Unterrichtsstörungen: Einige Anmerkungen

 

 

 

Das Thema Unterrichtsstörungen ist ein Dauerbrenner – klar, die Lernatmosphäre bestimmt, ob man überhaupt beginnen kann, über Themen und Inhalte zu sprechen. In diesem Beitrag, der aus einer Anmerkung innerhalb der Facebook-Seite entstand, geht es aber weniger um das Thema, das man zunächst mit dem Thema Unterrichtsstörung assoziiert.

Vorabbemerkung

In der erwähnten Anmerkung wurde die Frage gestellt, wie man einem Konflikt begegnet, der so ausartet, dass Schüler mit Anzeigen drohen. Dies ist in der Tat ein besonders schwerwiegender Fall, der mir so noch nicht untergekommen ist. Generell gibt es dazu aber zwei wichtige Dinge zu sagen:

  1. Bevor die Lage eskaliert, sollten immer Zweite hinzugezogen werden. Im oberen Fall die Schulleitung, die in diesem Fall nicht nur als Vorgesetzte, sondern auch als Experten im Schul- und Beamtenrecht handeln. Zwar ist dieses Teil der Lehrerausbildung, aber der Beruf selbst zwingt einen (Gott sei Dank) nicht zur regelmäßigen Anwendung drastischer Maßnahmen.
  2. Auch ein Konflikt, dessen Wirkung sich außerhalb der Institution Schule ausbreitet, der also extrem fortgeschritten und eskalierend ist, hat seinen Ursprung in einem Beziehungsverhältnis oder Beziehungsgeflecht. Aus diesem Grund ist die präventive Arbeit, um die es insbesondere gehen soll, so enorm wichtig.

Störfaktoren

Wenn man Lehrerinnen und Lehrer fragt, wer oder was sie in Unterrichtsstunden als besonders störend empfinden, werden die Antworten sehr unterschiedlich ausfallen. Vielleicht wir der Name eines Schülers oder einer Klasse, ein besonderer Klassenraum oder eine besondere Zeit fallen, in der die Schülerinnen besonders unkonzentriert sind. Was eher selten genannt wird, ist die Hauptursache für Störungen im Unterricht: Der Lehrer selbst.

Der Lehrer als Störperson

Warum das so ist, liegt auf der Hand: Die Selbstreflexion wird, wenn es zu einer Störung gekommen ist, meist der Situation hintenangestellt. Ist die Situation durch verschiedene Strategien also Sanktionen, Gespräche oder andere Maßnahmen geregelt, wird die Sache (also der Unterricht) wieder in den Fokus gerückt.
Das ist insofern schlecht, als dass es beim Thema Unterrichtsstörungen nämlich nicht darum geht, was gemacht werden kann, um diese zu sanktionieren. Im Gegenteil: Pointiert könnte man sagen

wer eine Sanktion ausspricht, hat schon verloren, selbst wenn diese punktuell wirken sollte.

Im Gegenteil: Es geht darum, was passiert, bevor der Unterricht gestört wurde. Meistens wird man darauf kommen, dass Situationen, die vom Lehrer selbst eingeleitet wurden, dafür sorgen, dass Unruhe entsteht (natürlich ist dies eine allgemeine Betrachtung; dass es auch Schülerinnen und Schüler gibt, die bewusst oder unbewusst den Unterricht stören, ist klar).

Schnell zeigt sich, dass es oft nicht nur auf die Klasse selbst ankommt, sondern auch auf das institutionelle Umfeld – sei es, dass die Klasse eine Arbeit geschrieben hat oder dass gerade Baumaßnahmen an der Schule anstehen. Schnell verzweifelt man ob den fehlenden Alternativen, die Klasse „in den Griff zu kriegen“.

Prävention ist wichtiger als Intervention

Dr. Hans-Peter Nolting, der Pädagogische Psychologie an der Universität Göttingen lehrt und dort für die Lehrerausbildung verantwortlich ist, zeigt in seinem für die Praxis ausgerichteten Buch, dass der Fokus auf das Verhalten nach einer Störung[2] Teil des eigentlichen Problems ist:

„Disziplin ist nicht eine Frage der Disziplinierung, sondern des pädagogischen Geschicks.“[3]

Es wird also davon ausgegangen, dass zumindest jenem Teil der Störungen, die im direkten Einflussbereich der Lehrperson liegen, aktiv und im Vorhinein begegnet werden kann.

