DISKUSSION: Was ist Bildungsgerechtigkeit?

Weil ich merke, dass ich zunehmend mit einigen Axiomen meiner Filterblase hadere, möchte ich so neutral wie möglich, aber auf anekdotischer Evidenz basierend aufzeigen, dass so manches Argument gegen „das Schulsystem“ am Problem vorbei geht. Und das falsch verstandene Gerechtigkeit nicht zwangsläufig bedeutet, dass alle studieren müssen. Ein (ziemlich persönlicher) Kommentar. 

Frei nach Adorno könnte man sagen, dass es schon das richtige Leben im falschen gibt (das Zitat ist aus dem exzellenten Artikel über den Lehrerberuf im heutigen engen Bildungssystem entnommen). Zumindest fühlte ich mich so, als ich als Waldorfschüler im amerikanischen Schulsystem nicht nur mit Noten, sondern mit ganzen „Progress Reports“ konfrontiert war, die jeden meiner schulischen Schritte wie in einer Bundesliga-Tabelle festhielten. Ich fand’s geil! Mehr noch: Ich hatte das Gefühl, die extrinsische (böse) Notenmotivation fast schon physisch zu merken. Und ich machte immer mehr.

Progress Report

„Geht auch“, dachte ich, ignorierte aber, dass ich schon acht Jahre Rudolf-Steiner Schule hinter mir hatte. Kupfertreiben, Stricken, Nähen, Buchbinden, Kerzenziehen, Schmieden, Malen, Aquarell, Hobeln, Tönern, Holzfällen, Bauen – und im weitesten Sinne das, was als „Ausdruckstanz“ persifliert wird.

Ich hatte gelernt, was es bedeutet, sich etwas zu eigen zu machen. Ich fand manches spannend, manches nicht. Von den Fächern Physik oder Chemie weiß ich nichts mehr. Gar nichts. Nicht eine Stunde ist in Erinnerung geblieben. Aber obwohl ich die einzelnen Stücke, die überall in meiner Familie als Brieföffner oder Skulptur zu finden sind, mal mehr, mal weniger schön fand, wusste ich, dass das, was mein Klassenlehrer in das Zeugnis der ersten Klasse schrieb (eine Seite, von Hand, für 42 Schüler!) wahr war: „Bob neigt dazu, die Worte auf die Goldwaage zu legen.“ Es mutet mittlerweile prophetisch an. Ich habe einen Beruf daraus gemacht.

Ortswechsel. Karlsruhe. Nach dem Referendariat ist die Stellensituation wie immer: Schlecht. Und noch schlechter ist sie für die, die Geisteswissenschaften machen. „Wie sollen wir Sie denn unterkriegen“, wird mir von der Zuständigen Dame mit zu wenig Humor gesagt, als dass ich es lustig finden könnte. Und dabei sind wir schon an einer sehr speziellen Stelle. Wir sind nämlich 60 Referendare aus ganz Baden-Württemberg, die im Regierungspräsidium Karlsruhe zusammengerafft wurden, um die Mitteilung zu erhalten: „Herzlichen Glückwunsch! Sie haben einen 6er im Lotto! Nachdem wir Sie drei Jahre auf die Realschule schicken, werden Sie nicht nur verbeamtet, sondern Sie bekommen eine Stelle im Gymnasium.“ Merkwürdig, dachte ich, aber warum nicht. Im Gegenteil: Ich fragte sogar, ob es mir möglich wäre, zu verlängern. War es nicht.

Seit jeher versuche ich, das, was ich nicht ändern kann, als Chance zu nehmen. Deshalb nahm ich es weder als Strafe wahr, an eine Realschule zu kommen (bei manchen erschien es mir so), noch die Tatsache, dass ich mit meiner Frau nach Freudenstadt kommen sollte, eine Stadt, in der es nach einigen Erzählungen 6 Monate Winter und 6 Monate kalt ist.

Es wurde heftig, richtig heftig. Mir war es nicht nur kalt, sondern ich fand es auch dunkler als sonst wo. Das lag wohl auch daran, dass ich im Referendariat mit zu viel Übereifer erkannt hatte, was ich zu leisten im Stande war. Das versuchte ich nun auf ein volles Deputat von 27 Stunden zu übertragen, jede Stunde perfekt. Lange kann das nicht gut gehen. –

Am Ende meines Aufenthalts stehe ich an der Bühne. Meine erste Klasse als Lehrer singt mein damals noch auf YouTube befindliches Lied. Sie haben es umgedichtet. Sie haben mir ein Fotobuch geschenkt – über 40 Seiten. Ich heule.

