UNTERRICHT: Flipped Classroom im Deutschunterricht

Oliver Tacke – Eigenes Werk, Wikipedia.

Immer mehr Lehrerinnen und Lehrer lassen sich auf das Arbeit mit und in digitalen Medien ein. Dabei geht es nicht nur darum, mit Tablets, Computern oder Programmen zu arbeiten, sondern auch teilweise neue Methoden kommen in den Gebrauch. Eine solche Methode ist der sogenannte Flipped Classroom. Dieser soll hier nur in einigen Ansätze erklärt werden. Weitere Ausführungen kann man bei einem DER deutschen Verfechter dieses Ansatzes, Sebastian Schmidt, erfahren, der so seinen Matheunterricht durchführt. 

Was bedeutet Flipped Classroom?

Flipped Classroom, umgedrehter Unterricht oder Inverted Classroom – wie es in der englischsprachigen Literatur oft heißt – bedeutet, dass der Unterricht, wie man ihn kannte, wortwörtlich auf den Kopf gestellt wird.

Während also früher die Lehrer die meiste Zeit redeten und die Schüler entweder aufpassen oder mitschreiben (oder beides) mussten, können sie dies nun zuhause tun und stattdessen im Unterricht das tun, was man am besten mit professioneller Hilfe tut: Üben.

Was ist der Vorteil an Flipped Classroom?

Im besten Falle ist der Vorteil das, was auch schon oben beschrieben wird. Anstatt dass die Schülerinnen und Schüler beispielsweise vom Lehrer in der Stunde erklärt bekommen, wie ein Interpretationsaufsatz aufgebaut ist, können sie es sich zu Hause anschauen.

Der Lehrer (in dem Falle der Autor dieser Zeilen) kann zudem noch Medien einbauen, die (im besten Falle) das Verständnis verbessern.

Die Zeit, die „gespart“ wird, kann also genutzt werden, um selbst zu arbeiten und sich im Falle von Unverständnis an die Lehrperson zu wenden.

Kritik

Wann immer sich neue didaktische Ansätze verbreiten, sind die Kritiker nicht weit. Das ist vor allem deshalb gut, weil sich so fruchtbare Diskussionen ergeben, die Didaktik und Methodik verbessern.

Eine ernstzunehmende Kritik ist die, dass das Flipped-Classroom-Modell einen längst vergangenen didaktischen Ansatz wiederbelebt: Nämlich den, dass der Lehrer vorne steht – also jetzt im Video – und erklärt, anstatt dass die Schülerinnen und Schüler selbst Lerngegenstände erarbeiten.

Eine weitere Kritik hat mit dem Medium zu tun. In der gesprochenen Sprache wird oftmals in kurzer Zeit weniger Information übertragen, als es bei einem Text der Fall wäre. Flipped Classroom wäre so einfach eine Veränderung des Mediums, sogar mit weniger Informationen.

Eine noch nicht weiter ausgeführte Kritik ist, dass es bei vielen auch professionellen Videos erscheint, als gäbe es nur die eine Wahrheit des Vortragenden. Gerade diejenigen Pädagogen, die Schülerinnen und Schüler noch mehr Verantwortung für ihr Lernen geben wollen kritisieren so (zu Recht) eine Hierarchisierung der Inhalte.

Persönliche Konsequenzen

Lehrerinnen und Lehrer sollten sich zu jeder Zeit als Lerner sehen, Neues ausprobieren und sich damit auseinandersetzen. Dabei darf man sowohl die positiven Aspekte als auch die Kritik nicht außer Acht lassen.

In diesem Sinne erstelle ich immer dann Videos, wenn ich

a) denke, dass das, was ich zu sagen habe, noch mehr Schülerinnen und Schüler interessieren könnte als die, die im Klassenraum sitzen

b) das Gefühl habe, dass ich durch ein Medial bearbeitetes Video den „Punkt besser transportieren kann“

c) die Zeit für bestimmte Erklärungen in der Schule nicht ausreicht

d) etwas immer und immer wieder erklärt werden müsste.

Für die Punkte a) und b) konnte man in diesem Beitrag schon Videos sehen. Ein Beispiel für c) ist ein Video, in dem die scheinbar zunächst einfache Methode des Einbettens von Zitaten anhand mehrerer Beispiele und mit lautem Denken und Kommentaren versehen erklärt wird.

 

Auch hier könnte man in der Tat kritisieren, dass all dies auch in einem sehr langen Arbeitsblatt geschehen könnte. Die Rückmeldungen der Schülerinnen und Schüler zu den Videos war aber, dass gerade der zu beobachtende Prozess, den man im Übrigen auch anhalten und sich nochmals anschauen kann, ein Zugewinn darstellen würde.

