Bob Blume
"(…) eine Axt für das gefrorene Meer in uns."

DISKUSSION: Bücher, Tablets und digitale Befindlichkeiten

Beim digitalen Diskurs oder dem Diskurs unter digitalen Bedingungen, ist es schwer, nicht in diverse Fallstricke zu treten. Manchmal bräuchte es eine Typologie der (gerade noch) erlaubten Kritik, an die man sich heranhangeln kann, damit man möglichst keinen in der Community verletzt. Das ist schade, da so, wie so oft im (politischen) Diskurs die Sache auf der Strecke bleibt. Ein Kommentar zum Lesen und zum Umgang mit Kritik.

1. Teil

Beginnen wir mit meinem persönlichen Umgang. Da lese ich einen in der Sache wichtigen Artikel vom Christian Füller, Berliner Journalist und professioneller Wadenbeißer (ich hoffe, Christian, das ist in Ordnung) gegenüber einem sich gefallenden Diskurs. (Anmerkung: Mein eigenes digitales Blogleben startete erst so richtig, als mir Christian so deftig einen vor den Latz knallte, dass ich gekränkt, wütend und beleidigt nach Verbündeten suchte, die ich in der digitalen Community fand). Ich lese bzw. überfliege also diesen Artikel, der sehr wichtige und, wie ich finde, von der digitalen Community (teilweise) ignorierte Einwände formuliert.

(M)eines Erachtens sind die Folgen des Online-Tsunamis auf das Lebens- und Lernverhalten von Kindern gar nicht hoch genug einzuschätzen. Es wird Zeit, dass wir uns damit in einer problemorientierten öffentlichen Debatte damit befassen, erste Studien gibt es dazu ja schon.

Diese Studien zitierend, die in der Tat ein besorgniserregendes Bild bezüglich der Lesefähigkeit bei gleichzeitigem exponentiellen Ansteigen der Smartphonenutzung zeigen, beschreibt Füller seine Besorgnis. Er schließt mit einer konkreten Forderung:

Wer sich dem digitalen Lernen nicht in den Weg stellen will, und das analoge Lernen nicht vernachlässigen möchte, der könnte folgendes machen: einen Digital- und Analogpakt (Siehe Waldorfschulen).

Ich retweetete den lesenswerten Artikel.

Wo ist nun das Problem? Nun, Füller nimmt einen Tweet des Freiburger Lehrers und SMV-Beauftragten Dejan Mihajlović zum Anlass, seine Ausführungen zu zitieren. Die sich normativen Urteilen entgegenstellende Ansicht, das Leseverhalten habe sich verändert, nennt Füller „ängstlich“, und „unangemessen“. Die Begründung folgt und eben im weiteren Verlauf die Ausführungen, die ich für interessant halte.

Nach einem Sturm der Entrüstung, man können doch keine Tweets dekontextualisieren (Was ich übrigens sehr oft und gerne mache, allerdings im Positiven, weshalb sich keiner beschwert) und denjenigen, der die Tweets schrieb, angreifen sollte, musste ich mich, wie so oft in Zeiten, in denen Menschen und Theorien so oft miteinander eins gesetzt werden, entscheiden. Bleibe ich bei meinem Retweet und unterstütze so das, was andere als verletzende Kritik wahrnehmen? Oder nehme ich ihn zurück?

Mein kindisches Verhalten ist für die Filterblase, in der ich mich bewege, typisch (obwohl ich versuche, „drüber zu stehen“). Ich nahm den Retweet zurück. Nicht, weil ich den Artikel nicht gut finde, sondern aus „Furcht“, als jemand dazustehen, der es hinnimmt, dass Dejan böse kritisiert wird (wobei dieser sich gar nicht dazu äußerte und er durch seinen Anspruch, dem, was Bildung in der heutigen Zeit ist, als „zeitgemäße Bildung“ einen Namen zu geben, eine größere Zielscheibe für Kritik darstellt).

Man könnte auch sagen: Diese erste Hälfte meines Blogartikels ist eine Apologie, warum ich den Artikel von Christian Füller wichtig finde, ohne zwangsläufig mit der Art und Weise einzustimmen, wie diese artikuliert wird (wobei ich dabei bleibe: Wer von Füller kritisiert wird, wird für mich eher geadelt als dass ich glaube, dass ein persönlicher Angriff damit bezweckt wird).

2. Teil

Foto: Thomas Clemens

Es wäre sehr unglücklich, würde ich nun ausgerechnet Dejans Tweet als die Ausgangslage meiner eigenen Ausführungen zum Lesen von Büchern nehmen. Aus diesem Grund versuche ich allgemein zu bleiben. Der Grund, weshalb viele Mitglieder der digitalen Community reflexartig die Forderung nach Büchern relativieren, ist einfach: Experten der digitalen Sphäre sind immer und immer wieder damit konfrontiert, dass Lehrerinnen und Lehrer klare Grenzen ziehen. Buch: gut! Handy: schlecht! Mit einer solchen Dichotomie lässt sich nichts bewegen.

Also sprechen die Verfechter einer (wieder mal) neuen digitalen Kultur innerhalb und außerhalb der Schule lieber davon, dass nichts schlechter ist, sondern eben nur alles anders. Das ist absolut nachvollziehbar und nicht nur eine Entwicklung der Buchkultur.

Auch die Öffnung innerhalb anderer gesellschaftlich-kultureller Bereiche bietet, wenn man sie ernst nimmt, Chancen für einen Unterricht, der auf die Jetztzeit vorbereitet. Die Analysen von Memes und Selfies, das Lesen von Graphic Novels und Screenplays – all das wird durch einen digitalen Zugriff begünstigt und kann nur Einzug in die schulische Bildung erhalten, wenn man die Höhenkammliteratur nicht für das Maß der Dinge hält.

Ein Aber

Darum, denke ich, geht es aber nicht. Bei einem Diskurs über das Lesen, über Bücher und über Tablets und über das, was man Literalität oder Literacy nennt, geht es nicht um das Medium, welches die Narrative bereithält. Ich kann genauso gut jeden Tag Pfennigromane als analoge Blättchen lesen wie ich die Bildzeitung auf meinem iPad konsumiere. Meine intellektuellen Fähigkeiten oder meine Kompetenz, Zusammenhänge in ihren Nuancen nachzuvollziehen, wächst dadurch nicht (empirisch habe ich das nicht belegt).

Genauso gut kann ich aber auch Thomas Mann, Franz Kafka und Arthur Schnitzler auf meinem iPad lesen. Oder ich habe sie eben im Regal.

Meine eigene Handlungsweise gegenüber Büchern ist relativ streng. Alles, was ich mehr mag als das es einen flüchtigen Moment der emotionalen Berührung überdauern könnte, brauche ich um mich herum. Vielleicht sogar als Bestätigung meiner selbst. Mein Regal bin ich. Alles, was ich lediglich für einen Moment sammle, kann ich digital archivieren. Es bedeutet mir nur für den Zweck etwas. Meine Lieblingsbücher haben keine Zweckmäßigkeit, außer dass sie sind, was ich geworden bin.

Das kann man pathetisch nennen oder sich damit identifizieren: Was bleibt ist, dass es meine eigene Nutzung ist, eine, die ich durch mein Aufwachsen erlernt habe. Ich würde mir nicht anmaßen, sie anderen aufzuzwingen. Aber: Was viele von denen, die wie ich beide Welten kennen und sich in ihnen auskennen, meinen, ist, dass dies Kinder automatisch auch könnten. Und das ist nicht so.

Viele meiner eigenen Schülerinnen und Schüler (nicht empirisch nachgewiesen), klagen darüber, dass sie sich nicht konzentrieren können. Ihnen fällt es schwer, mehr als eine Seite zu lesen. Eine Seite! Dabei ist es relativ egal, ob sie diese Seite oder diese Seiten auf dem Mac, dem iPad oder im Buch lesen. Das zieht sich bis in die Oberstufe! Lesen ist anstrengend.

Und das soll es auch sein. Einen Gedanken nachzuvollziehen, der sich in seiner Tiefe erst nach einigen Seiten entfaltet, sich zurücknimmt, dann wieder vorwärts prescht; einen Gedanken, der schwer zugänglich ist und sich erst nach und nach in seiner ganzen Buntheit offenbart; einen Gedanken, der durch Strichpunkte weitergeführt wird (kleiner Metawitz). Einen solchen Gedanken nachzufühlen oder rational zu ergreifen bedeutet mehr Aufwand als einen kurzen Blogartikel oder eine WhatsApp Nachricht.

(Wenn ich es mir erlauben kann, an dieser Stelle einen kleinen positiven Seitenhieb zu machen: Hätten wir alle die Standardwerke von Axel Krommer et al. gelesen, z.B. das hier, würden wir nicht so oft denken, dass jede neue Idee von uns selbst ist und hätten eine Grundlage für die Diskussion; aber, und da spreche ich für mich selbst: Es ist sehr anstrengend, Grundlagenwerke zu lesen und zu verstehen, wenn man Vollzeit arbeitet, eine Familie hat und nicht nochmals studieren kann).

Zurück zum Unterschied zwischen einem langen Gedanken und einer Textnachricht. Das also das Ergreifen eines umfassenden Gedanken schwieriger ist, hat auch damit zu tun, dass Lesen als Handlung, die einen selbst berührt und die Perspektiven eröffnet, etwas anderes ist, wenn es ein Mensch macht, der sich Schriftsteller oder Journalist nennen kann. Weil er sein Leben dem widmet, was Worte mit dem Geist machen. Weil er Einblicke in die dunklen Tiefen der Psyche hatte und erlernte, diese so klar zu schleifen, dass sie anderen einen Blick eröffnen.

Können wir dann sagen, dass alles nicht so schlimm ist, weil viel gelesen wird?

Mehr noch: Tun wir unseren Kindern und Schülern einen Gefallen, wenn wir meinen, dass das ständige Lesen von WhatsApp-Nachrichten auch ein solches Lesen ist, dass dem eines Buches gleichzusetzen ist?

Ist also Lesen gleich Lesen?

Ich meine, nicht. So, wie ich (nun, im allerkleinsten Kreis) dafür kämpfe, dass die digitale Kultur, das Wissen um Umgang, Algorithmen und Kommentarkultur, das Netz und soziale Medien Einzug in die Schulen halten, so werde ich darum kämpfen, dass das Buch (egal, ob seine Worte, Sätze und Buchstaben auf Totholz oder auf dem Retina-Display dargestellt werden), die Schule nicht verlässt. Denn dabei geht es um mehr, als darum, ein paar Autoren zu kennen. Es geht darum, denken zu lernen. Denken, das über zwei Zeilen hinausgeht.

