Bob Blume
"(…) eine Axt für das gefrorene Meer in uns."

Der erlaubte Nationalstolz

Skulptur in Offenburg, Platz der Verfassungsfreunde

Es gibt Texte, die schreiben sich von selbst, Themen, die einfach zu fassen sind, Worte, die einfach herauskommen. Das ist hier nicht der Fall. Alles in allem habe ich schon mehrere Male versucht, diesen Text zu schreiben. Ich versuche es ein weiteres Mal.

Freiburg, irgendwann im Jahre 2004. Ich studiere drei geisteswissenschaftliche Fächer. In dem Kurs „British Newspapers“ kommt das Thema Nationalstolz auf, das von konservativen Zeitungen transportiert wird. Jemand aus der hinteren Reihe meint, dass das in Ordnung sei, er würde auch bei der deutschen Nationalhymne aufstehen. Das gehöre sich so. Ich verstehe das nicht, schieße dagegen, es kommt zu einer hitzigen Diskussion, deren Ende ich nicht weiß.

Der nördliche Schwarzwald, ungefähr zehn Jahre später. Es gibt eine Klasse, mit der ich immer wieder kämpfen muss. Diese Klasse jubelte, als sie herausfand, dass alle ihre Mitglieder Deutsche sind. Kommt es zum Thema 1. Weltkrieg, glühen die Augen. Nicht vor Erschrecken, sondern vor Eifer. Das Wort „Jude“ ist, wie ich später herausbekomme, Schimpfwort. Geflüsterte Kommentare bieten alles, was es an Ressentiments gibt: Antisemitismus, Sexismus, Rassismus – alles. Ich stemme mich dagegen und greife zu ungewöhnlichen Mitteln.

Berlin, ein paar weitere Jahre später. Ich sitze in einer Studenten-WG. Alte Zeitungen liegen über schmutzigen Tellern, die Möbel sind von allen möglichen Sperrmüllaktionen zusammengeklaubt. Ein Marx-Plakat aus den Worten des Kapitals hängt im Flur neben einer Karte von Berlin-Mitte. Kurz: Es ist sehr gemütlich. Wir haben uns aus dem Späti Bier geholt. Man versteht sich, mein alter Klassenkamerad und ich. Nur eins versteht er nicht: Wie ich denn bitte Nationalismus gutheißen könnte? Ich versuche zu erklären, was ich da mache, im nördlichen Schwarzwald und dass ich mit meiner konstruktivistischen, anti-nationalen Theorie, die ich in Freiburger Seminarsälen verteidigt habe, nicht weiterkomme.

Zurück im Schwarzwald, vor ein paar Wochen. Ich bin auf einer Party; die Diskussionen aus Berlin sind ebenso vergessen wie die vielen Kämpfe, die ich mit der einen oder anderen Klasse geführt habe. Es kommt zu einer Diskussion zwischen mir und jemandem, der sich als „Scheiß-Nazi“ outet. Ich kapiere nicht ganz, wie er sich so nennen kann, da man ja nicht dazu gezwungen wird, etwas zu sein, wenn man es nicht will. Aber die Argumente in Dauerschleife lassen mich langsam verstehen. Da ist jemand verzweifelt (was nicht nur am Alkoholkonsum liegt). Er ist aufrichtig verzweifelt, dass er seine Heimatgefühle nirgendwo äußern darf, dass er nicht stolz sein kann. Er redet mir Wörtern, die mir fremd sind. Ich reagiere so, dass ich mir sicher bin, dass mein Freund aus Berlin und auch einige linke Follower auf Twitter wohl mit dem Kopf schütteln würden (falls die Frage kommt: Ja, ich habe auch konservative Follower. Die schüttelten den Kopf bei diesem Text wahrscheinlich schon vorher).

Die Frage, die dieser vor mir stehende selbst ernannte Nazi mir stellte, war: Gibt es denn einen erlaubten Nationalstolz? Und die Antwort, die ich ihm gab, war: Ja.

Die Offenburger Forderungen

Wer mich ein wenig besser kennt, weiß, dass ein solcher Nationalstolz nichts ist, für das ich brennen würde. Ich brauche ihn nicht, oder sagen wir: Ich bin unverkrampft, soweit das heutzutage möglich ist. Denn es gibt bei diesem Thema natürlich hunderte Abers, die ich nicht alle besprechen kann. Die erste Frage, die aus meiner Filterblase (oft in einer abgehobenen, besserwisserischen Form) gestellt würde, wäre: Warum braucht man denn überhaupt Nationalstolz? Darauf folgend, substantieller: Wir wissen, wohin der Nationalismus geführt hat. Deshalb muss er bekämpft werden.

Ich kann sowohl die Frage als auch die Aussage durchaus unterschreiben, nur: Was heißt das in letzter Konsequenz? Das würde bedeuten, dass man 12 – 26% derer, die in dem Raum Schwarzwald, über den ich gerade spreche, entweder als Nazis abstempelt, weil sie die AfD gewählt haben, oder dass man sich darüber lustig macht bzw. in Frage stellt, dass sie einem veralteten Glauben an „die Heimat“ anhängen. Meines Erachtens kann das nicht der richtige Weg sein.

Da wir uns aber genau so verhalten, und uns insofern selbst widersprechen, als dass wir zwar Minderheitenrechte fordern, diese Forderung aber für uns nicht nahe Bevölkerungsgruppen schlicht unter den Tisch fallen lassen (in diesem Falle die arbeitende Landbevölkerung) wird uns unsere Arroganz auch weiterhin um die Ohren fliegen. Dabei ist es gar nicht so schwer. Man bräuchte eine Geschichtsoffensive, die sich neben der absolut wichtigen Grundlage, der Vergangenheitsaufarbeitung, mit den positiven Aspekten der deutschen Geschichte befasst.

Und wenn man dies im Hinterkopf hat, ist sowohl der zuvor gestellten Frage als auch der Aussage plötzlich nicht mehr so schnell zu begegnen. Zu fragen, warum jemand Nationalstolz braucht, ist in etwa so, als würde man fragen, warum jemand findet, dass Rot die Lieblingsfarbe ist. Soziale Umstände, gesellschaftliches Erlernen, Familie, Milieu und viele weitere Faktoren führen dazu, dass jemand am Ende – man verzeihe mir diesen Vergleich – Fan von Borussia Dortmund wird. Versuchen Sie mal, einen Fan davon zu überzeugen, dass sein Glaube an einen Fußballclub Verschwendung ist. Dies ist keine Resignation vor Verwirrung. Sondern es ist die Frage danach, ob man einer Einstellung dort Raum geben kann, wo sie keinen Schaden anrichtet (und dabei spreche ich nun von Nationalstolz, nicht von dem Revierklub in der Nähe von Lüdenscheid).

