Kämpfende Prinzessinnen und eine Lehrerin am Pranger

Model: Anne Schirmaier

Unter den meisten twitternden und bloggenden Lehrern ist es mittlerweile Konsens, dass man Schülerarbeiten nicht online veröffentlicht – auch nicht anonym – um sich über das, was sie geschrieben haben zu amüsieren oder zu echauffieren. Andersherum passiert es mindestens genauso häufig. Müssen Lehrer damit leben, dass ihre Kommentare veröffentlicht werden? Ein gerade viral gehender Tweet zeigt das Dilemma von Beurteilungen, die ohne Kontext passieren.

Die Problematik erscheint auf Anhieb klar: Da ist auf der einen Seite der kreative Sohn, der in liberaler Manier die Prinzessin kämpfen lässt und sich so über vermeintliche Geschlechterungleichheiten der Literatur hinwegsetzt. Und da ist auf der anderen Seite die verstockte Lehrerin, die in ihrem verstaubten, normativen Verständnis diese liberale Kreativität mit Rotstift zensiert. Die Fronten sind ausgemacht, Gut und Böse definiert. Aber so einfach ist das nicht.
Natürlich sind Reaktionen, die Unverständnis hervorrufen, normal. Jedoch offenbaren sie drei grundlegende Probleme, die geradezu typisch für die Aufschreikultur von Social Media sind.

1) Die Aufgabenstellung ist nicht klar. Die Korrektur am Rand ist aus dem Kontext gerissen.
2) Insofern geht der Großteil der Kritik am eigentlichen Problem vorbei.
3) Die Kritik selbst ist teilweise sehr beleidigend.

Die Schreiberin selbst sieht das schon ein, hat nun aber keinen Einfluss mehr, auf den Widerhall, den ihr Tweet erzeugt.

Damit wir uns nicht falsch verstehen: Natürlich kann eine Prinzessin in einer fiktiven Erzählung genauso kämpfen wie der Prinz. Und natürlich gibt es Märchen, in denen weibliche Hauptfiguren kämpfen, sich wehren, listig sind. Und natürlich ist diese normative Setzung in modernen Märchen wie Star Wars (das übrigens auch im Deutschbuch vorkommt) aufgehoben.
Es geht aber nicht um irgendeine Form von fiktiven Erzählungen, sondern um die Gattung Märchen, einer Erzählweise, die sich aus mündlicher Überlieferung zu einer Form entwickelte, die heutzutage in den Lehrplänen für die 5/6. Klasse ausgewiesen ist. Dass dort die Prinzessin nicht kämpft, hängt schlicht an ihrer Rolle in der höfischen Gesellschaft und der literarischen Reflexion derselben.

Im noch aktuellen Bildungsplan für Gymnasien (2004) heißt es für den Bereich Deutsch unter der Unterüberschrift „Umgang mit literarischen und nichtliterarischen Texten“:

Kompetenzen und Inhalte für Deutsch, Gymnasium – Klasse 6

 

Wichtig ist hierbei besonders die Begrifflichkeit „Gattungsmerkmale“. Denn diese Merkmale sind zwar unwidersprochen dem Wandel der Zeit unterworfen, sind aber besonders in literarischen Formen, die sich über Jahrhunderte entwickelt haben, sehr normativ.

Man kann diesen Bildungsplan nun ablehnen. Man kann auch – ganz im Sinne eines Wissensansatzes, der sich über Kreativität, Vernetzung, Kollaboration und Kommunikation definiert – das Erlernen von tradierten Literaturformen ablehnen. Man kann sich also durchaus darüber aufregen und sich dafür einsetzen, dass der Bildungsplan keiner postmodernen Dekonstruktion unterworfen ist.

Was jedoch meines Erachtens kein gutes Licht auf die Kritiker wirft, ist die Art und Weise, wie die Kritik gegen eine Lehrerin gerichtet ist, die ausschließlich ad hominem gerichtet ist. Diese Person, von der nicht einmal klar ist, ob es eine alte Lehrerin ist, die über Jahrzehnte so gelehrt hat (was keine Entschuldigung, sondern eine Charakterisierung sein soll) oder eine Referendarin oder ein Junglehrer, der gerade erst aus dem Seminar kommt und versucht, das Beigebrachte unter den gelernten Voraussetzungen zu bewerten. Für eine Erklärung der Twitterin ist es nun ohnehin zu spät.

