DIGITAL: Wir müssen über die Kleinen reden 

Während die Medienbildung vor allem die Mittelstufe in den Blick nimmt, wird zunehmend vergessen, dort die Grundlagen zu legen, wo es bitter nötig wäre: In der Unterstufe. Dabei ist die Haltung, Kinder von der Auseinandersetzung fernzuhalten gefährlich. Ein Kommentar. 

Eine Schwierigkeit bei der Beschäftigung mit und der Diskussion über digitale Medien ist, dass die verschiedenen Dimensionen, die dieser Themenkomplex zu bieten hat, sich überlappen. Während es den einen um die Implementierung von Technik geht, wollen die anderen ein ganz anderes Verständnis von Unterricht fördern. Während die einen den Umgang mit digitalen Geräten zentral finden, wollen die anderen vor allem die Methoden schulen, die innerhalb der digitalen Sphäre erfolgversprechend sind, also beispielsweise Recherche oder Archivierung von Informationen.

Das Schaubild über die „Aspekte der Medienbildung“ verdeutlicht diese verschiedenen Dimension, ohne freilich Interdependenzen oder Symbiosen aufzuzeigen.

J. Kalb, nach einer Idee von Staatliches Seminar für Didaktik und Lehrerbildung Karlsruhe sowie Simone Bub-Kalb, Staatliches Seminar Stuttgart (unveröffentlichtes Manuskript, 2017)

Obwohl die schulischen Curricula seit einiger Zeit die Medienbildung aufgenommen haben, zeigt sich eine Schieflage bei den Themen, die zwar nachvollziehbar, aber im schlimmsten Falle fahrlässig ist. Es geht um die Beschäftigung mit Medien in der Unterstufe. Es wird auch offiziell so getan, als ginge es hier vor allem um die Dimension der Anwendungskompetenz. Im Prinzip also: Wie arbeite ich mir Word? Wie verschicke ich eine Mail? Obwohl seit einiger Zeit in vielen Schulen das sehr empfehlenswerte Internet ABC thematisiert wird, eine Plattform mit vielen Modulen zum Thema Internet und Co., wird die „vierte Dimension“ – also die Bildung über Medien (siehe oben) – stiefmütterlich behandelt. Frei nach dem Motto: Weil sie WhatsApp nicht nutzen dürften (obwohl sie es tun), sprechen wir nicht darüber (obwohl wir es müssten).

Dies fällt mir immer wieder auf, wenn ich Vertretungsstunden gebe, die ich nun zumeist in ein mal mehr mal weniger kreativ gestaltetes Q&A verwandele. Die Themen, die dabei aufkommen, sind endlos – und zwar von der 5. bis zur 8. Klasse gleichermaßen.

Dabei bleibe ich offen für das, was anliegt. In einer 5. Klasse begann ich mit einem sogenannten „stummen Tafelgespräch“. Die Schüler*innen sollten zum Schlagwort Internet und den Punkten „Herausforderungen“ – den Begriff hatte ich zuvor erklärt – „Gefahren“, „Möglichkeiten“ und „Fragen“ alles an die Tafel schreiben, was sie beschäftigt. Ich habe dabei (zumindest nicht wissentlich) weder auf das eine noch das andere hingewiesen, da es mir wichtig war, sehr offen zu bleiben.

Was ich dabei beobachtet habe:

  • Es gab mehr Fragen als Antworten.
  • Die Fragen waren teilweise fundamental: „Was ist das Internet?“, „Wann ist es entstanden?“
  • Es gab keine positive Aussage.
  • Schlagworte waren „Bilder“, „Beleidigungen“, „Cybermobbing“ und „Kettenbriefe“.
  • Die in Bezug auf die Schlagworte geäußerten Erklärungen waren hingegen erstaunlich differenziert in Bezug auf die eigene Unversehrtheit und das Recht anderer, dies zu gefährden.

Geäußerte Fragen:

„Was mache ich, wenn jemand ein Bild von mir hochlädt und ich will das nicht?“

„Stimmt das, das alles, was ich sage, nicht mehr gelöscht werden kann?“

„Wie kann ich stoppen, dass einer mir dauernd Nachrichten schreibt?“

„Wieso ist mein Handy immer voll mit Bildern aus der WhatsApp-Gruppe?“

Während die letzte Frage ein rein technisches Problem darstellt, das behoben werden könnte (könnte, wenn man die Zeit dafür hätte, es zu klären), sind die anderen Fragen und der Subtext, den sie enthalten, alarmierend. Alarmierend nicht insofern, als dass alleine diese anekdotische Evidenz dafür herhalten sollte, die Kinder vom Handy fernzuhalten (obwohl es mit Sicherheit gute Argumente für einen sorgsamen Umgang gibt). Aber alarmierend insofern, dass es zeigt, dass wir für die Beschäftigung mit diesen Themen, mit der „Bildung über Medien“, zu wenig Zeit einplanen. Zeit, die wichtig ist.

Denn ich bin mir unsicher ob ich oder irgend ein anderer Lehrer wissen, wie sehr Schülerinnen und Schülern beispielsweise ein Kettenbrief, der behautet, eine Nichtweiterleitung würde ihre Eltern in Gefahr bringen, emotional treffen und beschäftigen kann.