Das Problem ist, dass diejenigen – warum auch immer – den tiefen Wunsch haben, sich mit ihrer Heimat zu identifizieren, nur die Alternative derer sehen, die sie in noch rechtere Gefilde bringt. Dort, wo man sagt, man wolle den Begriff „völkisch“ wieder neu besetzen (Petry), anstatt den Begriff „demokratisch“. Dort, wo man sagt, man wolle wieder stolz auf die „Helden des 1. Weltkriegs“ sein (Gauland), anstatt auf jene der Wiedervereinigung.

In Offenburg gibt es neben dem Platz der Verfassungsfreunde auch den Aushang der Offenburger Forderungen. Sie sind zentral in der Stadt zu besichtigen und ein Stück deutsche Geschichte, auf die man stolz sein kann. Als ich vor ein paar Monaten beim Offenburger Freiheitsfest war, liefen dort neben vielen Menschen, die sich in Biedermeier-Schale geworfen haben, auch einige mit Deutschlandfahnen herum. Oder mit Steckern an ihren Hüten, die an den Freiheitskämpfer Hecker erinnerten. Es fühlte sich nicht schlecht an, im Gegenteil. Man schmauste, redete, freute sich über die Parade und feierte miteinander. Unverkrampft. Ist das alles unproblematisch? Sicher nicht. Aber es zeigt eben auch, dass der Fokus auf demokratische Traditionen Stolz ohne rassistische Tradition ermöglicht.

Teilnehmer des Offenburger Freiheitsfests mit Friedrich-Hecker- Kostüm.

Ich kann mir nur vorstellen, dass die Einwände, die gegen einen solchen Text erhoben werden (oder würden, denn wahrscheinlich versinkt er recht schnell im Äther) vielfältig sind, deshalb nochmals: Es geht hier nicht um eine „Wende“, wie der an die NS-Tradition anknüpfende Björn „Bernd“ Höcke gefordert hat. Ganz im Gegenteil: Es geht darum, dass denen, die einen wie auch immer entstandenen Wunsch nach Identifikation oder Stolz haben, aufgezeigt wird, dass es auch in der deutschen Geschichte Anknüpfungspunkte gibt, die ihnen diesen Raum geben: 1815, 1848, 1919, 1925, 1945, 1969, 1989 – um nur einige zu nennen. Ich weigere mich, all jene verloren zu geben, die sich in ihrem Wunsch jetzt schon verloren fühlen.

Stationen der deutschen Demokratie, Offenburg

Zurück auf der Party. Es eskaliert nicht. Es ist verwunderlich: „Ich darf also stolz sein?“, fragt mich der selbst ernannte Nazi. „Ja“, sage ich und erkläre ihm meinen Punkt. Wenn ich bei der SPD wäre, würde er mich wählen, sagt er. Und jetzt bin ich ein wenig stolz, obwohl es wahrscheinlich nur am Alkohol liegt, der das braune Blut meines Gesprächspartners getrübt hat.

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Warum in eine Partei eintreten?

Ich habe es getan. Ich bin in eine Partei eingetreten. Welche, spielt erst einmal keine Rolle. Es ist schon etwas her und ich wollte ein wenig Einblick erhalten, bevor ich darüber schreibe. Hier erläutere ich kurz, warum ich eingetreten bin und was ich mir erhoffe.  

Als ich das erste Mal zu einem Treffen der Jungorganisation der Partei ging, in die ich eingetreten bin (ich bin nämlich gerade noch jung genug, um noch nicht bei den Alten dazuzugehören), war ich etwas desillusioniert. Nicht etwa, weil die jungen Leute, die da um mich herumstanden, ohne Engagement und Ideen waren. Ganz im Gegenteil. Sondern weil wir nicht gerade viele waren. Das liegt, so stellte ich später fest, auch an dem Alter. Allerdings sind gerade junge Leute im rechten Lager voller Energie, seit sie merken, dass ihre menschenverachtende, volkstümliche und allzu oft auch bloße rassistische Weltanschauung immer mehr Anklang finden.

Und hier findet sich auch der Grund meines Eintritts. Viele Menschen um mich herum und in meinem Freundeskreis sagen laut und deutlich, dass man „wieder was machen müsse“. Aber wenige machen etwas. Das ist keine Anklage, da man, wenn man nicht gerade in einer politischen Organisation Geld verdient, schlicht anderes um die Ohren hat. Partner und Kinder, Mütter und Väter und im schlimmsten Fall Angehörige, die gepflegt werden müssen. Für diejenigen, die einem Beruf nachgehen, ist es schwierig, nach Feierabend noch Energie aufzubringen, und wenn, dann richtet diese sich aus gutem Grund an die Familie. Und das darf man keinem zum Vorwurf machen.

Andererseits ist es schlicht unerträglich zu sehen, wie eine der seit Ender des 2. Weltkriegs stabilsten Demokratien der Welt[1] vor allem von der neuen Rechten, von Nationalismus und Neo-Faschismus angegriffen wird.

Dabei geht es eben nicht darum zu sagen, dass alles gut läuft, im Gegenteil. Polizeigewalt, Gewalt gegen Migranten, der NSU-Prozess, langsam verlaufende Verhandlungen in der Großen Koalition zu vielen gesellschaftspolitischen Themen von der Gleichstellung der Frau bis zum Teilhabegesetz, unübersichtliche Außenpolitik und viele andere Probleme zeigen, dass man sich nicht auf dem, was die Bundesrepublik erreicht hat, ausruhen kann.

Allerdings ist es eben nicht damit getan, „die da oben“ anzugreifen, abzulehnen und sich so seiner eigenen Verantwortung zu entziehen. Es reicht nicht, Verschwörungen zu wittern, den Staat zu verteufeln, oder resigniert mit dem Kopf zu schütteln, da man ja sowieso nichts ändern kann. Man muss aktiv werden, handeln! Auch wenn man keine Zeit hat.

Aus diesem Grund bin ich eingetreten. Ich versuche zwar, aktiv teilzunehmen und das winzige Bisschen, das ich beitragen kann, so gut es geht einzubringen. Aber selbst wenn ich es nicht kann, freue ich mich, dass mein Mitgliedsbeitrag dabei hilft, dass sich andere für den Erhalt und die Wehrhaftigkeit der Demokratie einsetzen.

