Vernetzung, Kollaboration und Kommunikation definiert – das Erlernen von tradierten Literaturformen ablehnen. Man kann sich also durchaus darüber aufregen und sich dafür einsetzen, dass der Bildungsplan keiner postmodernen Dekonstruktion unterworfen ist.

Was jedoch meines Erachtens kein gutes Licht auf die Kritiker wirft, ist die Art und Weise, wie die Kritik gegen eine Lehrerin gerichtet ist, die ausschließlich ad hominem gerichtet ist. Diese Person, von der nicht einmal klar ist, ob es eine alte Lehrerin ist, die über Jahrzehnte so gelehrt hat (was keine Entschuldigung, sondern eine Charakterisierung sein soll) oder eine Referendarin oder ein Junglehrer, der gerade erst aus dem Seminar kommt und versucht, das Beigebrachte unter den gelernten Voraussetzungen zu bewerten. Für eine Erklärung der Twitterin ist es nun ohnehin zu spät.

Man kann nur hoffen, dass die Lehrerin tatsächlich so alt oder so medienfremd ist, dass sie nicht sieht, was unter dem Tweet über sie steht. Oder die angekündigten Vorträge, in denen der Tweet vorkommen soll. Ansonsten kann ich nur hoffen, dass die Lehrerin (oder der Lehrer) dagegen kämpfen wird. Wie so eine moderne Prinzessin.

P.S. Ich, selbst Deutschlehrer, habe mir natürlich Gedanken gemacht, was ich geschrieben hätte. Ich weiß es nicht. Aber ich gehe davon aus, dass ich, wenn ich mit den Schülerinnen und Schülern tatsächlich Märchen als literarische Gattung behandelt und – wie hier – einen  sogenannten produktionsorientierten Arbeitsauftrag als Arbeit gegeben hätte, genau dasselbe hätte hingeschrieben hätte. Über meine Sicht, über meinen eigentlichen Unterricht, über mich als Mensch, sagt das aber reichlich wenig.

In diesem Sinne:

 

P.P.S. Wie vermutet, gehen die Meinungen auseinander und es entspinnt sich eine hitzige Diskussion. Dabei fasst ein Kommentar einer Gymnasiallehrerin für mich die wichtigsten Punkte nochmals zusammen. Sie erlaubte es mir, sie hier zu posten.

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Blogparade #werwirwaren

Früher war alles besser. Die Natur war grüner, die Menschen haben mehr nachgedacht, es gab mehr Engagement, man war nicht so eitel und politisch engagiert. Die Jugend von heute schaut verliebt auf das eigene Spiegelbild und vernachlässigt die Schule, hat keinen Standpunkt mehr und ist zu faul. Stimmt doch, oder? Natürlich nicht. 

Eine meine ersten Gitarren, 2001

Jeder Mensch ist ein Meister darin, die eigene Vergangenheit der eigenen Gegenwart anzupassen. Der Wirtschaftsnobelpreisträger und weltbekannte Psychologe Daniel Kahnemann widmet der nachträglichen Veränderung von Zukunftsprognosen ein ganzes Kapitel. Aber gibt es nicht vielleicht etwas, an das man sich ganz sicher erinnert?

Ich rufe alle auf, die Lust haben, sich an ihre eigene Jugendzeit zu erinnern, bei dieser kleinen Blogparade mitzumachen und darüber zu schreiben #werwirwaren

 

 

  • Wie wart ihr in eurer Jugend im Vergleich zu heute?
  • Wart ihr engagiert, phlegmatisch, melancholisch?
  • Wie wart in in der Schule? Habt ihr mitgemacht, boykottiert oder desinteressiert?
  • Gab es Ereignisse, von denen ihr annehmt, dass sie euch zu dem gemacht haben, der ihr seid?
  • Was würdet ihr heute eurem damaligen Ich in einer ganz bestimmten Situation gerne sagen können?

Und schließlich an die Lehrerinnen und Lehrer und Dozentinnen und Dozenten:

  • Wart ihr Schüler und/ oder Studenten, die ihr heute gerne vor euch haben würdet?

Das sind alles sehr private, aber eben auch sehr spannende Fragen. Dabei geht es nicht darum, ein ganzes Bild zu zeichnen, sondern allenfalls die Skizze eines Ausschnitts.

Es geht wie immer bei Blogparaden sehr einfach mitzumachen.

  1. Beantwortet eine oder alle Fragen.
  2. Kommentiert unter dem Artikel.
  3. Postet es unter dem Hashtag #werwirwaren (Ist übrigens der Titel des gleichnamigen Buches vom genialen, leider verstorbenen Roger Willemsen).

Ich nehme, wenn es anläuft, die verschiedenen Beiträge hier auf und schreibe kleine Teaser. Ich gebe uns allen einen Monat Zeit, also bis zum 15. April 2017.

Ich hoffe, ihr findet die Fragestellung genauso interessant wie ich. Viel Spaß beim mitmachen. 

 

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Medienpädagogen – eine Typologie 

Machen wir uns nichts vor: Schon nach einigen Semestern eines mittelmäßigen Pädagogikstudiums ist man eigentlich für seine Mitmenschen untragbar. Die Analyse von psychischen Dispositionen unerträglicher Alpha-Kevins bei Kaffee und Kuchen, die sich stetig wiederholenden Phrasen über das gute Leben jenseits des bösen Ziffernkapitalismus und die meist anstrengende Tonlage gegenüber unseren Mitmenschen machen jeden Lehrer, jeden Referendaren – kurz – jeden Pädagogen zum unzumutbaren Partycrasher. Noch schlimmer sind eigentlich nur noch die gecyborgten Digitalvorturner. Eine Typologie. 

