UNTERRICHT: Interpretation von Prosatexten: Hinweise für individuelles Arbeiten

Vorwort des Blogartikels: Alles, was nach diesen kurzen Anmerkungen folgt, wurde für meinen Unterricht in der 10. Klasse erstellt. Da ich diese Klasse schon seit mehreren Jahren unterrichten darf, weiß ich, dass das Basiswissen und die Kompetenzen zur gemeinsamen Arbeit vorhanden sind. Ich empfehle so also nicht, dies dann zu machen, wenn noch gar keine Grundlage vorhanden ist.

Wenn man als Schülerin oder Schüler auf diesen Artikel kommt, dann sei angemerkt, dass es sich lohnt, den Artikel bis ganz zum Ende zu lesen und auch sämtlichen Verweisen zu folgen, die hier angegeben sind. Dann wird man damit, so hoffe ich, auch ohne die Hilfe eines Mentors oder Lehrer davon profitieren können.

Grundlagen für diejenigen von euch, die bisher wenig gelernt haben, gibt es hier:

Nun hoffe ich, dass das alleinige oder gemeinsame Arbeiten gelingt. Viel Spaß. Übrigens: Wer Probleme mit der Rechtschreibung hat, der findet hier Abhilfe.

Die Interpretation von Kurzprosatexten (also Kurzgeschichten, Parabeln oder anderen Kurzformen) ist nicht einfach, da der Interpret auf viele Dinge achten muss, die sich aber gleichzeitig nicht auf jede Kurzgeschichte anwenden lassen. Während bei der einen die Sprache zentral ist, ist es bei der anderen der Satzbau. Die Interpreten auf der anderen Seite, also ihr, habt auch ganz unterschiedliche Stärken und Schwächen. Während die eine sehr schnell herausliest, dann aber Probleme hat, dies zu formulieren, kann der andere den Text sehr gut gliedern, weiß aber nicht, wie er danach beginnen soll.

Diese Hinweise für individuelles Arbeiten sollen eine Hilfestellung sein, gezielt mit und an Kurzgeschichten zu arbeiten und so fokussiert die eigenen Kompetenzen zu stärken.

Zwei Vorbemerkungen

Ein Satz über Interpretationen

In einem Artikel auf diesem Blog wird mit dem Vorurteil aufgeräumt, dass es sich bei der Interpretation um ein Ratespiel handelt. Es geht um etwas Anderes.

Dort heißt es:

Es gibt zwar keine ausschließlich richtigen Interpretationen; es gibt aber Interpretationen, die nicht nachvollziehbar sind, weil sich nicht plausibel gemacht wurden, nicht ausführlich und methodisch vollständig die Auslegung erklären oder weil schlicht die Erfahrung fehlt (entweder in Bezug auf das eigene Leben oder in Bezug auf das eigene Lesen), den Inhalt überhaupt „erfahrend“ zu erfassen.[1]

Dies bedeutet für schulische Interpretationen, dass man übt, über Texte so zu verstehen, dass man sie vollständig erfasst („kontextuiert“) und so zu schreiben, dass der Leser vollständig erfasst, was man herausgefunden hat und vor allem wie man dazu gekommen ist.

Was wirklich wichtig ist

Sobald man als nicht-professioneller Interpret (also meistens als Schülerin oder Studentin) einen Text interpretieren soll, klammert man sich an den Strukturen fest, von denen es zuvor hieß, dass sie wichtig seien. Das kann dazu führen, dass jemand beispielsweise alle rhetorischen Figuren auswendig lernt und diese dann nach und nach abhandelt – ohne aber die Kurzgeschichte (oder das Gedicht, oder die Dramenszene) auch nur im Ansatz verstanden zu haben. Aus diesem Grund muss man sich darüber klarwerden, was das allerwichtigste ist (und auch hier gilt: Was sich einfach anhört, ist es nicht. Lesen verbessert das eigene Verständnis. Immer!)