Natürlich habe ich mir meine Partei, die SPD, nicht willkürlich ausgesucht. Man wird aber ins Leere laufen, wenn man versucht, mich für jede Entscheidung, diese Partei und die einzelnen Personen, die in ihr arbeiten, zur Verantwortung zu ziehen. Ich bin kein Lobbyist. Ich sehe manche Dinge anders. Aber viele Perspektiven sind mir eben nahe.

Aus diesem Grund würde ich auch nie versuchen, jemanden zu überzeugen, dass nur die eine Partei die wahre ist. Stattdessen fordere ich die Menschen, die überlegen, in eine Partei einzutreten auf, es zu tun, solange es eine demokratische ist.

Und noch ein letztes: Demokratisch bedeutet für mich, dass in der Partei keine Menschen geduldet werden, die antisemitisches, rassistisches oder nationalsozialistisches Gedankengut weiterverbreiten, gutheißen oder das anderer ignorieren. Hier gilt die Entschuldigung, dass man diese Meinung nicht teile, nämlich nicht. Wer die Grundwerte der freiheitlichen demokratischen Ordnung mit Füßen tritt, darf kein Verständnis erwarten.

Ich habe die Hoffnung, dass immer mehr Menschen begreifen, in welcher Situation wir uns befinden und dass es Zeit ist zu handeln.

[1] Edgar Wolfrum spricht in einem Standardwerk der Geschichtsschreibung, das von Egon Bahr als „rundum geglücktes Werk“ und von Heinrich August Winkler als „großer Wurf“ gefeiert wurde, von der „geglückten Demokratie“.

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Wer nichts macht, macht sich schuldig #waswirtunkönnen

An dieser Stelle möchte ich meine eigene Blogparade beantworten. 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  • Wer in der heutigen Zeit nichts macht, macht sich schuldig
  • Es gibt viele Arten, etwas zu tun, aber alle haben etwas mit Bewegung zu tun.
  • Wirklich zu helfen, tut weh

Ich bin wirklich unsportlich. Klar, ich habe wie so viele Leute früher mal in diversen Vereinen Fußball, Basketball oder Hockey gespielt, aber mittlerweile bin ich alles in allem so unsportlich, dass schon der Gedanke an Joggen weh tut. Das seh ich auch. Bzw. sehe ich bald etwas nicht mehr – meine Füße. Also habe ich heute mal wieder meinen riesigen Schweinehund überwunden und bin auf die Strecke hinter dem Haus gegangen. 5 Kilometer. Der geübte Jogger nimmt das zum Warmlaufen. Ich nicht. Die ersten zwei Kilometer gehen meistens, aber der dritte ist schlimm. Aber heute war etwas anders. Ab dem 4 Kilometer, während ich über diese Worte nachdachte, wurde es tatsächlich besser. Und obwohl ich das weiß, werde ich wohl das nächste Mal wieder Überwindung brauchen.

Was hat das nun alles mit der Blogparade zu tun? Nun, ich fragte ja sehr allgemein danach, was wir in diesen Zeiten tun können, meinte aber konkret das Zusammenleben. Eine Frage, die heutzutage aus offensichtlichen Gründen sehr häufig gestellt wird.

Während ich so joggte, dachte ich daran, wie sehr man sich und andere immer wieder gerne betrügt. Wir sind Meister der selbstreflektiven Ignoranz. Das ist schlimmer als Dummheit. Der Dumme würde vielleicht nicht joggen, weil er nicht wüsste, dass das sein Leben verlängert oder gut für den Körper ist. Wir aber wissen das. Wir wissen fast alles. Und obwohl wir das wissen, ignorieren wir so gut wie alles.

Uns fallen Gründe ein, warum wir kein Sport machen, keine Bücher mehr lesen (beides: keine Zeit) und uns ist sogar klar, dass wir nur alle Veganer werden müssten, um der Welt ein  kleines bisschen zu helfen. Keine Ironie. Aber weil es schwieriger ist, mit sich selbst zu ringen, nehmen wir uns wichtig und hüllen den Mantel der Liberalität um alles. Veganer? Was wollen die uns denn noch vorschreiben? Öffentliche Verkehrsmittel? Ich habe Spaß am fahren.

Nicht, dass wir uns falsch verstehen. Ich bin weder Veganer noch fahre ich nur mit öffentlichen Verkehrsmitteln.

Was jedoch zum Nachdenken bringt, ist: Wenn wir noch nicht einmal dann aufhören zu rauchen oder beginnen, Sport zu machen, wenn wir wissen, dass es für unser eigenes Leben das Beste wäre, wie sollen wir selbst zur Tat schreiten, wenn es um andere geht oder – noch mehr – andere davon überzeugen, dass wir etwas tun müssen?

Wir kennen die Antwort schon. Wir wissen, dass mit der „schweigenden Mehrheit“ wir selbst gemeint sind. Wir wissen, dass wir uns schuldig machen, wenn wir nichts tun. Und wir wissen auch, dass es nicht so schwer ist, etwas zu tun, was unsere Gesellschaft voranbringt, die Solidarität stärkt und die immer stärker werdende Kluft zusammenhält: Unser eigenes Handeln.

Und das kann vieles bedeuten. Es kann bedeuten, dass man klare Kante zeigt, das Risiko eingeht, Gegenwind zu bekommen. Dass man andere von der Wichtigkeit der nächsten Wahl überzeugt, auch wenn sie „verdrossen“ sind.

Vor allem muss es bedeuten, wieder auf die Straße zu gehen. In den USA sehen wir, was beim #womansmarch passiert ist. Nur leider kommt es dort zu spät. Auch wenn mir einige widersprechen werden: Wir sollten in die Parteien eintreten, auch wenn wir es zeitlich nicht schaffen, uns dort einzubringen. Selbst dieser symbolische Akt ist in einer Staatsform, in der es um den Glauben an das Funktionieren ankommt, ein wichtiger. Wir dürfen uns nicht einschüchtern lassen!

Und wir müssen das tun, was wir können, wie z.B. der Freiburger Lehrer Dejan Mihajlović der es geschafft hat, trotz zahlreicher Widerstände demokratische Strukturen, die auch die Schüler betreffen, zu etablieren. 