Man kann nur hoffen, dass die Lehrerin tatsächlich so alt oder so medienfremd ist, dass sie nicht sieht, was unter dem Tweet über sie steht. Oder die angekündigten Vorträge, in denen der Tweet vorkommen soll. Ansonsten kann ich nur hoffen, dass die Lehrerin (oder der Lehrer) dagegen kämpfen wird. Wie so eine moderne Prinzessin.

P.S. Ich, selbst Deutschlehrer, habe mir natürlich Gedanken gemacht, was ich geschrieben hätte. Ich weiß es nicht. Aber ich gehe davon aus, dass ich, wenn ich mit den Schülerinnen und Schülern tatsächlich Märchen als literarische Gattung behandelt und – wie hier – einen  sogenannten produktionsorientierten Arbeitsauftrag als Arbeit gegeben hätte, genau dasselbe hätte hingeschrieben hätte. Über meine Sicht, über meinen eigentlichen Unterricht, über mich als Mensch, sagt das aber reichlich wenig.

In diesem Sinne:

 

P.P.S. Wie vermutet, gehen die Meinungen auseinander und es entspinnt sich eine hitzige Diskussion. Dabei fasst ein Kommentar einer Gymnasiallehrerin für mich die wichtigsten Punkte nochmals zusammen. Sie erlaubte es mir, sie hier zu posten.

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7 Kommentare zu Kämpfende Prinzessinnen und eine Lehrerin am Pranger

  1. Pingback: Einen schönen Frühlingstag | Bob Blume

  2. Mufflkuchen sagt:

    In meinen Augen liegt das Problem nicht in den Lehrplänen.

    Sollte ich spontan ein Beispiel für Diskriminierung, Gender-Stereotype, nicht mehr zeitgemäße historische Rollenklischees, veraltete Gesellschaftsentwürfe oder Vorurteile im Allgemeinen in der deutschen Literatur nennen, fiele mir immer das Märchen ein:
    Etwa die Grimms wärmen bereits in ihrem Jahrhundert romantisierend uralte (meist mittelalterliche) Narrative auf, die mit Pluralismus, Gleichberechtigung, Demokratie, individuellen Figuren usw. eben nichts am Hut haben: Die typischen Figuren (‚die Prinzessin‘, ‚der Bauer‘, ‚der Müller‘, ‚die böse Stiefmutter’…) haben nicht einmal einen eigenen Vornamen…
    Im Märchen handeln schablonenhafte Klischees, die selbst im 19. Jahrhundert nur Vorurteile bedienten und ja, die Antagonisten sind meistens weiblich (Stiefmutter, Hexe…).

    Die Aufgabe eines modernen Deutschunterrichts ist es natürlich, diese literarische Scheinwelt (für 11- oder 12-jährige nachvollziehbar) mit den Kindern zu reflektieren bzw. zu dekonstruieren. Gerade dafür eignet sich die Textsorte als Unterrichtsstoff vorzüglich! Das sagt jedoch noch gar nichts über den Randkommentar der Kollegin aus:

    Wenn die SchülerInnen in der Arbeit nachweisen sollten, dass sie ein stereotypes Märchen selbst verfassen können, hätte ich die (wie gesagt: wünschenswerte!) Verfremdung durch die kämpfende Prinzessin ebenfalls rot angestrichen. Das Märchen orientiert sich an überholten Wertmaßstäben. Verfassen S’uS also einen Text, der aktuelle Werte zugrundelegt (übrigens nicht nur im Bezug auf die Rolle der Frau!), dann ist die Aufgabe nicht erfüllt. Gefragt war in dieser Phase des Unterrichts offenbar (noch) nicht die Dekonstruktion, sondern das Hineinversetzen in die historische Perspektive des Märchens.
    Kämpfende Prinzessinnen sind in diesem Zusammenhang so unpassend wie Könige, die ein demokratisches Parlament gründen, Bauern des Dritten Standes, die für Gleichberechtigung und Arbeiterrechte protestieren oder Schneiderlein, die für ihre Selbstverwirklichung ein Big Business in der Stadt eröffnen.

    Hervorheben möchte ich Bobs Argument: Dass in der Arbeit die Prinzessin falsch ist, die nicht nur ein heiratswilliges Hohlbrot ohne Persönlichkeit ist, bedeutet nicht, dass dies nicht innerhalb der Unterrichtsreihe thematisiert wurde, über die wir ja gar nichts wissen. Dass es die Aufgabe gab, ein Märchen (mit all seinen Klischees und der Textsorte eigenen Spielregeln) selbst zu schreiben bedeutet nicht, dass moderne Märchen mit unserem heutigen Werteverständnis nicht eine Stunde später im Fokus standen. Den gesamten Unterricht anhand eines einzigen Randkommentars zu beurteilen, ist Schwachsinn. Die Kollegin wird auch irgendwo einen Rechtschreibfehler angestrichen haben – war der Kern der Reihe deshalb die Rechtschreibung?