Legere aude!

Ihr kennt das.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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PERSÖNLICH: Was ich mir für das kommende Schuljahr wünsche

Nun ist es bald wieder soweit: Die Sommerferien und mit ihnen die Zeit der Erholung, der Muße und den Unternehmungen mit der Familie ist zumindest in dieser intensiven Form vorbei und ein neues Schuljahr steht an. Hier sind einige Wünsche an die Schülerinnen und Schüler, die Kollegen und an mich selbst

 

Ich wünsche mir,

dass ich es schaffe, mich nicht schnell aus der Ruhe bringen zu lassen

dass ich die Schülerinnen und Schüler so begeistern kann, wie auch ich von den Themen begeistert bin

dass ich zusammen mit Kollegen Inhalte entwickeln und ausprobieren kann

dass ich wieder einen Schritt weiter Richtung digitale Normalität machen werde

dass die Schülerinnen und Schüler mir vertrauen

und ich darauf vertrauen kann, dass sie mich ernst nehmen so wie ich es bei ihnen tue

dass ich die Korrekturen durchziehe 

dass ich dennoch Pausen ernst nehme

dass ich mir genügend Zeit für meine Familie nehme

dass ich von den Schülern Unmögliches verlange, so dass wir zusammen Unmögliches schaffen können

dass ich nicht zu viel Kaffee trinke

dass ich es wieder schaffe, die Welt in die Schule und die Schule in die Welt zu bringen

dass ich meine Nerven, meine Halsschlagader und meine Stimme schone

dass der Umgang zwischen allen an der Schule Beteiligten wertschätzend und konstruktiv bleibt

dass ich mir nicht zu viel vornehme

dass ich nicht alles so persönlich nehme

dass die Schüler Feuer fangen

viele, viele Fragen und ein paar Antworten

dass ich zum Schreiben komme

und dass einige sich inspirieren lassen und mich inspirieren.

Ich wünsche uns allen ein gutes und erfolgreiches Schuljahr!

Was wünscht ihr euch?

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ESSAY: Denn sie wissen nicht, was sie tun (sollen)

Bild: Thomas Clemens

Es ist doch immer wieder interessant, wie leicht es ist, einen Beleg für die Wirksamkeit für alles zu finden, was man unterstützt. Das beste Beispiel dafür ist G8. Da werden Studien durchgeführt, die dort, wo das neue Modell noch nicht wieder auf der Kippe steht, beweisen sollen, dass das achtjährige Gymnasium genau so funktioniert wie das neunjährige. Das ist nicht nur falsch, sondern auch naiv. Denn wer kognitive Leistungsfähigkeit mit Reife verwechselt, der verstellt den Fokus. Ein Kommentar. 

In Deutschland wird sich gerne beklagt: Über die Konjunktur, fehlende Kitaplätze, fehlende Erzieherinnen und Erzieher, Altenpfleger und nicht zuletzt über Orientierungslosigkeit der Jugend, die sich zumeist nach drei Semestern des Hochschulstudiums zeigt. Abbruch und Neuorientierung sind die Folge. Oder ganze Semester der Vorbereitung auf ein Studium an, weil die kommenden Studenten nicht in der Lage sind, das zu können, was sie können sollten, wenn sie mit dem höchsten deutschen Bildungsabschluss in der Tasche vor den Türen der Universitäten stehen, um sich für einen von ca. 14.000 Studiengängen zu entscheiden. 

Effizienz vor Mensch

Seit der Einführung der Bachelorstudiengänge und der Umstellung auf das sogenannte „Turbo-Abitur“ hat die Effizienz Einzug in die deutsche Bildungswelt erhalten (Oder man müsste besser sagen: Ein wirtschaftlich konnotierter Begriff von „Effizienz“). Die Maßeinheit für Wirtschaftlichkeit als Messlatte für Menschen passt gut in die Zeit. Alles soll schneller werden. Nach einem schnellen Abitur und einem direkten Einstieg in das Hochschulstudium kann dann ein schneller Berufseinstieg stattfinden. Die Wirtschaft wird mit Nachwuchskräften bombardiert, wächst weiter und Deutschland festigt seinen Platz als Exportnation Nummer 1. Soweit die Theorie.

Spricht man mit denjenigen Abiturienten, die nach dem stressigen Unterfangen tatsächlich direkt in die Universität einsteigen wollen (im Gegensatz zu denjenigen, die durch die monetäre Unterstützung der Eltern in die weite Welt fliehen, was zu begrüßen, aber natürlich nicht immer möglich ist), zeichnet sich oftmals ein Bild des indifferenten Schreckens: BWL wolle man studieren, das habe auch jemand anders studiert, was genau das sei, ist nicht so ganz klar. In Fernsehsendungen über das G8, in denen diejenigen, die verantwortlich sind, „evidenzbasiert“ erklären, wieso doch alles funktioniert (d.h. indem sie die Noten anführen, ohne dabei zu sagen, dass diese politisch gewollt immer besser werden bzw. die Aufgaben immer leichter), werden oft auch Abiturienten gefragt, was sie vom Modell halten. Interessante Herangehensweise. Was sollen sie denn sagen? Ich finde mich nicht geeignet?

Universitäre Realitäten

Als Mitarbeiter in der Universität, sei es ein Tutor oder ein Dozent, erkennt man die direkten Überläufer der Schule zumeist schnell am Mangel an Eigeninteresse und Verantwortungsbewusstsein. Die in der Schule antrainierte Attitüde, alles auf dem Silbertablett serviert zu bekommen, überträgt sich so auf die ersten Semester. Da hörte man als Deutschstudent doch das eine oder andere Mal mehr, dass sich die Leute darüber aufregten, wieder einen Roman lesen zu müssen. Einen Roman! Im Fach Germanistik!

Man könnte sagen, dass es eben passiert, dass der eine oder andere nicht das richtige Fach gewählt hat. Schaut man auf die Abbruchquote von Bachelorstudiengängen zeichnet sich jedoch ein anderes Bild. Über 27% der Studierenden haben ihr Studium vor dem Abschluss beendet, in den Ingenieurswissenschaften waren es fast die Hälfte aller Studenten. Als Ursache werden die verschiedensten Gründe angegeben. Mal ist es die fehlende Qualität der Lehre, mal sind es die selektiven Bedingungen der Klausuren.

Komischerweise fehlt eine Instanz: Die Studenten selbst. Denn ist es denn nicht ihre Wahl gewesen? Das Problem ist: Nach zwei Monaten „Pause“ zwischen einem Abitur, das die meisten Schüler an ihre kognitiven und physischen Grenzen bringt, ist für viele die Universität und der Effizienzdruck in den immer weiter verschulten Universitäten nicht die einzige Hürde.

Des Pudels Kern

Das wirklich Problem ist: Um zu wissen, was ich will, muss ich Entscheidungsmöglichkeiten bekommen. Entscheidungsmöglichkeiten fallen aber nicht vom Himmel. Sie sind weder durch einen eintägigen Besuch in einer „Jobbörse“ noch durch eine Doppelstunde mit dem Thema „Welcher Beruf passt zu mir?“ zu erreichen. Die Wahl des Studienganges ist in den meisten Fällen eine Lebensentscheidung, und zwar sowohl für den, der es unternimmt, als auch für seine Familie. Nicht zuletzt aber auch für den Staat, der davon profitiert, wenn die Menschen ihre Arbeit gut machen.

Wann aber geschieht das? Es wird wohl keiner widersprechen, dass man die Dinge besonders gut macht, die einem Spaß machen, weil sie den eigenen Kompetenzen entsprechen. Wie aber soll man, wenn man aus der „Druckpresse“ Schule herauskommt festlegen, was genau einen eigentlich interessiert?

Ist es als Effizienz zu verstehen, dass man die Schule verkürzt und die Studienfächer verschult, nur um dann festzustellen, dass ein Drittel derjenigen, die dies betrifft, gar keinen blassen Schimmer haben, auf was sie sich da eingelassen haben?

Ein Vorschlag

Als Konsequenz der beschriebenen Problematik falsch verstandener Effizienz, beschönigter Belege und bestehender Orientierungslosigkeit ergeben sich zwei Forderungen, die utopisch sind, weil sie einem auf maximale Wirtschaftlichkeit angelegten Zeit den Verantwortlichen wahrscheinlich nicht mehr als ein müdes Lächeln entlocken könnten.

Erstens, dreizehn Jahre Abitur, die eine Bildung ermöglicht, auf der die Universitäten aufbauen können.

Zweitens, ein verpflichtendes soziales Jahr.

Vor allem der zweite Punkt ist nicht nur die Möglichkeit für die jungen Menschen, in ihren Ansichten und Meinungen zu reifen und so dann eine größere Wahrscheinlichkeit zu haben, den Studiengang oder den Job zu wählen, der sie tatsächlich interessiert. Er bietet gleichzeitig auf Abhilfe in den Problemfeldern, die der Bundesrepublik schon lange bekannt sind:

Es fehlen Erzieher, Altenpfleger und viele weitere Arbeiter vor allem in sozialen Einrichtungen. Dies ist natürlich auch Folge der Abschaffung des Zivildienstes. Dieser hatte eben jenen Vorteil, dass die Zivildienstleitenden oder diejenigen, die sich für das Militär entschieden, fernab von der Frage, ob sie später in der Institution bleiben würden, die Möglichkeit hatten, andere Dinge als die Schule kennenzulernen.

Nicht jeder hat die Möglichkeit, ins Ausland zu gehen, denn ansonsten wäre dies natürlich sehr zu empfehlen. Aber jeder sollte zu dem Glück gezwungen werden, sich mit Menschen auszutauschen und Erfahrungen zu machen, die ihn oder sie persönlich weiterbringen. Im Augenblick können die jungen Leute nicht wissen, was sie tun, weil sie keine Zeit mehr haben, sich darüber Gedanken zu machen.

Wahre Effizienz wäre es, ihnen mehr Zeit zu geben.

Die Früchte einer solchen entschleunigten Politik wären mit Sicherheit schnell spürbar – sowohl in Hochschule und Job als auch im Privaten.