Ich kann einfach nicht glauben, dass das, was wir gerade sehen, schon alles ist, was wir tun können. Denn wenn irgendwann unsere Freiheitsrechte beschnitten werden, wird es uns nicht helfen zu sagen, dass wir sehr gut informiert waren und viele lustige kleine Memes gebastelt haben. Aber dafür müssen wir raus aus unseren Komfortzone, anpacken und uns bewegen. Und das tut meistens weh. Ich sehe aber keinen anderen Weg.

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Blogparade #waswirtunkönnen

Diese kleine Blogparade ist – wie eigentlich alle bisherigen Blogparaden – ein Versuch. Sie speist sich aus der Tatsache, dass ich mich, wie gerade viele andere Menschen, denen Zusammenhalt, Solidarität und Freiheit am Herzen liegt, sehr sorge. Anstatt des üblichen Fragenkatalogs möchte ich an alle interessierten Blogger eine einzige Frage stellen:

Was können wir (als Blogger in diesen Zeiten) tun?

Meine Idee ist, dass jeder, der einen Blog hat, eine ganz eigenen Perspektive wählen kann. Es kann eine politische, gesellschaftliche, individuelle oder ganz anders geartete Sicht auf die Fragetellung sein. Ihr könnt ein Elternblog, ein Essensblog, ein Musikblog oder ein Blog sein, dessen Thema ich bisher noch nie gehört habe. Wichtig ist, dass euch die Frage auch beschäftigt.

Dabei ist die Frage keine rhetorische, die ich schon beantwortet hätte, sondern eine, die viele Menschen momentan umtreibt. Auf diese Weise lernen wir andere Blogs und im besten Falle gute neue Ideen kennen.

Da meine Erfahrung zeigt, dass mehr Zeit nicht unbedingt besser ist, schließe ich die Blogparade Ende Februar ab.

Wie eine Blogparade funktioniert

Falls ihr noch nie eine Blogparade mitgemacht habt, hier einige Schritte, wie sie funktioniert.

  1. Schreibt einen Artikel auf eurem Blog, in dem ihr die Frage beantwortet (oder auf eine für euch wichtige neue Frage hinweist).
  2. Kommentiert den Link unter diesen Artikel und/ oder postet ihn auf den Netzwerken, auf denen ihr vertreten seid, unter dem Hashtag #waswirtunkönnen
  3. Um es lebendig zu halten, ist es am interessantesten, wenn ihr die anderen Beiträge lest und auch hier einige Kommentare dalasst.

Und dann?

Es ist immer schwer zu sagen, ob eine Blogparade Anklang findet oder nicht. Ich werde die Beiträge in der Reihenfolge ihres Erscheinens in diesem Artikel sammeln und eine kleine Einführung zu dem Beitrag schreiben, sodass man sehen kann, worum es ungefähr geht (hier sieht man, wie das dann aussieht). Am Ende haben wir zusammen hoffentlich ein schönes und hilfreiches Panorama an Ideen und neuen Blogs kennengelernt. Ich bin sehr gespannt auf eure Beiträge.

Facebook-Seite des Autors

Beiträge:

Der erste Beitrag ist eine Aufforderung, verantwortlich mit seiner Reichweite umzugehen und eben nicht nur Schmink- und Kauftutorials zu vermarkten. Der Beitrag fordert auf, etwas zu bewirken. Was, wird noch nicht verraten.

Der zweite Beitrag ist von mir selbst. Ich konnte mich nicht zurückhalten und hoffe, einige Anstöße geben zu können.

Der dritte Beitrag ist vom Lehrer Tom Mittelbach, der ganz konkret aufzeigt, was man tun kann und uns teilnehmen lässt an einer Rede, die er zu diesem Thema gehalten hat.

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Brauchen wir Twitter noch?

Die Frage, die vom Kollegen Felix Schaumburg gestellt wurde, finde ich wichtig, da sie mich auch beschäftigt. Genau aus dem Grund, dass man bei Twitter eben nicht diskutieren oder lange antworten kann, hier meine persönliche Perspektive.

Foto: Thomas Clemens

Meine Twitter-Nutzung war schon immer in einem Graubereich. Ich bin kein „Bildungs-Twitterer“, auch wenn mich das Thema Bildung bzw. digitale Bildung natürlich interessiert (übrigens immer weniger, weil ich die Argumente immer weniger verstehe, aber das ist ein anderes Thema). Ich bin aber auch kein ausschließlicher Wortwitz-Twitterer, auch wenn ich gerne solcherlei Sprachspielereien betreibe. Oft nutze ich Twitter auch, um nicht nur politisch auf dem Laufenden zu bleiben, sondern den Anschein zu erwecken, Wirkung entfalten zu können. Ja, leider ist es so. Es ist der Anschein von Wirkung.

Dabei hat sich meine Nutzung und vor allem meine persönliche Perspektive stark geändert. Am Anfang war ich enthusiastisch. So viele Lehrer, die interessiert an der digitalen Bildung sind, so viel Austausch, so viel schlaue Impulse. Ich wollte, dass quasi jeder Lehrer Deutschlands auf Twitter kommt.

Dann merkte ich, dass mir der sich stetige wiederholende Austausch über Schlag- und Schlüsselworte zu wenig ist. Und da schon im Zeugnis der 1. Klasse stand, dass ich dazu neige, die Worte auf die Goldwaage zu legen, machte ich das. Sinnvolles, sinnloses, immer mit dem Wunsch, eine kleine Wirkung zu entfalten. Ich schrieb sogar diesen Text, in dem ich mich dafür rechtfertigte.

Von mir sehr geschätzte Kollegen erklärten mir, dass ich mehr machen könnte und dass es nicht gut sei, nach Herzchen zu streben. Ein anderer Kollege, der auch Bücher verkauft und in Fernsehsendungen unterwegs ist, erklärt mir immer mal wieder, welche Tweets sich nun widersprechen. Feedback ist so wichtig.

Natürlich gibt es rationale Argumente, auf Twitter zu bleiben. So wurde ich an Universitäten eingeladen, konnte dort Sessions machen, kann für einen Schulverlag schreiben oder Videos für Lernmodule produzieren. Sage ich aber nicht mehr. Kommt nicht so gut an. Vorwurf: Selbstvermarktung.