Auch für den Punkt d) habe ich persönlich sehr gute Erfahrungen gemacht. Hier sei stellvertretend auf ein Video zu den Ansprüchen an eine gute GFS verwiesen.

 

All dies müsste entweder mit einem langen Arbeitsblatt besprochen oder persönlich immer und immer wieder erklärt werden.

Damit wir uns nicht falsch verstehen: Bei den Erläuterungen hört es natürlich nicht auf. Ganz im Gegenteil: Sowohl was den Input als auch formale Kriterien wie bei der GFS angeht, können die Schülerinnen und Schüler selbstverständlich weiter fragen. Dann tun sie dies jedoch in einer anderen Art und Weise, da die Fragen auf bestehenden Inhalten aufbauen.

Dies bedeutet aber für mich nun nicht, dass jeder einzelne Inhalt auf YouTube muss. Ganz im Gegenteil: Wie viele andere auch können Lehrpersonen sich glücklich schätzen, dass diese Art der Herangehensweise eine weitere ist, mit der man seinen Unterricht bereichern kann.

Und jetzt?

Wer das Flipped-Classroom-Modell ausprobieren will, kann dies natürlich immer mit schon bestehenden Videos tun. Der Youtuber MrWissen2Go oder die Youtuber von The Simple Club haben zu allen möglichen Themen Videos.

Wenn man diesen Youtubern auf Twitter oder anderen Social Media Sites folgt, fällt noch etwas anderes auf: Schülerinnen und Schüler mögen diese Videos oft deshalb, weil die Sprache der Youtuber eine andere ist. Das stattet die Lernsituation mit weniger Druck aus, so dass man lieber „lernt“ als wenn man im Unterricht ist.

Für alle, die diese Art des Unterrichtens ausprobieren wollen, empfehle ich daher, den Schüler*innen ein Video als Hausaufgabe zu geben und sowohl über die Inhalte als auch über die Präsentation dieser Inhalte zu sprechen. Denn, was ich auch schon hörte, das Schauen des Videos im Klassenzimmer finden die Jugendlichen zwar oft gut, aber es konterkariert natürlich eben jenen Effekt, den man mit der Flipped-Classroom-Methode eigentlich erreichen möchte.

Viel Spaß beim Ausprobieren.

P.S. Wer noch nicht genug hat, kann sich auch eine Interpretation eines ganz anderen Machwerks anhören. Aber Vorsicht! Nicht alles ist ganz so ernst.

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14 Kommentare zu UNTERRICHT: Flipped Classroom im Deutschunterricht

  1. Beat Rüedi sagt:

    und was mir auch noch wichtig ist:
    ich brauche im netz kein lob, und schon gar keine lobhudelei über meine beiträge, in welcher form auch immer.
    ich brauche hinweise und tipps auf / zu fehler, die ich laufend mitproduziere. ich lege keinen wert darauf, ob sie freundlich oder unfreundlich sind.

    • Herr Rau sagt:

      Tipp zu Fehlern? Gerne. So etwas wie:
      „Ich vermute, dass dieser konstruktive Kommentar entweder nicht aufgenommen oder kurz danach wieder gelöscht wird – ist aber nur eine Vermutung“
      vermeiden, klingt sofort nach Spinner auf den Kommentarseiten von Tageszeitungen. Da kenne ich das jedenfalls her. Aber wer weiß, vielleicht gibt es eine Vorgeschichte, die ich nicht kenne.

      • Beat Rüedi sagt:

        Es kann durchaus sein, dass ich auch ein Spinner bin. Nur möchte ich das nicht von Ihnen beurteilt haben.
        Es geht mir in der Beurteilung eines Videos von Herrn Blume nachweislich nicht um Herrn Blume, sondern um sein Video im Kontext des flipped classroom.
        Nie würde ich mir anmassen, Sie oder Herr Blume zu beurteilen – und schon gar nicht, als Spinner zu bezeichnen.

  2. BEAT RUEEDI sagt:

    „Für alle, die diese Art des Unterrichtens ausprobieren wollen, empfehle ich daher, den Schüler*innen ein Video als Hausaufgabe zu geben und sowohl über die Inhalte als auch über die Präsentation dieser Inhalte zu sprechen.“

    Ich will so kurz wie möglich 1. auf Video und 2. auf Hausaufgabe eingehen.
    1. Nicht die Lehrpersonen, sondern die SchülerInnen produzieren ein Video zu einem bestimmten Thema von maximal 3 Minuten Dauer. Das Video zeigt ein Geschehen entweder auf oder vor dem Bildschirm eines Computers. Beispiel Deutsch: Zeitformen. Beschreibe eine Szene, die sich am nächsten Tag (vielleicht) abspielen wird – bewege dich 2 Tage vorwärts und berichte von dieser Szene – insgesamt minimal 100 Wörter. Erzähle die Szene in den beiden Zeitformen oder schreibe sie auf.
    2. „Hausaufgaben“. Im digitalen Lernen gibt es kein eindeutiges Haus mehr. Ermögliche den SchülerInnen, dass sie die Aufgabe wann und wo und mit welchem Computer auch immer lösen können.