    Zusammenfassend: Man könnte zynischer Weise sagen, dass dem/der SchülerIn einen Fehler angestrichen wurde, weil sein/ihr Text nicht sexistisch genug war. Das sagt jedoch nichts über das Weltbild der Lehrkraft aus, deren eigene Meinung ja ohnehin nicht Bewertungsmaßstab einer produktionsorientierten Aufgabe ist.
    Die literaturwissenschaftlichen Aufsätze, die das in Märchen konstrierte Weltbild (zurecht) als frauenfeindlich kritisieren, füllen eine dicke Regalwand. Veraltete normative Vorstellungen sind eine Eigenart des Märchens. Ein Märchen mit allen seinen Eigenarten, also auch den heute unliebsamen, sollte von den S’uS verfasst werden.

    Man kann aus diesem einen Satz der Lehrerin jedoch nicht ableiten, dass sie S’uS in Vorstellungswelten des 19. Jahrhunderts erzieht. In der Produktionsaufgabe weisen die S’uS viele Kompetenzen nach (Perpektivübernahme, Reproduktion von Eigenheiten des typischen Textaufbaus, typischer Motive und Sujets, kreative Umsetzung einer selbst erdachten Handlung, sprachliche Kompetenzen…) – für eine Reflexion historischer Rollenbilder ist die Aufgabe nicht gemacht.
    Dies ist hoffentlich z.B. im Unterrichtsgespräch geschehen.

  3. _setzkasten_ sagt:

    danke für diesen post. hätte ich gewusst, was passieren würde (und ich ahnte es nicht trotz knapp 20 jahre interneterfahrung…..ich hatte 5 follower und eigentlich war der account nur als eine art feedreader gedacht) ich hätte das bild nie veröffentlich.

    es war zb. so, dass ich überhaupt nicht eine genderproblematik gesehen habe oder gar die lehrerin bloss stellen wollte – ich war tatsächlich in erster linie amüsiert.

    für mich ist diese ganze welle (wegen einem einzigen satz!! man glaubt es nicht) ein super lehrstück, wie menschen sich ein thema aneignen und ihre eigene sicht drüberlegen die wirklich sehr von der intention des veröffentlichers abweicht. ich werde das sehr im kopf behalten und dein post auch.

    • Bob Blume sagt:

      Vielen Dank für deinen netten Kommentar. In Facebook artet es noch mehr aus. Ich habe es auch nicht so verstanden, dass du die Lehrerin bloßstellen wolltest. Für die zahlreichen Antworten kannst du ja nichts. Schauen wir mal, wie es weitergeht. Mein Ziel war es, ein wenig Klarheit zu schaffen. Einige sehen das so, für andere ist selbst mein Artikel ein Angriff. Aber so ist das nunmal…

      • _setzkasten_ sagt:

        ich bin nicht mehr auf fb daher bekomme ich dort garnichts mit. ich war zb. entsetzt, dass die online ausgabe des stern darüber einen artikel schreibt (ich wusste nichts davon, erst freunde machten mich drauf aufmerksam „ey weisst du eigentlich! der stern schreibt über euch!“) ohne mich zu informieren. ich werde diese ganze geschichte als lehrstück nutzen – ich arbeite mit jugendlichen und kindern und werde meinerseits das jetzt „professionell“ nutzen um aufzuklären. insofern – voll ressourcenorientiert ;)) – netter synergieeffekt in sehr viele richtungen!

  4. Björn sagt:

    Also die „Kritik zur Versachlichung“ ist sehr selektiv und zielt offenbar darauf ab, die (anonym gehaltene) Kritik durch die Veröffentlichung einer Mutter anzugreifen und mit allen Mitteln die Unfehlbarkeit der Lehrkraft zu verteidigen.