Nicht nur in dem Lied kam heraus, dass sie mich ziemlich komisch fanden. Ich war ein sehr anderer Lehrer als all jene, die sie bisher gekannt haben. Aber darum soll es nicht gehen. Ich habe mich aufgerieben – und die Klasse auch.

Dabei hatte ich nie das Gefühl, zurückversetzt zu sein – im Gegenteil. Ich versuchte alles zu tun, was ich konnte, um die Schüler auf das, was kommen sollte, vorzubereiten. Und das war deutlich anders als das, was man normalerweise von Gymnasiasten erwartet. Viele wollten auf eine weiterführende Schule, aber viele wollten auch endlich arbeiten, endlich anpacken. Und für sie und ihre Eltern war das auch in Ordnung. Die Realschule mit gutem Ruf war ein Ort, an dem man Bildung mitnahm, klar: Aber es gab keine Fixierung auf das Abitur, keine Pflicht zu studieren.

Ortswechsel. Die Stühle sind am Rand. Wir kämpfen. Einer tritt. Einer kriegt einen Schlag ab. Krass! Und das auf Video! Also nicht wirklich. Nachdem ich mit meinem Unterrichtskonzept im Fach Ethik gescheitert bin, als ich versucht habe, Real- und Werkrealschüler zu unterrichten, habe ich es umgedreht. Die Schüler sollen den anderen etwas beibringen. Das Einzige, was wichtig ist, ist: Es soll etwas mit unsere Thema zu tun haben: Glück! Und damit der Einstieg nicht so schwer ist, beginne ich. Mit Theaterkampf. Denn ich weiß, dass das glücklich macht, sich bewegen, coole Moves, etwas gefährlich. Wie gesagt: Wir machen die Videos. Und die Schüler gehen wirklich glücklich raus. Einer sagt, dass er sich zuvor noch nie so gefreut hatte, in die Schule zu gehen. Ein anderer kommt ab und zu in den Unterricht, obwohl er sonst nicht so oft in die Schule kommt.

Das liegt aber natürlich nicht nur an mir. Vor den Ferien laden die Werkrealschüler uns ein, dann gibt es selbstgemachten Flammkuchen aus dem eigenen Schulgarten und dem selbstgebauten Ofen. Die Werkrealschüler kochen, gärtnern, packen an. Sie sind zuvorkommend, gewitzt und erzählen mir, wo die Bienennester sind.

Einige meiner Realschüler, die teilweise immer noch schreiben, sich bedanken oder zu Neujahr Grüße schicken (Gell, M!, ich habe es dir immer gesagt, was du kannst, und jetzt ist es Pharmazie! Geil, Mann!), haben, wie gesagt, die weiterführende Schule besucht. Einige nicht. Einer, der immer noch den Blog liest, beginnt bald zu arbeiten. Man, hat der sich angestrengt bei den Lyrikinterpretationen.

Würden es alle in meinem Abiturkurs schaffen? Auch die Werkrealschüler? Vielleicht wenn Ihre Eltern mehr Bücher hätten? Oder wenn jeder sich aussuchen kann, was er will? Nein.

Aber warum sollen sie denn? Warum soll es Gerechtigkeit sein, allen zu „ermöglichen“ zu studieren? „Ermöglichen“. Das ist doch ein völlig unangebrachter Euphemismus.

Ich schaue jetzt manchmal in Gesichter, die Woche für Woche, Jahr für Jahr, zeigen: Ich will nicht hier sein. Ich will kein Abitur, ich will arbeiten, was erleben, was machen. Aber wir lassen sie nicht, weil wir selbst am Narrativ stricken, das besagt, dass man ohne Abitur nichts wäre. So ein Unsinn!

Ein Bekannter, der damals, vor meinem Abi, eine Klasse unter mir war und kein Abitur hat, begann als Schreiner und ist nun international bekannter Designer. Warum? Weil er irgendwann wusste, was er machen wollte. Und weil er Unterstützung erhielt. Aber welcher Abiturient bekommt Unterstützung, wenn er oder sie sagt, dass er oder sie Konditor werden will? Oder Schreiner?