Die Karrieristen 

Die Karriereleiter von Medienpädagogen ist ein Hamsterrad in einer Filterblase. Das Wichtigste ist dem Karrieristen, dass nichts das Wichtigste ist. Oder alles, sofern es ihn auf den Weg zu unsterblichem, in zahlreichen amerikanischen Blogs als Meme geteilten Jesus der digitalen Community von Erwählten katapultiert. Der Karrierist nutzt Hashtags auch beim Einkaufen, bezieht sich vornehmlich auf Experten, die neben ihm stehen (also sich selbst), und sammelt Follower auf Twitter, um zu zeigen, dass er der größte Hamster ist. Dadurch, dass die Karriere meist einschließt, dass auch die höchste Position nicht wirklich wichtig ist, profitieren vom Karrieristen eigentlich alle. Außer die Schüler. Aber man kann eben nicht alles haben.

Die Lobbyisten

Die Lobbyisten sind die jungen, dynamischen und – seien wir ehrlich – unausstehlichsten Aasgeier auf der digitalen Steppe. Sobald diese Zeloten einen Karrieristen und seine Opfer erblicken, stürzen sie sich auf ihn und bewerfen ihn mit Visitenkarten, auf denen die eigenen Firmennamen glänzen. Diese hören sich meist nach Arthouse an, sind aber in der Umsetzung eher Rosamunde Pilcher. Eigentlich sehen sich Lobbyisten nicht als Medienpädagogen, aber wie das eben so ist: Ohne seinen Wirt kann auch der gewiefteste Bandwurm nicht überleben. Weil die Lobbyisten das aber wissen, entwerfen sie „zukunftsorientierte Lösungen“ eines „digitalen Zeitalters“, das beinhaltet, dass alle profitieren. Außer eben die die Kinder, denn die sind nämlich nicht so ihr Ding.

Die Programmierer

Eigentlich sind die Programmierer keine Programmierer, sondern Informatiker. Das ist allerdings in zweifacher Weise nicht besonders günstig. Denn erstens hört sich Informatiker schon nach jemandem an, der wirklich was kann, was unter Pädagogen nicht gerne gesehen ist. Und zweitens können die meisten Informatiker wirklich was, was noch weniger gerne gesehen ist. Insofern sind die Informatiker auch die unbeliebtesten Figuren des Diskurses, weil sie ständig darauf verweisen, dass eigentlich nur sie wirklich digitale Bildung unterrichten können und damit Recht haben. Weil das aber die anderen wissen (und zudem nicht verstehen, was die Informatiker meinen, wenn sie was sagen) werden sie von anderen so lange gemobbt, bis sie sich entweder in den Kellern großer Unternehmen mit dem Programmieren von Kundenportalen ein kleines Haus an der irischen Ostküste verdienen oder in irgendeinem Keller ihre Idee zur Millionen entwickeln. Schlimm.

Die Warner 

Die Warner sind, ähnlich wie die Programmierer, in der schlimmen Position, dass sie Recht haben. Das ist unter Pädagogen schonmal grundsätzlich anrüchig, weil jemand der Recht hat, denen, die kein Recht haben, grundsätzlich die Arbeitsgrundlage nehmen. Insofern will dem Warner keiner Zuhören, was ihn dazu bringt, noch eindringlicher, häufiger und wilder zu waren. Dieser Effekt verstärkt sich natürlich, weshalb Warner ihren Job nicht so lange machen können wie alle anderen. Das bedeutet konkret Burn-Out mit 40. Sie enden meistens irgendwo, wo sie vor anderen Dingen als vor Cybermobbing, Sexting und Grooming warnen können. Allerdings hört man ihnen dort auch nicht zu. Da bringt es auch nicht, dass sie dort sagen können: Das Internet ist für uns alle Neuland.

Die Experten 

Die Experten sind grundsätzlich eine schwierige Kategorie, da sie zwar einerseits wirklich was können, was nebenbei bemerkt und wie schon gesagt, unverschämt ist, aber sich eben auch unter den Medienpädagogen tummeln, anstatt wie jeder anständige Mensch, der was kann und auf sich hält, irgendwo in einem Unternehmen zu sitzen und Abgassoftware zu manipulieren. Sie sind genauso gerne gesehen, wie sie nicht gerne gesehen sind, denn einerseits ist es beizeiten immer wieder schön, eine sachliche, kompetente und überzeugende Stimme in dem Gewirr von Meinungen und Empfindungen zu finden. Andrerseits fragen sich die Karrieristen zu Recht, wie die wirklichen Experten es hinkriegen, Bücher zu schreiben, im Fernsehen aufzutreten, zu unterrichten und trotzdem noch mit jedem kleinen Eierkopf Gespräche über Grundsatzfragen zu führen. Sie werden von den Lobbyisten gehasst, weil sie so intelligent sind, dass sie sich von ihnen nicht belabern lassen, von den Warnern geliebt, weil jemand sie ernst nimmt und von den Programmierern umgarnt.

Die Enthusiasten 

Die Enthusiasten sind für den Normalsterblichen kaum zu ertragen. Sie sind zu nett, zu gut gelaunt und zu zukunftsgläubig. Und das, obwohl sie die ganze Zeit im Netz nach Sachen suchen, die sie gut finden können. Und sie finden sie. Und sie finden sie gut. Sie bedanken sich überschwänglich, wollen Projekte beginnen, loben andere Menschen (ja, unfassbar!) und sind so froh, dass sie in dieser Zeit geboren sind, dass sie nicht reflektieren, dass sie in jeder anderen Zeit auch mit Fackeln und Mistgabeln über den nächsten Marktplatz gejagt würden. Einfach, weil sie viel zu nett sind. Diese Arschkrampen.

Die Projektorientierten 

Haben Projektvorschläge.