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DISKUSSION: Anmerkungen zu dem 4K-Modell des Lernens

Jede Zeit hat ihre eigene (progressive) Didaktik. Wer sich zu ihr bekennt, kann sich und seinen Unterricht als zeitgemäß beurteilen. Alle anderen sind dann entweder altbacken oder auf dem Weg; oder sie sollen und müssen sich auf den Weg machen. Diese Einteilung hat per se nichts Schlechtes, im Gegenteil. Impulse für eine neue Didaktik vermischt mit dem schon Bestehenden machen Bildung und deren Prozesse flüssig, was ob einer sich in stetigem, schnellen Wandel befindlichen Zeit unerlässlich erscheint. Problematisch wird es, wenn bestimmte Schlagworte zu Axiomen werden, die dann wieder, teilweise völlig subjektiv, zu den „wahren“ Pfeilern von Bildung gemacht werden. Einige Anmerkungen.

Die gespaltene Community

Ob man nun das, worüber sich diejenigen Lehrer, die auch in ihrer Freizeit gerne mit ihrem Handy spielen oder über es Kultur erfahren, „digitale Bildung“, „Bildung in einer digitalisierten Welt“ oder „zeitgemäße Bildung“ nennt – die Frontlinien, die sich zeigen, werden schnell deutlich und (man möge die Gruppierungen erweitern) zeigen sich in vier groben Gruppierungen (die Namensgebung sauge ich mir aus den Fingern).

Die Ablehner halten nichts von digitalen Geräten, Tools und Methoden in der Schule. Vielmehr ist dazu nicht zu sagen.

Die technischen Formalisten haben so lange nichts gegen digitale Bildung, wie sich mit ihr die schon bestehenden Muster reproduzieren lassen. Die Herangehensweise an Bildung, Didaktik, Unterricht bleibt bestehen, nur die Plattform ändert sich. An diese Kategorie kann die Verlags- und Techniklobby am besten anknüpfen, da die Herausforderung, nach „altem Muster“ überprüfbare Inhalte zu erstellen, überschaubar scheint.

Die Gruppe der moderaten Integrierer (zu denen ich mich zähle), versuchen, Kompetenzziele, wie sie im Bildungsplan stehen, kulturelle Inhalte und politische Strömungen so mit der digitalen Sphäre zu koppeln, dass aus der Reibung der beiden Teile Vorteile erwachsen. Die Rolle des Lehrers bleibt dabei jedoch die der vermittelnden Lehrperson.

Die radikalen Digitalisten verfolgen eine völlige Neuorientierung des Wissens, der Bildung und aller an der Bildung Interessierten und in ihren Institutionen Mitwirkender. Sie sehen sich als Ebner neuer Wege, die weg von vorgegebenen Inhalten führen und hin zu kollektiven, kollaborativen, kreativen und kritischen Kommunikationsformen. Ich würde so weit gehen zu sagen, dass diese Gruppe auch dann eine andere Bildung fordern würde, wenn das Digitale noch nicht so ausgeprägt wäre. Grundlegend ist der Wunsch nach einer Veränderung der Bildung vom Horizontalen ins Vertikale, was natürlich insbesondere das Verhältnis zwischen Lehrer und Schüler betrifft (Bisher sind mir dazu kritische Beiträge jedoch unbekannt).
Aus der letztgenannten Community erfolgen zahlreiche fruchtbare Impulse.

Das 4K-Modell des Lernens

Visualisierung des Frameworks von P21, Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/4K-Modell_des_Lernens

Das vom Medienexperten Philippe Wampfler auf Wikipedia zusammengetragene 4K-Modell des Lernens kann man wohl als den Grundpfeiler – oder die 4 Grundpfeiler – der radikalen Digitalisten sehen. Hier einige – für diesen Artikel – grundlegende Informationen (aus dem Wikipedia-Artikel):

  • Die 4C gehen auf die Partnership for 21st Century Learning (P21) zurück, das ist eine US-amerikanische Non-Profit-Organisation, in der sich Wirtschaftsvertreter, Bildungsfachleute und am Gesetzgebungsprozess Beteiligte seit 2002 für die Bildung in einem digitalen Kontext einsetzen.
  • P21 geht davon aus, dass diese Fertigkeiten in Arbeitsumgebungen des 21. Jahrhunderts besonderes Gewicht erhalten. Jedem der vier Ks ist ein eigenes Forschungsdossier gewidmet.[4]
  • Die 4K stellen (…) eine Reaktion auf die Wissensarbeit in digitalen Kontexten dar.

Für den deutschen Bildungsbereich ist gerade der in dem Artikel folgende Verweis auf die Bildungsforscherin Lisa Rosa besonders wichtig, die drei Gründe für die Orientierung hin zu den 4K liefert:

  1. Immer mehr Arbeiten werden von Maschinen übernommen.
  2. Jede neue Arbeit verlangt mehr komplexes Denken, situierte selbstverantwortliche Entscheidungen und Beziehungsfähigkeit.
  3. Die zu lösenden gesellschaftlichen Probleme sind so komplex, dass sie nur noch mit kollektiver Intelligenz bearbeitbar sind.

Kritik

Teile der Kritik an den 4K richten sich zum einen darauf, ob Wirtschaftsorganisationen „derart prägend in die Formulierung neuer Lehr-Lernkonzepte“ eingreifen sollten. Auch Lisa Rosa nimmt dieses Problem in den Blick, wenn Sie davor warnt, den Bildungslobbyisten in diesem Zusammenhang zu viel Einflussmöglichkeiten einzuräumen.

Insgesamt zeigt sich jedoch gerade bei Rosa, dass das Konzept in einen (nötigen) didaktischen Zusammenhang gerückt wird (der hervorragende Artikel „Welche digitale Bildungsrevolution wollen wir?“ unternimmt diese Kontextuierung, und zwar nicht nur innerhalb eines institutionellen, sondern eines übergeordneten kapitalismuskritischen Rahmens), der im Umkehrschluss eine flache Verwendung der Begriffe als Legitimation alles Digitalen von Vornherein ausschließt.

In einer durch Fettdruck von ihr als zentral markierten Passage, schließt sie die Forderung nach der Übernahme der 4K durch die an der Bildung Beteiligten mit einer Forderung an die Beteiligten selbst:

Diese neuen Lernziele sind die neue Stufe des Humboldt, ein Humboldt 2.0 sozusagen – und wir müssen ihre Umsetzung als Meilenstein auf dem Weg in eine bessere Gesellschaft einfordern und ihre Reduktion auf dieselbe ökonomische Verzweckung durch den Kapitalismus bekämpfen, die schon im 19. Jh. die Humboldtschen Vorstellungen ereilt hat. Dazu müssen wir zeigen, wie.

Bei der Beantwortung der Frage geht es ihr darum,

ob die Menschen lernen, sich weltweit zu vernetzen und diese Vernetzung für die eigenen persönlichen und zugleich der Emanzipation Aller dienenden Ziele zu nutzen.

In einer Gegenüberstellung zeigt sie, welche (wie sie selbst sagt) gar nicht so neuen Ideen umgesetzt werden müssten, um diese übergeordneten Ziele zu erreichen. Weiter bedeutet dies für Rosa eine Umorientierung hin zu einer Anleitung zu Autodidaktik, Überwindung von Fächerorganisation und Individualisierung an den persönlichen Sinn eines jeden Einzelnen (dies alles ist stark verkürzt und sollte bei Interesse nochmals im Originalartikel nachgelesen werden).

Teil des „ideellen Überbaus“ in Anlehnung an Giesecke, Lisa Rosa, Welche digitale Bildungsrevolution wollen wir?

Anmerkungen

Vieles von dem, was bei Lisa Rosa und anderen beschrieben wird, finde ich ungeheuer spannend. Die Probleme, die ich im Diskurs sehe, beziehen sich auf zwei Dinge:

  1. Die Totalität der Grundannahme von guten und schlechten Prozessen.
  2. Die flache Verwendung der Begrifflichkeit samt Loslösung von der eigentlichen Wurzel.

Um den ersten Punkt kurz zu umreißen, lohnt es sich, in die bestehende Geschichtsdidaktik zu schauen. Dort wurde und wird immerzu (zumindest vor ein paar Jahren und innerhalb des Freiburger Seminars – der Föderalismus lässt keine Pauschalisierung zu) Problemorientierung und –bewusstsein, Urteilsfähigkeit und das Wissen um die Konstruktion von Geschichte gefordert, also wenn man so will, eine Dekonstruktion bestehender Hermeneutik. Das ist spannend, nachvollziehbar und würde, ganz im Sinne einer fächerübergreifenden Didaktik, eine medienkritische Perspektive fördern, die nicht nur diachron, sondern auch synchron angewendet werden kann, nur:

Was man dekonstruieren will, muss man konstruiert haben.

Es wäre falsch, nun eine sukzessive Kritik an der Gegenüberstellung von Industrie- und Digitalzeitalter zu unternehmen, nur um Situationen zu kreieren, in denen die eine oder die andere Grundannahme stimmt.

Trotzdem fehlt mir in der Diskussion um die Umorientierung (so wie ich sie verstehe), die Substanz, das Greifbare, der Inhalt. Und zwar ganz und gar so normativ, wie es sich anhört. Dies geht in die Richtung, die in vielen Fächern die Kritiker der Kompetenzorientierung angeführt haben. Wenn Kompetenz losgelöst vom Inhalt ist, dann ist zwar die Fähigkeit eines Prozesses und/ oder einer Methode im besten Falle auf alles anwendbar, aber die Essenz, der Kern der Schlussfolgerung bleibt willkürlich.

Mit anderen und auf ein konkretes Beispiel bezogen: Man kann die (nachträgliche) Selbstverleugnung von Menschen unter kollektiven Zwangssystemen durchaus anhand anderer Quellen analysieren als denen von KZ-Aufsehern in den Nürnberger Prozessen (ein konstruiertes Beispiel). Aber die (auch ex negativo) sinn- und identitätsstiftende Wirkung einer solchen Beurteilung würde nicht gewährleistet werden können.

Ergo:

  1. Das geforderte System geht von einer Zeitlosigkeit aus, die zwar Zukunft miteinschließen kann (was es soll, um nicht im Vergangenen zu verharren), aber Vergangenheit ausschließt.
  2. Das System geht vom idealen Lerner aus, der unter (natürlich auch utopischen) Bedingungen, die sein eigenes Lernen in idealer Weise fördern, auch tatsächlich all das umsetzt, was (trotzdem) von ihm gefordert wird.
  3. Die Entscheidung, was für den persönlichen Wert/ Nutzen/ Gebrauch wichtig ist, ist in diesem System dem Lerner in solch einer drastischen Weise selbst überlassen, dass er/sie sich zur totalen Kulturverweigerer*in morphen könnte.

