DISKUSSION: Rote Haare, eigene Meinungen und eine halbnackte Lehrerin auf Instagram

Lehrerin Morena Diaz auf ihrem Instagramaccount

Der zugegeben etwas reißerische Titel weist auf ein gerade in diversen Netzwerken diskutiertes Problem: Inwiefern darf ein Lehrer als Privatperson das tun, was er oder sie tun möchte – vor allem hinsichtlich des Beamtenstatus. Eine Skizze und ein Kommentar. 

Stein des Anstoßes war der von Philippe Wampfler gepostete Artikel des Schweizer Watson Blogs, auf dem eine Lehrerin vorgestellt wird, die nicht nur Lehrerin, sondern auch eine Instagram-Berühmtheit ist (Neudeutsch: Influencerin, also eine Person, die mit über 60.000 Followern Einfluss auf ihr Publikum hat). Neben der Tatsache, dass sie diesen Account nutzt, um Nebeneinkünfte zu erzeugen, ist sie dort im Bikini zu sehen – eine Tatsache, die den Sitten- und Moralvorstellungen von vielen nicht entspricht.

Dass die Lehrerin diese Fotos nach eigenen Angaben deshalb postet, um auf ein gesundes Körperverhältnis hinzuweisen, da ihr Körper eben nicht dem Standard einer auf Unterernährung basierenden Modelbranche entspricht, lassen die Kritiker nicht gelten.

Neben den Richtlinien, die beim Nebenerwerb beachtet werden müssen und auf die Medienexperte Philippe Wampfler in einem eigenen Post hingewiesen hat, zielt die Kritik auf die Frage, inwieweit ein Beamter außerhalb seines Dienstortes Träger dieses Titels ist und entsprechend handeln muss.

Axel Krommer, Akademischer Oberrat für Deutschdidaktik an der Universität Erlangen, sieht die Sache sehr klar:

 


Seine Position untermauert er mit dem Hinweis auf das Beamtengesetz, in dem es heißt:

§ 34 Wahrnehmung der Aufgaben, Verhalten

Beamtinnen und Beamte haben sich mit vollem persönlichem Einsatz ihrem Beruf zu widmen. Sie haben die übertragenen Aufgaben uneigennützig nach bestem Gewissen wahrzunehmen. Ihr Verhalten muss der Achtung und dem Vertrauen gerecht werden, die ihr Beruf erfordert. Sie dürfen ihr Gesicht bei Ausübung des Dienstes oder bei einer Tätigkeit mit unmittelbarem Dienstbezug nicht verhüllen, es sei denn, dienstliche oder gesundheitliche Gründe erfordern dies.

Lassen wir mal hingestellt, dass es hier nun eher um das Gegenteil von Verhüllung geht. Der wichtige hier angesprochene Punkt ist wohl das „beste Gewissen“ und die „Achtung und das Vertrauen“ in Bezug auf den Beruf.

Wampfler äußert diesbezüglich die Freiheiten, die man dennoch als Privatperson habe, egal ob man nun Beamter ist oder nicht.

Da aber eine Lehrerin selbstverständlich im Bikini baden darf, ist davon auszugehen, dass sie dabei auch Bilder machen und diese im Netz veröffentlichen darf – Lehrpersonen verzichten nicht auf Meinungsäußerungsfreiheit, weil sie unterrichten. Werden sie deswegen benachteiligt, fände ich es seltsam, ihnen dafür Vorwürfe zu machen.

Bevor eine Bewegung angeschlossen wird, sei zunächst auf zwei weitere Vorfälle verwiesen, die, wie ich meine, in Bezug zu setzen sind, mit dem hier aufgeführten Sachverhalt. Zum einen ist das die, vor dem Hintergrund des anstehenden Referendariats zu Recht gestellte Frage einer Referendarin, ob es in Ordnung wäre, ihre roten Haare auch im Referendariat zu zeigen (ein Umstand, der wohl bei vielen nicht dieselbe emotionale Wirkung hervorruft wie eine Lehrerin im Bikini).

Zum anderen ist es die Frage des engagierten Autoren, Twitterers, Medienexperten und eben auch Lehrers Wampfler über seine konstanten Meinungsäußerungen auf den diversen Netzwerken. Ihm sei wiederholt der Vorwurf gemacht worden, dass das Klassenzimmer wohl „zu klein für ihn sei“, er nicht „wisse wohin mit seiner Meinung“ und dass er sie deshalb ins Netz gösse (ein Vorwurf, dem auch der Autor dieses Blogs wiederholt ausgesetzt wurde – zu Recht).