Die Blogger 

Insofern die Blogger eigentlich nichts können müssen außer ein wenig schreiben und Geld an einen Host überweisen, sind Blogger eigentlich ganz unterste Kategorie. Sie können nichts, dass aber unheimlich gut, weshalb sie ihre Mitmenschen mit Artikeln behelligen, die sie dann in Gruppen teilen. Sie vertragen keine Kritik, weil man nichts kritisieren kann, was man nicht zu verantworten hat. Blogger sind eigentlich durch ihr mangelndes Talent verhinderte Schriftsteller, die nicht gut genug schreiben können, als dass jemand sie publizieren würde. Insofern schustern sie sich eine Welt zurecht, in der sie ihr Lehrerleben durch den Kakao ziehen und sich ein wenig aufwerten können, ohne dass sie sich vor sich oder anderen rechtfertigen müssten. Natürlich gibt es auch einige gute Blogger, aber nur kurz, weil sie dann Bücher schreiben und keine Artikel über Medienpädagogen. Stümper!

Der Nachwuchs 

Seien wir ehrlich: Wenn wir uns den Nachwuchs der Medienpädagogen anschauen, die weder Lobbyisten, Karrieristen oder wirkliche Experten werden wollen, dann kann man für die Zukunft nur schwarz sehen. Oder blau. Wie bei einer Dropbox. Kapiert? Der Nachwuchs tummelt sich in Gruppen, lurked und weiß nicht, was lurken ist. Und er sucht Leute, die mit ihm in eine Dropbox gehen. Dort kann er dann Material auf seinen PC ziehen (keinen Mac, warum auch). Zum Beispiel Handouts für Schüler, warum man nicht plagiieren sollte. Mein Gott!

Wir sind alle verloren!

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Mein Abschied vom #edchatde

What a mess!

Elke Höfler und ich in Krems

Ich habe lange überlegt, ob ich mich nach den jüngsten Ereignissen rund um den #edchatde äußern oder positionieren soll. Auf der einen Seite war ich sehr lange mit Enthusiasmus, Überzeugung und Engagement dabei. Auf der anderen Seite ließ diese Überzeugung schon seit geraumer Zeit nach. An dieser Stelle will ich nicht nachtreten, sondern kurz erläutern, warum ich mich dafür entschieden habe, nun endgültig nicht mehr am #edchatde teilzunehmen. 

 

 

 

 

Wer einen mehr oder weniger objektiven Überblick haben möchte, dem sei Martin Lindners zusammenfassender Artikel empfohlen:

Zunächst einmal kann ich nur sagen: Der #edchatde und natürlich seine Begründer haben mich tief aus der Versenkung geholt. Ohne die zahlreichen Impulse, die ich vor allem im ersten Jahr erfahren habe, wüsste ich (wahrscheinlich) sehr viel weniger über Filterblasen, „digitale Bildung“ und vor allem darüber, dass es Menschen gibt, die mit Lust und Engagement dafür kämpfen, dass Schulen in das 21. Jahrhundert gebracht werden. Dafür bin ich sehr dankbar. Noch auf der Didacta konnte ich mich darüber freuen, dass zwei der Anwesenden des Tweetup sagten, dass auch ich einen kleinen Beitrag geleistet hätte, da ich sie zum #edchatde geführt habe.

Nach etwa eineinhalb Jahren brachten mich die Kontakte, die ich (auch) über den #edchatde kennengelernt hatte, nach Krems, Österreich, wo ich einen Vortrag über den von mir konstatierten „digitalen Dogmatismus“ hielt. Dort lernte ich Elke Höfler kennen, mit der ich seit jeher in engem Kontakt stehe und die ich sehr wertschätze. Verkürzt war die These des Vortrags, dass diejenigen, die nur das Digitale voranbringen, jene bestätigen, die nur das Analoge beibehalten wollen. Ich wollte Brücken schlagen. Naiv.

Was mich dann aber zum Nachdenken brachte, war der hervorragende Vortrag von Beat Döbeli Honegger, der einen BlahFaselGenerator vorstellte, ein Programm, dass per Algorithmus Phrasen über das Bildungssystem kreierte. Und ich fragte mich, ob ich nicht Teil dieses Spiels war.

Mein Sterben auf Raten bezüglich des #edchatde hatte begonnen. Während ich merkte, dass meine Vorüberlegung zu Themen weniger eine Rolle spielte, als die polierte Phrase, versuchte ich es mit einer Konfrontation: Wo bleiben die Inhalte?, fragte ich. Wenn ich im digitalen Diskurs eins gelernt habe, dann ist es, dass das Ignorieren von Impulsen fester Bestandteil ist. So geschah dann auch: Nichts.

Das kann natürlich auch daran liegen, dass ein paar tausend Blogleser und Follower auf Twitter noch keine Garantie für irgendeine Wirkung bieten. Während ich aber den #edchatde weiter verfolgte, wurde mir immer klarer, dass das, was diese Gemeinschaft eigentlich auf der Fahne hatte, nämlich unter anderem die „4Cs“ nur dann zutreffen, wenn sie in ganz engem Rahmen gefasst sind.

 

Ich kann nicht für die Allgemeinheit sprechen, sondern nur für mich. In den Zeiten, in denen ich aktiv dabei war, wurde positiv angemerkt, dass ich „kritisch“ sei. Das verwunderte mich vor allem dann, wenn ich eine einfache Frage stellte: Warum? Warum ist das gut, warum ist das besser, warum benutzt du das? Andere überworfen sich mit mir, fanden schon die Frage unangemessen, blockierten mich. Nicht wild.

Aber was ich mich immer mehr fragte, war, was der Grund unseres Zusammentreffens ist. Waren es wirklich die Themen? Warum war es dann so einfach, eine breite Zustimmung mit hohlen Phrasen zu kreieren? Ging es nicht in Wirklichkeit um etwas anderes?

