ANALYSE: Totschlag in der Kommentarspalte

Zombie-Walk. Foto: Thomas Clemens

Ein junger Mann fragt in einem Forum nach einem leckeren Käse. Der letzte Kommentar beschuldigt ihn, für den Weltuntergang verantwortlich zu sein. Eine Mutter fragt nach einem Muffin-Rezept. 72 Kommentare später wird sie als Rabenmutter beschuldigt, die das Jugendamt nötig hätte. Ein Referendar macht auf die Problematik von Dropboxes aufmerksam. Er wird aufgefordert, die Gruppe zu verlassen. Eine Kurzanalyse.

Zwischen Vegetarismus und Holocaustleugnung

Wenn man sich öfters in den Kommentarspalten regionaler und überregionaler Online-Magazinen tummelt, hat man alles schon gelesen. In den letzten Jahren steigt der Grad, in dem hasserfüllte Kommentare moderiert und ihre Verfasser blockiert werden (und selbst das ist nicht für alle selbstverständlich, da sie eine Beschneidung der Meinungsfreiheit auch da sehen, wo der Holocaust geleugnet oder jemandem Gewalt angedroht wird). Dennoch ist es immer wieder erstaunlich, mit welch freudiger Wut sich die Kommentatoren bis hinein in eine sprachliche Entgrenzung treiben, von der viele dachten, sie sei mit dem Ende des Nationalsozialismus zumindest im öffentlichen Raum begraben worden.

Medienkompetenz: ex negativo

Dabei sind die Kommentatoren immer medienkompetenter. Bewaffnet mit funktionalem Rüstzeug – der richtigen Anwendung der Begriffs Whataboutism, Strohmann– und Totschlagargument – gewürzt mit Metaironie, Zynismus und Angriffslust und mit einer starken Community im Rücken, kann jeder zum kurzen Star des Kommentatorensternenhimmels werden. Die Frage danach, warum die Menschen das machen, ist schnell beantwortet: Wer würde nicht wollen, dass die eigene Aussage tausendfach goutiert, diskutiert und beglückwünscht wird. Außerhalb der Filterblase gibt das denn Extrakitzel des Verbotenen. Man ist derjenige, der „die unbequeme Wahrheit“ ausspricht.

Gelingende Kommunikation

Während es also klar ist, warum in den für alle offenen Kommentarspalten die Agressions- und Wutspirale lustvoll gen Niveaulosigkeit geballert wird, ist die Frage nach communityinternen Streitigkeiten schwieriger. Wie kommt es, dass Menschen, die ein gemeinsames Anliegen haben, sich anfeinden, obwohl es nur um einen Muffin geht. Die Frage ist:

Wie funktioniert gelingende Kommunikation?

Die naheliegenden Antworten bewegen sich wohl im Bereich ethischer Maßstäbe. Man könnte davon sprechen, ob eine Frage oder eine Antwort „vernünftig“, „gehaltvoll“ oder  „anständig“ ist. Aber nicht nur die Beispielworte sind vage, sondern auch ihre Deutung hängt stark von dem ab, was der jeweilige Anwender darunter versteht.

Bei der linguistischen Analyse von Gesprächen herrscht normalerweise die Prämisse, dass die Gesprächspartner an einem funktionierenden Verlauf interessiert sind. Aus diesem Grund nutzen Gesprächspartner, die sich im face-to-face-Gespräch befinden, sogenannte Reparaturmechanismen, um das Gesicht des Gegenübers zu wahren.

Ein Beispiel:

Person A: Die neuen iPhones werden einfach nicht mehr besser.

Person B: Ich habe mir gerade erst eins gekauft.

Person A: Qualitativ sind sie natürlich hochwertig, das hatte Apple immer drauf!

Person A ist im Gespräch von Person B in eine Lage gebracht worden, die den Gesprächsverlauf hätte schwierig werden lassen können. Anstatt nun aber auf der These der stagnierenden Technik bei iPhones zu beharren, wahrt er oder sie das Gesicht desjenigen, dessen Überzeugungen ihn zum Kauf bewogen haben.

Der Grund dafür ist auch in der lokalen Nähe zu finden. Ein Abbrechen des Gesprächs bei Beibehaltung körperlicher Nähe erzeugt Unwohlsein. Um dies zu vermeiden, sind die Gesprächspartner an einem ungestörten Verlauf interessiert.

Eine These Ernst Machs

Obwohl Ernst Mach der zu seiner Zeit – also der Jahrhundertwende –  meistgelesene Naturwissenschaftler mit Hang zum Philosophieren war, kennen wir den Namen nur noch als Bezeichnung für Überschallgeschwindigkeit oder Herrenrasierer. Der Zeitgenosse Freuds fasste die allgemeine Angst vor dem Endes des Jahrhunderts, das sich literarisch im Fin de Siècle bahnbrach, zusammen mit Hermann Bahr im „unrettbaren Ich“ zusammen. Vereinfacht gesagt ist dieser wohlklingende Mahnung die Absage an das Individuum als zu denkendes Ganzes. Das Ich ist bei Mach ein Knäuel von unterschiedlichem Wollen, Können, Müssen und Sollen.

Auch wenn wir neurobiologisch mittlerweile weiter sind, als dass wir über ein Ich-Knäuel oder Freuds Ich, Über-Ich und Es sprechen müssten, bietet sich dieses Knäuel doch als Analogie für die ausgelagerte digitale Persönlichkeit an. Die Foren sind die Orte, an denen die Existenz des Schreibenden auf einen Kulminationspunkt gebündelt werden. Im Forum „Mütter“ ist man Mutter, im Forum „Digitale Lehrer“ bin ich digitaler Lehrer und so weiter. Das bedeutet aber auch, dass diese Zuspitzung für meine Kommunikation essentiell ist. Wer mich im Forum „Coole Väter“ oder „Referendare“ angreift, der greift den Teil an, den die Teilöffentlichkeit des Forums sehen kann. Das macht den Angriff auf mein Wertesystem existentiell.

Forenvorführungen

Vereinfacht gesagt: Wenn ich mit meinem Freund streite, ist nicht nur der Wunsch da, das Gespräch trotz unterschiedlicher Auffassungen gelingen zu lassen, vorhanden, sondern auch der Gegenseitige Respekt vom dem Ich-Knäuel. Das, die gemeinsame Geschichte und der Wunsch nach Verständnis und im besten Fall nach Erkenntnis (die Reflexion der eigenen Unkenntnis voraussetzt) lassen das Gespräch gelingen.

All das ist in Foren nicht gegeben.

Ein Satz wie „Ist euch eigentlich klar…“ wird von dem einen als Impuls, für den anderen als Aufruf und für den letzten als Frontalangriff auf die Teilexistenz des Forums angesehen. Repariert muss nichts werden, die der lokale Bezug fehlt. Verständnis muss es keines geben, denn der gemeinsame Bezug fehlt.
Anstatt einer Frage, die Verständnis erreichen könnte, kommt es zur ersten Konfrontation. Der Gesprächsverlauf ist vorgezeichnet.

Eine Frage anstatt einer Antwort

Wenn das der Erklärungsversuch ist, was ist dann die Conclusio? Es gibt keine. Stattdessen eine weiterführende Frage.

Wie schaffen wir es wieder, uns dafür zu interessieren, was die anderen zu sagen haben, ohne uns dadurch angegriffen zu fühlen?

Ich bin für die zwanghafte Einführung der unpolemischen Nachfrage.

 

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