    (Ich vermute, dass dieser konstruktive Kommentar entweder nicht aufgenommen oder kurz danach wieder gelöscht wird – ist aber nur eine Vermutung).

    • Bob Blume sagt:

      Ist die Vermutung damit widerlegt?

      Lassen Sie es mich so ausdrücken: Ich empfinde keinen Ihrer Kommentare, nicht hier, nicht auf Twitter, nicht auf dem Blog, als konstruktiv, sondern grundlegend als belehrend, arrogant und ganz und gar unfreundlich. Das mag an mir liegen. Das mag an Ihnen liegen. Es bedeutet für mich nur, dass Sie schreiben können, was Sie wollen: Ich werde mich nicht weiter damit befassen.

      Schönen Tag!

      • Beat Rüedi sagt:

        Welche Vermutung? Widerlegen wollte ich gar nichts – nur meine Sicht der Dinge sprich der Methode flipped classroom Ausdruck verleihen.
        Nach meiner Aufassung müssen LehrerInnen Aufgaben auch in digitaler Form produzieren können, aber nicht machen. Das sollen die SuS tun. Und „Haus“ kann als digitaler Lernort überall sein.

        Mich interessieren Ihre Beiträge auch weiterhin – ob freundlich oder unfreundlich ist mir dabei wirklich völlig wurst.

        • Bob Blume sagt:

          Das merkt man. Mir nicht.

          • Beat Rüedi sagt:

            Mich stört das anscheinend unabdingbare Verlangen nach freundlicher Zustimmung, gleich, um welchen Inhalt es sich handelt.
            Ich streite gern, schätze mich aber als ziemlich freundlichen Menschen ein. Und wenn flipped classroom auf Video Produktion und Hausaufgaben reduziert wird, stört mich das.

          • Bob Blume sagt:

            Das haben Sie dann aber falsch verstanden. Das stört mich auch. Streiten, produktiv, finde ich gut. Es kommt aber darauf an, wie man es sagt, dennoch. Und wenn jemand schreibt, dass ein anderer etwas einfach nicht versteht und sagt, wie es richtig ist, dann ist das was anderes, als wenn man ihm seine Sicht auf die Dinge mitteilt. Darum geht es mir. Ständig alles abnicken will ich auch nicht.

          • Beat Rüedi sagt:

            Vielleicht müsste ich Ihnen spätestens jetzt nicht nur sagen, dass ich Musiker bin, sondern auch, was es bedeutet, Musiker zu werden. Ich gehe davon aus, dass Sie mindestens eine(n) MusikerIn kennen, und will Sie deshalb auf keinen Fall belehren.

            Ich gehe davon aus, dass ich mich zu genau einem Ihrer zahllosen und hervorragenden Beiträge negativ geäussert habe – direkt und unverblümt und vielleicht auch unfreundlich. Selbstverständlich habe ich das getan, weil ich weiss, dass 4+4=8, und nicht 9 (wäre nah dran) oder -456.67 (eindeutig falsch). Ja, ich weiss es nicht nur, ich weiss sogar, dass die Lösung bestimmte Bedingungen voraussetzt. Und nicht zuletzt: ich kann 4+4 rechnen.