Die persönliche Erfahrung leitet oft fehl und ist natürlich abhängig von den gegebenen Umständen; dennoch erfahre ich beispielsweise das gemeinsame Lesen und diskutieren von deutscher oder englischsprachiger Literatur für die Schülerinnen und Schüler auf vielen Ebenen als bereichernd. Gerade und insbesondere auch dann, wenn zuvor und während des Lesens Widerstände gebrochen werden müssen, die sich erst nach und nach mit der Erfahrung der eigenen Fähigkeit, Zusammenhänge zu verstehen oder eine schwierige Personenkonstellation zu überblicken, legen. Auch „zwinge“ ich Schüler*innen zum Auswendiglernen von Jahreszahlen, teilweise von epochenspezifischen Merkmalen oder ähnlichem. Und das nicht, weil ich den Gedanken an ein Gespräch auf dem Balkon, ohne dass jemand Google zur Hand hat, so liebreizend finde (was ich tue); sondern weil die Konstruktion eines Wissensnetzwerks Hand in Hand gehen muss mit der kritischen Beurteilung. Ob dafür nun normative Inhalte notwendig sind, bleibt diskussionswürdig. Ich meine, ja.

Der zweite Punkt ergibt sich durch das Vorangegangene. Wenn Grundpfeiler eines Systems wie dem der 4K im besten Fall das absolut reine Destillat, der absolute Kern eines Gedankensystems darstellen, muss dieses im besten Falle mitgedacht werden: Und genau das passiert nicht.
Die Dekontextuierung der 4K, wie sie in den Sozialen Medien (nach meiner Einschätzung) oft verstanden wird, verdeutlicht ironischer Weise genau den Kern der ausgeführten Kritik. Da kann dann jeder „für sich“ entscheiden, was „kritisch“ ist, ob „Kritik“ dasselbe ist und inwieweit eine genutzte Unterrichtsmethode nun „Kritik“, „Kritikfähigkeit“ oder „kritisches Denken“ gefördert oder gefordert hat (Nutzung der Phrase intended).

Schlimmer noch: Zusammen mit der oben genannten totalitären Einteilung in die Dichotomie zwischen industriellem und digitalem Lernen sorgt dies dafür, dass jeder mit den richtigen Kampfbegriffen entscheiden kann, wer dazu gehört und wer nicht; wer außen ist und wer innen; wer es verdient, „guter Lehrer“ genannt zu werden und wer nicht; wer im schlimmsten Falle demokratiefeindlich ist und wer nicht.

Der Diskurs bleibt für mich spannend und oftmals gehen von ihm Impulse aus, die für eine persönliche Reflexion und im besten Fall zumindest experimentelle Neuorientierung sorgen. Aber ich sehe auch die Gefahr, die er birgt. Diese wollte ich mit diesen Anmerkungen zum Ausdruck bringen.

 

 

 

 

 

 

 

 

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POLITIK: Warum in eine Partei eintreten?

Ich habe es getan. Ich bin in eine Partei eingetreten. Welche, spielt erst einmal keine Rolle. Es ist schon etwas her und ich wollte ein wenig Einblick erhalten, bevor ich darüber schreibe. Hier erläutere ich kurz, warum ich eingetreten bin und was ich mir erhoffe.  

Als ich das erste Mal zu einem Treffen der Jungorganisation der Partei ging, in die ich eingetreten bin (ich bin nämlich gerade noch jung genug, um noch nicht bei den Alten dazuzugehören), war ich etwas desillusioniert. Nicht etwa, weil die jungen Leute, die da um mich herumstanden, ohne Engagement und Ideen waren. Ganz im Gegenteil. Sondern weil wir nicht gerade viele waren. Das liegt, so stellte ich später fest, auch an dem Alter. Allerdings sind gerade junge Leute im rechten Lager voller Energie, seit sie merken, dass ihre menschenverachtende, volkstümliche und allzu oft auch bloße rassistische Weltanschauung immer mehr Anklang finden.

Und hier findet sich auch der Grund meines Eintritts. Viele Menschen um mich herum und in meinem Freundeskreis sagen laut und deutlich, dass man „wieder was machen müsse“. Aber wenige machen etwas. Das ist keine Anklage, da man, wenn man nicht gerade in einer politischen Organisation Geld verdient, schlicht anderes um die Ohren hat. Partner und Kinder, Mütter und Väter und im schlimmsten Fall Angehörige, die gepflegt werden müssen. Für diejenigen, die einem Beruf nachgehen, ist es schwierig, nach Feierabend noch Energie aufzubringen, und wenn, dann richtet diese sich aus gutem Grund an die Familie. Und das darf man keinem zum Vorwurf machen.

Andererseits ist es schlicht unerträglich zu sehen, wie eine der seit Ender des 2. Weltkriegs stabilsten Demokratien der Welt[1] vor allem von der neuen Rechten, von Nationalismus und Neo-Faschismus angegriffen wird.

Dabei geht es eben nicht darum zu sagen, dass alles gut läuft, im Gegenteil. Polizeigewalt, Gewalt gegen Migranten, der NSU-Prozess, langsam verlaufende Verhandlungen in der Großen Koalition zu vielen gesellschaftspolitischen Themen von der Gleichstellung der Frau bis zum Teilhabegesetz, unübersichtliche Außenpolitik und viele andere Probleme zeigen, dass man sich nicht auf dem, was die Bundesrepublik erreicht hat, ausruhen kann.

Allerdings ist es eben nicht damit getan, „die da oben“ anzugreifen, abzulehnen und sich so seiner eigenen Verantwortung zu entziehen. Es reicht nicht, Verschwörungen zu wittern, den Staat zu verteufeln, oder resigniert mit dem Kopf zu schütteln, da man ja sowieso nichts ändern kann. Man muss aktiv werden, handeln! Auch wenn man keine Zeit hat.

Aus diesem Grund bin ich eingetreten. Ich versuche zwar, aktiv teilzunehmen und das winzige Bisschen, das ich beitragen kann, so gut es geht einzubringen. Aber selbst wenn ich es nicht kann, freue ich mich, dass mein Mitgliedsbeitrag dabei hilft, dass sich andere für den Erhalt und die Wehrhaftigkeit der Demokratie einsetzen.

Natürlich habe ich mir meine Partei, die SPD, nicht willkürlich ausgesucht. Man wird aber ins Leere laufen, wenn man versucht, mich für jede Entscheidung, diese Partei und die einzelnen Personen, die in ihr arbeiten, zur Verantwortung zu ziehen. Ich bin kein Lobbyist. Ich sehe manche Dinge anders. Aber viele Perspektiven sind mir eben nahe.

Aus diesem Grund würde ich auch nie versuchen, jemanden zu überzeugen, dass nur die eine Partei die wahre ist. Stattdessen fordere ich die Menschen, die überlegen, in eine Partei einzutreten auf, es zu tun, solange es eine demokratische ist.

Und noch ein letztes: Demokratisch bedeutet für mich, dass in der Partei keine Menschen geduldet werden, die antisemitisches, rassistisches oder nationalsozialistisches Gedankengut weiterverbreiten, gutheißen oder das anderer ignorieren. Hier gilt die Entschuldigung, dass man diese Meinung nicht teile, nämlich nicht. Wer die Grundwerte der freiheitlichen demokratischen Ordnung mit Füßen tritt, darf kein Verständnis erwarten.

Ich habe die Hoffnung, dass immer mehr Menschen begreifen, in welcher Situation wir uns befinden und dass es Zeit ist zu handeln.

[1] Edgar Wolfrum spricht in einem Standardwerk der Geschichtsschreibung, das von Egon Bahr als „rundum geglücktes Werk“ und von Heinrich August Winkler als „großer Wurf“ gefeiert wurde, von der „geglückten Demokratie“.

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POLITIK: Generation: Egal

Heutzutage hat man nicht mal mehr die Momente des unangenehmen Small Talks. Auch mit Fremden wird es politisch. Oder ich empfinde alles politisch. Ich weiß es nicht.

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Ich stehe auf dem Balkon, irgendwo und spreche mit fremden Menschen – irgendwem. Gerade kam einer raus und hat über Rap geredet. Da bin ich Experte, aber aus einer anderen Zeit. Der andere redete von Kanaken und von Kanaken-Rap. Das war aber die erste Minute auf dem Balkon, da wollte ich nicht den Demokraten raushängen lassen. Genau, Demokraten. Ich empfinde Haltung auch in der Sprache nicht als übermäßig politisch korrekt, sondern als Bestandteil dessen, als was ich mich sehe.

Dann eine für mich überraschende Wendung. Jemand hat mitbekommen, dass ich, nennen wir es liberal eingestellt bin. Er schaut mich verschwörerisch an, schließt die Balkontür. Drinnen halt deutscher Schlager. Er schaut mich an und raunt: Er sei auch Demokrat, war den Piraten zugewandt. Ich möchte ihm in die Arme fallen und reflektiere sogleich, wie unsinnig das ist. Demokraten in einer Demokratie. 2016. Ein Witz. Gerade beschloss ich diese tatsächliche Geschichte als kleine Anekdote vor den wahrscheinlich einzigen Beitrag meiner Blogparade zur Demokratie zu nutzen. Ich beantworte die Fragen zu meiner Blogparade. Ist das nicht traurig?

Twitter ist voll von Blogparaden. Ich machte früher viel mit, schrieb übers Schreiben und über Homeoffice und alles, was noch so wichtig ist, wenn man, wie wir alle, um sich selbst kreist. Dieses Mal kreise ich um ein anderes Thema, das nicht viele wirklich interessiert. Ist auch klar, da es ja nur um unsere Gesellschaftsform geht. Vielleicht sollte ich wieder eine Blogparade über die beste App im Klassenzimmer machen. Das geht immer. Oder eine, in der es um die besten Tipps für irgendwas geht. Ist auch egal. Nur nicht so schwer. Nun gut, ihr merkt: Ich schaue euch verschwörerisch an. Ich beantworte nun Matthias’ Fragen.

  1. Wie schafft man die Kehrtwende gegen den zunehmenden Rechtspopulismus?

An dieser Stelle hätte ich gerne etwas von mutigem Engagement gesprochen. Etwas mit kurzfristiger Kraft und langfristigem Engagement für Bildung, Gerechtigkeit und dergleichen. Mache ich aber nicht. Die Antwort ist: Die Menschen werden es erst merken, wenn der Rechtspopulismus direkt in der Wohnung angekommen ist. Direkt. So, dass man etwas nicht mehr sagen darf (genau, so fühlen sich die AfDler. Deshalb gehen sie auf die Straße und wir nicht). Kehrtwende beinhaltet Bewegung. Die meisten von uns haben aber keine Lust, sich zu bewegen. Deshalb schaffen wir nicht mal eine Viertelwende. Wir sind eingepennt und werden erst aufwachen, wenn uns jemand auf den Kopf hämmert.

