Stand der Medienkompetenz: Einige Beobachtungen

Da mir vonseiten der Schulleitung in der letzten Zeit öfters die Gelegenheit gegeben wurde, Vetretungsstunden in verschiedenen Klassen zu geben und ich nicht besonders nachhaltig ansehe, diese als bloße „Spiel-“ oder „Übungsstunden“ durchzuführen, arbeitete ich mit den Schülerinnen und Schülern der Unterstufe zum Thema „Social Media“. An dieser Stelle sollen einige Beobachtungen stehen, die einem zu denken geben sollten.

Eine Anmerkung

Zunächst sollte natürlich klar sein, dass hier weder der Anschein erweckt werden soll, dass es sich bei den hier beschriebenen Beobachtungen um repräsentative Tatsachen handelt. Werden in diesem Artikel Prozenzahlen angegeben, handelt es sich immer um Schätzungen. Grob gehe ich davon aus, dass ich innerhalb der letzten paar Wochen mit etwa 120 verschiedenen Schüler*innen bei den Vetretungsstunden zum Thema „Medienkunde“ – wie ich diese Stunden taufte – arbeiten konnte.

Didaktische Überlegungen

Obwohl wir in unserer Schule einen oftmals sehr aktuellen digitalen Stundenplan zur Verfügung haben, waren die Vetretungsstunden für mich oft überraschend (was wohl daran lag, dass ich zu spät realisierte, dass sich für mich etwas änderte). Insofern war das didaktische Konzept der Stunden gradlinig. Zunächst wurden die Schüler*innen mit einigen Impulsfragen zum Thema geleitet, danach wurde systematisch vertieft und zuletzt wurden – je nach Stand der Klasse – entweder durch die Schüler*innen selbst oder mit meiner Hilfe praxisorientierte Tipps abgeleitet.

Obwohl nicht immer die absolut gleichen Fragen genutzt wurden, ging es in etwa um folgende:

  • Was bedeutet (für euch) Social Media?
  • Welche Social-Media-Kanäle kennt ihr?
  • Was kann man damit machen?
  • Warum nutzen Menschen diese Kanäle?
  • Welche Möglichkeiten gibt es?
  • Welche Gefahren gibt es?
  • Wie kann man sich verhalten?

Allgemeine Beobachtungen

Wie nicht anders zu erwarten war, ist das oberflächliche Wissen innerhalb der Klassen sehr unterschiedlich. Während es 5. Klässler gibt, die auf Instagram „fame“ sind, die Größen der Community, aber eben auch deren Tricks kennen und mit den Schlüsselwörtern der Netzwerke sicher umgehen können, gibt es auch jene, die von all dem noch nie etwas gehört haben. Das bedeutet, dass die Ausgangssituation zunächst geklärt werden musste.

Hierbei war/ ist die abstrate Frage nach einer Definition von „Social Media“ natürlich immer erst schwierig. Nachdem aber allen klar ist, dass es sich um facebookähnliche Netzwerke handelt, sprudeln die weiteren Kanäle nur so heraus. Neben jenen, die allgemein bekannt sein dürften, ist bei den unteren Klassen gerade auch Muscial.ly und deren Live-Stream-Dienst Live.ly sehr beliebt (zu den Problemen von Live-Streams habe ich in einem anderen Kontext geschrieben). Hier kann man zu Chart-Liedern (die oftmals in schneller Geschwindigkeit abgespielt werden) Playbacks singen und diese mit selbt erfundenen oder in der Community bekannten Gesten unterlegen. Wie mittlerweile auch klar sein dürfte, ist Facebook für die Jugend gestorben. In den unteren Klassen ergibt sich folgendes Bild:

  1. WhatsApp
  2. SnapChat
  3. Instagram
  4. Diverse andere Kanäle

Den Schüler*innen war zum großen Teil die Funktion der Netzwerke klar, wobei es dabei natürlich zunächst um deren oberflächlichen Nutzen handelte: Man teilt etwas den anderen mit, man kommuniziert. Auch hier waren die Vorausetzungen sehr unterschiedlich. Vor allem den regelmäßigen Nutzern von Online-Turotials (gerade in Bezug auf Spiele) und LetsPlays war durchaus klar, dass sie die Zielgruppe von personalisierter Werbung sind (wobei hier, wie bei Erwachsenen auch die Reflexion noch nicht in eine andere Handlungspraxis mündet).