Nun ist es typisch für Wampfler, dass er ganz im Sinne einer ehrlichen Transparenz diese Kritik durch die vielen Leser seines Blogs und seiner Seite reflektieren lässt. Die etwas längere Antwort von Marc Böhler sei hier ganz zitiert, da sie, wie ich meine, die oberflächlich gesehen sehr unterschiedlichen Sachverhalte – Bikinibilder, rote Haare und öffentliche Meinungsäußerung – zum großen Teil beantwortet (und das, obwohl sie sich ausschließlich auf letztgenannten Sachverhalt bezieht).

Es heisst ja auch Kanti «Enge»… Rock on lieber Philippe! Diese Kritik kommt von Personen, die im modernen Denken verhaftet sind. Wir leben aber in der Nachmoderne und alle Ebenen müssen lernen, wie die neuen kommunikativen Strukturen wirken und wie wir mit ihnen wirken können. Kleines Beispiel ist diese Insta-Lehrerin. Ich bin klar der Meinung, die Frage eines Interessenskonflikts stelle sich gar nicht. Es stellt sich vielmehr die Frage, ob wir diese Frage nach Interessenskonflikten ganz anders stellen sollten.

Schülerinnen und Schüler von Lehrpersonen, die nicht nur wie Roboter Wissensvermittler im Schulzimmer sind, sondern auch Influencer in anderen sozialen Räumen, lernen schon früh, eine eigene Meinung zu bilden, dadurch, dass sie mit starken Meinungen konfrontiert sind.

Während Kinder und Jugendliche von politisch, stilistisch und kommerziell neutralen Lehrpersonen in eine Erwachsenenwelt entlassen werden, in der sie von allen Seiten manipuliert werden, sind Schülerinnen und Schüler von starken Netzpersönlichkeiten darauf bestens vorbereitet. Zudem bin ich der Meinung, dass da eine Diskussion geführt wird, ohne die Meinung der eigentlich Betroffenen zu suchen. Ich bin sicher, den Schülerinnen und Schülern im engen Zimmer der Kanti Enge ist es egal, was du im Netz treibst, so lange du sie gut auf die Zukunft vorbereitest.

Gerade den letzten Satz kann man sehr kritisch sehen, denn sicherlich gibt es auch hier Grenzen (eine starke öffentliche Meinung, die die NPD unterstützt wäre so etwas oder ein Lehrer, der öffentlich pornografische Bilder postet, obwohl auch dieses Thema komplexer ist, als es scheint).

Wichtiger scheint mir der Verweis auf die Meinungsbildung, die mittlerweile häufig in einem öffentlichen Raum verhandelt wird. Das zahlreiche Scheitern von Kommunikation in sozialen Netzen, verdeutlicht eben nicht, dass die Teilnehmenden „es nicht können“, sondern dass auf diesem Gebiet Nachholbedarf ist. Eben in auch in Form von politischer Medienbildung.

Das Argument, das nun versucht, beides gegeneinander auszuspielen, indem gefragt wird, ob denn nun alle Beamte in Bikinis posieren sollten (oder rote Haare bzw. einen Blog haben) lasse ich nicht gelten, denn das beruht auf der Annahme, dass es bei dem oben zitierten Paragraphen darum ginge, eine einziges Auslegung gegenüber der „Achtung“ gegenüber dem Beruf zu haben.

In einer sich wandelnden Welt sind Schülerinnen und Schüler (und auch deren Eltern, die sich oftmals weit weniger auskennen als ihre Kinder) jeden Tag mit den Eindrücken des Netzes konfrontiert. Und neben Lehrerinnen in Bikinis sehen sie dort Gewalt, Hatespeech und müssen sich populistischen Rattenfängern erwehren. Diese Kinder haben Experten verdient, die auch in diesem Gebiet so bewandert sind, dass man sie ansprechen kann.

Ganz in diesem Sinne, finde ich es nicht nur „in Ordnung“, dass eine Lehrerin auf Instagram Fotos von ihrem Körper präsentiert, sondern sinnvoll. Dass es Menschen gibt, die das skandalös finden, sei dahingestellt, aber das ist mit Gesprächen durchaus zu lösen. Zumindest besser als sein Kind in die Klinik bringen zu müssen, weil es seinen Körper auf Modelmaße hungern möchte.