  1. Warum bestimmen die Rechtspopulisten die wahlentscheidenden Themen?

Das ist eine einfache Frage: Weil sie es können. Die Strategie dazu ist auch nicht wirklich schwer. Man erzeuge Angst (mit Anklängen an die Wahrheit), generiere sich um einzig wahren Gegner dieser Angst, sorge für Immunität bei seinen Anhängern und habe einfache Antworten.

Populismus ist nichts weiter als überzeugende Schlichtheit, der diejenigen, die von ihr überzeugt sind, ernst nimmt. Das wir uns nicht falsch verstehen: Es gibt auch richtig intelligente Populisten, Demagogen und den rechten Nachwuchs. Die sind aber in Aktion und wir… (siehe Kehrtwende).

  1. Wie gewinnt man mit Fakten Wahlen?

Fakten? Fakten gibt es nicht mehr. Es gibt für jede These, die man haben kann, einen, der sie belegt. Das ist die unendliche Weite des Netzes. Und da wir darüber nicht in den Schulen reden und sogar der Repräsentant des Lehrerbundes nicht kapiert, dass dies unserer Demokratie schadet, wird es auch nicht besser. Gefühle bestimmen alles. Das Problem ist: Wenn man zu lange mit Idioten redet, ziehen sie einen auf ihr Niveau herunter und schlagen einen dann mit Erfahrung. Ja, bitter.

  1. Wie bricht man die Hegemonie der organisierten Rechten in sozialen Medien?

Haben die Rechten denn die Hegemonie? Bis vor drei, vier Jahren haben wir es uns doch ganz gemütlich gemacht in unserer Ideologie, die wir nicht als Ideologie sehen. Leider gilt auch hier: Es hat etwas mit Bewegung zu tun. Wir müssten uns mit politischen Inhalten befassen, wir müssten uns mit Aufmerksamkeitsökonomie befassen, wir müssten uns mit Youtube befassen, mit Instagram, mit viralen Videos und dann wieder mit Inhalten. Wir müssten eigentlich „nur“ Demokratie cool machen. Klar? Aber die Bewegung, die Bewegung. Wir sind einfach zu faul! Aber keine Sorge: Die Rechten wissen das. Und so wird es mehr werden, viel mehr. Und irgendwann ist es in unseren Wohnzimmern und dann denken wir über alles nochmal nach, als würde es uns dann sorgen.

  1. Wie verankert man langfristig und nachhaltig liberale Gedanken in der Bevölkerung?

Was ist denn ein liberaler Gedanke? Lasse jeden leben, wie er leben möchte? Ist schon geil, wenn das jemand hört, der mit 900 € im Monat leben muss, während er uns per Expressbrief das MacBook sendet. Geiler Gedanke! Liberal.

  1. Wie schützt man Minderheiten vor Angriffen und politischem Missbrauch in Wahlkämpfen?

Indem der Staat sein Gewaltenmonopol ernst nimmt. Ist eigentlich nicht so schwer. Außer vielleicht bei der sächsischen Polizei.

  1. Wie begeistert man eine Gesellschaft für differenzierte Debatten?

Indem man selbst wieder an welchen teilnimmt, mit Geduld für die Meinung des anderen, ohne Missionierungsdrang, ohne Arroganz, ohne Ignoranz, ohne elitäre Haltung. Allerdings: Dafür müsste man sich überhaupt erstmal regen. Ich verweise gerne nochmal auf die Nummer 1.

  1. Wie versieht man liberale Werte mit einer neuen Attraktivität / Anziehung?

Genau das ist die richtige, die wichtige Frage. Vielleicht mir nackten Frauen. Sex-Sells! Oder Heimatliebe sells auch. Vielleicht nackte, blonde, heimatliebende Frauen. Und Männer. Wegen dem Gender-Aspekt.

Ne, mal ehrlich. Wir unterwerfen alles der Aufmerksamkeitsökonomie. Also müssen wir entweder wirklich Teil dieser werden oder eine Nachhaltigkeitsökonomie dagegen stellen. Das Wort ist doch schon scheiße. Und mal ehrlich: Wer sollte das machen?

  1. Wie bindet man Menschen an demokratische Institutionen, wie Parteien oder Vereine?

Man verbindet niemanden. Menschen verbinden sich. Sie sind der Agens. Das ist ja das Problem. Sie verbinden sich doch. Halt mit der AfD – aber sie tun es.

  1. Warum schenken wir den Wahlforschungsinstituten mehr Glauben, als den Gefühlen, die viele äußern und der offensichtlichen Kräfteverschiebung im Netz?

Weil die meisten von uns, die an den Stellen sitzen, wo es Bewegung von oben geben könnte, es noch gar nicht raffen. Die verstehen nicht, dass das Netz nicht nur ein Hohlspiegel für lustige „Netzreaktionen“ ist. Die wissen das wirklich nicht. Die denken immer noch, dass „das Netz“ sowas wie eine zweite Zeitung ist.

Die Zeitungen wissen das, aber machen damit Auflage.

Die Lehrer wissen das meistens nicht.

Die Politiker wissen das auch nicht so wirklich.

Gefühle. Statistiken. Egal.

Ich habe jetzt mal ein paar Fragen beantwortet und fühle mich wieder wie ein richtiger Demokrat. Vielleicht liest das hier jemand bis zu Ende. Ist unwahrscheinlich, weil das auch schon Kraft kostet. Egal. Generation: Egal!

 

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POLITIK: Fragen an die liberale Demokratie: eine Blog- und YTParade

Es ist schon über ein Jahr her, da ich versuchte, die letzte Blogparade ins Leben zu rufen. Damals wurde das Angebot, sich über Lernlust Gedanken zu machen, sehr rege angenommen. Dieses Mal steht die Blogparade ganz im Zeichen der unruhigen Zeiten überall auf dem Globus. Die Fragen, die ich gerne allen, die sich gerne Gedanken machen, stellen möchte, sind an das gerichtet, das unser aller Zusammenleben bisher ermöglicht hat: An die liberale Demokratie. 

Ich möchte alle Blogger – und dieses Mal, auch wenn ich nicht weiß, ob dies angenommen wird – alle Youtuber, die Lust haben, aufrufen, sich den folgenden Fragen anzunehmen. 

Für die Schnellen: Hier die Fragen:

Fragen, deren Antwort die liberale Demokratie zur Zeit schuldig bleibt:

1. Wie schafft man die Kehrtwende gegen den zunehmenden Rechtspopulismus?
2. Warum bestimmen die Rechtspopulisten die wahlentscheidenden Themen?
3. Wie gewinnt man mit Fakten Wahlen?
4. Wie bricht man die Hegemonie der organisierten Rechten in sozialen Medien?
5. Wie verankert man langfristig und nachhaltig liberale Gedanken in der Bevölkerung?
6. Wie schützt man Minderheiten vor Angriffen und politischem Missbrauch in Wahlkämpfen?
7. Wie begeistert man eine Gesellschaft für differenzierte Debatten?
8. Wie versieht man liberale Werte mit einer neuen Attraktivität / Anziehung?
9. Wie bindet man Menschen an demokratische Institutionen, wie Parteien oder Vereine?
10. Warum schenken wir den Wahlforschungsinstituten mehr Glauben, als den Gefühlen, die viele äußern und der offensichtlichen Kräfteverschiebung im Netz?

Nach AfD-Ergebnis bei Landtagswahl, Brexit und Trump würde ich darüber gerne ein bisschen mehr diskutieren.
Mit allen, die Lust auf Freiheit und Gerechtigkeit für alle haben.

(Gesamter Text vom Facebook-Account von Matthias Zeller)

Da es manchmal dauert, bis Blogparaden Fahrt aufnehmen (wenn sie es überhaupt tun), aber auch Weihnachten vor der Tür steht, setze ich die Deadline auf den 20. Dezember 2016. Alle bis dahin eingereichten Artikel oder YouTube-Videostatements können mir zugeschickt werden. Sie werden daran anschließend hier verlinkt und erklärt.

Auf Twitter und Facebook können sie unter dem auf der Demonstration in Kehl zufällig entstandenen Hashtag #nichtmituns gepostet werden.

Ich bin sehr gespannt auf eure Beiträge.

Für die Langsamen: 

Während ich mit Matthias Zeller, dem Kreisvorsitzenden der Jusos Mannheim und Präsidiumsmitglieds der Landesausschuss, im Auto saß, sprachen wir über die Bedrohungen, derer sich unsere Demokratie gerade erwehren muss.

Dabei sagte Zeller einen Satz, der ich bemerkenswert fand. Er sprach von der Frage, wie wir die Mobilisierung des Verstandes schaffen würden. Diese Aussage hat zwei bemerkenswerte Seiten.

Zum einen geht sie auf das ein, was Philippe Wampfler anmahnt, wenn er fordert, dass Sachlichkeit und Faktizität im Umgang mit jenen, die auf einen Gefühlsdiskurs aufbauen, nicht verloren gehen darf; denn so mache man sich gemein. Implizit ist dies auch eine Forderung an den seriösen Journalismus, nicht in die Fahrschneise des Hypes und des Klickbaiting zu geraten (bzw. aus ihr herauszufinden).

Zum anderen ist die Forderung die nach einer aktiven Partizipation. Momentan geschieht diese nur sehr eingeschränkt und dort, wo sie stattfindet, ist sie oftmals gegen die Demokratie, demokratische Strukturen oder deren Repräsentanten gerichtet. Die „Elite“, das „Establishment“, die „politische Klasse“ werden in einen Topf von abgehobenen Snobs geworfen, die „das Volk“ verraten haben, nicht mehr ernst nehmen oder sogar gegen es arbeiten.

Kurz: Es geht darum, wie wir die „schweigende Mehrheit“, die „schlafende Mitte“, aus ihrem Jahrzehnte langen Schlaf befreien.

Auf der Facebook-Seite von Zeller fand ich die vorliegenden Fragen, die die Problematik noch stärker umreißen und konkretisieren. Es sind die richtigen Fragen, auf die eine Antwort zu finden kein leichtes Unterfangen ist. Mittels dieser Blogparade hoffe ich, dass wir Ideen sammeln, Bestandsaufnahmen machen und reflektieren können, wie wir unser Zusammenleben in dieser Demokratie, aber auch in anderen Demokratien dieser Erde von den eruptiven Kräften der Rechten schützen können.