Oder die Tatsache, dass sie die schiere Wirkung einer beleidigenden Information in einer riesigen WhatsApp-Gruppe nicht abschätzen können.

Oder wie sehr schon Kinder beschäftigt, dass sie von Informationen erschlagen werden, die sich gegenseitig widersprechen können und von denen sie nicht wissen, ob sie wahr oder falsch sind.

Die wenigen Vetretungsstunden, die ich gebe, verdeutlichen mir, dass wir hier ein Defizit haben (insofern als dass meine individuelle und schulische Erfahrung auch für andere gilt). Weil ich dieses Problem ernst nehme, thematisiere ich Medienbildung überall da, wo es geht, im eigenen Unterricht. Und es ist möglich. Anstatt in der englischen Mediation über das Buchthema zu reden, kann man über Mobiltelefone reden. Anstatt in Deutsch einen Greiner-Text zu lesen, geht auch Lobo (natürlich spreche ich hier von Mittel- und Oberstufe). Und so weiter und so fort.

Erstaunlich an den oben zu sehenden Aspekten der Medienbildung ist doch, dass ganze Bereiche auch ohne die neueste Ausstattung thematisiert werden können. Und dies zu tun, ist unsere Pflicht, wenn Schule nicht nur Wissen bereitstellen soll, sondern die Schülerinnen und Schüler für eine Welt lebensfähig machen soll, die schon lange nicht mehr zwischen On- und Offline unterscheidet.

Und wie der Titel schon sagt: Dabei müssen wir auch über die Kleinen reden.

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8 Kommentare zu DIGITAL: Wir müssen über die Kleinen reden 

  1. Boris sagt:

    Danke für den Beitrag! Meine Erfahrungen sind ähnlich, wenn ich mal eine Vertretungsstunde gebe. Allerdings gestalte ich es weniger offen und spreche meistens ausschließlich über Whatsapp.

    Als Ergänzung zu deinem Beitrag würde ich sogar soweit gehen wollen, dass man in Klasse 5 eigentlich schon zu spät kommt und man heutzutage an die Grundschule gehen und viel mehr Elternarbeit/aufklärung betreiben muss. Der überwiegende Anteil hat keine Ahnung von der Materie und ich meine das jetzt nicht abwertend. Wie sollen sie auch? Smartphones werden seit ca. 10 Jahre verwendet, d.h. alle Eltern sind auf diesem Gebiet Autodidakten, von dem Zeitaufwand sich schlau zu machen und zu halten mal ganz zu schweigen. Deswegen bekommen die Kinder vom Kommunionsgeld am Ende der 3.Klasse ein Smartphone, wird schon nichts passieren…

    Ich habe für mich die Konsequenz gezogen und werde in meinem Wohnort in Absprache mit den Schulleitern der Grundschule regelmäßig einen Infoabend dazu anbieten.

    • Jens Kessler sagt:

      Hallo Boris,

      hast du schon einen Plan zu deinen Infoabenden entwickelt? Als Vater eines Kindes in der Grundschule und als Lehrkraft finde ich die Idee super und hätte spontan Interesse auch in der Richtung etwas anzubieten.

      Liebe Grüße
      Jens

      • Boris sagt:

        Ja, einen groben Plan habe ich, allerdings noch nichts wirklich verschriftlicht, da die Halbjahreszeugnisse näher rücken und auch noch keine Terminierung für den Infoabend stattgefunden hat. 😉

        Ich habe mir vorgenommen, das fertige Material auf meinem Blog zu veröffentlichen, bin aber auch für Anregungen dankbar.

        • Jens Kessler sagt:

          Spannend für Eltern ist wahrscheinlich für die Eltern ab wann man ein Smartphone an die Kleinen geben sollte und welche Kinderschutzmaßnahmen es so gibt und ob das sinnvoll ist.

          Ich fände einen positiven Ansatz prinzipiell gut, der die Vorteile hervorhebt und die Schwierigkeiten nicht als Hinderniss verkauft.

          Je nach Länge muss man thematisch mal gucken wie die Reise hingeht. Ich würde vorher anbieten, dass Fragen gestellt werden können. Kann man ja per Mail einreichen oder in ein Etherad schreiben lassen.

          Ganz spontan. Mögliche Themen sind: Apps, Zugangsbeschränkungen, Video und Bildfunktionen, Datenschutz, Was im Netz ist, bleibt im Netz, Lernen mit den Geräten, Zeiten, Begleiteter Zugang, wo kann man sich noch so informieren…

    • Jens Kessler sagt:

      Hallo Boris,

      hast du schon einen Plan zu deinen Infoabenden entwickelt? Als Vater eines Kindes in der Grundschule und als Lehrkraft finde ich die Idee super und hätte spontan Interesse auch in der Richtung etwas anzubieten.

      Liebe Grüße
      Jens

    • Bob Blume sagt:

      Toll! Das ist eine richtig gute Sache. Das Problem, das ich habe, kennt jeder, der sich ein wenig auskennt: Die Zeit wird immer weniger. Aber ich werde das mal einbringen…

  2. Wilhelm Rinschen sagt:

    Toller Artikel der die Problematik auf den Punkt bringt!

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