Im Folgenden die Elemente, die für eine Analyse am wichtigsten sind:

1.     Die Kurzgeschichte zu verstehen – von vorne bis hinten.

2.     Die Handlungen der Figuren nachzuvollziehen.

3.     Die Bedeutung dessen zu verstehen, die die Handlungen haben.

4.     Die Bedeutung der Kurzgeschichte in einem größeren Rahmen zu verstehen.

Obwohl dies nicht als Muster zu verstehen ist, wie man vorgehen muss, wäre es schwierig, von unten nach oben zu arbeiten. Konkret: Wenn ich nicht weiß, worum es überhaupt, ganz konkret, geht, kann ich nicht wissen, welche übergeordnete Bedeutung eine Kurzgeschichte hat (ob sie zum Beispiel auf ein Problem hinweist, einen Konflikt darstellt etc.).

Hinweise für individuelles Arbeiten

Zunächst eine Feststellung: Wenn man die Kurzgeschichte so oft und gründlich gelesen hat, dass man sie vollständig versteht – die Grundlage für jeden weiteren Schritt – ist nichts hilfreicher als sich mit einer weiteren Person darüber zu unterhalten. Offen, ehrlich und kritisch. Denn so kommt man auf Dinge, die einem selbst vielleicht nicht aufgefallen sind (Dass dies in Klausuren nicht möglich ist, legt eher ein Problem der Klausuren offen als des gemeinsamen Arbeitens).

Im Folgenden werden Elemente der Analyse aufgelistet und Arbeitsbereiche definiert, wie man sich diesen Elementen nähern kann, wenn man meint, diese noch nicht so gut zu beherrschen. Auch hier ist es anzuraten, dass man sich zu zweit oder zu mehreren bespricht, eine Schwachstelle einer Person herausarbeitet und diese dann zusammen bearbeitet. Dann kann es weitergehen.

 

Element der Analyse Hinweis/ Frage/ Anregung zur individuellen Bearbeitung
Herausarbeitung des Themas/ der Deutungshypothese

 

 

Obwohl am Anfang der Interpretation, sollte dies erst am Schluss stehen: Der Text muss mit dem Stift in der Hand bearbeitet worden sein.

 

Voraussetzung ist Textverständnis. Hier hilft nur langsames, genaues Lesen und ein qualitativ hochwertiger Austausch.

Elemente jeder Kurzgeschichte

 

 

Die Elemente der Kurzgeschichte (Kürze, Verdichtung des Geschehens auf einen zentralen Augenblick, Wiedergabe des inneren Geschehens, unvermittelter Beginn, offenes Ende, Alltäglichkeit der Thematik und Sprache, sprachliche Mehrdeutigkeiten) sind zwar die Grundlage, spielen aber bei der Interpretation nur eine dienende Rolle.

 

Welche Wirkung hat der plötzliche Einstieg auf den Leser? Wird dadurch Spannung oder Intensität erzeugt?

Inwiefern ist das Ende offen? Was wird nicht gesagt? Wie könnte es weitergehen?

 

 

Motive Ein Motiv ist ein wiederkehrendes Element, das sich wie ein roter Faden durch die Kurzgeschichte zieht und meist eine Bedeutung für die Figuren, das Thema oder den Kontext hat.

 

Sind Motive erkennbar?

Bin ich in der Lage, die Funktion des Motivs für die gesamte Kurzgeschichte nachvollziehbar zu formulieren?

Figuren Um welche Figuren geht es? Wie lassen Sie sich durch das, was sie denken oder tun oder das, was andere über sie denken oder ihnen antun, charakterisieren?

 

Bin ich in der Lage, dies formal korrekt zu formulieren?

Handlungen/ Ereignisse/ Aufbau Oftmals sind die Ereignisse oder eine bestimmte Handlung (die auch ein Wendepunkt sein kann) der Kern der Kurzgeschichte.

 

Erkenne ich Handlungen als solche? Erkenne ich, welche Handlungen was über die handelnde Figur sagen?

 

Kann ich die Erkenntnisse nachvollziehbar formulieren?

 

Erkenne ich einen Aufbau (z.B. von gut nach schlecht, von konfliktreich zu schlichtend oder andersherum, von problematisch zu katastrophal)? Kann ich dies nachvollziehbar formulieren?

Ort, Zeit, Atmosphäre

 

 

 

Ort und Zeit scheinen oft zufällig, haben aber eine Bedeutung für den gesamten Zusammenhang.