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ANALYSE: Liberal Supremacy

AnfangsbildWas sind das für Zeiten? Die Newsticker der Welt rasten aus, jede Sekunde fliegt eine neue Nachricht durch den Äther und wir schwimmen von einer zur anderen Blase, suchen nach Haltung und verstehen die Welt nicht mehr. Neben politischen Brandbomben sind Bilder von tatsächlichen Brandbomben, von toten Kindern; daneben ein neu gekauftes Auto, weil wir in der Facebook-Gruppe sind. Und neben Nazis, Nazis, Nazis – denn die haben Aufwind in unseren Zeiten, im Jahre 2016, ist ein schönes neues Video von irgendeinem Trend, den wir mitmachen, weil wir nicht wissen, was wir sonst machen sollen. Und wir sind liberal oder links oder jedenfalls irgendwas mit richtiger Zeichensetzung.

 

Und obwohl jeder will, dass man miteinander spricht und dass man sich zuhört und Argumente hört, will sich keiner überzeugen lassen. Und so ändert man nichts. Wenn man die Perspektive tauscht, ist man ein Opportunist, wenn nicht, ein Konservativer. Also dann: Ich mache den Opportunisten.

Ich schrieb vor einer Woche einen Artikel und uns eine Mitschuld zu. Ich dachte, dass das gut ist. Wir sind nicht nur schön reflektiert, sondern wir gestehen die Schuld ein. Wir kümmern und im die Besorgten, die Zurückgelassenen, die Rassisten. Aber das, was viele nun liberal nennen, um sich nicht links nennen zu müssen (denn dort tummeln sich die 9/11-Verschwörer und Aluhutverehrer), ist in Wirklichkeit nichts Anderes als das letzte humanitäre Stückchen Anstand, das man sich nicht nehmen lassen darf. Mit anderen Worten: Wenn wir schon die Schuld für die aufnehmen, die den anderen immer die Schuld geben, weil wir nicht das machen wollen, was die Rassisten tun – Menschen ausschließen – dann machen wir einen Fehler.

Klar, wir wollen nicht exklusiv sein wie monotheistische Religionen, die White Supremacy oder die Alt-Right-Bewegung oder die Apple-Shop-Filialen. Wir wollen in unserer Gutherzigkeit alle einschließen. Schwule, Behinderte, Andersdenkende. Alle, vor denen die Angst haben, deren tumbe Parolen durch die Straßen und das Netz gegrölt werden. Aber wir sind exklusiv. Nicht durch Geld, Zeit, Kultur oder Fritz-Kola mit Matezusatz.

Sondern weil wir als einfachsten Grundsatz, den es überhaupt gibt, an die Würde des Menschen glauben und daran, dass sie unantastbar ist. Oder nehmen wir die

„Die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte“, Artikel 1:

Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren. Sie sind mit Vernunft und Gewissen begabt und sollen einander im Geist der Brüderlichkeit begegnen.

Wenn das unser Kriterium ist, wenn es das Einzige ist, an das wir glauben, dann soll es so sein, dass alle die dies nicht tun, ausgeschlossen werden aus unserer Gesellschaft.

Dass all jene, mit denen man diskutieren soll, weil sie Sorgen und Ängste haben, die verdammte Raufasertapete anschreien sollen.

Ich möchte mich nicht beruhigen. Ich möchte nicht „berechtigte Sorgen“ ernst nehmen, wenn Sie das einzige Fundament, dass Menschen zu Menschen macht anzweifeln. Soll ich noch lauter sein!

JEDER KANN DAS GRUNDGESETZ GOOGLEN! ES SIND DOCH ALLE ANGEBLICH SO VERSIERT, AUCH WENN SIE KEINEN VERDAMMTEN GERADEN SATZ SCHREIBEN KÖNNEN! UND WENN NICHT DAS GRUNDGESETZ, DANN EBEN DIE MENSCHENRECHTE. DIE RECHTE, DIE JEDER MENSCH HAT.

Ich habe keinen Bock auf den IS, und Trump und die ganzen religiösen Fundamentalisten, die meinen, in ihrem Namen den Menschen das Recht zu nehmen, Menschen zu sein. Und auch nicht auf die besorgten Bürger. Bürger? BÜRGER? DASS ICH NICHT LACHE!

Wir sind die Elite? Wir haben Geld? Wir sind Teil des Establishments? Wenn das bedeutet, an den kleinsten gemeinsamen Nenner als Mensch zu glauben, nämlich dass man als Mensch Mensch sein darf, dann bitte: DANN BITTE!

DANN BIN ICH GERNE TEIL EINER ELITE, DES ESTABLISHMENTS, DER ALTPARTEIEN UND MIT WELCHEN SCHLAGWÖRTERN WIR UNSEREN MUND BESCHMUTZEN, WEIL WIR NICHT KAPIEREN, DASS SIE UNS VON DEN EWIGGESTRIGEN DORT HINEINGELEGT WERDEN.

Dann ist das so. Dann sind wir halt arrogant. Wir können über alles reden. Aber meinen Glauben an die Menschlichkeit kriegt ihr nicht.

DAS, WAS GERADE IN DEN USA PASSIERT, DAS, WAS IN EUROPA PASSIERT, IST NICHT NORMAL. WIR MÜSSEN UNS WEHREN. Und wenn das heißt, dass man peinlicher Weise anfängt, Sätze großzuschreiben, dann ist das so.

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POLITIK: Wie kann es nur soweit kommen?

IMG_0042Nach dem Eintreten des Unglaublichen, des Unvorhersehbarem, des Ungewünschten, nach dem „Erdbeben in der politischen Landschaft“, dem „Erdrutsch“, der „Katastrophe“, kurz, nach dem Sieg des Populisten, des Faschisten Donald Trump sind die Zeitungen, Blogs und Newskanäle voll von Erklärungen, wie es soweit kommen konnte. Ausklammern tun sich dabei alle nur selbst – und genau das ist unser größtes Problem.

Gehen wir einige Schritte vom Unfallort Wahl 2016 zurück und betrachten das gesamte Ausmaß. Wir sehen nicht nur die US-Wahl, in der sich ein narzisstischer, zur fast psychotischen Kurzschlussreaktion neigender alter weißer Mann zum höchsten Amt der Welt getwittert hat. Wir sehen das (schnelle) Sterben der Demokratie in der Türkei, das (langsamere) Sterben der Demokratie in Polen und Ungarn und den (behäbigen) Kampf von Restdemokraten gegenüber den im Aufwind befindlichen Rechtspopulisten von ganz Europa.

Dazwischen sind wir. Wir sind in diesem Fall diejenigen, die DIE ZEIT oder die taz lesen, die Süddeutsche oder die FAZ; wir sind diejenigen, die sich darüber beschweren, dass die Preise für den Häuserkauf immer teurer werden. Wir sagen, dass es ja nicht sein kann, dass sich bald nur noch Reiche Häuser leisten können und hören nicht zu, was das über uns sagt. Wir stellen und immer wieder die Frage: Wie konnte es dazu kommen, kennen aber keinen Amazon-Mitarbeiter, der täglich unsere Luxuspakete sortiert und im Monat mit einem Verdienst von 900 € seine Miete am Stadtrand, zwei Kinobesuche und kein Auto finanzieren kann.

Das interessiert uns auch wenig, denn uns geht es niemals um Ursachen, die uns einschließen. Natürlich sind wir kultiviert! Wir wissen, dass eine Avocado, bis sie bei uns angekommen ist, etwa 1000 Liter Wasser verbraucht. Wissen, dass unser Konsum dafür verantwortlich ist, dass irgendwo in Südamerika Menschen von Ihren eigenen Grundstücken fliehen müssen; Nennt uns ein Stichwort, wir können etwas tiefgreifendes dazu sagen. In den meisten Fällen belegen wir unser Wissen mit einer tatsächlichen Statistik und einer wohlfeilen Formulierung. Denn insgeheim führen wir dieselben Gespräche mit den anderen kultivierten Menschen immer und immer wieder. Deshalb hören wir den anderen auch immer weniger zu, selbst wenn Sie in unserer Gehalts- und Arroganzklasse sind.

Es geht uns nämlich eigentlich nicht um die Frage, wie „es dazu kommen konnte.“ Es geht uns darum, wie es aufhört, ohne dass wir einen Finger rühren. Diejenigen von uns, die sich ein wenig weiter heraustrauen als bloß die böse, weiße Mittelschicht zu verteufeln, stellen ab und zu eine Frage, die zumindest am eigentlichen Problem nagt: „Was sollen wir nur tun?“ wird dann mit einem Schuss Pathos und einem Schulterzucken gefragt. Das Schulterzucken ist die Rückversicherung, denn wenn uns jemand eine Antwort geben würde, die darauf hinauslaufen würde, dass „tun“ tatsächlich eine Handlungsform ist, könnten wir unsere in weiteren zahlreichen Gesprächen vorgefertigte Entschuldigung liefern, warum ausgerechnet wir zwar die Welt erklären und definieren können, aber unsere Wirkungsmacht hinter ein paar schön formulierten Tweets oder einem politischen Gespräch bei gutem Wein endet.

Und natürlich haben wir Recht (denn wir haben immer Recht). Natürlich ist es schwer, zwischen all der Arbeit (die wir haben) und dem Geld (das wir nicht wenig verdienen), der Zeit für unsere Kinder (die wir verehren) und den Dingen, die man sich „auch mal gönnen muss“ (was wir können) sich aufzuraffen und auf eine Demonstration zu gehen; Es werden sich schon genug finden, sind wir sicher, und schicken unsere solidarischen Grüße.

Früher war es wohl mal anders, nach all dem, was man so hört und was man so weiß. Damals reichten einige unsichere wissenschaftliche Erkenntnisse, um uns und unsere Eltern in Scharen gegen das Waldsterben auf die Straße zu treiben. Damit haben quasi wir dafür gesorgt, dass mit den Grünen unsere Forderungen in das Establishment gedrückt wurden. Das Establishment, dass wir damals so verachteten, von dem unsere Eltern als Studenten sagten, dass „der Muff von tausend Jahren“ in den Autoritäten stecke. Nun dürften wir wissen, dass es uns wohl nicht darum ging, dass die Eliten uns bestimmten. Uns ging es nicht um den Widerstand, sondern darum, dass wir es unfair fanden, nicht dazuzugehören.