Worüber sich die meisten Schüler*innen noch keine Gedanken gemacht hatten (aber durchaus in der Lage waren), waren die gesellschaftlichen Implikationen von Social Media. Wer kann wann was sehen? Warum posten Menschen? Welche Gründe gibt es? Welche Gründe gibt es, etwas nicht zu posten? (An anderer Stelle erkläre ich für Eltern, was die Kinder eigentlich zum Großteil machen).

Spezielle Beobachtungen/ Überraschendes

Am wenigstens wussten/ wissen die Kinder über die Funktionen und Techniken von Kommunikation, Datenverarbeitung und -speicherung sowie konkrete Funktionen ihrer Applikationen. Dies ist insofern spannend, als das allein das Wissen darum, dass WhatsApp Facebook gehört und das Facebook ein amerikanisches Unternehmen ist, dessen Server nicht in Deutschland stehen, bei den meisten Kindern einen sichtbaren Eindruck hinterließ.

Obwohl die eigene Datensicherheit bei vielen zumindest schon einmal Thema war (wie ich mit Freude feststellen konnte auch in und durch die Schule), war auch die richtige Erstellung von sicheren Passwörtern vielen nicht bekannt. Hier gab es zumindest eine Möglichkeit, professionelle Hilfe anzubieten.

Was sehr überraschend und zugleich alarmierend war, ist, dass von den Kindern, bei denen die Frage aufkam, etwa 90% von Fremden angeschrieben worden sind. Dabei ist anzumerken, dass hier noch keine Angabe dazu gemacht wurde, ob es sich um Kettenbriefe, Spieleaufforderungen oder tatsächliche „Anmachen“ handelte (Als ich diese Frage in der 10. Klasse stelle, gaben 100% an, schon einmal „in unangebrachter“, d.h. sexueller oder gewaltvoller Weise von einem Fremden angeschrieben worden zu sein).

Schön war, dass viele Kinder auch schon in der 5. Klasse nicht nur wissen, was blocken ist, sondern dies auch anwenden. Auch gaben viele an, mit ihren Eltern zu sprechen, wenn ihnen etwas „komisch vorkommt“.

Konsequenzen

Die hier geschilderten Beobachtungen sind sehr unvollständig und zeichnen somit nur den Teil eines Bildes. Generell lässt sich aber festhalten, dass das Wissen um die Mechanismen von Kommunikation, Technik und deren Anwendung und kultureller Dimension momentan zum großen Teil auf Zufall, d.h. Elternhaus oder dem „richtigen“ Lehrer beruht. Das ist beunruhigend insofern die Aussagen der Schüler*innen zeigen, dass Bedarf besteht (Nebenbei: So viele Fragen zu dem Thema, wie nach jenen Vertretungsstunden gestellt worden sind, konnte ich gar nicht beantworten, obwohl ich die Pause hindruch blieb. Es besteht großer Bedarf an Experten).

Dabei kristallisierten sich (für mich) verschiedene Bereiche heraus, die viel stärker in den Unterricht getragen werden sollten. Darunter

  • Kommunikation selbst und die Problematik, die sich aus verletzender Kommunikation ergibt (Nebenbei: Ich bin mir unsicher, ob Eltern wissen, welche verbalen Untiefen ein Kind zu lesen bekommt, sobald es noch so unscheinbare oder kinderfreundliche Youtube-Videos zu sehen bekommt. Man kann sich darüber beschweren, aber das ändert nichts. Nur transparenter Umgang kann und muss hier dafür sorgen, dass anonyme sprachliche Äußerungen richtig bewertet werden, auch schon in der Unterstufe).
  • Influencer, Marketing, Product Placement. Eine Schülerin sagte, dass Sie einen Dagi B.-Pullover kaufte, der schon ein paar Wochen später in ähnlicher Form im H&M zu kaufen war. Sie beschwerte sich regelrecht darüber. Dass es Influencer gibt, die zum Kaufen animieren, wissen viele. Aber wie man damit umgeht, nicht. Auch das muss in die Schule.
  • Digitale Öffentlichkeit. Schüler*innen „wissen irgendwie“, dass das, was man online (oder auch in WhatsApp-Gruppen) sagt, nicht ausschließlich privat ist. Was aber bedeutet eine Teilöffentlichkeit in der WhatsApp-Gruppe, gerade wenn es eine sehr große Gruppe ist? Das sollte thematisiert werden, übrigens nicht nur mit der Moralkeule und unter dem Begriff des Cybermobbings.
  • Fake. Und zwar alles, was mit Fake zu tun hat, sollte in die Schule. Dabei bieten sich hier Anküpfungspunkte an viele Fächer, gerade Geschichte, Politik, Kunst etc. Gerade in Gesprächen mit Schüler*innen der Unterstufe wird klar, dass die Unsicherheit, was und wem man glauben kann, immer größer wird (oder sie wird nicht thematisiert, was natürlich noch schlimmer ist).