Das spricht aber meiner Meinung nach nicht gegen das Gymnasium, sondern explizit dafür. Denn: Natürlich sollte es auch diejenigen geben, die mit Freude und Lust kognitiv arbeiten, lesen, suchen – Netz, Bücher – egal! Aber müssen wir, weil wir das Abitur zum heiligen Bildungsgral erheben, jetzt jeden ins Gymnasium schleifen?

Und was ist dann unsere Schlussfolgerung: Das System krankt, weil Schüler machen müssen, weil sie nicht wollen. Noch besser: Geben wir allen digitale Geräte, damit sie machen können, was sie wollen. Wir begleiten sie dann und nennen es agil.

Jeder, der diesen Blog kennt, weiß, dass ich mit vielen Dingen, die online und offline diskutiert werden, übereinstimme. Ja, auch ich finde Notengebung schlecht und ungerecht (der allererste Artikel dieses Blogs beschäftigte sich damit). Auch ich finde, dass man alles nutzen sollte, was einen zum Lernen anregt und weiterbringt, ob es nun ein Game ist oder ein iPad oder ein Buch.

Aber ich bin für den Kanon. Ich bin dafür, dass man sich durch hohe Kulturgüter quälen muss, nur um am Ende zu erkennen, dass man ein wenig über sich und die anderen gelernt hat. Und über seinen Kulturkreis. Ich bin dafür, dass man auswendig lernt, um Referenzpunkte zu haben, die außerhalb von Google liegen. Ich bin dafür mehr zu lesen. Ich bin dafür, dass man die deutsche und die englische Grammatik so gut beherrschen kann, dass man sich, wenn man sein Studium beginnt, so ausdrücken kann, dass andere wissen, was man meint. Ich bin dafür mehr zu lesen (sagte ich das bereits?).

Und irgendwie verstehe ich nicht (mehr), warum das nicht in Ordnung ist. Warum es nicht geht, dass jemand an die Realschule geht und sich eher Richtung Ausbildung orientiert und andere an das Gymnasium gehen mit dem Ziel (nach einer schön langen Pause!) zu studieren. Und zwar nichts zu studieren, weil man danach wieder was dafür kriegt, sondern weil man es wundervoll findet, in den unermesslichen Untiefen des menschlichen Geistes zu verschwinden, sich daran zu reiben, zu versuchen zu verstehen, zu scheitern, neue Versuche zu unternehmen, alles über den Haufen zu schmeißen, darüber zu diskutieren, kontrovers, unbarmherzig, dann sachlich und nüchtern. Zu schreiben, zu schreiben, zu schreiben. Zu lesen. Mir so viel Spaß, dass man über einem Buch nicht merkt, dass der Morgen graut.

Muss das jeder? Muss das jeder müssen? Muss das jeder können müssen? Ist das Bildungsgerechtigkeit?

P.S. Auch wenn es nichts damit zu tun hat, hier nochmal ein Gruß an meine Klasse 10c. Nur für euch bin ich auf diesen Fels gestiegen und überhaupt mitgefahren mit Fieber. Um diese Klassenfahrt zu toppen, muss schon einiges passieren.

Dieser Beitrag wurde unter Diskussion veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

6 Kommentare zu DISKUSSION: Was ist Bildungsgerechtigkeit?

  1. Ich bin ganz bei Dir, dass unser Schulsystem individuelle Lernwege ermöglichen soll und nicht unbedingt alle Schüler*innen Abitur machen müssen. Und ich bin auch ganz dabei, dass es Inhalte und Kulturgüter gibt, mit denen sich eine Auseinandersetzung lohnt.
    Ich verstehe aber nicht, warum dafür das mehrgliedrige Schulsystem und vor allem der Erhalt des Gymnasiums nötig sein sollen. Gerade weil es Schüler*innen, Lehrer*innen und Eltern eben oft zu Beginn einer Schulkarriere noch unklar ist, wo die Talente und Interessen liegen, ist es doch kontraproduktiv frühzeitig zu sortieren. Das gilt vor allem, solange diese Sortierung so stark vom sozialen Hintergrund abhängt wie derzeit. In einer Schule für alle können dann zum Beispiel auch die „Akademiker-Kinder“ in der Werkstatt ihre Schweißer-Talente entdecken und die „Arbeiter-Kinder“ ihre Begabung für Lyrik. Wichtig erscheint mir zudem, dass dass in einer solchen „Gesamtschule“ alle zusammen und voneinander lernen – egal ob sie später Arzt oder Schreiner werden. Das erscheint mir für den gesellschaftlichen Zusammenhalt unerlässlich.