  3. Hey Bob,
    toller Blogpost. Das Erklärvideo als didaktisch sinnvoll, gut beschrieben. Vor allem Deine Kritik finde ich sehr wichtig daran. Im Fach Deutsch ist es tatsächlich etwas schwieriger (glaube ich). Texte in Videoform auszulagern, wäre imho kontraproduktiv. Meistens versucht man es eher mit kurzen Inputs. Je länger man den Flip macht, desto kürzer werden die Videos. Nicht weil man didaktisch reduzieren will oder alles kompakt ausgesprochen bekommt, sondern weil man mit dem Inhalt des Videos schon weiter denkt. Was aus einem 20minütigen Video könnte ich auslagern und die Schüler (zu Hause oder im Unterricht) selbst machen lassen…
    Ich arbeite seit über einem Jahr mit sogenannten Impulsvideos: Eine offene Fragestellung (inklusive aktiviertem Grundwissen) und die Schülerinnen und Schüler machen sich zu Hause Gedanken darüber und steigen im Unterricht gleich in eine Diskussion ein. Das können offene Fragestellungen oder auch einfach nur Fragestellungen im Sinne des Entdeckenden Lernens sein. Vorteil: man bekommt leichter verschiedene Zugänge, die im Unterricht wahrscheinlich stärker von den ersten Antworten abhängig wären. Die Aufgabe sollte allerdings kurz sein, sonst verfällt man vielleicht zu leicht in den „WhatsApp-Abschreibe-Modus“ 😉
    Als Abrundung gibt es dann am Ende der Stunde ein Erklärvideo über den gesamten Inhalt (gute Idee auch alternative Videos zu zeigen, oder selbst eines suchen zu lassen…)
    Daher sehe ich das Video immer sinnvoll, damit es sich Schülerinnen und Schüler zur Wiederholung ansehen können und Teile des Unterrichts auf den Nachmittag verlegt werden können.
    Klar, das alles kann man auch ohne Video, in der Sek1 mache ich nur die Erfahrung, dass dieses Medium am sinnvollsten dafür wahrgenommen wird, selbst für den Impuls, der ja vielleicht auch in einem Buch stehen könnte. Nach 1,5 Jahren habe ich die Schülerinnen und Schüler aber teilweise soweit, dass der analoge Flip auch funktioniert: Sie suchen sich selbst den Input, um sich zu einem bestimmten Thema auf den Unterricht vorzubereiten und einen Hefteintrag zu erstellen. Das gibt dann auch wieder eine schöne Grundlage, um miteinander über unterschiedliche Fakten im Internet zu diskutieren. Ich versuche das bei jeder Klasse schon nach 0,5 Jahren Flip, aber wirklich funktionieren tut es eben meist erst nach über einem Jahr. Traurig, aber das zeigt mir auch, wie wichtig den Kids die Sicherheit durch eine frontale Phase ist bzw. wie wenig sie gewillt sind, selbstständig zu arbeiten.
    Bin gespannt, was Deine Schülerinnen und Schüler weiter darüber sagen, es bleibt ein spannendes Projekt.
    Danke Dir für die netten ersten Zeilen, wenn das einer wie Du sagt, werde ich rot. Kann aber die anderen Flip-Kollegen auch wärmstens empfehlen, ist eine sehr inspirierende Community 🙂

  4. Durch das Digitale kann Unterricht heute ganz anders gestaltet werden. Erklärvideos können dabei eine besondere Rolle zukommen. Das zeigt dein Beitrag schön. Danke.

    In einer Analogie würde ich diese Veränderung des Unterrichts, welche Erklärvideos ermöglichen, in etwa so erklären. Über lange Jahre diktierte das TV Programm den TV Konsum der Menschen. Wenn die Sportschau lief, waren alle Fußballfans von der Straße, wenn Edgar Wallace lief, die ganze Familie. Der Videorekorder setzte diesem ein Ende. Man nahm auf und konnte ansehen, wann man und so oft man wollte.
    Erweitert man den Unterricht um digitale Möglichkeiten wie etwa Erklärvideos, entfällt für Schüler der Zwang, dass alle gleichzeitig und in gleicher Weise die Erklärungen des Lehrers aufnehmen müssen. Stattdessen schauen sie sich das Erklärvideo an, wann und wie sie es brauchen. Manch einer ist fix und schaut nur an ein paar Stellen hinein. Ein anderer muss sich das Video oder bestimmte Stellen mehrfach ansehen, bevor die Erklärung verstanden ist.

  5. aKillingJoeke sagt:

    Wenn ich dich richtig verstehe, ist der Punkt also folgender: der traditionelle Bestandteil der Präsentation neuen Wissens im Unterricht wird ausgelagert. Das geschieht auf zwei Ebenen. Erstens wechselt die übliche Art des Mediums (gesprochenes Wort, nicht wiederholbar oder Textgrundlage ==> einheitliches Medium Video, welches beliebig wiederholt, gestoppt und zurückgespult werden kann). Und zweitens erfolgt im Unterricht selbst eine Sicherung des Gesehenen sowie Festigung, Anwendung und Transfer des Neuen in Bekanntem.
    Hört sich für mich spannend an, da es, wie du auch schreibst, für mich im Unterricht weniger Sprechaufwand bedeutet und die SuS andere Arten von Verständnisfragen stellen.
    Hast du so etwas schon in der Sek I mit neuen grammatischen Strukturen oder Zeitformen ausprobiert oder ist der höhere Grad an Selbstverantwortlichkeit für das Lernen eher etwas für die „Großen“?

    • Bob Blume sagt:

      Du bringst es auf den Punkt. Bisher immer nur in der Mittel- bis Oberstufe. Ich würde die Kleinen nicht ausschließen, allerdings empfiehlt sich dabei, die Eltern aufzuklären und (nach den Erfahrungen von Kollegen) Höraufträge, Fragen oder gleich ein passendes Arbeitsblatt mitzugeben…

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