Insofern finde ich sie gut, die Lehrerinnen in den Bikinis, die den Schülerinnen zeigen, dass man stolz auf sich sein kann, die Lehrer mit dem Twitteraccount und den Blogs, die zeigen, dass man eine Meinung hat und für diese streitet oder auch nur die Referendarin, die mit den knallroten Haaren zeigt, was ihr gefällt. Solche Lehrer braucht das Land!

 

 

 

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14 Kommentare zu DISKUSSION: Rote Haare, eigene Meinungen und eine halbnackte Lehrerin auf Instagram

  1. Pingback: Einen schönen Herbsttag | Bob Blume

  2. Ulf sagt:

    Lieber Bob, wieder mal sehr gut und treffend geschrieben. Mit der gleichen Argumentation, mit der einem Lehrer die Netzpräsenz angekreidet wird, könnte man auch infrage stellen, ob ein Lehrer Fußballtrainer, Buchautor oder gar politischer Mandatsträger sein darf. Ein Vor-Bild muss doch irgendwie auch sichtbar sein, oder?

  3. Tom sagt:

    Damen und Herren, jeder ist anders. Wenn wir es einmal auf diesen Konsens zusammenbringen und dann noch gemeinsam überlegen, wie wir alle positiv zur freiheitlich demokratischen Gesellschaft betragen können, ist alles gut. Ein Lehrer ist ein Vorbild. Nach dem kategorischen Imperativ haben sie und er sich zu verhalten. Ob Piercing, gefärbte Haare oder Bikinibilder.

    • Bob Blume sagt:

      Aber genau da hakt es doch, wenn konservative Sichtweisen das eine – Vorbild – und das andere – Bikini – als unvereinbar sehen.

      • Tom sagt:

        Dann konkretisiere ich: der gesunde Menschenverstand und etwas mehr Toleranz wären ganz gut. Es kann eine gepiercte und tätowierte Lehrerin allemal mehr zum Vorbild taugen als ein nichtssagender schlechter Mensch im Anzug. Und das mit den Bikinibildern verstehe ich nun wirklich nicht. Die Leute müssen Zeit haben.

  4. statomino sagt:

    Aus der Praxis: Die Schüler (vermehrt aus anderen Kulturen) werden dieses Problem auf ihre Art lösen. Also weniger Angst vor den Mentoren – die Schüler werden es zu nutzen wissen, was sie zu fassen kriegen in der jeweiligen Situation. Wir müssen eben auch Sanktionen durchsetzen und dann sind schnell alle freuden vergessen.
    Gruß

    • Bob Blume sagt:

      Ganz wird mir die Argumentation nicht klar.

      • statomino sagt:

        Je mehr ich als Lehrer Kanten zeige, um so mehr wird in unangenehmen, also z.B. Konfliktsituationen dann gern aufgegriffen. Muss die Dame dann nur zu stehen, wenn sie von Muslimen aus deren Sicht zu Recht als Schlamperei bezeichnet wird.

        • Bob Blume sagt:

          Zunächst einmal verstehe ich zwei Dinge nicht. 1) Warum Sie aus drei Beispielen jenes herausgreifen. 2) Warum es Muslime sein müssen, die diese Kritik vorbringen. Lehrer sind aus unterschiedlichen Perspektiven im Fokus und können kritisiert werden. Und in der Tat sollen Sie sich ja auch angemessen kleiden und verhalten. Wenn dabei ein Elternteil, egal welcher religiösen Gruppierung er oder sie angehört, das kritisiert, ist das ein gutes Recht in einer freien Demokratie. Man muss es aushalten, genau wie die Kritisierenden aushalten müssen, dass die Kritik selbst nichts ändert.

  5. Ingmar sagt:

    Die Anfrage der jungen Dame ist IMHO aber aus einem anderen Winkel zu betrachten. Nämlich aus der Sicht einer baldigen Referendarin. Den Schülern ist die Haarfarbe mit Sicherheit egal, aber die Gefahr besteht als Referendarin, damit bei Ausbildern anzuecken. Ansonsten guter Artikel, endlich mal eine Analyse von Leuten, die Medien in der Postmoderne nutzen, wie sie digital natives mittlerweile auch nutzen.

  6. Anna sagt:

    Ein super interessanter Beitrag. Ich bin selber gerade mitten im Lehramtsstudium und mache mir auch oft Gedanken darüber, wie ich mit meinem Blog und meinem Instagram dann im Referendariat umgehen soll. Ich finde aber, dass wir mittlerweile in einer Welt leben zu der die sozialen Medien so sehr dazugehören, dass dies auch für Lehrer kein Ausschlusskriterium mehr sein darf. Liebe Grüße

  7. Jan sagt:

    Klug geschrieben!

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