Eigentlich habe ich für die meisten Sachen sowieso zu wenig Zeit. Denn ich habe ein volles Deputat, eine volle Stelle und mache drei gymnasiale Hauptfächer; in den sogenannten „Winterferien“ hatte ich drei Tage für meine Familie – der Rest war Korrektur. Ich bin in einer Partei und versuche da, Social Media zu etablieren. Ich gehe auf Demos und versuche meinen Schülerinnen und Schülern auch von zu Hause aus zu helfen, indem ich YouTube-Videos produziere. So schön ich es fände, Events anzuleiten (was ich übrigens in der Schule in den AGs, die ich leite, tue); ich habe schlicht keine Kapazitäten. Aber deshalb möchte ich Twitter nicht missen. Wenn ich – wie heute – wieder den ganzen Sonntag am Schreibtisch sitze, weil ich eine von etwa 30 Klassensätzen dieses Schuljahr korrigiere, möchte ich ab und zu schauen, was die Welt so macht. Und einen lustigen und sinnlosen Spruch schreiben, für den es lustige Herzchen gibt. Für die nächsten 20 Arbeiten gibt es die nämlich nicht.

Also: Brauchen „wir“ Twitter? Ich kann für mich sagen: Ja. Für die vielen kleinen sprachlichen Besonderheiten, die ich gerne lese. Dafür, dass ich Schülerinnen und Schülern sagen kann, dass ich jemanden kenne, der ihnen vielleicht weiterhelfen kann. Dafür, dass ich Leute kennenlernte, die ich mag. Und dafür, mich wie so ein kleines Kind zu freuen, ein paar Herzchen zu bekommen.

Für Diskussion, richtigen, offenen Austausch? Nein. Dafür nicht. Dafür sind Konferenzen etc. wirklich besser. Ich hätte mal wieder Lust, auf eine zu gehen. Aber dafür fehlt mir die Zeit.

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Pause

Foto: Thomas Clemens

Es ist mal wieder soweit: Ich werde eine Pause auf den Social Media-Accounts einlegen. Ich weiß nicht, für wie lange. Ihr könnt gerne eine Mail schreiben, wenn ihr möchtet. Hat letztes Mal auch schon großartig geklappt. Bis bald. 

 

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Interview mit den sozialen Netzwerken

Gerade für die sozialen Netzwerke war das letzte Jahr sehr anstrengend. Mit Hilfe seiner Kontakte hat der Autor dieser Plattform einige sozialen Netzwerke zu Ihrem Befinden gefragt.

 

 

 

User: Hand aufs Herz: Wie geht es Ihnen?

Facebook: Mainen Sie vong gesunheit her?

Xing: Das hier ist ein Interview, du Gesichtsbuch. Hier kannst du in deiner normalen Sprache reden.

Twitter: Gnihihi.

Xing: Was?

Twitter: Der kann nicht gut Mitmenschen umgehen.

Xing: Sie meinen „mit Menschen umgehen“.

Twitter: Vergessen Sie’s.

LinkedIn: Dürfte ich…

Twitter, Facebook, Xing: Nein!

Instagram: Wenn ich mal meinem Vater beispringen darf. Meinen Sie von der Gesundheit her?

User: Ja, wie haben Sie das Jahr 2016 verkraftet.

Instagram: Ich verstehe die Frage nicht. Es war doch sehr schön. Gutes Essen, sehr hübsche Leute; gut, ab und zu waren wir je suis, aber auch mit einem sehr schönen Filter.

User: Ich seh’ schon.

Xing: Dank der Internets sind wir alle vernetzt.

User: Alle?

Xing: Alle Angemeldeten.

User: Also alle in Deutschland Angemeldeten.

Xing: Ich muss los.

LinkedIn: Dürfte ich…

User: Nein.

Facebook: Heil Trump!

Twitter: Schickt den Hetzer raus und hetzt die Schicken rein.

User: Diese Wortspiele sind auf die Dauer recht nervig. Aber Sie haben Recht. Warum hetzen Sie denn nun?

Facebook: Ich hetzte nicht, ARSCHLOCH, das sind meine Synapsen. Ich kann nichts gegen die, VERDAMMTE KACKE, User machen, die mich, PENNER!, missbrauchen.

Twitter: Das stimmt doch nicht. Sie können doch alles überprüfen lassen.

User: Ja, eben.

Facebook: Das ist nicht so einfach.

Instagram: Guck mal, eine Brustwarze.

Facebook: AAAAAAAAH!

Myspace: Alter, wer macht denn hier so ein Lärm. StudiVZ, die Lokalisten und ich möchten in Ruhe sterben.

Twitter: Und Sie sind?

LinkedIn: Dürfte ich…

Myspace: Nein.

Youtube: Da ich nicht gefragt werde: Ich habe alles aufgezeichnet.

User: Das dürfen Sie nicht.

Youtube: Ist mir doch egal.

Facebook: Hab’s mit GEMA-pflichtiger Musik untermalt.

Youtube: NEEEEEEIN!

User: Ihr habt mir immer noch keine Antwort auf meine Frage gestellt. Mal ehrlich. Seid ihr nicht benommen, geschüttelt, gerührt, depressiv von all den Dingen, die auf euren Schultern ausgetragen werden, all den Menschen, die euch missbrauchen.

Facebook: ICH SAGE JA, VERDAMMTE SCHEISSE, DASS… Kann ich den Anfang von der Frage noch mal hören?

Twitter: Geschüttelt, gerührt. Voll die Martini-Frage.

LinkedIn: Dürfte ich…

Twitter, Facebook, Myspace, StudiVZ, Lokalisten, Youtube: NEIN!

User: Die Frage war, ob…

Twitter: Da ist ein Promi gestorben. Promi gestorben. Promi gestorben. Promi gestorben.

Facebook: Ich denke, da ist gerade ein Promi gestorben.

Instagram: Hier ein Bild des erst kürzlich verstorbenen Promis.

Youtube: Kürzlich verstorbener Promi über Menschenrechte kürzlich verstorbener Promis auf sozialen Medien.

Twitter: Video aufgetaucht, in dem der kürzlich verstorbener Promi über Menschenrechte kürzlich verstorbener Promis auf sozialen Medien redet.

Facebook: Das sind die heftigsten Kommentare über das aufgetauchte Video, in dem der kürzlich verstorbene Promi über Menschenrechte kürzlich verstorbener Promis auf sozialen Medien redet.

Instagram: Je suis kürzlich verstorbener Promi.

LinkedIn: Der war hier angemeldet und hat eine sehr interessante Mitteilung geschrieben.

Facebook: Sag es mir, ich habe dich immer für voll genommen.

Twitter: Nein, ich.

Xing: Wir sind Brüder im Geiste.

User: Ihr habt doch alle den Verstand verloren.

Twitter: Oder den Versand. Wie so ein Postbote.

Facebook: Geiler Spruch. Gleich mal als Visual Art rausbringen.

User: Und der Promi? Und das Jahr?