 

Werden Ort und Zeit sofort klar? Werden Sie ausgelassen? Welche Bedeutung hat dies?

 

Kann ich dies nachvollziehbar formulieren?

Zeitstruktur Die Zeitstruktur ist die Zeit, die in der Kurzgeschichte angerissen wird.

 

Gibt es Vorausdeutungen oder Rückblenden? Haben diese eine Funktion?

Kann ich dies nachvollziehbar formulieren?

 

 

Erzähler Jede Kurzgeschichte muss von einem Erzähler (nicht vom lyrischen Ich, diese gibt es nur in Gedichten) erzählt werden. Der Erzähler und der Autor sind nie dieselbe Person.

 

Wer ist der Erzähler der Kurzgeschichte?

 

Welche Wirkung hat dies? Kann ich dies nachvollziehbar formulieren?

Erzählverhalten Das Erzählverhalten meint, ob der Erzähler Teil der Kurzgeschichte ist, sie von außen wahrnimmt oder sogar alles weiß.

 

Handelt es sich um einen auktorialen, personalen oder neutralen Erzähler? Welche Wirkung hat dies? Kann ich dies nachvollziehbar formulieren?

Erzählwiedergabe Das, was gesagt und erzählt wird, kann auf unterschiedliche Weise erzählt werden. Nüchtern und objektiv als Bericht oder mit zahlreichen Abbrüchen oder Wiederholungen als erlebte Rede. Oder als innerer Monolog der Figur. Oder als Dialog bzw. direkte und indirekte Rede.

 

Erkenne ich die Wiedergabeform? Kann ich eine Wirkung zuschreiben? Kann ich dies nachvollziehbar formulieren?

Sprache Die Sprache ist bei einer Kurzgeschichte ein weites Feld. Es geht darum, ob es Besonderheiten gibt, die Sätze beispielsweise besonders lang oder kurz sind, viele Metaphern oder andere rhetorische Figuren genutzt werden oder es andere Auffälligkeiten gibt. Das Wissen über rhetorische Figuren, Satzstrukturen und Wortarten (also Adjektiv, Nomen etc.) ist dabei die Grundlage.

 

Erkenne ich die verschiedenen sprachlichen Besonderheiten? Kann ich sie mit dem Gesamtzusammenhang in Verbindung bringen? Kann ich die Funktion innerhalb der Passage oder sogar für die gesamte Kurzgeschichte formulieren?

 

Wenn man diese Fragen beantwortet, indem man das, worin man nicht so gut ist übt und sich Rückmeldung geben lässt, verbessert man sich zwangsläufig. Aber: Nichts ersetzt das eigenständige Lesen!

Auf dem Blog gibt es eine exzellenten Analyse der Parabel (einer lehrhaften Dichtung)  Das Bild der Schlacht am Isonzo und zur Analyse der Kurzgeschichte Nacht.

Einige Kurzgeschichten des Autors wie „Die Lektion“ (7./8. Klasse), „Eine Nacht“(8.-10. Klasse), „Das bin doch ich“(10.-12. Klasse)  oder „Deutschstunde“(8.-10.Klasse) finden sich ebenso auf diesem Blog unter dem jeweiligen Link.

[1] http://bobblume.de/2017/04/30/interpretationen-eine-interpretation/, abgerufen am 22.11.2017.

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4 Kommentare zu UNTERRICHT: Interpretation von Prosatexten: Hinweise für individuelles Arbeiten

  1. Eva sagt:

    Hallo Bob Blume,
    ich finde den Artikel echt toll. Ich lese gerade einen Prosatext mit meiner 10. Klasse und werde den Artikel mal als Grundlage der Interpretationsdiskussion heranziehen.

    Ich finde es gut, dass sich deine Inhalte auch oft auf weitere Themen etc. übertragen oder anpassen lassen.

    • Bob Blume sagt:

      Das freut mich sehr zu hören. Du kannst mich, wenn du magst, sehr unterstützen, wenn du mir auf meiner Facebook-Seite (SquareB) eine Rezension dalassen würdest. Auch freue ich mich über Rückmeldungen, ob es geklappt hat. Liebe Grüße

  2. Pingback: UNTERRICHT: Interpretation eines Prosatexts: Sibylle Berg „Nacht“ | Bob Blume

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