Gedichtanalyse: Primat des Inhalts

Der Schweizer Dozent, Lehrer und Fachleiter Philippe Wampfler, der vielen vor allem aufgrund seiner Tätigkeit als Medienexperte bekannt ist, schrieb in einem Kommentar zu meinem Video „Der Schlüssel zu jedem Gedicht“ einen interessanten Widerspruch, auf den ich hier eingehen möchte. 

Screenshot des ‚Erklärvideos‘

So sagte Wampfler, der seine Ausführungen mit einem sehr fruchtbaren Text zu lyrischen Texten im Deutschunterricht[1] belegte:

[Du siehst: Ich würde deinem Schlüssel zum Gedicht widersprechen, ich stehe da mehr auf der Seite von Walter Benjamin: Der Strumpf ist Tasche und Mitgebrachtes »zugleich«. Ohne Form gibt es keinen Inhalt, also kann der Inhalt auch nicht vorher kommen. Dein Youtube-Video wäre was völlig anderes, wenn du die drei Hauptaussagen in einem Blogpost kurz darlegen würdest. Aber ich verstehe schon, was du den Schüler*innen mitteilen willst.]

Zum letzten Punkt kann ich Anders empfehlen: Ist eine der Herausforderungen bei der Behandlung von Lyrik im Unterricht.
http://fd.phwa.ch/wordpress/wp-content/uploads/2016/02/Anders-Lyrische-Texte-im-Deutschunterricht.pdf

Der Widerspruch ist klar: Da die Schwierigkeiten der Interpretation, egal welche der von Anders herangezogen Herangehensweisen die Basis der Textarbeit ist, gerade darin liegen, dass Schülerinnen und Schüler Form und Inhalt nicht als eine Symbiose sehen, in der das eine das andere bedingt und unterstützt, greift die simple These meines Videos eigentlich zu kurz.

Analyseschritte nach Anders

 

Aus diesem Grund versuche ich, wie von Wampfler gefordert, das Video und dessen Hauptaussagen anhand der von Anders herausgearbeiteten Verstehenshürden für Schülerinnen und Schüler zu erklären. Dabei ist wichtig, dass meine These, dass der Inhalt vor der Form kommt, ein imaginäres Hilfskonstrukt, dass eben auf die Probleme, die Schülerinnen und Schüler oftmals haben, zielt.

So sieht Anders ein Hauptproblem beim Gesamtkontext. Das Hauptproblem der Schüler sei, dass sie „sich einzelne Elemente des Textes heraussuchen“. „Einzelne Worte werden also unabhängig vom Gesamtkontext des Gedichts interpretiert.“ (Anders, 2013)

Um diesen Punkt den Schülern klar zu machen, erkläre ich ihnen, dass sich mich nach der Bedeutung eines Wortes fragen sollen, bevor wir das Gedicht besprochen haben. Tun sie dies, erkläre ich ihnen, dass ich es nicht nur nicht weiß, sondern auch nicht wissen kann (klar ist das an dieser Stelle auch eine rhetorisch-didaktische Fingerübung).

Des Weiteren besteht eine große Hürde nach Anders in der Sprache, genauer, in der „Polyvalenz lyrischer Texte“. Vereinfacht ist die Schwierigkeit also, dass sich die sprachlichen Bedeutungsebenen nicht „fangen und einsammeln“ lassen, dass es also nicht wie in der alltäglichen Kommunikation eine (scheinbar) feste Zuschreibung des Wortes gibt (während hinzu kommt, dass sprachliche Besonderheiten und historische Veränderung eine weitere Hürde sind).

Die Problematik der Fachbegriffe lasse ich an dieser Stelle aus, da die funktionale Mitteilung der Analyse die Basis jeder Textarbeit ist.

Wichtig ist das Verständnis von Gedichten als ästhetischer Zugang zur Welt, der dem Text keine Absicht unterstellt, sondern einen durchaus sowohl in der Produktion als auch der Rezeption zu erkennenden subjektiven Zugang des Textes zur Welt sieht.

All diese Hürden traten und treten nach meiner eigenen Erfahrung im Unterricht auf. Dabei ist es egal, ob es sich um zunächst bloße textimmanente (also biografische, historische und intertextuelle Verweise hinten anstellende) Interpretationen (meist in der Mittelstufe) handelt, oder poststrukturalistische, bei denen Lehrer und Schüler zu „gleichberechtigten Lesern“ (Anders, 2013) werden (Anmerkung: Diese Form der Gleichberechtigung besteht für mich schon darin, eine von Schülerseite auf Grundlage des Textes sauber belegte These oder Frage an den Text zu stellen, auf die ich selber in der Vorbereitung nicht gekommen bin, und auch und vor allem darin, diese Beiträge wertzuschätzen).

In meinem Videos, dessen Titel natürlich sehr provokativ ist, versuche ich nun, diese Hürden zu umgehen, indem ich in der Hauptthese eine sich selbst bestätigende Aussage mache:

Wenn ich zuerst den Inhalt verstehe und dann auf die Form schaue, muss die Form den Inhalt unterstützen.

Anders als in dem kurzen Video erkläre ich in den Unterrichtsstunden immer auch, dass rhetorische Mittel und/ weitere formale Strukturen natürlich auch dem Inhalt zuwider laufen können und so für kognitive oder semantische Dissonanzen sorgen, die es aufzulösen gilt, jedoch:

Angelehnt an die von Anders besprochenen Hürden habe ich die Erfahrung gemacht, dass dieses simple Konstrukt nicht etwa den von Wampfler zu Recht erwähnten Vermerk, dass der „Strumpf  Tasche und Mitgebrachtes »zugleich«“ ist, redundant werden lässt, sondern im Gegenteil dafür sorgt, dass der Gesamtkontext und die gegenseitigen Bezüge zwischen Form und Inhalt überhaupt als solche erkannt werden.

Insofern ist der titelgebende Primat des Inhalts für meine unterrichtliche Arbeit wie die Stöckchen, die man zum Entfachen des Feuers braucht. Sie sind schnell erloschen und werden nicht mehr gebraucht, sobald das Feuer glimmt. Aber sie helfen zu beginn, den Prozess in Gang zu bringen.

Wenn also zunächst der grundlegende Inhalt verstanden ist, kann der Kontext erweitert, Thesen überarbeitet, methodisch analysiert und historisch eingeordnet werden. Passiert dies (vor allem bei formalen Besonderheiten, die erkannt und „schnell abgearbeitet“ werden), bevor überhaupt klar ist, was geschieht, wer spricht, vom wem die Rede ist, dann ist es viel schwieriger, zurück auf die inhaltliche Ebene zu führen.

 

[1] Petra Anders: Lyrische Texte im Deutschunterricht. Seelze: Klett, 2013.

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2 Kommentare zu Gedichtanalyse: Primat des Inhalts

  1. Bob Blume sagt:

    Gerne. Ja, klar. Und dass dieses eine Video den einen Weg beschreibt, bedeutet ja auch nicht, dass ich nur singulär unterrichte. Dein Kommentar war für mich einfach ein schöner Anlass, mich mal wieder lesend und schreibend mit dem Thema zu befassen.

  2. Danke für diese Ausarbeitung – ich habe das schon so verstanden, nur hätte ich es nicht so gesagt. Gerade, weil methodisch ja auch andere Stöckchen zum Entfachen des Feuers verwenden könnte – auch formale (die ja auch dann erst einen Wert haben, wenn man zeigen kann, wie der Inhalt sie unterstützt, um es wirklich umgekehrt zu formulieren).

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