DISKUSSION: Vernetzen? Warum sollte ich?

Der liebe Kollege und Fachleiter Jan Vedder schreibt einen schönen Artikel über die Vernetzung von Lehrern. Er wurde vielfach geteilt und hoffentlich noch mehr geteilt. Alle, die ihn teilen, werden sich dabei wohl fühlen, Teil der Gemeinschaft zu sein. Die, die es betrifft, werden: nichts davon merken. Eine Antwort von der fiktiven Lehrerin Anna Log und die Antwort auf die Frage, wie wir uns vernetzen. 

Lieber Jan, Anna Log hier,

ich bin schon seit langem eine Lehrerin, die seit langem an einer Musterschule Musterunterricht macht. Ich habe deinen Artikel nicht gelesen, weil ich erstens nicht mehr so gerne lese und ich mal gehört habe, dass man dem Netz auch nicht trauen kann.

Tun wir aber mal so, als wenn ich ihn gelesen hätte; vielleicht hat ein besonders motivierter Kollege, den ich sehr mag, ihn mir mit viel zureden auf meinen überfüllten Tisch gelegt und einen netten Zettel drangehängt.

Um gleich mal eines vorweg zu nehmen: Hör auf mit deiner „zeitgemäßen Bildung.“ Ich habe seit den Siebzigern Reformen über mich ergehen lassen. Ich bin damit durch. Gut, schauen wir mal, was du sonst noch so anbieten kannst. Ah, eine Liste. Dann wollen wir mal.

1.Ideen, Impulse und Inspirationen bekommen

Denkst du denn, lieber Jan, dass meine Ideen nicht reichen? Als ich unterrichtet habe, da warst du noch eine Metaplankarte im Methodenkoffer deiner Eltern. Oder meinst du, dass meine Ideen nicht gut genug sind? Wenn du das meinst, dann brauche ich gar nicht mehr weiterschreiben.

2.Ideen, Impulse und Inspirationen teilen

Wieso das denn? Ich habe alles, was ich brauche, genau hier auf meinem Tisch. Deshalb sieht das Lehrerzimmer meiner Musterschule auch so aus, wie es aussieht. Was bekomme ich für die Extrazeit? Soll ich nun noch als Humanistin unter das Volk? Oder worum geht es? Soll ich in meinem Alter noch Leser sammeln und mich über ein paar Klicks freuen? Ich bitte dich, lieber Jan. Meine Ideen sind gut für mich und meine Klasse.

3. Spannenden Blogs folgen

Blogs? Sind das diese Homepages, wo so wirklich jeder etwas schreiben kann, der will? Wo also jeder Depp meint, er können etwas über sich und die Welt sagen? Wie lange brauche ich denn, überhaupt etwas Gutes zu finden? Wann soll ich das leisten? Klar, ich habe Zeit, weil mein Unterricht fertig ist – aber daran habe ich mich gewöhnt. Ich werde sehr gut bezahlt, auch ohne dass ich „spannenden Blogs“ folge. Mir ist frische Luft lieber als die dahingekleisterte Wortsoße von Möchtegernautoren.

4. Gegenseitiges Helfen durch Austausch und Kollaboration

Hier können wir es kurz machen. Ich brauche keine Hilfe. Wieso auch? Es ist doch immer gut gewesen. Und jetzt soll es das nicht mehr sein? Willst du damit sagen, dass ich ohne Austausch schlechten Unterricht mache? Oder eine schlechtere Lehrerin bin? Willst du das? Und wenn jemand wirklich meine Hilfe braucht, dann kann er oder sie zu mir kommen und in die Augen schauen. Oder darf man das nicht mehr in dieser modernen Zeit?

5. Unterricht neu denken

„Neu“? Entschuldige, dass ich nun ein wenig lache. Alle 5 Jahre kommt jemand und findet, dass der Unterricht neu gedacht werden muss. Das ist ein wenig wie mit den Schlaghosen. Die kommen auch wieder in Mode. Ich mache meinen Unterricht so, wie ich will, weil er erfolgreich und gut ist. Meine Schüler mögen mich. Und dann kommt jemand wie du aus dem Internet und sagst mir, dass ich alles neu denken muss. Geht es noch?

6. Schule (um-)gestalten und Unterricht entwickeln

Das ist nun doch die Höhe. Ich bin eine gute, einfache Lehrerin, die seit Jahren alles für die Kinder gegeben hat. Hätte ich die Schule umgestalten wollen, wäre ich in die Politik gegangen. „Palliative Didaktik“ nennst du das, was ich tue? Und du willst, dass ich mich freue, meine Existenz hinterfrage und die folge? Wieso, zum Teufel, sollte ich das tun?

Wann die digitale Bildung und die Vernetzung gelingt? Wenn wir Anna Log überzeugen. Viel Spaß! 

 

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4 Kommentare zu DISKUSSION: Vernetzen? Warum sollte ich?

  1. Ich sehe das nicht so. Die Diskussion mit Anna bringt nichts. Sie soll weitermachen wie bisher.
    Irgendwann wird sie aber in Elterngesprächen, Diskussionen mit der Schulleitung und im Umgang mit Klassen merken, dass ihre Haltung nicht mehr alternativlos ist. Dass neuer Unterricht gedacht worden – nur nicht von ihr. Dass andere Lehrpersonen sich vernetzt haben, über das Schulhaus hinaus, und so Ideen für ihren neuen Unterricht gewonnen haben.
    Anna wird noch eine Weile selbstgefällig von ihrer Praxis berichten, dann leicht trotzig und vielleicht auch mal etwas verkrampft wirken. Aber bald einmal wird sie nicht mehr die Referendarinnen und Referendare davon überzeugen können, dass ihre Art zu unterrichten die richtige sei, sie wird leiser werden, selbstkritischer und weniger Platz einnehmen. Vielleicht wächst dann ihre Bereitschaft, sich zu vernetzen. Vielleicht aber auch nicht. Aber überzeugt werden muss sie meiner Meinung nach nicht.

    • patrick sagt:

      @Philipp Wampfler
      Korrekt. Anna ist Dogmatikerin, die ihre eigene Setzung absolut setzt. Dogmatiker kann man nicht überzeugen, aber man kann stille/passive Mithörer davon überzeugen, dass ihre Behauptungen keine Geltung beanspruchen können.
      ein kleiner Literaturtipp hierzu: Daniel-Pascal Zorn: Logik für Demokraten.

      @Bob Blume:
      Kompliment! Informativer, aufschlussreicher Blog, der gut die Balance zwischen inhaltlicher Tiefe und Blog-Artikellänge austariert. Ich kann vielen Erkenntnissen, sei es zu vermeintlicher Kritik an Kompetenz-Orientierung, zu Vorstellung von gutem Unterricht oder Tipps für angehende Lehrer aus eigener Perspektive gut nachvollziehen und teile die meisten dieser Auffassungen.

    • Bob Blume sagt:

      Du hast mich überzeugt.

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