Twitter, Facebook, Myspace, StudiVZ, Lokalisten, Youtube: Welcher Promi? Welches Jahr?

LinkedIn: Genau!

Twitter, Facebook, Myspace, StudiVZ, Lokalisten, Youtube: SCHNAUZE!

User: Das habe ich mir irgendwie anders vorgestellt.

 

(…)

 

Snapchat: Ihr labert euch einen zurecht, weil ihr nicht merkt, dass ihr eigentlich gar nichts mehr zu melden habt. Filterblasen. Pffft.

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Generation: Egal

Heutzutage hat man nicht mal mehr die Momente des unangenehmen Small Talks. Auch mit Fremden wird es politisch. Oder ich empfinde alles politisch. Ich weiß es nicht.

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Ich stehe auf dem Balkon, irgendwo und spreche mit fremden Menschen – irgendwem. Gerade kam einer raus und hat über Rap geredet. Da bin ich Experte, aber aus einer anderen Zeit. Der andere redete von Kanaken und von Kanaken-Rap. Das war aber die erste Minute auf dem Balkon, da wollte ich nicht den Demokraten raushängen lassen. Genau, Demokraten. Ich empfinde Haltung auch in der Sprache nicht als übermäßig politisch korrekt, sondern als Bestandteil dessen, als was ich mich sehe.

Dann eine für mich überraschende Wendung. Jemand hat mitbekommen, dass ich, nennen wir es liberal eingestellt bin. Er schaut mich verschwörerisch an, schließt die Balkontür. Drinnen halt deutscher Schlager. Er schaut mich an und raunt: Er sei auch Demokrat, war den Piraten zugewandt. Ich möchte ihm in die Arme fallen und reflektiere sogleich, wie unsinnig das ist. Demokraten in einer Demokratie. 2016. Ein Witz. Gerade beschloss ich diese tatsächliche Geschichte als kleine Anekdote vor den wahrscheinlich einzigen Beitrag meiner Blogparade zur Demokratie zu nutzen. Ich beantworte die Fragen zu meiner Blogparade. Ist das nicht traurig?

Twitter ist voll von Blogparaden. Ich machte früher viel mit, schrieb übers Schreiben und über Homeoffice und alles, was noch so wichtig ist, wenn man, wie wir alle, um sich selbst kreist. Dieses Mal kreise ich um ein anderes Thema, das nicht viele wirklich interessiert. Ist auch klar, da es ja nur um unsere Gesellschaftsform geht. Vielleicht sollte ich wieder eine Blogparade über die beste App im Klassenzimmer machen. Das geht immer. Oder eine, in der es um die besten Tipps für irgendwas geht. Ist auch egal. Nur nicht so schwer. Nun gut, ihr merkt: Ich schaue euch verschwörerisch an. Ich beantworte nun Matthias’ Fragen.

  1. Wie schafft man die Kehrtwende gegen den zunehmenden Rechtspopulismus?

An dieser Stelle hätte ich gerne etwas von mutigem Engagement gesprochen. Etwas mit kurzfristiger Kraft und langfristigem Engagement für Bildung, Gerechtigkeit und dergleichen. Mache ich aber nicht. Die Antwort ist: Die Menschen werden es erst merken, wenn der Rechtspopulismus direkt in der Wohnung angekommen ist. Direkt. So, dass man etwas nicht mehr sagen darf (genau, so fühlen sich die AfDler. Deshalb gehen sie auf die Straße und wir nicht). Kehrtwende beinhaltet Bewegung. Die meisten von uns haben aber keine Lust, sich zu bewegen. Deshalb schaffen wir nicht mal eine Viertelwende. Wir sind eingepennt und werden erst aufwachen, wenn uns jemand auf den Kopf hämmert.

  1. Warum bestimmen die Rechtspopulisten die wahlentscheidenden Themen?

Das ist eine einfache Frage: Weil sie es können. Die Strategie dazu ist auch nicht wirklich schwer. Man erzeuge Angst (mit Anklängen an die Wahrheit), generiere sich um einzig wahren Gegner dieser Angst, sorge für Immunität bei seinen Anhängern und habe einfache Antworten.

Populismus ist nichts weiter als überzeugende Schlichtheit, der diejenigen, die von ihr überzeugt sind, ernst nimmt. Das wir uns nicht falsch verstehen: Es gibt auch richtig intelligente Populisten, Demagogen und den rechten Nachwuchs. Die sind aber in Aktion und wir… (siehe Kehrtwende).

  1. Wie gewinnt man mit Fakten Wahlen?

Fakten? Fakten gibt es nicht mehr. Es gibt für jede These, die man haben kann, einen, der sie belegt. Das ist die unendliche Weite des Netzes. Und da wir darüber nicht in den Schulen reden und sogar der Repräsentant des Lehrerbundes nicht kapiert, dass dies unserer Demokratie schadet, wird es auch nicht besser. Gefühle bestimmen alles. Das Problem ist: Wenn man zu lange mit Idioten redet, ziehen sie einen auf ihr Niveau herunter und schlagen einen dann mit Erfahrung. Ja, bitter.

  1. Wie bricht man die Hegemonie der organisierten Rechten in sozialen Medien?

Haben die Rechten denn die Hegemonie? Bis vor drei, vier Jahren haben wir es uns doch ganz gemütlich gemacht in unserer Ideologie, die wir nicht als Ideologie sehen. Leider gilt auch hier: Es hat etwas mit Bewegung zu tun. Wir müssten uns mit politischen Inhalten befassen, wir müssten uns mit Aufmerksamkeitsökonomie befassen, wir müssten uns mit Youtube befassen, mit Instagram, mit viralen Videos und dann wieder mit Inhalten. Wir müssten eigentlich „nur“ Demokratie cool machen. Klar? Aber die Bewegung, die Bewegung. Wir sind einfach zu faul! Aber keine Sorge: Die Rechten wissen das. Und so wird es mehr werden, viel mehr. Und irgendwann ist es in unseren Wohnzimmern und dann denken wir über alles nochmal nach, als würde es uns dann sorgen.

  1. Wie verankert man langfristig und nachhaltig liberale Gedanken in der Bevölkerung?

Was ist denn ein liberaler Gedanke? Lasse jeden leben, wie er leben möchte? Ist schon geil, wenn das jemand hört, der mit 900 € im Monat leben muss, während er uns per Expressbrief das MacBook sendet. Geiler Gedanke! Liberal.