  2. jan sagt:

    Ein ganz wunderbarer Artikel in dem ich viel wiedererkenne 😀

  3. Heinz sagt:

    Als jemand der einen ziemlich ungeraden Lebensweg hinter sich hat kann ich nur zu diesem Artikel gratulieren.

    Um gut zu sein brauchen Menschen Antrieb, nicht „Bildung“. Exzellenz entsteht aus Einsatz, nicht aus abarbeiten. Das Gymnasium der 50% Abiturquote produziert häufig nur kognitive Fließbandarbeiter die früher oder später häufig in einer tiefen Sinnkriese versacken. Das ist nichts schlechtes. Jede Krise bietet die Chance zu einem Neuanfang, aber im Gegensatz zum Realschüler der nach der Ausbildung mit 20 sagt: „Ich studier jetzt!“, fühlt sich ein „Ich mach jetzt noch mal eine Ausbildung“ mit 30 ausschließlich wie ein Scheitern an. Auch wenn es vielleicht faktisch anders ist, gefühlt geht der Weg erstmal steil bergab. Wer so eine Entscheidung gegen sein soziales Umfeld rechtfertigen kann und durchzieht, der hat eine Chance auf mehr als nur die Zukunft als burnoutgefährdeter Bandarbeiter. Das ist jedoch meiner Meinung nach oft der steinigere und gefährlichere Weg.

    Manchmal muss man aber vielleicht auch einfach hinnehmen, dass die Welt die wir Kindern aufzeigen – grenzenlos und mit allen Möglichkeiten, wenn man nur will – in der Realität einfach nicht existiert. Die Welt rankt, die Welt misst und die Welt sortiert knallhart aus. Der strukturelle Idealismus im heutigen Schulsystem produziert also häufig Träumer, die ihre Kanten erst an Realität brechen müssen um dabei hoffentlich etwas zu finden, dass sie soweit befriedigt, dass sie gutes Gewissens ihren Lebensunterhalt damit verdienen können.

    Eine Lehre ist dabei auch nicht immer das gelbe vom Ei. In Zeiten des Mindestlohns sind Lehrlinge heute oft umso mehr einfache Arbeitssklaven, die nach drei Jahren Lehrzeit in die Welt entlassen werden, weil es genug gibt, die für 300-400 Euro monatlich hinter der Brötchentheke stehen. Viele Berufe haben nicht umsonst einen schlechten Ruf. Nein, sie sind tatsächlich perspektivlos, weil sie nie ausreichend bezahlt sein werden um eine Familie und die eigene Zukunft ausreichend zu sichern. Das Studium erscheint v.a. den Eltern der Kinder als einziger Ausweg aus dieser Misere. Denn jeder möchte, dass es den eigenen Kindern mal relativ betrachtet besser geht als einem selbst. Das Weltbild das daraus entsteht festigt jedoch all diese Probleme nur noch weiter.

    Es ist schön zu sehen, wie Leute wie du es schaffen bei diesen Aussichten nicht zum Zyniker zu werden – wie es viele Kollegen schon lange perfektioniert haben – und versucht in jedem Einzelnen den Punkt zu finden der ihn antreibt. Das ist die Quelle aus der erfolgreiche und nach vorne gerichtete Menschen entspringen, nicht das Abiturzeugnis und die Staatsexamensnote.

  4. Tom sagt:

    Wow !!! Glückwunsch zu diesem Artikel !!!
    Einen Teil der Schuld trägt vielleicht aber auch die Methodik der Vermittlung. Ich habe mal einen Nachhilfeunterricht gemacht, in dem mir ein Gymnasialschüler sagte, er brauche nur fett gedruckten Vokabeln im Englischbuch zu lernen. Der Rest sei dem Lehrer nicht wichtig. So lernt er kein Englisch! Ich glaube, dass Schüler, die das Gymnasium besuchen wollen, dort auch wissen müssen, dass das kein Spaziergang ist und dass sie auch die Konsequenzen klarer spüren müssen, wenn sie oder ihre Eltern es für einen Spaziergang halten. Es kann sich nicht jeder für ein Studium qualifizieren und das muss frühzeitig klar sein! Und dann müssen m.E. die Alternativen schmackhaft gemacht werden.
    Es hat aber auch mit den Alternativen zum Studium zu tun. Wenn Lehrlinge immer schlechte Bedingungen vorfinden, sind sie wohl kaum zu überzeugen, den Weg einer Lehre zu gehen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.