    Da die Hauptkritik mit dem Verweis auf offizielle (und für Lehrkräfte verbindliche) Texte „von oben“ festgemacht wird, gehe ich mal drauf ein:

    im Bildungsplan für Gymnasien (2004) heißt es für den Bereich Deutsch unter der Unterüberschrift „Umgang mit literarischen und nichtliterarischen Texten“

    Die erste Frage ist nahe liegend bei solch Aussagen: Welches Bundesland ist denn überhaupt gemeint, die angeblich dieses fordern. Zumindest so lange Bildung Ländersache ist, also noch eine ganze Weile. Wenn dieses Internet doch nur Verlinkungen zulassen würde auf die öffentlich einsehbaren Pläne, damit man den Kontext herstellen kann… Aber zum Glück gibt es den Vorwurf des fehlenden Kontextes nicht, sonst wäre das schon problematisch. Jemand für etwas kritisieren, was man selber nicht macht.

    Nehmen wir also mal Google und hoffen, dass das zuerst auftauchende BaWü gemeint ist. Und gehen wir auch davon aus, dass die Lehrerin (woher eigentlich diese Erkenntnis, wo es doch auch männliche Exemplare geben soll?) auch diesen Plan als Vorgabe hat.

    Es findet sich folgender Text:
    http://www.bildung-staerkt-menschen.de/service/downloads/Bildungsstandards/Gym/Gym_D_bs.pdf

    Erster Abschnitt überhaupt in dem Werk:

    ZENTRALE AUFGABEN DES FACHES DEUTSCH
    Der Deutschunterricht leistet einen wesentlichen Beitrag zur sprachlichen, literarischen und medialen Bildung der Schülerinnen und Schüler. Er macht sie vertraut mit Sprache und Literatur als Mittel der Welterfassung und Wirklichkeitsvermittlung, der zwischenmenschlichen Verständigung, der Analyse und Reflexion, aber auch der Problemlösung und kreativen Gestaltung.

    Es sind ja in den Rahmen-/Bildungsplänen nicht nur irgendwelche Tabellen und Auflistungen weiter hinten interessant, sondern auch die Erklärung wieso der ganze Kram sein muss. Die Sprache als Mittel der Welterfassung und Wirklichkeitsvermittlung ist offensichtlich ein Kerngeschäft der Deutschlehrer. Dabei spielt hier die konkrete Aufgabe nicht wirklich eine Rolle, sondern das hat immer zu erfolgen, wie viele andere Kompetenzen auch. Ok, man könnte mit einem bewusst einseitig übertreibenden Text die Reflexion von Verhalten in der Gesellschaft fördern, aber das ist hier Klasse 5 und nicht 9-13.

    Dann folgen die einzelnen Kompetenzbereiche im angesprochenen Bildungsplan, die im Schulalltag zu fördern sind.
    Sprachkompetenz – ja, das wurde mit dem Schreiben offensichtlich trainert/verbessert/…
    Kulturelle Kompetenz – von der Lehrkraft einfach mal ignoriert und mit markantem Rot dem sogar kontraproduktiv begegnet. Der gesamte Abschnitt könnte jetzt hier als Zitat stehen, aber besonders auffällig ist der Teilsatz „…können aber auch einen eigenen Standort finden, Verantwortung übernehmen…“. Und da stellt sich die Frage, warum die Lehrkraft aktiv gegen diese Vorgabe agiert. Die didaktische Begründung dafür für den unterricht in Klasse 5 würde ich gern mal hören.
    Ganzheitliche Persönlichkeitsbildung„Die Schülerinnen und Schüler erweitern ihre Wahrnehmungsfähigkeit…“ Wie soll man das jetzt freundlich ausdrücken in Bezug auf die Lehrkraft…?
    Methodenkompetenz„mitzuwirken“ „im Wechsel von Erprobung und Reflexion“. Genau das ist passiert und ohne die Unterstützung würde der Schüler zukünftig Frauen wieder die Rolle als Magd oder Prinzessin ohne Heldenstatus zuweisen. Als Kämpferin dürfen Frauen nicht auftauchen, das gibt nämlich Ärger und Rot angestrichene Hefte…
    Kommunikative Kompetenz„Die SuS […] analysieren, durchschauen, reflektieren Kommunikationssituationen und sind in der Lage angemessen zu reagieren.“ Ich kopiere jetzt nicht die vorherige Anmerkung, aber welche Reflexion soll beim Schüler passieren nach dem roten Text?
    Schreibkompetenz – Ja, das wurde offenbar versucht. „Das kreative Schreiben fördert ganz besonders die sprachliche Sensibilität“ – das bedarf jetzt aber keiner weiteren Kommentierung, oder?
    Lesekompetenz – ist hier nicht so sehr Schwerpunkt für die SuS, abgesehen von den roten „Hinweisen“ am Rand.
    Medienkompetenz„Sowohl in der analytischen als auch produktiven Auseinandersetzung mit Medien erfahren die Schülerinnen und Schüler, dass Medienprodukte Ergebnis eines Gestaltungsprozesses sind. Das versetzt sie in die Lage, deren Wirkung und Einfluss kritisch einzuschätzen und befähigt sie zu einem sozial verantwortlichen, auch kreativen Umgang mit ihnen.“ Wie wird nach dem Rottext denn die zukünftige produktive Auseinandersetzung erfolgen, wenn – als Ergebnis des Gestaltungsprozesses – das Aufbrechen von Klischees für Ärger sorgt? Wie wird der „kreative Umgang mit Texten“ zukünftig erfolgen, außer in der Reproduktion von Rollenzuweisungen, was nun ausdrücklich nicht erfolgen soll?
    Sprachreflexion – Ja, da steht was mit Sprachhandeln und dem kritischen Umgang mit Sprachnormen… *seufz*

