UNTERRICHT: Problemorientierter (Englisch-)Unterricht

Skizze eines interdisziplinären Experiments. 

Wer meint, Unterricht in allen Fächern sei immer dasselbe, irrt. Schon zwischen meinen eigenen Fächern Geschichte, Englisch und Deutsch gibt es starke Unterschiede – sofern man sie ernst nimmt und natürlich themenspezifisch.

Gestern Abend erfuhr ich von einer Vertretungsstunde in einer mir unbekannten Klasse. Ich schrieb einige Fragen auf, mit denen ich Impulse zur medialen Reflexion setzen wollte (das tue ich momentan immer wieder: Vetretungsstunden werden oft mit Spielereien vertan und da Medienbildung sowieso meist zu kurz kommt, setze ich dort an).

 

 

Autodidaktik

Auf der Autofahrt hörte ich, wie momentan fast jeden Tag, meinen absoluten Lieblingspodcast Waking up with Sam Harris. Nicht nur, dass ich es außerhalb der Schule endlich wieder wertschätze, sehr gut Englisch zu sprechen und zu verstehen; die Themen sind interessant, provokant und bringen mich aus meiner Komfortzone, da Harris als fundamentaler Atheist versucht durch vernünftige und sachliche Argumentation den Dingen auf den Grund zu gehen. Dies gilt für kontroverse wissenschaftliche Arbeiten genauso wie für die Auseinandersetzung mit dem Islam. In der momentanen Folge mit Cass R. Sunstein (Robert Walmsley University Professor at Harvard Law School), einem ehemaligen Berater der Obama-Administration, werden die Konzepte der „Choice Architechture“ und des sogenannten „Daily Me“ erklärt und problematisiert.

Kur gesagt ist Choice Architechture all das, was sich die Entscheidungen der Menschen zu Nutze macht – vom Supermarkt bis hin zur Zeitung.

Daily Me ist die individualisierte Grundlage der Zusammenstellung von Informationen auf der persönlichen Entscheidung.

Beides fand ich so spannend, dass ich in Gedanken ein Unterrichtskonzept entwickelte (im Auto, also quasi autodidaktisch, wie es in dem lahmen Wortwitz heißt), dass Schüler das Problem der Filterblasen erklären sollte. Das gefiel mir so gut, dass ich in der eigentlich vorbereiteten Englischstunde einen Exkurs machte und statt des Buchinhalts das Thema diskutierte.

Unterrichtsskizze (9.Klassen Englisch, zuvor 8. Klasse Gemeinschaftskunde)

Einstieg: Ich fragte die Schüler, warum die Debatte (im Netz) zunehmend so aggressiv geführt würde (Währenddessen schrieb ich möglicherweise unbekannte Vokabeln an). Mehr als die Vermutung, dass Leute im netz anonym sind und so besser schimpfen können, kam nicht.

Erarbeitung: Ich zeichnete drei leere Kästen auf (der Impuls, dass Choice Architecture besonders in Läden eine Rolle spielt, kam vom Sunstein). Die Schüler sollten einen Laden, d.h. einen Weg durch den Laden zeichnen der

1) Geld einbringt

2) dem Allgemeinwohl dient und

3) nur für sie ausgerichtet ist.

Präsentation: Schon die Präsentation zeigte, dass die Schülerinnen und Schüler zwar unterschiedliche Lädenkonzepte gezeichnet hatten, dass aber klar war, dass man für einen ökonomisch erfolgreichen Laden die Kunden an allem vorbeiführen müsse. Ein Laden, der allen dienen würde, käme ohne dieses „Labyrinth“ aus. Der Laden, der den eigenen Interessen diente, war am einfachsten gestrickt.

Ich fragte danach, welche Läden welchem Konzept entsprächen. Während unter 1 oder  EDEKA oder REWE bzw. Kaufland genannt wurden, kam bei 2 MEDIA MARKT oder ein Bioladen auf. Bei drei erklärte ich meine eigenen Assoziation: Apple Store.

Transfer: Und nun kam der Clou: Gefragt, wann die Entscheidung zum Kauf getroffen wurden, kam heraus, dass man, während man bei den ersten beiden Läden noch zum Kauf animiert werden muss, beim dritten Laden die Entscheidung bereits getroffen hätte. Als Transfer fragte ich in einem ersten Schritt, wie diese Läden als App aussähen (man kann sich beispielsweise 1 Clash of Clans vorstellen: Man kommt umsonst rein, wird aber geködert). Als zweiten Schritt fragte ich, was wäre, wenn Zeitungen (oder die Apps) jeweils nur auf der Basis von 3 funktionieren würden.

In einer fruchtbaren Diskussion kam heraus, dass Leute, die die Entscheidung schon vorher fällen, nicht mehr mit anderen Meinungen konfrontiert würden. Das gilt für die Nutzung von Android-Handys genauso wie für die Meinung über Flüchtlingspolitik oder Klimaschutz.

Problematisierung: Danach gefragt, wie sie nun die Ausgangsfrage beantworten würden, kamen viele darauf, dass es wohl nicht nur daran liege, dass man im Netz anonym ist, sondern auch daran, dass man sich daran gewöhnt, das zu bekommen, von dem man sowieso schon weiß, dass es der eigenen Meinung entspricht. Die Schüler hatten das Konzept der „Filterblase“ mithilfe von eigenen Geschäften verstanden. 

Eine solche Problemorientierung spielt vor allem im Geschichtsunterricht eine Rolle. Für den Englischunterricht war es für mich eine neue Erfahrung. Eine, die ich unbedingt wiederholen möchte.

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