  1. Wie schützt man Minderheiten vor Angriffen und politischem Missbrauch in Wahlkämpfen?

Indem der Staat sein Gewaltenmonopol ernst nimmt. Ist eigentlich nicht so schwer. Außer vielleicht bei der sächsischen Polizei.

  1. Wie begeistert man eine Gesellschaft für differenzierte Debatten?

Indem man selbst wieder an welchen teilnimmt, mit Geduld für die Meinung des anderen, ohne Missionierungsdrang, ohne Arroganz, ohne Ignoranz, ohne elitäre Haltung. Allerdings: Dafür müsste man sich überhaupt erstmal regen. Ich verweise gerne nochmal auf die Nummer 1.

  1. Wie versieht man liberale Werte mit einer neuen Attraktivität / Anziehung?

Genau das ist die richtige, die wichtige Frage. Vielleicht mir nackten Frauen. Sex-Sells! Oder Heimatliebe sells auch. Vielleicht nackte, blonde, heimatliebende Frauen. Und Männer. Wegen dem Gender-Aspekt.

Ne, mal ehrlich. Wir unterwerfen alles der Aufmerksamkeitsökonomie. Also müssen wir entweder wirklich Teil dieser werden oder eine Nachhaltigkeitsökonomie dagegen stellen. Das Wort ist doch schon scheiße. Und mal ehrlich: Wer sollte das machen?

  1. Wie bindet man Menschen an demokratische Institutionen, wie Parteien oder Vereine?

Man verbindet niemanden. Menschen verbinden sich. Sie sind der Agens. Das ist ja das Problem. Sie verbinden sich doch. Halt mit der AfD – aber sie tun es.

  1. Warum schenken wir den Wahlforschungsinstituten mehr Glauben, als den Gefühlen, die viele äußern und der offensichtlichen Kräfteverschiebung im Netz?

Weil die meisten von uns, die an den Stellen sitzen, wo es Bewegung von oben geben könnte, es noch gar nicht raffen. Die verstehen nicht, dass das Netz nicht nur ein Hohlspiegel für lustige „Netzreaktionen“ ist. Die wissen das wirklich nicht. Die denken immer noch, dass „das Netz“ sowas wie eine zweite Zeitung ist.

Die Zeitungen wissen das, aber machen damit Auflage.

Die Lehrer wissen das meistens nicht.

Die Politiker wissen das auch nicht so wirklich.

Gefühle. Statistiken. Egal.

Ich habe jetzt mal ein paar Fragen beantwortet und fühle mich wieder wie ein richtiger Demokrat. Vielleicht liest das hier jemand bis zu Ende. Ist unwahrscheinlich, weil das auch schon Kraft kostet. Egal. Generation: Egal!

 

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Fragen an die liberale Demokratie: eine Blog- und YTParade

Es ist schon über ein Jahr her, da ich versuchte, die letzte Blogparade ins Leben zu rufen. Damals wurde das Angebot, sich über Lernlust Gedanken zu machen, sehr rege angenommen. Dieses Mal steht die Blogparade ganz im Zeichen der unruhigen Zeiten überall auf dem Globus. Die Fragen, die ich gerne allen, die sich gerne Gedanken machen, stellen möchte, sind an das gerichtet, das unser aller Zusammenleben bisher ermöglicht hat: An die liberale Demokratie. 

Ich möchte alle Blogger – und dieses Mal, auch wenn ich nicht weiß, ob dies angenommen wird – alle Youtuber, die Lust haben, aufrufen, sich den folgenden Fragen anzunehmen. 

Für die Schnellen: Hier die Fragen:

Fragen, deren Antwort die liberale Demokratie zur Zeit schuldig bleibt:

1. Wie schafft man die Kehrtwende gegen den zunehmenden Rechtspopulismus?
2. Warum bestimmen die Rechtspopulisten die wahlentscheidenden Themen?
3. Wie gewinnt man mit Fakten Wahlen?
4. Wie bricht man die Hegemonie der organisierten Rechten in sozialen Medien?
5. Wie verankert man langfristig und nachhaltig liberale Gedanken in der Bevölkerung?
6. Wie schützt man Minderheiten vor Angriffen und politischem Missbrauch in Wahlkämpfen?
7. Wie begeistert man eine Gesellschaft für differenzierte Debatten?
8. Wie versieht man liberale Werte mit einer neuen Attraktivität / Anziehung?
9. Wie bindet man Menschen an demokratische Institutionen, wie Parteien oder Vereine?
10. Warum schenken wir den Wahlforschungsinstituten mehr Glauben, als den Gefühlen, die viele äußern und der offensichtlichen Kräfteverschiebung im Netz?

Nach AfD-Ergebnis bei Landtagswahl, Brexit und Trump würde ich darüber gerne ein bisschen mehr diskutieren.
Mit allen, die Lust auf Freiheit und Gerechtigkeit für alle haben.

(Gesamter Text vom Facebook-Account von Matthias Zeller)

Da es manchmal dauert, bis Blogparaden Fahrt aufnehmen (wenn sie es überhaupt tun), aber auch Weihnachten vor der Tür steht, setze ich die Deadline auf den 20. Dezember 2016. Alle bis dahin eingereichten Artikel oder YouTube-Videostatements können mir zugeschickt werden. Sie werden daran anschließend hier verlinkt und erklärt.

Auf Twitter und Facebook können sie unter dem auf der Demonstration in Kehl zufällig entstandenen Hashtag #nichtmituns gepostet werden.

Ich bin sehr gespannt auf eure Beiträge.

Für die Langsamen: 

Während ich mit Matthias Zeller, dem Kreisvorsitzenden der Jusos Mannheim und Präsidiumsmitglieds der Landesausschuss, im Auto saß, sprachen wir über die Bedrohungen, derer sich unsere Demokratie gerade erwehren muss.

Dabei sagte Zeller einen Satz, der ich bemerkenswert fand. Er sprach von der Frage, wie wir die Mobilisierung des Verstandes schaffen würden. Diese Aussage hat zwei bemerkenswerte Seiten.

Zum einen geht sie auf das ein, was Philippe Wampfler anmahnt, wenn er fordert, dass Sachlichkeit und Faktizität im Umgang mit jenen, die auf einen Gefühlsdiskurs aufbauen, nicht verloren gehen darf; denn so mache man sich gemein. Implizit ist dies auch eine Forderung an den seriösen Journalismus, nicht in die Fahrschneise des Hypes und des Klickbaiting zu geraten (bzw. aus ihr herauszufinden).