Nun haben wir einen Job; oder wir studieren. Wir verdienen vielleicht nicht so viel wie ein Manager (aber die meisten von uns kennen einen oder kennen einen, der einen kennt; das lässt sich ja heute überprüfen), aber wir können es uns leisten, eine Putenbrust für 10 € zu kaufen, weil wir diese Massentierhaltung ablehnen (klar, wir gehen auch „ab und zu“ zu MacDonalds, zu tausenden, zu hunderttausenden, aber wir reden nicht gerne darüber, weil es uns etwas peinlich ist). Wir können mitreden und reden mit. Wir lesen die Feuilletons und würden lachen, wenn es tatsächlich jemanden gäbe, der nicht wüsste, wie man es ausspricht.

Dazwischen sind also wir. Obwohl wir noch nicht einmal eine leise Ahnung haben, warum Menschen in unserem eigenen Land so einen Aufstand machen, warum Sie seit einem Jahr jeden Montag auf die Straße gehen. Obwohl wir oft eher einen Werbedesigner als einen Tischler oder Bauarbeiter kennen, meinen wir, dass wir alles wissen. Nicht von unten. Von oben. Wir erklären uns die amerikanische Wahl (und wir dürfen das, denn wir waren in Amerika, in diesem Land mit 320 Millionen Menschen; irgendwo waren wir und das ist unsere Legitimation). Wir sprechen von Hillary und den E-Mails und verstehen nicht, wie man nicht verstehen kann, dass das eigentlich nicht so schlimm ist (aber wir sitzen auch nicht in einem Trailerpark in Utah fest, in der unser flimmernder Röhrenfernseher von Gendertoiletten schwafelt, während wir unsere Bohnendose aufmachen). Ach, diese wohlklingenden Stereotype!

Wir spüren den Hass nicht. Wir spüren nur kultivierte Empörung, mit der wir uns nach jedem weltpolitischen Ereignis wissend gegenseitig in die tränenerstickten Augen schauen. Mit all der Deutungsmacht eines mittelgroßen Blogs sage ich, der Autor, der sich in diesem Wir genauso wohl fühlt wie all die Leser, die es bis hierher geschafft haben: Es geht nicht darum, wie es dazu kommen konnte. Denn wenn wir ehrlich sind, wissen wir das mit Sicherheit nicht einmal für die zahlreichen Katastrophen der Weltgeschichte. Die Frage ist, wie es so weit kommen kann. Das Allgemeine schreit uns an! Und wir werden sie erleben, die Le Pens, die Hofers, die Gaulands, die Petrys, die Erdogans.

Eigentlich kennen wir die Antwort. Demokratie, Rechtstaat, Gesellschaft. All das funktioniert als System, als Technokratie, ja. Aber diese Begriffe werden mit dem Glauben gefüllt. Unserem. Und wenn dieser Glauben schwindet, dann muss gehandelt werden. Nicht nur dagegen, sondern auch dafür. Wir wissen es. Aber dafür müssten wir raus. Und es regnet. Ich würde ja auch was machen, aber dieser Blogartikel reicht jetzt erstmal für die nächsten zwei Monate. Außerdem habe ich zu arbeiten, damit ich mir ein schönes Buch kaufen kann, dass in wunderbarer Prosa erklärt, warum wir unser eigenes Scheitern nicht mehr sehen.

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DIGITAL: Medienbildung für Eltern: Eine Fortsetzung

Bildschirmfoto 2015-07-06 um 15.34.49Vor etwa einem Jahr versuchte ich mit dem Artikel „Medienbildung für Eltern: Ein Einstieg“ unerfahrenen Eltern und Erziehungsberechtigten einen Einblick in die Medienwelten der Jugendlichen zu geben. Die Resonanz, die ich für diesen Artikel erhielt, war groß, da es immer noch viele Menschen gibt, die ihre Mobiltelefone nur hinsichtlich ihres Kalenders oder tatsächlich zum Telefonieren nutzen. Seitdem hat sich zwar sowohl politisch als auch gesellschaftlich viel getan, die Probleme bleiben jedoch dieselben. Dieser Artikel soll einen kleinen Überblick über neue Trends und jene alte Gefahren geben, die als Form der berechtigten Kritik an dem ersten Artikel zu kurz kamen.

Eine Anmerkung zum Artikel

Wenn man – wie ich – auf zahlreichen Social-Media-Kanälen unterwegs ist, ergeben sich zwei Probleme, die jeder kennt, der sich in einem bestimmten Themengebiet auskennt. Zum einen kann man sich kaum vorstellen, dass jemand nicht auf dem gleichen Stand sein könnte. Dies führt zu Frustrationserlebnissen bei denen, die meinen, dieselbe Geschichte immer wieder erzählen zu müssen. Dieser Artikel soll jenen helfen, die sich noch nicht so kompetent fühlen.

Zum anderen neigt man dazu, die Lesenden von einem zum anderen Link zu schicken, eine Statistik anzubringen, auf weitere Blogs und Artikel zu verweisen und, kurz, die Leser oder Zuhörer mit so vielen Informationen zu überhäufen, dass sie danach nicht mehr wissen, wo ihnen der Kopf steht. Auf eine riesige Anzahl von Zusatzinformationen möchte ich hier absichtlich verzichten (auch wenn Sie den einen oder anderen weiterführenden Link finden werden). Wenn Sie weiterführende Informationen haben wollen, verweise ich auf meinen Twitteraccount, den Lehrerchat #edchatde, bei dem Sie jeden Dienstag teilnehmen oder mitlesen können, wie medienaffine Lehrpersonen über die Chancen der Digitalisierung reden, oder meine auf dem Blog nachzulesende E-Mail.

Eine Anmerkung zu „Digitalisierung“ und „Medienexperten“  

Diesen kurzen Einblick in die Problematik zweier Begriffe können Sie überspringen, wenn es um die direkten Gefahren und Möglichkeiten geht.

Das Feld der sogenannten Digitalisierung im Allgemeinen und der „digitalen Bildung“ im Speziellen ist schier unerschöpflich. Täglich rattern neue Blogartikel, vor allem aus dem amerikanischem Raum, durch das Äther, in denen sowohl anerkannte wie selbsternannte Medienexperten Trends nachjagen, ihre Nutzung reflektieren oder sogar neue Trends kreieren. Zwischen dem Aufkommen eines Spiels wie „Pokémon Go“ und den ersten reflexhaften Versuchen, das Smartphone-Spiel in den Unterricht zu integrieren, vergehen manchmal nur Stunden. Dabei ist noch nicht einmal der Begriff der „digitalen Bildung“ oder der „Bildung in einer digitalen Welt“ genau umrissen. Zwar gibt es wissenschaftliche Ausführungen, ganze Standardwerke, in denen die digitalen Medien in einen bestehenden Diskurs integriert werden, aber die schiere Fülle ihrer Ableger, Deuter und Analysten sorgt dafür, dass jeder darunter verstehen kann, was er will.

Dies ist wichtig, wenn man verstehen will, warum sich gerade Schulen so schwer tun ein Element des alltäglichen Lebens zu integrieren und das, obwohl die Nutzung, Reflexion und Anwendung von digitalen Medien eine Leitperspektive des neuen Bildungsplans für alle Schulen ist und schon seit 2004 zumindest in Teilbereichen deutlich umrissen wurde. Für Informatik-Lehrer ist Medienbildung das Erlernen der Programmiersprache, sie fordern ein Pflichtfach Informatik und die Behandlung der Informatik als „alternative Fremdsprache“. Für die Unternehmen ist die Medienbildung eine große Gelegenheit, ihre Produkte an den Mann und die Frau zu bringen. Tausende Schulen stellen schlicht einen grandiosen Absatzmarkt dar. Für wieder andere stellt Medienbildung in erster Linie das Erlernen der Grundkenntnisse in Word, Power Point und Excel dar.

Zwischen all diesen teilweise sogar widersprüchlichen Ansätzen und Interessen stehen Medienexperten, also entweder Personen, die zu digitalen Themen Lehren, Fortbildungen geben oder publizieren oder eben diese, die einen Blog haben und meinen, sich diese Bezeichnung selbst geben zu müssen. Hinter dieser (nicht mehr ganz neuen) Entwicklung, die nahezu alle gesellschaftliche Bereiche erfasst hat, steht nämlich nicht zuletzt das Versprechen einer großen Karriere, die außerhalb der Schule in der Industrie oder der Wissenschaft lauert.

Dieses Versprechen sorgt dafür, dass die Debatte in vielen Bereichen nicht offen geführt wird, was verständlich ist. Denn wenn ein medienaffiner Lehrer will, dass seine Schülerinnen und Schüler sich vernetzen, austauschen und außerhalb der Schule bloggen und twittern, schießt er sich – so die Befürchtung –  ins Knie, wenn er oder sie die bestehenden Gefahren offen anspricht. Das führt zu einem Schwarz-Weiß-Denken, der die Fronten immer weiter auseinanderklaffen lässt.

Der Autor dieses Blogs möchte sich nicht als Experte, wohl aber als kompetenter, medienaffiner Lehrer sehen, der durch eigene Fortbildungen in diesem Bereich, veröffentlichte Artikel auf zahlreichen Plattformen und dem ständigen Austausch zu diesen Themen in der Lage ist, Schülerinnen und Schülern bei einem bewussten und produktiven Mediengebrauch zu unterstützen – sofern ihm die Möglichkeiten gegeben werden.

Das Kürzel „digitale Bildung“ wird hier als Begriff gesehen, der ob seiner Knappheit passt. Er meint weder Programmiersprache noch Word, sondern vor allem den reflexiven Umgang mit allen Medien – seien es Bücher oder Tablets – hinsichtlich bildungsbezogener Fragestellungen.

Der wichtigste Tipp

Bevor es um die Gefahren und Möglichkeiten digitaler Medien geht, deren Abwägung letztlich dafür sorgen wird, wie und wann die konsequente Nutzung von digitalen Geräten tatsächlich den Weg in die Schule schaffen, der wichtigste Tipp: Offenheit in Bezug auf die Mediennutzung ist das A und O. Wenn Sie als nicht-medienaffine und nicht begeisterte Personen schon in einer ablehnenden Haltung Ihrem Kind begegnen, wird es Ihnen die Probleme und Ängste, die es mit, auf und durch die digitale Sphäre hat, nicht geben. Falls Sie sich nicht kompetent genug fühlen, lassen Sie es zu, dass Ihr Kind es Ihnen erläutert oder ziehen Sie einen Experten hinzu.