Gegen die Annahme von befragten Lehrern, dass es vor allem die (jeweils für gut oder schlecht befundenen) Interventionsmaßnahmen sind, bei denen sich gute von schlechten Lehrern unterscheiden, zeigt Nolting anhand der Forschung von Jacob Kounin[4], dass es nicht darum geht, in welchem Maße und in welcher Weise eine Klasse oder ihre Schüler ermahnt werden, sondern um die Analyse der Situation, die vor der eigentlichen Störung stattgefunden hat. Damit desavouiert er wirksame Interventionstechniken als bloße „Täuschung“[5].

Die von Kounin durch Videoanalysen ergebenen Funde, die Nolting in die Praxis überträgt, sind so simpel wie hilfreich. Es ergeben sich vier „disziplinarrelevante Bereiche“[6] (folgende Beschreibungen sind angelehnt an die Wortwahl Noltings in der Übersicht zu dem Thema):

  • Vorausplanende Prävention:Wichtigkeit von bekannten Regeln und der Etablierung eines überdauernden Ordnungssystems, Vorbereitung der Unterrichtsabläufe
  • Prävention durch breite Aktivierung:Akzent auf Unterrichtsführung bzw. Lernmanagement mit dem Ziel der breiten Aktivierung möglichst vieler Schüler
  • Prävention durch Unterrichtsfluss:Akzent auf Vermeidung eigener Unterbrechungen des eigentlichen Unterrichts
  • Prävention durch Präsenz- und Stoppsignale:Akzent auf die Überwachung und Beeinflussung der SchülerInnen hinsichtlich regelgerechten Verhaltens.

Die Konsequenzen, die sich aus diesen grundlegenden präventiven Maßnahmen ergeben, sind in so großem Maße relevant für den gelingenden Unterricht, dass die Energie nicht mehr oder zumindest in einem erheblich verminderten Maße auf die Intervention und Sanktionierung zu verbrauchen ist.

Die wohl größte Überraschung ist es wohl für die meisten, dass eine präventive Maßnahme das Auslassen des eigenen Störverhaltens ist (das zum Beispiel durch einen „Einfall“ bezüglich Organisation oder unverhältnismäßige „Standpauken“ entstehen kann). Auch heißt wohl der kleinste Nenner: Inhaltliche und strukturelle Klarheit lässt keinen Raum für anderweitiges (Fehl-)Verhalten.

Man sollte einmal auf eines oder mehrere dieser Maßnahmen zu achten; es ist erstaunlich, wie sehr sie den Unterricht beeinflussen können.

Anmerkungen und konkrete Tipps

Was ist also mit diesen vier Bereichen genau gemeint? Die vorausplanende Prävention wird oftmals ignoriert, obwohl sie dafür sorgen kann, dass in Situationen, in denen es sehr wichtig ist – beispielsweise in Lehrproben – konzentriertes Arbeiten möglich ist. Dabei geht es beispielsweise um zunächst simple, eigentlich aber schwierige Abläufe: Wie teilt sich die Klasse in welche Gruppen auf?

Aus meiner persönlichen Erfahrung kann ich sagen, dass sich hier 20 Minuten des aktiven Einübens zu Beginn des Schuljahres mehr als lohnen (bei mir hat das Ganze Wettkampfcharakter: Wie schnell schafft es die Klasse, Tische umzurücken, alles umzustellen und sich in die betreffenden Gruppen zu setzen). Im Laufe des Schuljahres dauert dann die Umstellung in Gruppentische 20 Sekunden. Es kann sofort weitergemacht werden – und es entsteht keine Unruhe.

Was mit der breiten Aktivierung gemeint ist, sollte klar sein. So einfach, wie es sich anhört, ist es zwar nicht, weil es auch immer bedeutet, eine breite Variation an Fragen zur Verfügung zu stellen, damit auch alle beteiligt werden können (wenn auch nicht im selben Maße).

Wer schon länger lehrt weiß aber, dass vor allem die Prävention durch Unterrichtsfluss nicht einfach ist. Es gibt Organisatorisches zu klären, man muss etwas besprechen, das nicht warten kann oder man selbst hat eine spannende Geschichte (die leider nicht so spannend ist, dass sie jeden interessiert). All das sorgt dafür, dass ein im besten Fall auf einen Fluss und gutes Gelingen ausgelegter Unterricht stoppt und so für Pausen sorgt, die junge Leute eben dafür nutzen, was ihnen gerade in den Kopf kommt. Nicht selten werden sie dann für eine Störung verantwortlich gemacht, die der Lehrer selbst zu verantworten hat.

Insofern sind auch die Präsenz- und Stoppsignale als Präventionsmaßnahmen zu verstehen, die aber sehr unterschiedlich ausfallen können. Was bei dem einen hilft, ist beim anderen lächerlich. Solcherlei Signale, Rufe, Klatschen oder Zeichen müssen also extrem auf die eigene Lehrerpersönlichkeit ausgerichtet sein (was schwierig sein kann, wenn man gerade erst dabei ist, diese für sich selbst herauszufinden).