Der Grund, warum ich mich nun positioniere, hat vor allem mit der jüngsten Kommunikationslosigkeit zu tun. Die hat mich enttäuscht, auch wenn ich nur am Rande betroffen bin.

Ich selbst und meine spielerische Art, Twitter zu nutzen oder mich über den Blog in Diskussionen einzumischen, hat mir schon das eine oder andere Mal von Philippe Wampfler Kritik eingebracht. Diese war jedoch niemals persönlich oder unsachlich (ich regte mich natürlich trotzdem auf, das sagte ich ihm auch), sondern immerfort getragen von dem Versuch, das, was die 4Cs fordern, umzusetzen. Miteinander zu kommunizieren, sich kritisch den Themen stellen und kreative Lösungswege zu finden. All das blieb in diesem Fall aus.

Ich bin, wie gesagt, dankbar für alles, was ich durch den #edchatde und ihre Begründer Neues kennenlernen durfte.

Es ist ein Abschied mit Wertschätzung für die Leistung der Jahre zuvor, mit Befremdung gegenüber den jüngsten Ereignissen und mit den besten Wünschen für alle, die weiterhin teilnehmen. Aber eben auch mit Solidarität denen gegenüber, die vor dem Hintergrund all der Arbeit, die sie in die Gemeinschaft und das Projekt gesteckt haben, mehr verdient hätten, als ein paar anonym gehaltene, platte Worte.

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Der erlaubte Nationalstolz

Skulptur in Offenburg, Platz der Verfassungsfreunde

Es gibt Texte, die schreiben sich von selbst, Themen, die einfach zu fassen sind, Worte, die einfach herauskommen. Das ist hier nicht der Fall. Alles in allem habe ich schon mehrere Male versucht, diesen Text zu schreiben. Ich versuche es ein weiteres Mal.

Freiburg, irgendwann im Jahre 2004. Ich studiere drei geisteswissenschaftliche Fächer. In dem Kurs „British Newspapers“ kommt das Thema Nationalstolz auf, das von konservativen Zeitungen transportiert wird. Jemand aus der hinteren Reihe meint, dass das in Ordnung sei, er würde auch bei der deutschen Nationalhymne aufstehen. Das gehöre sich so. Ich verstehe das nicht, schieße dagegen, es kommt zu einer hitzigen Diskussion, deren Ende ich nicht weiß.

Der nördliche Schwarzwald, ungefähr zehn Jahre später. Es gibt eine Klasse, mit der ich immer wieder kämpfen muss. Diese Klasse jubelte, als sie herausfand, dass alle ihre Mitglieder Deutsche sind. Kommt es zum Thema 1. Weltkrieg, glühen die Augen. Nicht vor Erschrecken, sondern vor Eifer. Das Wort „Jude“ ist, wie ich später herausbekomme, Schimpfwort. Geflüsterte Kommentare bieten alles, was es an Ressentiments gibt: Antisemitismus, Sexismus, Rassismus – alles. Ich stemme mich dagegen und greife zu ungewöhnlichen Mitteln.

Berlin, ein paar weitere Jahre später. Ich sitze in einer Studenten-WG. Alte Zeitungen liegen über schmutzigen Tellern, die Möbel sind von allen möglichen Sperrmüllaktionen zusammengeklaubt. Ein Marx-Plakat aus den Worten des Kapitals hängt im Flur neben einer Karte von Berlin-Mitte. Kurz: Es ist sehr gemütlich. Wir haben uns aus dem Späti Bier geholt. Man versteht sich, mein alter Klassenkamerad und ich. Nur eins versteht er nicht: Wie ich denn bitte Nationalismus gutheißen könnte? Ich versuche zu erklären, was ich da mache, im nördlichen Schwarzwald und dass ich mit meiner konstruktivistischen, anti-nationalen Theorie, die ich in Freiburger Seminarsälen verteidigt habe, nicht weiterkomme.

Zurück im Schwarzwald, vor ein paar Wochen. Ich bin auf einer Party; die Diskussionen aus Berlin sind ebenso vergessen wie die vielen Kämpfe, die ich mit der einen oder anderen Klasse geführt habe. Es kommt zu einer Diskussion zwischen mir und jemandem, der sich als „Scheiß-Nazi“ outet. Ich kapiere nicht ganz, wie er sich so nennen kann, da man ja nicht dazu gezwungen wird, etwas zu sein, wenn man es nicht will. Aber die Argumente in Dauerschleife lassen mich langsam verstehen. Da ist jemand verzweifelt (was nicht nur am Alkoholkonsum liegt). Er ist aufrichtig verzweifelt, dass er seine Heimatgefühle nirgendwo äußern darf, dass er nicht stolz sein kann. Er redet mir Wörtern, die mir fremd sind. Ich reagiere so, dass ich mir sicher bin, dass mein Freund aus Berlin und auch einige linke Follower auf Twitter wohl mit dem Kopf schütteln würden (falls die Frage kommt: Ja, ich habe auch konservative Follower. Die schüttelten den Kopf bei diesem Text wahrscheinlich schon vorher).

Die Frage, die dieser vor mir stehende selbst ernannte Nazi mir stellte, war: Gibt es denn einen erlaubten Nationalstolz? Und die Antwort, die ich ihm gab, war: Ja.

Die Offenburger Forderungen

Wer mich ein wenig besser kennt, weiß, dass ein solcher Nationalstolz nichts ist, für das ich brennen würde. Ich brauche ihn nicht, oder sagen wir: Ich bin unverkrampft, soweit das heutzutage möglich ist. Denn es gibt bei diesem Thema natürlich hunderte Abers, die ich nicht alle besprechen kann. Die erste Frage, die aus meiner Filterblase (oft in einer abgehobenen, besserwisserischen Form) gestellt würde, wäre: Warum braucht man denn überhaupt Nationalstolz? Darauf folgend, substantieller: Wir wissen, wohin der Nationalismus geführt hat. Deshalb muss er bekämpft werden.