Fazit

All jene hier angesprochenen Themen können weder in einer noch in zwei Vetretungsstunden abgehandelt werden, sondern sollten viel häufiger das Thema eines sich an der Veränderung einer digitalen und vernetzten globalen Kultur orientierten Unterrichts sein. Das hört sich schwieriger an als es ist, denn es bieten sich überall Anknüpfungspunkte, die für die Schüler*innen sehr wertvoll sein können.

Generell ist es relativ einfach: Das Netz ist allgegenwärtig, die Konfrontation auch. Die Zeiten, in denen die Schule so tun konnte, als hätte sie das Deutungsmonopol, sind sowieso vorbei. Es müssen auch und gerade unbequeme Entwicklungen thematisiert werden, um auf eine Zukunft vorzubereiten, die schon Gegenwart ist.

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5 Kommentare zu Stand der Medienkompetenz: Einige Beobachtungen

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  2. Marco Bakera sagt:

    Danke für dein Einsichten. Für ein reiferes Publikum – also ältere Schülerinnern und Schüler – könnte die Dokumentation „manipuliert“ von Sascha Lobo auch ein interessantes Themenfeld eröffnen. Ob alle Themen, die sich um Medienkompetenz drehen, wirklich „in die Schule gehören“ mag ich etwas bezweifeln, wenn auch Erwachsene derzeit noch um einen „richtigen“ Umgang ringen.

    Auch ein Blick zurück kann hilfreich sein. Sehr ähnliche Probleme gab es schon in der Steinzeit des Internet als Diskussionen im Usenet aufkamen und man dort den digitalen Umgang in Form einer Netiquette entwickelte.

    https://www.bakera.de/wp/2015/10/das-usenet-nntp-server-und-kommunikationsprotokolle/

    und

    http://www.detebe.org/usenet-buch/

  3. Maik Riecken sagt:

    https://riecken.de/index.php/2009/05/medienbildung-in-vertretungsstunden/ – 2009, vor acht Jahren! Ich mache das bis heute auch so und finde die Idee super. Die SuS sind mit dabei und die Gespräche immer super spannend. Es sind die Stunden, in denen ich am allermeisten lerne.

  4. BEAT RUEEDI sagt:

    Auch ich habe als „Lückenbüsser“ wenn immer möglich die Gelegenheit wahrgenommen, etwas „digital-medienkompetentes“ zu machen. Allerdings habe ich dabei nie „das“ aufgenommen, was die SchülerInnen ausserhalb der Schule stets und überall tun, sondern „das“, was sie während des „Unterrichts sprich Lernen unterwegs“ tun könnten.

    Konkretes Beispiel 1:
    Meine SchülerInnen werden ab dem 1. Juli 2017 (oder so) Kurzreferate halten. Ich (LehrerIn) will mich, genauso wie alle SchülerInnen meiner Klasse auch, in die laufende Arbeit jederzeit und wo immer einmischen können. Sollte der/die SchülerIn am bestimmten Datum nicht anwesend sein können, sollte die Klasse das betreffende Referat trotzdem sehen, hören und diskutieren können.

    Konkretes Beispiel 2:
    Mein Team (18 LehrerInnen) bildet jede 3. Teamsitzung einen Round Table zu einem bestimmten, „digitalen“ Thema, welches in der gemeinsamen Lehr- und Lernplattform vorbereitet werden musste.

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