Zum anderen ist die Forderung die nach einer aktiven Partizipation. Momentan geschieht diese nur sehr eingeschränkt und dort, wo sie stattfindet, ist sie oftmals gegen die Demokratie, demokratische Strukturen oder deren Repräsentanten gerichtet. Die „Elite“, das „Establishment“, die „politische Klasse“ werden in einen Topf von abgehobenen Snobs geworfen, die „das Volk“ verraten haben, nicht mehr ernst nehmen oder sogar gegen es arbeiten.

Kurz: Es geht darum, wie wir die „schweigende Mehrheit“, die „schlafende Mitte“, aus ihrem Jahrzehnte langen Schlaf befreien.

Auf der Facebook-Seite von Zeller fand ich die vorliegenden Fragen, die die Problematik noch stärker umreißen und konkretisieren. Es sind die richtigen Fragen, auf die eine Antwort zu finden kein leichtes Unterfangen ist. Mittels dieser Blogparade hoffe ich, dass wir Ideen sammeln, Bestandsaufnahmen machen und reflektieren können, wie wir unser Zusammenleben in dieser Demokratie, aber auch in anderen Demokratien dieser Erde von den eruptiven Kräften der Rechten schützen können.

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Liberal Supremacy

AnfangsbildWas sind das für Zeiten? Die Newsticker der Welt rasten aus, jede Sekunde fliegt eine neue Nachricht durch den Äther und wir schwimmen von einer zur anderen Blase, suchen nach Haltung und verstehen die Welt nicht mehr. Neben politischen Brandbomben sind Bilder von tatsächlichen Brandbomben, von toten Kindern; daneben ein neu gekauftes Auto, weil wir in der Facebook-Gruppe sind. Und neben Nazis, Nazis, Nazis – denn die haben Aufwind in unseren Zeiten, im Jahre 2016, ist ein schönes neues Video von irgendeinem Trend, den wir mitmachen, weil wir nicht wissen, was wir sonst machen sollen. Und wir sind liberal oder links oder jedenfalls irgendwas mit richtiger Zeichensetzung.

 

Und obwohl jeder will, dass man miteinander spricht und dass man sich zuhört und Argumente hört, will sich keiner überzeugen lassen. Und so ändert man nichts. Wenn man die Perspektive tauscht, ist man ein Opportunist, wenn nicht, ein Konservativer. Also dann: Ich mache den Opportunisten.

Ich schrieb vor einer Woche einen Artikel und uns eine Mitschuld zu. Ich dachte, dass das gut ist. Wir sind nicht nur schön reflektiert, sondern wir gestehen die Schuld ein. Wir kümmern und im die Besorgten, die Zurückgelassenen, die Rassisten. Aber das, was viele nun liberal nennen, um sich nicht links nennen zu müssen (denn dort tummeln sich die 9/11-Verschwörer und Aluhutverehrer), ist in Wirklichkeit nichts Anderes als das letzte humanitäre Stückchen Anstand, das man sich nicht nehmen lassen darf. Mit anderen Worten: Wenn wir schon die Schuld für die aufnehmen, die den anderen immer die Schuld geben, weil wir nicht das machen wollen, was die Rassisten tun – Menschen ausschließen – dann machen wir einen Fehler.

Klar, wir wollen nicht exklusiv sein wie monotheistische Religionen, die White Supremacy oder die Alt-Right-Bewegung oder die Apple-Shop-Filialen. Wir wollen in unserer Gutherzigkeit alle einschließen. Schwule, Behinderte, Andersdenkende. Alle, vor denen die Angst haben, deren tumbe Parolen durch die Straßen und das Netz gegrölt werden. Aber wir sind exklusiv. Nicht durch Geld, Zeit, Kultur oder Fritz-Kola mit Matezusatz.

Sondern weil wir als einfachsten Grundsatz, den es überhaupt gibt, an die Würde des Menschen glauben und daran, dass sie unantastbar ist. Oder nehmen wir die

„Die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte“, Artikel 1:

Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren. Sie sind mit Vernunft und Gewissen begabt und sollen einander im Geist der Brüderlichkeit begegnen.

Wenn das unser Kriterium ist, wenn es das Einzige ist, an das wir glauben, dann soll es so sein, dass alle die dies nicht tun, ausgeschlossen werden aus unserer Gesellschaft.

Dass all jene, mit denen man diskutieren soll, weil sie Sorgen und Ängste haben, die verdammte Raufasertapete anschreien sollen.

Ich möchte mich nicht beruhigen. Ich möchte nicht „berechtigte Sorgen“ ernst nehmen, wenn Sie das einzige Fundament, dass Menschen zu Menschen macht anzweifeln. Soll ich noch lauter sein!

JEDER KANN DAS GRUNDGESETZ GOOGLEN! ES SIND DOCH ALLE ANGEBLICH SO VERSIERT, AUCH WENN SIE KEINEN VERDAMMTEN GERADEN SATZ SCHREIBEN KÖNNEN! UND WENN NICHT DAS GRUNDGESETZ, DANN EBEN DIE MENSCHENRECHTE. DIE RECHTE, DIE JEDER MENSCH HAT.

Ich habe keinen Bock auf den IS, und Trump und die ganzen religiösen Fundamentalisten, die meinen, in ihrem Namen den Menschen das Recht zu nehmen, Menschen zu sein. Und auch nicht auf die besorgten Bürger. Bürger? BÜRGER? DASS ICH NICHT LACHE!

Wir sind die Elite? Wir haben Geld? Wir sind Teil des Establishments? Wenn das bedeutet, an den kleinsten gemeinsamen Nenner als Mensch zu glauben, nämlich dass man als Mensch Mensch sein darf, dann bitte: DANN BITTE!

DANN BIN ICH GERNE TEIL EINER ELITE, DES ESTABLISHMENTS, DER ALTPARTEIEN UND MIT WELCHEN SCHLAGWÖRTERN WIR UNSEREN MUND BESCHMUTZEN, WEIL WIR NICHT KAPIEREN, DASS SIE UNS VON DEN EWIGGESTRIGEN DORT HINEINGELEGT WERDEN.

Dann ist das so. Dann sind wir halt arrogant. Wir können über alles reden. Aber meinen Glauben an die Menschlichkeit kriegt ihr nicht.

DAS, WAS GERADE IN DEN USA PASSIERT, DAS, WAS IN EUROPA PASSIERT, IST NICHT NORMAL. WIR MÜSSEN UNS WEHREN. Und wenn das heißt, dass man peinlicher Weise anfängt, Sätze großzuschreiben, dann ist das so.

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