Ich kann sowohl die Frage als auch die Aussage durchaus unterschreiben, nur: Was heißt das in letzter Konsequenz? Das würde bedeuten, dass man 12 – 26% derer, die in dem Raum Schwarzwald, über den ich gerade spreche, entweder als Nazis abstempelt, weil sie die AfD gewählt haben, oder dass man sich darüber lustig macht bzw. in Frage stellt, dass sie einem veralteten Glauben an „die Heimat“ anhängen. Meines Erachtens kann das nicht der richtige Weg sein.

Da wir uns aber genau so verhalten, und uns insofern selbst widersprechen, als dass wir zwar Minderheitenrechte fordern, diese Forderung aber für uns nicht nahe Bevölkerungsgruppen schlicht unter den Tisch fallen lassen (in diesem Falle die arbeitende Landbevölkerung) wird uns unsere Arroganz auch weiterhin um die Ohren fliegen. Dabei ist es gar nicht so schwer. Man bräuchte eine Geschichtsoffensive, die sich neben der absolut wichtigen Grundlage, der Vergangenheitsaufarbeitung, mit den positiven Aspekten der deutschen Geschichte befasst.

Und wenn man dies im Hinterkopf hat, ist sowohl der zuvor gestellten Frage als auch der Aussage plötzlich nicht mehr so schnell zu begegnen. Zu fragen, warum jemand Nationalstolz braucht, ist in etwa so, als würde man fragen, warum jemand findet, dass Rot die Lieblingsfarbe ist. Soziale Umstände, gesellschaftliches Erlernen, Familie, Milieu und viele weitere Faktoren führen dazu, dass jemand am Ende – man verzeihe mir diesen Vergleich – Fan von Borussia Dortmund wird. Versuchen Sie mal, einen Fan davon zu überzeugen, dass sein Glaube an einen Fußballclub Verschwendung ist. Dies ist keine Resignation vor Verwirrung. Sondern es ist die Frage danach, ob man einer Einstellung dort Raum geben kann, wo sie keinen Schaden anrichtet (und dabei spreche ich nun von Nationalstolz, nicht von dem Revierklub in der Nähe von Lüdenscheid).

Das Problem ist, dass diejenigen – warum auch immer – den tiefen Wunsch haben, sich mit ihrer Heimat zu identifizieren, nur die Alternative derer sehen, die sie in noch rechtere Gefilde bringt. Dort, wo man sagt, man wolle den Begriff „völkisch“ wieder neu besetzen (Petry), anstatt den Begriff „demokratisch“. Dort, wo man sagt, man wolle wieder stolz auf die „Helden des 1. Weltkriegs“ sein (Gauland), anstatt auf jene der Wiedervereinigung.

In Offenburg gibt es neben dem Platz der Verfassungsfreunde auch den Aushang der Offenburger Forderungen. Sie sind zentral in der Stadt zu besichtigen und ein Stück deutsche Geschichte, auf die man stolz sein kann. Als ich vor ein paar Monaten beim Offenburger Freiheitsfest war, liefen dort neben vielen Menschen, die sich in Biedermeier-Schale geworfen haben, auch einige mit Deutschlandfahnen herum. Oder mit Steckern an ihren Hüten, die an den Freiheitskämpfer Hecker erinnerten. Es fühlte sich nicht schlecht an, im Gegenteil. Man schmauste, redete, freute sich über die Parade und feierte miteinander. Unverkrampft. Ist das alles unproblematisch? Sicher nicht. Aber es zeigt eben auch, dass der Fokus auf demokratische Traditionen Stolz ohne rassistische Tradition ermöglicht.

Teilnehmer des Offenburger Freiheitsfests mit Friedrich-Hecker- Kostüm.

Ich kann mir nur vorstellen, dass die Einwände, die gegen einen solchen Text erhoben werden (oder würden, denn wahrscheinlich versinkt er recht schnell im Äther) vielfältig sind, deshalb nochmals: Es geht hier nicht um eine „Wende“, wie der an die NS-Tradition anknüpfende Björn „Bernd“ Höcke gefordert hat. Ganz im Gegenteil: Es geht darum, dass denen, die einen wie auch immer entstandenen Wunsch nach Identifikation oder Stolz haben, aufgezeigt wird, dass es auch in der deutschen Geschichte Anknüpfungspunkte gibt, die ihnen diesen Raum geben: 1815, 1848, 1919, 1925, 1945, 1969, 1989 – um nur einige zu nennen. Ich weigere mich, all jene verloren zu geben, die sich in ihrem Wunsch jetzt schon verloren fühlen.

Stationen der deutschen Demokratie, Offenburg

Zurück auf der Party. Es eskaliert nicht. Es ist verwunderlich: „Ich darf also stolz sein?“, fragt mich der selbst ernannte Nazi. „Ja“, sage ich und erkläre ihm meinen Punkt. Wenn ich bei der SPD wäre, würde er mich wählen, sagt er. Und jetzt bin ich ein wenig stolz, obwohl es wahrscheinlich nur am Alkohol liegt, der das braune Blut meines Gesprächspartners getrübt hat.

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Warum in eine Partei eintreten?

Ich habe es getan. Ich bin in eine Partei eingetreten. Welche, spielt erst einmal keine Rolle. Es ist schon etwas her und ich wollte ein wenig Einblick erhalten, bevor ich darüber schreibe. Hier erläutere ich kurz, warum ich eingetreten bin und was ich mir erhoffe.  

