REZENSION: Schwimmen lernen im digitalen Chaos

Dass man die 148 beschriebenen Seiten des neuen Buches von Philippe Wampfler in zwei Sitzungen durch hat, spricht nicht gegen das Machwerk, in dem es um konkrete Strategien gegen Fake News und Nonsens im Netz geht. Im Gegenteil: Wampfler schafft es wieder einmal, ein schwieriges Thema zu umreißen, das sowohl den im digitalen Diskurs Geübten als auch Neulingen die Relevanz und Dringlichkeit des Themas nahelegt.

Dabei muss Wampfler einen Spagat machen: Auf der einen Seite ist das Bestreben des Sachbuches vom Stämpfli-Verlag nämlich – wie der Untertitel sagt – zu zeigen: „Wie Kommunikation trotz Nonsens gelingt.“ Und dies geht nach Wampfler zwangsläufig nur, wenn man in der Lage ist

einzugestehen, dass es eine Wahrheit gibt (S.93).

Und dies sei nur möglich, wenn es innerhalb des gesellschaftlichen Diskurses Einigkeit darüber gibt, dass es Fakten gibt.

Tatsächlich gibt es keine reinen, objektiven Fakten. Nur heisst das nicht, dass es deshalb keine Wahrheit oder keine Fakten gäbe. Fakten können (…) angesehen werden, als das, was an seriös arbeitenden Forschungsinstituten unumstritten ist (S.95).

Auf der anderen Seite muss das Buch verständlich bleiben, kann also nicht zu tief in jene Diskurse eintauchen, wie es nötig wäre, um einem universitärem Standard zu genügen. Das muss es aber auch nicht. Auch oder gerade durch die verständliche Art, die Kommunikation im Netz und deren Verhinderung durch Nonsens zu beschreiben, bleibt das Buch auch für jene mit wenig bis keinem Hintergrundwissen lesbar.

Dabei ist die Struktur deutlich und hilft, zu jeder Zeit zu wissen, was das Thema ist. Zunächst geht es im ersten Kapitel darum „Das Problem (zu) verstehen“. Nach der Begriffserklärung von Nonsens und dessen Abgrenzung zu Bullshit und Fakenews wird der größere Rahmen als allgemein ethisches Problem verdeutlicht.

Eine Stärke des Buches ist aber vor allem die Überführung in praktische Handlungsanweisungen. Nachdem erklärt wird, wie Nonsens im Netz entsteht und wie jeder einzelne verantwortlich für die Verbreitung oder eben das Unterlassen ist und nachdem die psychologischen Dispositionen des Menschen erklärt worden sind, die jeden von uns anfällig für bestimmte Formen von Nonsens machen, beschreibt Wampfler im letzten Teil des Buches nicht weniger als ein „Programm“ für das „Schwimmen im Nonsens“.

Und dies ist auch in der Tat so zu verstehen. In kleinen Abschnitten, in denen jeweils ein wichtiger Abschnitt für das digitale Miteinander erklärt wird („Neugierige Fragen stellen“, „Filtersouveränität“) gibt es am oberen Buchrand gezeichnete kleine Notizzettel, die verdeutlichen, dass nun Punkte folgen, die das eigene Handeln leiten können. Diese bewegen sich von praktischen Anweisungen („Filter anschalten“, Vgl. S.110) bis zu Anweisungen über das eigene Verhalten („Sich selbst disziplinieren“, Ebd.).

Dabei ist Wampflers Perspektive aber stets wohlwollend und nicht arrogant. Man fühlt sich so als Leser an der Hand genommen – was gerade bei einem Thema, das zwischen Informationsflut und der schwierigen Übernahme von Verantwortung changiert, ein wichtiger Punkt ist.

Das gesamte Buch ist so auch der Versuch, den Einzelnen vor der Resignation zu retten.

Auch wenn es anstrengend ist: Es lohnt sich, immer wieder darauf hinzuweisen, wenn Informationen falsch, unvollständig oder missverständlich sind (S.148).

Insgesamt ist Wampfler ein Buch gelungen, das den Spagat schafft. Bunte Modelle, Bilder und Screenshots lockern die Lektüre auf, die Sprache ist klar, die Struktur verständlich. Es ist zu hoffen, dass das Buch weite Verbreitung findet, gerade in Schulen. Denn die enge Verbindung, die Wampfler zwischen Nonsens und politischem Diskurs zieht, geht jeden einzelnen an.

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