    Also gehe ich nach den Kompetenzen des Fachbereiches Deutsch (in BaWü), dann fördert die Lehrkraft nicht nur bestimmte Kompetenzen nicht, sondern verstößt sogar gegen die Verpflichtung, diese zu fördern und macht das Gegenteil. Das ist nämlich durchaus das Schöne an den Kompetenzen – ich muss sie zwar mit einem Inhalt verbinden, aber ich bin nicht an den konkreten Inhalt gebunden.

    Eine Reproduktion und ein Festigen von Rollenmustern findet sich nach kurzem Durchschauen übrigens nicht in dem Bildungsblan, hingegen eine gendersensible Herangehensweise in diversen Punkten.

    Die Begründung auf methodischer und pädagogischer Ebene hätte ich dann schon gern mal gehört…

    Und dann kommt die Aussage „Es geht aber nicht um irgendeine Form von fiktiven Erzählungen, sondern um die Gattung Märchen“. Offensichtlich geht es nicht um „Märchen“, sondern um „eine Auswahl deutscher Märchen“.
    1. Es sind nicht alle Märchen im deutschsprachigen Raum so begrenzt. Selbst bei so exotischen deutschen Märchen wie „Hänsel und Gretel“ ist der weibliche Part erst nur die „Magd“ (ähnlich stereotype Rolle wie „Prinzessin“), wird dann aber zur aktiv agierenden Person die kämpft und das Böse besiegt. Dafür braucht man dann auch kein „fiktiv“ und auch kein „Star Wars“…

    „Wichtig ist hierbei besonders die Begrifflichkeit „Gattungsmerkmale“. Denn diese Merkmale sind zwar unwidersprochen dem Wandel der Zeit unterworfen, sind aber besonders in literarischen Formen, die sich über Jahrhunderte entwickelt haben, sehr normativ.“

    Offensichtlich entspricht das Märchen „Hänsel und Gretel“ dann weder den Gattungsmerkmalen noch der Behauptung des Normativen in dieser Gattung – und zwar in allen noch bekannten Versionen. Ich hoffe, es darf trotzdem als Märchen und sogar als „deutsches Märchen“ bezeichnet werden. „Die sechs Schwäne“ – auch bei Grimms Märchen – haben eine ähnlich Story, aber vielleicht ist dieses Märchen auch kein Märchen sondern sowas wie Star Wars.
    2. Der Blick auch über den deutschen Tellerrand hinaus zeigt, dass diese „Norm“ offensichtlich nicht an andere Länder/Gebiete vermittelt wurde. Jedenfalls scheint das eine sehr eingegrenzte Sichtweise, die nicht mal mit den anderen lokalen Texten aus dieser Gattung übereinstimmt. Stellt sich die Frage, woher diese Behauptung kommt und warum sie nicht hinterfragt wird.

    Die entsprechenden Antworten auf den Tweet zeigen übrigens genug weitere Beispiele die nicht exotisch sind (wie schlesische Märchen) und dabei selbst genug aus den gesammelten Märchen der Grimms…
    Vielleicht ist ja nicht die Gattung Märchen das Problem der Rollenbilder, sondern einfach nur die Selektion der Passenden, die dann bestimmte Rollenbilder wieder bestätigen und andere ausschließen.