Als ich das erste Mal zu einem Treffen der Jungorganisation der Partei ging, in die ich eingetreten bin (ich bin nämlich gerade noch jung genug, um noch nicht bei den Alten dazuzugehören), war ich etwas desillusioniert. Nicht etwa, weil die jungen Leute, die da um mich herumstanden, ohne Engagement und Ideen waren. Ganz im Gegenteil. Sondern weil wir nicht gerade viele waren. Das liegt, so stellte ich später fest, auch an dem Alter. Allerdings sind gerade junge Leute im rechten Lager voller Energie, seit sie merken, dass ihre menschenverachtende, volkstümliche und allzu oft auch bloße rassistische Weltanschauung immer mehr Anklang finden.

Und hier findet sich auch der Grund meines Eintritts. Viele Menschen um mich herum und in meinem Freundeskreis sagen laut und deutlich, dass man „wieder was machen müsse“. Aber wenige machen etwas. Das ist keine Anklage, da man, wenn man nicht gerade in einer politischen Organisation Geld verdient, schlicht anderes um die Ohren hat. Partner und Kinder, Mütter und Väter und im schlimmsten Fall Angehörige, die gepflegt werden müssen. Für diejenigen, die einem Beruf nachgehen, ist es schwierig, nach Feierabend noch Energie aufzubringen, und wenn, dann richtet diese sich aus gutem Grund an die Familie. Und das darf man keinem zum Vorwurf machen.

Andererseits ist es schlicht unerträglich zu sehen, wie eine der seit Ender des 2. Weltkriegs stabilsten Demokratien der Welt[1] vor allem von der neuen Rechten, von Nationalismus und Neo-Faschismus angegriffen wird.

Dabei geht es eben nicht darum zu sagen, dass alles gut läuft, im Gegenteil. Polizeigewalt, Gewalt gegen Migranten, der NSU-Prozess, langsam verlaufende Verhandlungen in der Großen Koalition zu vielen gesellschaftspolitischen Themen von der Gleichstellung der Frau bis zum Teilhabegesetz, unübersichtliche Außenpolitik und viele andere Probleme zeigen, dass man sich nicht auf dem, was die Bundesrepublik erreicht hat, ausruhen kann.

Allerdings ist es eben nicht damit getan, „die da oben“ anzugreifen, abzulehnen und sich so seiner eigenen Verantwortung zu entziehen. Es reicht nicht, Verschwörungen zu wittern, den Staat zu verteufeln, oder resigniert mit dem Kopf zu schütteln, da man ja sowieso nichts ändern kann. Man muss aktiv werden, handeln! Auch wenn man keine Zeit hat.

Aus diesem Grund bin ich eingetreten. Ich versuche zwar, aktiv teilzunehmen und das winzige Bisschen, das ich beitragen kann, so gut es geht einzubringen. Aber selbst wenn ich es nicht kann, freue ich mich, dass mein Mitgliedsbeitrag dabei hilft, dass sich andere für den Erhalt und die Wehrhaftigkeit der Demokratie einsetzen.

Natürlich habe ich mir meine Partei, die SPD, nicht willkürlich ausgesucht. Man wird aber ins Leere laufen, wenn man versucht, mich für jede Entscheidung, diese Partei und die einzelnen Personen, die in ihr arbeiten, zur Verantwortung zu ziehen. Ich bin kein Lobbyist. Ich sehe manche Dinge anders. Aber viele Perspektiven sind mir eben nahe.

Aus diesem Grund würde ich auch nie versuchen, jemanden zu überzeugen, dass nur die eine Partei die wahre ist. Stattdessen fordere ich die Menschen, die überlegen, in eine Partei einzutreten auf, es zu tun, solange es eine demokratische ist.

Und noch ein letztes: Demokratisch bedeutet für mich, dass in der Partei keine Menschen geduldet werden, die antisemitisches, rassistisches oder nationalsozialistisches Gedankengut weiterverbreiten, gutheißen oder das anderer ignorieren. Hier gilt die Entschuldigung, dass man diese Meinung nicht teile, nämlich nicht. Wer die Grundwerte der freiheitlichen demokratischen Ordnung mit Füßen tritt, darf kein Verständnis erwarten.

Ich habe die Hoffnung, dass immer mehr Menschen begreifen, in welcher Situation wir uns befinden und dass es Zeit ist zu handeln.

[1] Edgar Wolfrum spricht in einem Standardwerk der Geschichtsschreibung, das von Egon Bahr als „rundum geglücktes Werk“ und von Heinrich August Winkler als „großer Wurf“ gefeiert wurde, von der „geglückten Demokratie“.

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Wer nichts macht, macht sich schuldig #waswirtunkönnen

An dieser Stelle möchte ich meine eigene Blogparade beantworten. 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  • Wer in der heutigen Zeit nichts macht, macht sich schuldig
  • Es gibt viele Arten, etwas zu tun, aber alle haben etwas mit Bewegung zu tun.
  • Wirklich zu helfen, tut weh

Ich bin wirklich unsportlich. Klar, ich habe wie so viele Leute früher mal in diversen Vereinen Fußball, Basketball oder Hockey gespielt, aber mittlerweile bin ich alles in allem so unsportlich, dass schon der Gedanke an Joggen weh tut. Das seh ich auch. Bzw. sehe ich bald etwas nicht mehr – meine Füße. Also habe ich heute mal wieder meinen riesigen Schweinehund überwunden und bin auf die Strecke hinter dem Haus gegangen. 5 Kilometer. Der geübte Jogger nimmt das zum Warmlaufen. Ich nicht. Die ersten zwei Kilometer gehen meistens, aber der dritte ist schlimm. Aber heute war etwas anders. Ab dem 4 Kilometer, während ich über diese Worte nachdachte, wurde es tatsächlich besser. Und obwohl ich das weiß, werde ich wohl das nächste Mal wieder Überwindung brauchen.

Was hat das nun alles mit der Blogparade zu tun? Nun, ich fragte ja sehr allgemein danach, was wir in diesen Zeiten tun können, meinte aber konkret das Zusammenleben. Eine Frage, die heutzutage aus offensichtlichen Gründen sehr häufig gestellt wird.