Fazit

Bedeutet dies nun alles, dass es nicht mehr zu Konflikten kommen kann? Das sicherlich nicht. Wenn die Konflikte andere, außerhalb dem Unterricht liegende Ursachen haben, psychisch oder sozial oder persönlich bedingt sind, dann hilft es nur, eine „größere Sache“ daraus zu machen. Dies ist Zeit, die man sich immer nehmen sollte, denn das ist neben dem einfachen Unterricht nicht zu schaffen. Was diese Anmerkungen aber in besonderem Maße zeigen sollen, ist, dass man hellhörig werden sollte, wenn jemand ausschließlich den äußeren Umständen, der Klasse, dem Raum etc. die Verantwortung für Misslingen zuschreibt. Denn oftmals hat man selbst einen viel größeren Anteil, als man selbst denkt. Und dies kann mit Selbstbeobachtung und –reflexion verhindert oder verändert werden.

Ist jemand mit der Theorie vertraut und hat Erfahrungen gemacht? Was meint ihr zu der Forderung nach mehr Prävention und weniger Intervention?

P.S. Die regelmäßige Leserin des Blogs und erfahrene Lehrerin Samy Miller hat mir die Erlaubnis erteilt, ihren umfangreichen Kommentar allen zugänglich zu machen. Hier geht es explizit um Werkreal- bzw. Hauptschulen

Mit der Prävention ist das so eine Sache. Sicherlich kann man den Unterricht bis ins Kleinste vorbereiten, Tische rücken und Gruppeneinteilungen üben, sich selbst reflektieren etc.

Aber dann, kommt der Alltag. Es ist die Frage, wie hoch die „Störtoleranz“ bei einem liegt. Den einen Lehrer nervt schon das Gespräch zwischen Sitznachbarn nach einem Tintenkiller, beim anderen erst dann, wenn es schon halbwegs über „Tische und Bänke“ geht, um es mal überspitzt zu sagen. Mit meinen 20 Jahren Erfahrungen in der Hauptschule kann ich sagen, es kommt dabei sehr auf die Lehrerpersönlichkeit an. Bin ich ein „antiautoritäres Hascherle“, das sich bei Schülern anbiedert oder durch inflationär supertolle Noten sich beliebt machen will, oder begegne ich den Schülern in gewisser Form als Autoritätsperson mit Freundlichkeit aber Bestimmtheit und vor allem KONSEQUENZ ( ich sage immer: „Hauptschule = kurze Sätze, klare Ansagen ). Schüler versuchen immer, zunächst ihre Grenzen zu testen und man sollte das nicht gleich persönlich nehmen. Dieses Aufzeigen von Grenzen ist in meine Augen sehr wichtig. Viele Schüler leben heute nicht mehr in der „schöner-wohnen“ -Welt. Oftmals ist der Vater nicht präsent, selbst , wenn er noch im Hause wohnt. Hinzu kommen Verhaltensauffälligkeiten, die über das normale Maß hinausgehen. In der Fachwelt wird dies oftmals als ADHS bezeichnet.

Anmerkung: Ich halte nichts von dieser Bezeichnung, habe genug Ritalin-Opfer erlebt Schüler, die vom Aspergersyndrom betroffen sind, haben es ebenfalls oftmals schwer und diese Kinder kann man in keinster Weise „voraus berechnen“. Ist in diesen Fällen eine Schulassistenz anwesend (fast wie ein 6er im Lotto), dann kann die Unterrichtsstörung in den meisten Fällen verhindert oder abgemindert werden. Gelingt dies nicht, haben wir an unserer Schule beispielsweise die Möglichkeit, entsprechende Schüler (aller Kategorien) nach einer Verwarnung in den „Trainingsraum“ zu schicken. Landen die Schüler innerhalb eines bestimmten Zeitraumes dort mehrere Male, wird das Rückkehrerprogramm „eingeläutet“. Es finden intensive Gespräche mit den Eltern, Fachlehrern und ggfs. der Schulsozialarbeiterin statt. Im Trainingsraum bekommen sie Aufgaben, mit deren Hilfe sie ihr Verhalten reflektieren. Das Ergebnis wird mit dem Trainer besprochen und an den entsprechenden Lehrer weitergeleitet. Ist er mit der Aufgabenerledigung einverstanden, unterschreibt er es. So hat man als Lehrer und auch als Klasse die Möglichkeit, den Unterricht in Ruhe fortzusetzen.

 

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