Die Verschlossenheit gegenüber dem digitalen Raum und seinem „Wurmloch“ namens Mobiltelefon sorgt eher für das Gegenteil, dem Suchen in Sphären, wo sich Kinder, Jugendliche und Erwachsene „verstanden“ fühlen.

Gefahren

Der Begriff der Gefahr ist drastisch, aber nötig. Denn neben kleineren Gefahren, die mobile Geräte und deren Nutzung bringen, gibt es handfeste Gefahren, die angesprochen werden müssen. Bevor diese (kurz) besprochen werden, hier jedoch eines der Argumente, das mir als Lehrperson sehr wichtig ist: Wenn Sie die Gefahren, die im Internet lauern, ernst nehmen, ist dies kein Argument gegen, sondern für einen konsequenten Gebrauch von digitalen Geräten in der Schule, der sogar von Elternseite eingefordert werden sollte. Denn wo, wenn nicht dort, sollen Kinder und Jugendliche die Gefahren, ihr eigenes Verhalten und die Fallstricke des Netzes kennenlernen, wenn nicht unter der Obhut und mit der Anleitung von Menschen, die sich auskennen? Die Realität sieht gerade so aus, dass Kinder und Jugendliche oft alleine gelassen werden und dann entweder durch ihre eigenen Peers mit den Problemen des Netzes klarkommen oder eben nicht. Im Folgenden werden einige Probleme, bis hin zu Gefahren angesprochen. Wer über den einen oder anderen Begriff mehr wissen will, sollte sich jedoch zusätzlich informieren.

Rechtschreibung und WhatsApp

Am untersten Ende dessen, was man „Gefahr“ nennen kann, ist das Verlernen der Schriftsprache. Wie so oft in der digitalen Sphäre gibt es unterschiedliche Auffassungen, ob die Handschrift überhaupt noch gebraucht wird und ob es überhaupt schade, dass Kinder und Jugendliche sich um die Normen der Sprache brächten. Das soll hier nicht erörtert werden. Es muss jedoch festgehalten werden: Solange in der Schule noch die schriftliche Form des Ausdrucks maßgeblich ist, stehen wenigen Minuten Schrift stundenlanger Kommunikation über WhatsApp und Co. gegenüber. Damit kann eine Sommerpause schon mal dafür sorgen, dass Kinder aus den Ferien zurückkommen, und keine Groß- und Kleinschreibung mehr können. Auch wenn nun gerufen wird, dass es bald eh keine Schrift mehr gibt: Solange dies noch gefordert wird, ordentliche und fehlerfreie Sprache bei Bewerbung und im Job zu den Grundpfeilern gehören, gehört die handschriftliche oder zumindest die fehlerfreie Tastatursprache dazu. Dies müssen Eltern und Jugendliche wissen. Und Jugendliche müssen wissen, dass ihre Eltern das wissen.

Druck durch Likes und blaue Haken  

Es gilt auch weiterhin, dass Likes und Herzchen, wie es sie bei Instagram und Co. gibt, Kinder und Jugendliche unter Druck setzen können. Druck, mehr Fotos zu posten. Druck, „gut“ auszusehen. Druck, zurückzuschreiben. Druck, dazuzugehören. Unter den Bildern von Jugendlichen findet sich oft ein für Erwachsene nicht zu durchschauendes Dickicht von Formeln, mit denen die Wertschätzung mithilfe von Standardformeln und Emojis zum Ausdruck gebracht werden. Ein Ausbleiben ist gleichsam das Ausbleiben von Anerkennung, von Respekt, manchmal sogar von Liebe. Ein Verbot kann, muss aber nicht heilsam sein. Auch hier gilt, dass es eher darum geht, das eigene Verhalten zu reflektieren und sich darüber klar zu werden, was falsch verstandener Ehrgeiz auch online auslösen kann. Durch einfache „Tricks“ können Situationen entschärft werden. So zum Beispiel durch das Ausschalten des blauen Hakens, mit dem man sieht, ob jemand eine Nachricht zwar empfangen hat, einen aber daraufhin ignoriert. Anderes muss ernster genommen werden.

Druck durch Communities

Communities oder Gemeinschaften sind zunächst einmal eine tolle Sache. Egal welches noch so abwegige Hobby man heutzutage hat, man kann sich sicher sein, dass man irgendwo im Netz tausende andere trifft, mit denen man es teilen kann. Das können völlig harmlose Dinge wie Sprache oder ein Land sein. Das können aber auch Gruppen wie ProAna sein, bei denen sich Jugendliche über die besten Formen, sich bis auf die Knochen auszuhungern austauschen können. Oder Foren, in denen Gedanken über Suizid ausgetauscht werden. Nicht zuletzt können sich Jugendliche (und auch Erwachsene, wie man bei den sogenannten „Reichsbürgern“ gerade quasi live sehen kann) auch radikalisieren. Sowohl im In- als auch im Ausland sind radikale Gruppen – sei es der sogenannte Islamische Staat oder neue rechte Gruppierungen wie die Identitäre Bewegung –  darauf gekommen, dass man junge Menschen mit und in dem Netz wortwörtlich fangen kann. Man ködert sie und wenn sie anbeißen, setzt man sie unter Druck. Das geht zwar auch ohne das Internet, aber mit ihm geht es einfach schneller.

Sexting

Schnelligkeit und Druck sind die beiden Stichworte, die auch beim sogenannten Sexting eine Rolle spielen. Hierbei handelt es sich zunächst um das Austauschen von Nackbildern über das Internet oder über WhatsApp. Während in Zeiten, in denen das Internet höchstens von Nerds genutzt wurde, ein peinlicher Patzer bloß dafür sorgen konnte, dass man den paar Leuten, die auf einer Party waren, nicht in die Augen schauen konnte, ist die Weiterleitung eines peinlichen oder sogar demütigenden Bildes heutzutage unter Umständen gleichzusetzen mit der Vernichtung eines sozialen Netzes. Zwar sind es nicht viele, aber es gibt sie, die Jugendlichen, die aufgrund von im Netz geposteten Fotos Suizid begangen haben. Dies muss ernst genommen werden. Auch hier ist das Verbot naheliegend, aber trotzdem eine schwierige Gratwanderung, da alles, was hier vorgestellt wird, mittlerweile zur Lebenswirklichkeit, zur Identitätsfindung und zum Alltag der Jugendlichen gehört. Es muss jedoch darauf hingewiesen werden, welche massiven Probleme für Jugendliche entstehen können. Dies ist übrigens nicht nur beim Sexting der Fall, sondern immer dann, wenn jemand gegen seinen Willen verunglimpft wird. Die WhatsApp-Gruppe wird dann zum virtuellen Marktplatz, auf dem das Opfer gelyncht wird. Die Betroffenen können sich nicht wehren.

Cyber-Grooming  

Beim Cyber-Grooming sind wir nun bei einer der größten Gefahren angelangt, die das Internet „zu bieten“ hat. Hierbei handelt es sich um den Versuch von Erwachsenen, mittels der eben benannten Communities mit Kindern und Jugendlichen Kontakt aufzunehmen und zu versuchen, sich mit ihnen zu treffen. Dieses Phänomen hat zunächst einmal nichts mit dem Dienst zu tun und kann sowohl bei bekannten Plattformen wie Instagram oder Twitter, als auch bei Spielen wie dem beliebten „Minecraft“ vorkommen. Mittlerweile brauchen die Täter nicht einmal mehr handwerkliche Fähigkeiten, sondern werden durch sorglosen Umgang mit Apps in das Kinderzimmer gelassen.

Die Gefährder machen sich die Anonymität zu Nutze und erlangen so private Informationen ihrer Opfer, hören sie aus und versuchen durch stete Annäherung dafür zu sorgen, dass die Kinder oder Jugendlichen ihnen vertrauen. Eine Überprüfung ist dabei nicht möglich, zumal die Täter sich meist als Altersgenossen ausgeben und sich in der Sprache und dem Ton der Spieler auskennen. Auch hier kann nur die Prävention, die Aufklärung und die offene Aussprache dazu führen, dass Kinder für das Thema sensibilisiert werden.

Warum trotzdem das Netz nutzen?

Hört man sich all diese Dinge an, könnte man jeden verstehen, der, zumal als verantwortungsvoller Elternteil, sagt, dass man doch sein Kind doch eigentlich nur schützen kann, indem man es mit allen Mitteln vom Internet fern hält. Ein sehr nachvollziehbarer Reflex. Er verkennt jedoch die Tatsache, dass wir in einer Welt leben, die in allen Bereichen vom Netz, der digitalen Sphäre durchzogen ist. Damit ist nicht nur gemeint, dass wir über das Netz bezahlen, kaufen, Hotels buchen und mittels vieler verschiedener Kommunikationsmedien chatten, Freunde finden, flirten und streiten. Sondern damit ist gemeint, dass das Internet Teil der Identität vieler, vieler Menschen geworden ist, die sich im ganz positiven Sinne austauschen, über Ideen sprechen, Innovationen ausarbeiten und sich gegenseitig wertschätzen.

Viele derjenigen Jobs, die unsere Kinder in Zukunft annehmen, gibt es noch gar nicht. Aber wir können sicher sein, dass sie mit dem Netz zu tun haben werden.

Und auch die politische Medienbildung, ein immer wichtiger Bestandteil der Bildung, läuft über das Netz. Ob das Kind, der Jugendliche, nichts von Politik mitbekommt, ob er sich radikalisiert oder die zahlreichen Chancen demokratischer Partizipation nutzt, hängt letztlich daran, ob er oder sie überhaupt weiß, wo man suchen muss.

Die Frage ist also nicht, warum man das Netz trotzdem nutzen muss. Die Frage ist, wann allen klar wird, dass das Internet nicht wieder weggeht und dass es ein Teil der Bildung und des Lebens werden muss, gerade eben weil man die Kinder und Jugendlichen sonst mit dem Problemen, Gefahren und Herausforderungen alleine lässt.

In zahlreichen Schulen wird an Konzepten gearbeitet und sogar die Politik hat, wenn auch Jahrzehnte zu spät, die Zeichen der Zeit erkannt. Dennoch ist es auch in der Hand der Familien aktiv einzufordern, dass die Jugendlichen fit für eine Zukunft gemacht werden, bei der die digitale Sphäre in alle Bereiche hineinreichen wird. Oder schon hineinreicht. Und zwar nicht trotz der Gefahren.

Sondern gerade wegen ihnen.

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