Während ich so joggte, dachte ich daran, wie sehr man sich und andere immer wieder gerne betrügt. Wir sind Meister der selbstreflektiven Ignoranz. Das ist schlimmer als Dummheit. Der Dumme würde vielleicht nicht joggen, weil er nicht wüsste, dass das sein Leben verlängert oder gut für den Körper ist. Wir aber wissen das. Wir wissen fast alles. Und obwohl wir das wissen, ignorieren wir so gut wie alles.

Uns fallen Gründe ein, warum wir kein Sport machen, keine Bücher mehr lesen (beides: keine Zeit) und uns ist sogar klar, dass wir nur alle Veganer werden müssten, um der Welt ein  kleines bisschen zu helfen. Keine Ironie. Aber weil es schwieriger ist, mit sich selbst zu ringen, nehmen wir uns wichtig und hüllen den Mantel der Liberalität um alles. Veganer? Was wollen die uns denn noch vorschreiben? Öffentliche Verkehrsmittel? Ich habe Spaß am fahren.

Nicht, dass wir uns falsch verstehen. Ich bin weder Veganer noch fahre ich nur mit öffentlichen Verkehrsmitteln.

Was jedoch zum Nachdenken bringt, ist: Wenn wir noch nicht einmal dann aufhören zu rauchen oder beginnen, Sport zu machen, wenn wir wissen, dass es für unser eigenes Leben das Beste wäre, wie sollen wir selbst zur Tat schreiten, wenn es um andere geht oder – noch mehr – andere davon überzeugen, dass wir etwas tun müssen?

Wir kennen die Antwort schon. Wir wissen, dass mit der „schweigenden Mehrheit“ wir selbst gemeint sind. Wir wissen, dass wir uns schuldig machen, wenn wir nichts tun. Und wir wissen auch, dass es nicht so schwer ist, etwas zu tun, was unsere Gesellschaft voranbringt, die Solidarität stärkt und die immer stärker werdende Kluft zusammenhält: Unser eigenes Handeln.

Und das kann vieles bedeuten. Es kann bedeuten, dass man klare Kante zeigt, das Risiko eingeht, Gegenwind zu bekommen. Dass man andere von der Wichtigkeit der nächsten Wahl überzeugt, auch wenn sie „verdrossen“ sind.

Vor allem muss es bedeuten, wieder auf die Straße zu gehen. In den USA sehen wir, was beim #womansmarch passiert ist. Nur leider kommt es dort zu spät. Auch wenn mir einige widersprechen werden: Wir sollten in die Parteien eintreten, auch wenn wir es zeitlich nicht schaffen, uns dort einzubringen. Selbst dieser symbolische Akt ist in einer Staatsform, in der es um den Glauben an das Funktionieren ankommt, ein wichtiger. Wir dürfen uns nicht einschüchtern lassen!

Und wir müssen das tun, was wir können, wie z.B. der Freiburger Lehrer Dejan Mihajlović der es geschafft hat, trotz zahlreicher Widerstände demokratische Strukturen, die auch die Schüler betreffen, zu etablieren. 

Ich kann einfach nicht glauben, dass das, was wir gerade sehen, schon alles ist, was wir tun können. Denn wenn irgendwann unsere Freiheitsrechte beschnitten werden, wird es uns nicht helfen zu sagen, dass wir sehr gut informiert waren und viele lustige kleine Memes gebastelt haben. Aber dafür müssen wir raus aus unseren Komfortzone, anpacken und uns bewegen. Und das tut meistens weh. Ich sehe aber keinen anderen Weg.

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Blogparade #waswirtunkönnen

Diese kleine Blogparade ist – wie eigentlich alle bisherigen Blogparaden – ein Versuch. Sie speist sich aus der Tatsache, dass ich mich, wie gerade viele andere Menschen, denen Zusammenhalt, Solidarität und Freiheit am Herzen liegt, sehr sorge. Anstatt des üblichen Fragenkatalogs möchte ich an alle interessierten Blogger eine einzige Frage stellen:

Was können wir (als Blogger in diesen Zeiten) tun?

Meine Idee ist, dass jeder, der einen Blog hat, eine ganz eigenen Perspektive wählen kann. Es kann eine politische, gesellschaftliche, individuelle oder ganz anders geartete Sicht auf die Fragetellung sein. Ihr könnt ein Elternblog, ein Essensblog, ein Musikblog oder ein Blog sein, dessen Thema ich bisher noch nie gehört habe. Wichtig ist, dass euch die Frage auch beschäftigt.

Dabei ist die Frage keine rhetorische, die ich schon beantwortet hätte, sondern eine, die viele Menschen momentan umtreibt. Auf diese Weise lernen wir andere Blogs und im besten Falle gute neue Ideen kennen.

Da meine Erfahrung zeigt, dass mehr Zeit nicht unbedingt besser ist, schließe ich die Blogparade Ende Februar ab.

Wie eine Blogparade funktioniert

Falls ihr noch nie eine Blogparade mitgemacht habt, hier einige Schritte, wie sie funktioniert.

  1. Schreibt einen Artikel auf eurem Blog, in dem ihr die Frage beantwortet (oder auf eine für euch wichtige neue Frage hinweist).
  2. Kommentiert den Link unter diesen Artikel und/ oder postet ihn auf den Netzwerken, auf denen ihr vertreten seid, unter dem Hashtag #waswirtunkönnen
  3. Um es lebendig zu halten, ist es am interessantesten, wenn ihr die anderen Beiträge lest und auch hier einige Kommentare dalasst.

Und dann?