    Und da bin ich bei der Kritik, die bei „3)“ steht. – Das bei „2)“ ist doch nur eine Ergänzung zu Problem 1 und kein anderes Problem…
    „Die Kritik selbst ist teilweise sehr beleidigend.“
    Ja. Ein Teil in diesem Internet kann nicht sachorientiert kritisieren. Das ist jetzt aber hoffentlich nicht neu und überraschend… Die Verantwortung an Beleidigungen tragen übrigens meist die Beleidigenden, nicht die, auf deren Aussagen andere beleidigend werden.
    Allerdings fehlt da auch der Zusatz, dass dies einige selektierte Antworten sind. Direkte Antworten (ohne den Tweet zitierende) sind aktuell 315. Die 9 ausgewählten stellen so bei Weitem nicht 100% der Antworten dar, auch nicht den Grundtenor aller Antworten.

    Kritisierende Aussagen wie „das Beibringen veralteter Rollenbilder“ sind ja sogar erkennbar, selbst wenn man „Märchen“ bzw. „alte deutsche Märchen“ (dann aber alle) als Kriterium ansetzt. Was ist die Kritik an diesem eingebundenen Tweet?

    Und wo sind die anderen Tweets, die auch sachlich hinterfragen und angemessen kritisieren? Das ist dann hier schon sehr selektiv um die eigene Position zu stärken, die Lehrkraft zu verteidigen und die Verantwortung/Schuld der Mutter zuzuweisen, aber weder fair noch angemessen.

    Übrigens ist die Reaktion des Schülers genau die zu befürchtende bei der anstehenden Arbeit: „also diesmal ohne kämpfende prinzessinnen!“ ( Tweet) die es schon vor 2 Tagen gab – also 2 Tage vor Erstellung dieses Artikels hier…

    Wir sind das wieder bei einer persönlichen Selektion um ausschließlich die Mutter zu kritisieren.

    So wird die Reaktion der Mutter auf die Lehrkraft hier auch nicht aufgeführt:
    https://twitter.com/_setzkasten_/status/844578413847437313
    Der Account hat übrigens genau 2 eigene Medien bisher verbreitet. Das Bild mit dem Eintrag und das Bild mit der (mMn recht freundlichen) Reaktion der Mutter auf den Eintrag. Hier wäre also nicht einmal eine große Suche notwendig gewesen.

    Und um meinen Ausgangssatz nochmal aufzugreifen und die Forderung nach einem Kampf gegen die Verwendung dieser mMn problematischen Anmerkung der Lehrkraft:
    Die Mutter hat kein Wort über die Lehrkraft verloren, die diese identifizieren könnte. Diese Person bleibt also weiter anonym und ist auch gar nicht Anstoß ihrer Kritik. Dabei wäre da genug Zündstoff drin, wie diese gegen ihre verpflichtenden Vorgaben im Bildungsplan verstößt – zumindest wenn es an noch mehr Stellen passieren würde. Das hat die Mutter aber ja gerade nicht gemacht. Es geht hingegen um die Sachfrage, um die Aussage des Kommentars der Lehrkraft.
    Und diese Kritik zu kritisieren, müssen wir Lehrer halt auch aushalten. Das gab es früher, das gibt es heute und das wird auch in Zukunft passieren.

    Letztendlich muss ich mich als Lehrer dafür erklären können, warum ich dies genau so geschrieben habe. Noch cleverer wäre natürlich eine sinnvolle Formulierung die solch Diskussionen gar nicht erst aufkommen lassen, aber das Kontrollieren von Arbeiten hat halt manchmal so sein Problemchen und einen gewissen Druck, so dass auch fragwürdige Kommentare dort stehen. Und die werden manchmal hinterfragt.

    Und nebenbei hoffe ich auch, dass in deinem Deutschunterricht trotzdem Märchen wie „Hänsel und Gretel“ oder nicht ganz so düstere wie „Die sechs Schwäne“ auftauchen, auch wenn dort Frauen nicht in der unterwürfigen Rolle verbleiben und den kämpferischen Part darstellen. Immerhin sind sie auch Teil der „Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm“ und dürften damit die Kriterien „Märchen“, „klassisch“, „regional“ bzw. „national“ und „nicht exotisch“ problemlos erfüllen. Traurig wäre es, wenn die Märchen (weiter?) genau so ausgesucht werden, dass die Reproduktion und Verbreitung von den kritisierten Rollenbildern im Vordergrund steht, um das dann als Merkmal von klassischen Märchen bestätigt zu bekommen. Selbst konstruierte selbterfüllende Prophezeiungen sind zwar praktisch aber glücklicherweise nicht kritikfrei.

    Und mit der Kritik von Schülerinnen und Schülern müssen wir genau so klarkommen, wie mit Kritik von Eltern.

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