Es ist immer schwer zu sagen, ob eine Blogparade Anklang findet oder nicht. Ich werde die Beiträge in der Reihenfolge ihres Erscheinens in diesem Artikel sammeln und eine kleine Einführung zu dem Beitrag schreiben, sodass man sehen kann, worum es ungefähr geht (hier sieht man, wie das dann aussieht). Am Ende haben wir zusammen hoffentlich ein schönes und hilfreiches Panorama an Ideen und neuen Blogs kennengelernt. Ich bin sehr gespannt auf eure Beiträge.

Facebook-Seite des Autors

Beiträge:

Der erste Beitrag ist eine Aufforderung, verantwortlich mit seiner Reichweite umzugehen und eben nicht nur Schmink- und Kauftutorials zu vermarkten. Der Beitrag fordert auf, etwas zu bewirken. Was, wird noch nicht verraten.

Der zweite Beitrag ist von mir selbst. Ich konnte mich nicht zurückhalten und hoffe, einige Anstöße geben zu können.

Der dritte Beitrag ist vom Lehrer Tom Mittelbach, der ganz konkret aufzeigt, was man tun kann und uns teilnehmen lässt an einer Rede, die er zu diesem Thema gehalten hat.

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Brauchen wir Twitter noch?

Die Frage, die vom Kollegen Felix Schaumburg gestellt wurde, finde ich wichtig, da sie mich auch beschäftigt. Genau aus dem Grund, dass man bei Twitter eben nicht diskutieren oder lange antworten kann, hier meine persönliche Perspektive.

Foto: Thomas Clemens

Meine Twitter-Nutzung war schon immer in einem Graubereich. Ich bin kein „Bildungs-Twitterer“, auch wenn mich das Thema Bildung bzw. digitale Bildung natürlich interessiert (übrigens immer weniger, weil ich die Argumente immer weniger verstehe, aber das ist ein anderes Thema). Ich bin aber auch kein ausschließlicher Wortwitz-Twitterer, auch wenn ich gerne solcherlei Sprachspielereien betreibe. Oft nutze ich Twitter auch, um nicht nur politisch auf dem Laufenden zu bleiben, sondern den Anschein zu erwecken, Wirkung entfalten zu können. Ja, leider ist es so. Es ist der Anschein von Wirkung.

Dabei hat sich meine Nutzung und vor allem meine persönliche Perspektive stark geändert. Am Anfang war ich enthusiastisch. So viele Lehrer, die interessiert an der digitalen Bildung sind, so viel Austausch, so viel schlaue Impulse. Ich wollte, dass quasi jeder Lehrer Deutschlands auf Twitter kommt.

Dann merkte ich, dass mir der sich stetige wiederholende Austausch über Schlag- und Schlüsselworte zu wenig ist. Und da schon im Zeugnis der 1. Klasse stand, dass ich dazu neige, die Worte auf die Goldwaage zu legen, machte ich das. Sinnvolles, sinnloses, immer mit dem Wunsch, eine kleine Wirkung zu entfalten. Ich schrieb sogar diesen Text, in dem ich mich dafür rechtfertigte.

Von mir sehr geschätzte Kollegen erklärten mir, dass ich mehr machen könnte und dass es nicht gut sei, nach Herzchen zu streben. Ein anderer Kollege, der auch Bücher verkauft und in Fernsehsendungen unterwegs ist, erklärt mir immer mal wieder, welche Tweets sich nun widersprechen. Feedback ist so wichtig.

Natürlich gibt es rationale Argumente, auf Twitter zu bleiben. So wurde ich an Universitäten eingeladen, konnte dort Sessions machen, kann für einen Schulverlag schreiben oder Videos für Lernmodule produzieren. Sage ich aber nicht mehr. Kommt nicht so gut an. Vorwurf: Selbstvermarktung.

Eigentlich habe ich für die meisten Sachen sowieso zu wenig Zeit. Denn ich habe ein volles Deputat, eine volle Stelle und mache drei gymnasiale Hauptfächer; in den sogenannten „Winterferien“ hatte ich drei Tage für meine Familie – der Rest war Korrektur. Ich bin in einer Partei und versuche da, Social Media zu etablieren. Ich gehe auf Demos und versuche meinen Schülerinnen und Schülern auch von zu Hause aus zu helfen, indem ich YouTube-Videos produziere. So schön ich es fände, Events anzuleiten (was ich übrigens in der Schule in den AGs, die ich leite, tue); ich habe schlicht keine Kapazitäten. Aber deshalb möchte ich Twitter nicht missen. Wenn ich – wie heute – wieder den ganzen Sonntag am Schreibtisch sitze, weil ich eine von etwa 30 Klassensätzen dieses Schuljahr korrigiere, möchte ich ab und zu schauen, was die Welt so macht. Und einen lustigen und sinnlosen Spruch schreiben, für den es lustige Herzchen gibt. Für die nächsten 20 Arbeiten gibt es die nämlich nicht.

Also: Brauchen „wir“ Twitter? Ich kann für mich sagen: Ja. Für die vielen kleinen sprachlichen Besonderheiten, die ich gerne lese. Dafür, dass ich Schülerinnen und Schülern sagen kann, dass ich jemanden kenne, der ihnen vielleicht weiterhelfen kann. Dafür, dass ich Leute kennenlernte, die ich mag. Und dafür, mich wie so ein kleines Kind zu freuen, ein paar Herzchen zu bekommen.

Für Diskussion, richtigen, offenen Austausch? Nein. Dafür nicht. Dafür sind Konferenzen etc. wirklich besser. Ich hätte mal wieder Lust, auf eine zu gehen. Aber dafür fehlt mir die Zeit.

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Pause

Foto: Thomas Clemens

Es ist mal wieder soweit: Ich werde eine Pause auf den Social Media-Accounts einlegen. Ich weiß nicht, für wie lange. Ihr könnt gerne eine Mail schreiben, wenn ihr möchtet. Hat letztes Mal auch schon großartig geklappt. Bis bald. 

 

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